120 Jahre Morgenpost

Verhältnis zwischen Leser und Kolumnist: Kann es Liebe sein?

| Lesedauer: 9 Minuten
Hajo Schumacher
Kolumnist Hajo Schumacher

Kolumnist Hajo Schumacher

Foto: Reto Klar

Auch nach zehn Jahren fühlt sich unser Autor Hajo Schumacher oft wie der Forscher im Elektronenbeschleuniger.

Berlin. Neulich brachte der Bote ein Paket in Schuhkartongröße. Das konnte nicht sein, weil wir uns eine Online-Bestell-Diät verordnet hatten, probehalber zunächst für eine Woche. Das Paket erwies sich als Leserpost, ungewöhnlich groß und ungewöhnlich im Inhalt. Denn im Karton lag ein tönerner Gartenzwerg, mit einem Messer im Rücken. Nein, keine letzte Warnung, „Lügenpresse“ oder so etwas, sondern ein Schatz aus dem Privatbesitz einer Leserin. Kurz zuvor hatte ich eine launige Kolumne über einen Gartenzwerg geschrieben, der spurlos aus dem Garten des Oggersheimer Kanzlerbungalows verschwunden war. „Hier ist er“, las ich im Begleitbrief. Nicht ganz, liebe Leserin, denn Kohls Zwerg schob eine Schubkarre. Gleichwohl war ich wieder einmal tief berührt: Ich werde gelesen, und ich werde beschenkt – für Journalisten gleich doppelt ungewohnt.

Es gibt kindliche Liebe, es gibt romantische Liebe, zügellose Liebe, platonische Liebe, fürsorgliche Liebe, verzeihende Liebe. Und es gibt die Leserliebe, die alle zuvor genannten vereint. Zu Weihnachten habe ich Kekse und selbst gemachte Marmelade bekommen, zum Geburtstag einen Glückwunsch, aus den Sommerferien eine Ansichtskarte, von Menschen, denen ich nie begegnet bin. Die zart parfümierten Kuverts verstecke ich vor meiner Frau, um manchmal heimlich daran zu schnuppern. Ich liebe „Tosca“. Natürlich kommen auch emotional gebremstere Einsendungen, die eher auf preußische Liebe hinweisen. Leser H. etwa, ein treuer Schreiber, schneidet akkurat meine Texte aus, versieht sie mit dem Tagesstempel, vielen Unterstreichungen, einigen Ausrufe- und wenigen Fragezeichen. Das Schönste war neulich säuberlich an den Rand getupft: „6.52 p.m. zum zweiten Mal gelesen.“ Und nur einmal für die Zeitung bezahlt – wo gibts denn so was noch? In jedem Brief erwähnt Leser H. übrigens mahnend, dass ihn eine Antwort freuen würde. So werden aus Leserbriefen Leserleserbriefe, die manchmal kein Ende finden. Leser M. etwa rügte mich unlängst für kritische Worte über den DFB-Präsidenten Grindel. Wochenlang duellierten wir uns per Mail, mit dem wohltuenden Fazit, dass jeder seine Meinung haben darf. So wachsen Bindungen, deren Innigkeit ein kühler wissenschaftlichen Begriff wie „Leser-Blatt-Bindung“ nicht erfassen kann – es ist Liebe, zumindest verdammt viel Sympathie.

Ich gestehe, ich war zunächst irritiert, als mich der damalige Chefredakteur Carsten Erdmann vor zehn Jahren fragte, ob ich mir vorstellen könne, für die Berliner Morgenpost zu schreiben. Nun, dachte ich, eine ehrenvolle Anfrage. Schließlich ist die Morgenpost eine ehrwürdige Zeitung, die zeitweilig auflagenstärkste der Weimarer Repu­blik, die sich durch angenehm ausgewogene Berichterstattung von den tendenziösen Blättern abhob. Mir gefiel das Spektrum von Jochim Stoltenberg, der Stimme der Vernunft, bis zu Kasupke, der Stimme des Volkes, was ja nicht immer identisch sein muss. Aber so richtig Avantgarde war diese Morgenpost nicht. War ich morgenpostig genug, der mit Klaus Wowereit ein Buch geschrieben hatte? Keine Sorge, sagte Erdmann, er wolle ohnehin einiges anders machen, und ich sei Teil des Experiments. Volltreffer: Teil Sein von Experimenten, besser kann man mein Leben nicht zusammenfassen.

