Berliner Geheimnisse

2. Geheimnis: Kennen Sie Berlins größte Trümmervase?

Berliner Details, die schnell übersehen werden: Die Vase am Kurfürstendamm besteht aus Mosaiksteinen der zerstörten Gedächtnis-Kirche.

Kunsthistorikerin Sabine Witt vor der asymmetrischen Vase am Kurfürstendamm. Die Vase ist 1,78 Meter hoch und hat einen Bauchumfang von 3,48 Metern

Kunsthistorikerin Sabine Witt vor der asymmetrischen Vase am Kurfürstendamm. Die Vase ist 1,78 Meter hoch und hat einen Bauchumfang von 3,48 Metern

Foto: Reto Klar

Wie ein Mauerblümchen steht sie da. Jeden Tag spazieren Tausende Berliner und Touristen an ihr vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Sie steht auf dem Bürgersteig des Kurfürstendamms 33, Ecke Grolmannstraße/Uhlandstraße, ist 1,78 Meter hoch und hat einen Bauchumfang von stattlichen 3,48 Metern. Und in die Jahre gekommen ist sie auch. Vor 58 Jahren aufgestellt, hat sie zweifellos eine Auffrischungskur verdient.

Geschaffen wurde die Vase 1957 von Gerhard Schultze-Seehof

Das Objekt dieser ersten Annäherung ist eine Vase mit dem offiziellen Titel „Vase mit Mosaik, asymmetrische Vase“. Entworfen und modelliert hat sie 1957 der Berliner Illustrator, Maler, Grafiker und Skulpteur Gerhard Schultze-Seehof. Der wurde 1919 geboren und starb 1976. „Schultze-Seehof hat in der Nachkriegszeit in Berlin ein umfangreiches Oeuvre geschaffen, das sich symbolhaft mit der Zerstörung des Krieges und zugleich mit dem Wiederaufbau und damit dem Überlebenswillen der Berlinerinnen und Berliner beschäftigt“, erzählt Sabine Witt, Kunsthistorikerin, Kuratorin und Leiterin des Museums Charlottenburg-Wilmersdorf in der Villa Oppenheim an der Schloßstraße.

Die Symbolik der Plastik in Form einer überdimensionierten Vase steckt im verwendeten Material. Sie besteht aus Beton und bunten Mosaiksteinen aus der zerstörten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ein paar Hundert Meter weiter den Kurfürstendamm hinab. „Ich mag diese Form sehr gern, bin ein Fan der 50er- und 60er-Jahre mit ihren schlichten, oft geschwungenen, teils organischen Grundformen“, sagt Sabine Witt. „Seinen ganz besonderen Reiz gewinnt dieses Werk durch die bunten Mosaikbruchstücke, die aus dem Schutt der zerstörten Gedächtniskirche zusammengesammelt wurden.“

Oft wird das Werk mit der 750-Jahr-Feier in Verbindung gebracht

Unterschiedliche Angaben sind im Umlauf, ob die Vase schon immer da gestanden hat, wo sie heute mit unverdienter Missachtung ignoriert wird. „Oft wird das Werk mit dem Berliner Skulpturenboulevard 1987 in Verbindung gebracht“, sagt die Museumschefin. Das war jenes Kulturspektakel anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins. Von ihm künden heute noch zwei monumentale Plastiken. „Berlin“ von Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff steht auf dem Mittelstreifen der Tauentzienstraße zwischen Nürnberger- und Marburger Straße, ihre ineinander verschlungenen, aber getrennt aufgestellten Chromnickel-Stahlröhren symbolisieren die damalige Teilung der Stadt.

Die zweite Skulptur befindet sich am westlichen Ende des Kurfürstendamms, am Rathenauplatz: Wolf Vostells „Zwei Beton-Cadillacs in Form der nackten Maja“. Intention des Künstlers und dessen Werk, das lange zu den umstrittensten in der Stadt zählte, war die Entlarvung des „24-stündigen Tanzes der Autofahrer ums Goldene Kalb“. Des Künstlers Kritik – wenig überraschend – ist weitgehend verpufft. Der Verkehr braust weiter Tag und Nacht um sein Werk herum.

Es gibt keinen Hinweis, wo sich die Skulptur vorher befunden hat

Zurück zur asymmetrischen Vase. Auch wenn sie also im Kontext des Skulpturenboulevards gesehen wurde: Sabine Witt hält es für sehr wahrscheinlich, dass die etwas abseits des Mittelstreifens des Kurfürstendamms platzierte, vergleichsweise kleine Vase schon immer da stand, eben seit 1957. Zumindest hat sie bislang keinen Hinweis gefunden, wo sich die Skulptur vorher sonst befunden haben soll.

Und dort wird die Vase sicherlich bleiben. Allen neuen Wünschen und Spekulationen zum Trotz. So hatte sich der Kulturausschuss der Bezirksverordnetenversammlung vor einiger Zeit dafür ausgesprochen, die Vase vor das Bikinihaus am Breitscheidplatz umzusetzen. Und damit in die Nachbarschaft der gegenüberstehenden Gedächtniskirche, deren Trümmer den eigentlichen Reiz der Vase ausmachen. Auch gab es Überlegungen, sie in der Nähe des benachbarten Zoo-Palastes aufzustellen, der im selben Jahr wie die Vase 1957 gebaut wurde. Abgesehen von all diesen Vorschlägen: Wer sich die Vase genauer anschaut, wird schnell feststellen, dass erst einmal der Erhalt der Skulptur im Vordergrund stehen sollte. Denn manche Mosaiksteine sind locker, eine Grundüberholung wäre überfällig.

Wer mehr vom Künstler Gerhard Schultze-Seehof sehen möchte, für den hat Sabine Witt auch noch einen Tipp: „Seine Trümmerstele am Weddinger Max-Josef-Metzger-Platz an der Müllerstraße/Ecke Lindowerstraße. Die zwölf Meter hohe, mehrfarbige Säule aus alten Ziegelsteinen erinnert an die Aufbauleistung der Berliner Trümmerfrauen nach dem Zweiten Weltkrieg.“

Und so geht’s zu Berlins größter Trümmervase: Bürgersteig des Kurfürstendamms 33, Ecke Grolmannstraße/Uhlandstraße.

Berliner Geheimnisse Die Serie umfasst 50 Teile und ist ab 1. November auch als Buch erhältlich. Eva-Maria Bast und Morgenpost-Autor Jochim Stoltenberg erzählen darin spannende Geschichten aus der Hauptstadt. Der Band umfasst insgesamt 194 Seiten und ist im Handel erhältlich (ISBN-10: 3981679660; ISBN-13: 978-3981679663).

Das Buch kostet 14,90 Euro. Sie können es auch am Empfang der Berliner Morgenpost, Kurfürstendamm 22, 10719 Berlin, erwerben.

Ebenso ist der Band über die Homepage der Autorin bestellbar oder über die Telefonnummer 07551/63320.

>>> Alle Teile der Serie finden Sie hier <<<