Berliner Geheimnisse

1. Geheimnis: Hausnummern, die es gar nicht gibt

Wussten Sie, dass es am Kudamm keine Hausnummer 1 gibt? In unserer Serie geht es um Berliner Details, die schnell übersehen werden.

Olaf Riebe ist Stadtführer in Berlin, hier steht er vor dem Haus Kurfürstendamm 12. Die Ziffern 1-10 hingegen gibt es nicht

Olaf Riebe ist Stadtführer in Berlin, hier steht er vor dem Haus Kurfürstendamm 12. Die Ziffern 1-10 hingegen gibt es nicht

Foto: Eva-Maria Bast

Das wäre eine Adresse! Kurfürstendamm Nummer 1 in Berlin! Allerdings wird wohl niemals jemand die Chance haben, am Kurfürstendamm 1 zu wohnen. Denn es gibt keinen Kurfürstendamm 1. Ebenso wenig gibt es die Hausnummern, 2, 3, 4 und alle weiteren bis zur Ziffer 10. Erst mit dem Haus Nummer 11, erzählt Olaf Riebe, der seit 1998 in Berlin als Stadtführer arbeitet, beginnt nämlich die Nummerierung dieser berühmten Straße in der City West.

Und was ist mit den Hausnummern 1 bis 10? Dazu muss man weit in die Geschichte zurückgehen: „1925 starb Reichspräsident Friedrich Ebert“, erzählt Olaf Riebe. Es war klar, dass man dem großen Mann ein Denkmal setzen und eine Straße nach ihm benennen wollte. Aber welche? Groß und bedeutend sollte sie sein. Die Budapester Straße kam dafür in Frage. „Nun wollte man aber die Ungarn nicht verärgern, indem man eine Straße, die nach ihrer Hauptstadt benannt ist, einfach so streicht.

Ein Teil des Kudamms wurde zur Budapester Straße

Also musste die Budapester Straße umziehen: Nachdem 1895 die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem heutigen Breitscheidplatz gebaut worden war, war der Kurfürstendamm ohnehin in zwei Teile geteilt: Auf der östlichen Seite befanden sich die Hausnummern 1 bis 9, auf der westlichen alle anderen. Die Nummer 10 fiel später, nach dem Zweiten Weltkrieg, durch die Vergrößerung des Breitscheidplatzes weg.

„Also hat man diesen ohnehin schon durch die Gedächtniskirche abgezwackten Teil des Kurfürstendamms in ‚Budapester Straße‘ umbenannt.“ Auf Karten lässt sich das gut nachvollziehen: Die heutige Budapester Straße verläuft in der gleichen Flucht wie der Kurfürstendamm.

Bis zum Tod Friedrich Eberts war es also möglich, am Kurfürstendamm ein Gebäude mit einer einstelligen Hausnummer zu bewohnen. Und als chic galt der Kurfürstendamm schon lange: Angelegt worden war er um 1542 als Reitweg für Kurfürst Joachim II. (1505-1571) zwischen dem Berliner Stadtschloss und dem Jagdschloss Grunewald. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts tauchte erstmals der Begriff „Churfürsten Damm“ auf. Reichskanzler Otto von Bismarck (1815-1898) gab 1873 den Anstoß, daraus eine Prachtstraße zu machen.

In den Goldenen Zwanzigern traf man sich in der „Kakadu“-Bar

Geplant wurde zunächst eine 25 Meter breite Straße – was Bismarck jedoch bei Weitem nicht prachtvoll genug war: Er setzte eine Straßenbreite von 53 Metern durch – und der Kurfürstendamm war nun das, was er auch heute noch ist: chic. Ein Ort, an den man geht, um gesehen zu werden. Und auch in der Weimarer Republik ging es am Kurfürstendamm hoch her – in den Goldenen Zwanzigern traf man sich beispielsweise in der berühmten „Kakadu“-Bar an der Kreuzung zur Joachimsthaler Straße. Man trank Tee im „Café des Westens“, das ab 1932 „Café Kranzler“ hieß.

Und wer hier in den Anfangsjahren ein- und ausging, hat die Zeit noch miterlebt, in der es die Hausnummern 1 bis 10 am Kurfürstendamm gab.

Die nicht vorhandenen Hausnummern befänden sich dort, wo heute das Hotel Intercontinental steht (Budapester Straße Nummer 2).

Das Buch kostet 14,90 Euro. Sie können es auch am Empfang der Berliner Morgenpost, Kurfürstendamm 22, 10719 Berlin, erwerben.

Ebenso ist der Band über die Homepage der Autorin bestellbar oder über die Telefonnummer 07551/63320.

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