Berliner Geheimnisse

3. Geheimnis: Überforderte Polizisten und kreative Autoren

Berliner Details, die schnell übersehen werden: Die Verkehrskanzel an der Kreuzung Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße.

Stadtführer Olaf Riebe vor einem der originellsten Arbeitsplätze Berlins - jedenfalls zu früherer Zeit

Stadtführer Olaf Riebe vor einem der originellsten Arbeitsplätze Berlins - jedenfalls zu früherer Zeit

Foto: Eva-Maria Bast

Das ist ein origineller Arbeitsplatz: An der Kreuzung Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße ragt in mehreren Metern Höhe ein gläserner Kasten aus einem Kiosk. Und obendrein steht auch noch ein Schreibtisch drin. Ein Paradies für jeden Schriftsteller auf der Suche nach Inspiration.

Hier oben könnte man sitzen und auf das bunte Treiben herabblicken, auf die hupenden Autos, auf die vorübereilenden Menschen, auf die feinen Damen, die in einem der Cafés Prosecco schlürfen oder, die Hochglanz-Einkaufstaschen teurer Designerläden elegant am Handgelenk baumelnd, flanieren.

Am Schreibtisch hinter Glas wurde der Verkehr überwacht

Man könnte auf die Flyerverteiler blicken, die hier stehen und jedem Passanten Werbung in die Hand drücken wollen. Von den meisten werden sie missachtet, doch manchmal bleibt einer stehen, nimmt einen Flyer, lächelt sogar. Der Flyerverteiler lächelt dann zurück. Freudig und überrascht. All das ließe sich von dort oben trefflich beobachten.

Doch die gläserne Kanzel ist immer leer und der, der einst hier saß, hatte anderes zu tun, als die Gesichter von Menschen zu betrachten. Er hatte richtig Stress: „Das hier ist eine alte Verkehrskanzel“, sagt Olaf Riebe, der seit vielen Jahren Gäste durch Berlin führt. „Das ganze Ensemble, samt dem darunterliegenden Kiosk, der öffentlichen Toilettenanlage und dem Zugang zur U-Bahn, stammt aus der Mitte der 50er-Jahre.

Und die Kanzel war dafür da, dass an dem Schreibtisch ein Polizist Platz nahm.“ Und dieser Polizist im Glaskasten „hatte die Aufgabe, die Ampeln zu schalten“. Damals, erklärt Riebe, seien die Bäume an der Kreuzung noch viel kleiner gewesen, sodass der Polizist einen perfekten Überblick hatte.

Vom Dienst in der Kanzel völlig überfordert

Bei einer seiner Führungen lernte Olaf Riebe eine Frau kennen, die berichtete, dass ihr Vater Polizist gewesen ist und hier in der Kanzel seinen Dienst verrichtete. Fünf Jahre lang, dann sei er vom Verkehr völlig überfordert gewesen.

„Der Verkehr hat derart zugenommen, dass man diese Art der Verkehrssteuerung 1962 aufgab“, sagt Riebe. „Das war ja auch eine riesige Verantwortung. Der Polizist musste den Überblick bewahren und konnte, je nach Verkehrsaufkommen, die Ampeln unterschiedlich lange und unterschiedlich oft schalten.“ In ganz Deutschland, sagt der Geograf, gebe es nur wenige noch erhaltene Beispiele für dieses Kapitel der Verkehrsgeschichte.

1868 war in London die erste Ampel in Betrieb genommen worden

Als der gestresste Polizist in seiner Kanzel den Verkehr steuern musste, war es knapp 100 Jahre her, dass auch andere Polizisten mit Ampeln gehörig Ärger hatten: 1868 war in London die erste Ampel in Betrieb genommen worden. John Knight, Chef der South-Eastern-Eisenbahngesellschaft, hatte sie entworfen, um Herr über das Verkehrschaos zu werden.

Zwar meldete Carl Friedrich Benz (1844-1929) seinen Benz Patent-Motorwagen Nummer 1 erst 1886 zum Patent an – der Wagen gilt als erstes modernes Automobil und quasi als Beginn des motorisierten Verkehrs – aber Fuhrwerke und Pferdewagen waren durchaus auch dazu geeignet, für großes Chaos zu sorgen. Acht Meter hoch war die Säule, die am Parliament Square errichtet wurde. Gekrönt wurde sie von einer drehbaren Gaslaterne mit roten und grünen Lichtern – damit sie auch nachts funktionierte.

Immer wieder kam es zu Gasexplosionen

Für den Tagbetrieb waren zwei große, mechanische Signalarme vorgesehen. Von einer elektrischen Bedienung konnte natürlich noch längst nicht die Rede sein. Der Polizist schaltete die Ampel mithilfe eines Hebels. Die Londoner Bevölkerung wurde mit Flugblättern darüber aufgeklärt, wie sie mit dem neuen Apparat umgehen sollte.

Doch das Gelbe vom Ei war die Ampel nicht: Immer wieder kam es zu Gasexplosionen, im Januar 1869 wurde dem diensthabenden Polizisten dabei sogar das Gesicht verbrannt. Die Ampel wurde abgeschaltet – für ein halbes Jahrhundert blieb London ampellos.

Die erste elektrische Ampel wurde im August 1914 in Cleveland, USA, aufgestellt. 1922 folgte schließlich die erste deutsche Ampel, die in Hamburg stand. 1924 wurde die zweite deutsche Ampel errichtet: auf dem Potsdamer Platz in Berlin. Bis dahin hatte hier noch ein völlig überforderter Polizist versucht, den Verkehr mit dem Signalhorn zu regeln. Die erste Berliner Ampel ist heute nicht mehr zu sehen, es gibt aber noch eine Replik an gleicher Stelle.

Im Jahr 2005 gab es eine ausgefallene Aktion

Die Verkehrskanzel am Kurfürstendamm hingegen ist noch original erhalten. Aber kaum jemand blickt nach oben und entdeckt sie, obwohl sie so deutlich sichtbar ist. 2005 gab es allerdings eine ausgefallene Aktion. Olaf Riebe erzählt: „Man hat versucht, die Kanzel noch mal mehr ins Bewusstsein zu bringen und hat da oben tatsächlich Autoren reingesetzt – also nicht gleichzeitig, sondern hintereinander – die von dem Geschehen auf der Kreuzung inspiriert werden sollten.“

Das Beste daran: Die Passanten konnten über ein am Fuß der Kanzel angebrachtes Telefon mit den Autoren sprechen. Das war sicherlich ein wesentlich entspannteres Arbeiten als die stressigen Dienststunden des Polizisten, der den Verkehr auf der viel befahrenen Kreuzung regeln musste.

Die Verkehrskanzel steht an der Ecke Kurfürstendamm/Joachimsthaler Straße gegenüber dem Café Kranzler.

Berliner Geheimnisse Die Serie umfasst 50 Teile und ist ab 1. November auch als Buch erhältlich. Eva-Maria Bast und Morgenpost-Autor Jochim Stoltenberg erzählen darin spannende Geschichten aus der Hauptstadt. Der Band umfasst insgesamt 194 Seiten und ist im Handel erhältlich (ISBN-10: 3981679660; ISBN-13: 978-3981679663).

Das Buch kostet 14,90 Euro. Sie können es auch am Empfang der Berliner Morgenpost, Kurfürstendamm 22, 10719 Berlin, erwerben.

Ebenso ist der Band über die Homepage der Autorin bestellbar oder über die Telefonnummer 07551/63320.

>>> Alle Teile der Serie finden Sie hier <<<