Zehn Jahre später fühle ich mich wie der Forscher in einem Elektronenbeschleuniger. Was hatte ich mit dieser Morgenpost nicht alles erlebt: Ich war in die letzten Winkel der Philharmonie gekrochen, hatte Monika Grütters im Haustürwahlkampf begleitet, an der Seite des unermüdlichen Kollegen Joachim Fahrun ein legendäres Sarrazin-Interview geführt, mich jedes Jahr über die vielen Journalistenpreise gefreut, mit den jungen Online-Kollegen in Echtzeit von Wahlkämpfen berichtet, mich für den Fotografen Reto Klar („Dauert nicht lange!“) unzählige Male zum Sonntagslächeln gezwungen und mit Andreas Abel geschätzte 3000 Ausgaben der „Morgenpost vor Ort“ absolviert, dem besten Leserforum der Stadt. Ich habe diese Stadt und ihre Menschen erst mit der Morgenpost so richtig kennengelernt, ihre Probleme, Sorgen, Hoffnungen, Freuden und ihre Anteilnahme: Immer mal wieder geschieht es, dass mir eine bezaubernde Dame auf dem Wochenmarkt auf die Schulter tippt, auf die Lauchstangen zeigt, die demonstrativ aus meinem Korb ragen und mitleidig fragt: „Na, hat die Chefin wieder eine vegane Phase angeordnet?“ Ich nicke stumm, während sie mir eine Currywurst kauft. Blindes Verständnis ist auch Zeichen von Liebe. Und schließlich darf ich für eine Regionalzeitung arbeiten, die als erste in Deutschland eine Frau an der Spitze hat, Christine Richter, die Charme und Entschlossenheit jeweils im richtigen Moment einzusetzen weiß. Geht noch mehr Avantgarde?

Was mir an der Morgenpost besonders gefällt, ist ihre Haltung, die weniger politisch als vielmehr menschlich definiert ist. Es herrscht ein Klima der Zugewandtheit. Es gibt ja zwei Sorten Menschen und Zeitungen. Die einen sagen: „Hat doch alles keinen Zweck“ und schreiben auch so. Kritik dient nicht als Sprungbrett zum Bessermachen, sondern als Dampframme zum Niedermachen. Die Morgenpost ist ebenfalls kritisch, aber nur selten vernichtend, und wenn, dann berechtigt. Aber immer ist die Zeitung, sind die Redakteure auch im stressigen Alltag zugewandt. Wer als freier Textdienstleister arbeitet, der weiß zu schätzen, wenn Mails beantwortet und zugesagte Rückrufe tatsächlich erfolgen. Beileibe keine Selbstverständlichkeit. Und wer im Herzen ein ewiger Reporter ist, der weiß diese raren, aber wunderbaren Anrufe zu schätzen, die mit einem atemlosen „Du, da ist was passiert. Du musst ganz schnell was dazu schreiben“ beginnen. Kochendes Adrenalin, Wettrennen gegen den Andruck, Texten auf Zeile, wundervoller Stress – das ist Champions League für Journalisten, die man mögen muss. Ich liebe sie.

Die Zugewandtheit der Zeitung und ihrer Macher spiegelt sich in den Leserinnen und Lesern wider. Na klar, manche meckern und quengeln, auch zu Recht. Aber am Ende einigen wir uns doch auf unseren kleinsten gemeinsamen Nenner: Berlin. Das ist nicht selbstverständlich in dieser Stadt, wo manche Zugereisten auch nach 20 Jahren nichts lieber tun, als dieses wunderbare Irrenhaus bei jeder Gelegenheit madig zu machen. Das Gegenteil stimmt doch: Welche Stadt der Welt hat in den letzten hundert Jahren so viel mitgemacht und blüht doch ständig irgendwo neu auf? Berlin dysfunktional? Klar, stimmt. Aber es läuft am Ende dann doch, was selten effektiv ist, aber häufig unterhaltsam und fast immer zu neuen Bekanntschaften führt, auf Ämtern, unter Nachbarn oder gemeinsam in der S-Bahn Eingeschlossenen. Wollt ihr langweilig oder wollt ihr Berlin? Eben. Dieses wunderbare Hauptstadt-Paradox muss man lieben oder aber zurück nach Bielefeld gehen.

Natürlich wäre es unfair, eine der vielen Herzensbindungen besonders hervorzuheben, aber bei Leser J. kann ich einfach nicht anders. Herr J. ist nicht nur ein erfindungsreicher, sondern auch ein ausdauernder Zeitgenosse. Im Ruhestand hat J. einen neuartigen Außenspiegel für Lastwagen erfunden, der angeblich beim Abbiegen, das Risiko mindert, Radfahrer zu übersehen. „Wir müssen da doch was tun“, sagt Herr J. immer, wenn wir uns sehen. Ich habe einem Bekannten beim ADAC vom J.-Spiegel erzählt und unserem Kfz-Mechaniker. Beide sagten einhellig, dass es solche Spiegel schon gebe, was Leser J. wiederum bestritt. Zeitweilig hat er mir zu jedem getöteten Radfahrer eine Postkarte geschrieben. Herr J. war fest überzeugt, dass ich, nur ich, etwas bewegen könne, weil: „Sie kennen se doch alle.“ Ich verrate an dieser Stelle ein gehütetes Journalistengeheimnis: Manchmal kennen wir uns nicht mal selbst.

Aber zum Glück gibt es die wunderbaren Leser, die ihre Liebe auch zeigen, indem sie uns auf den harten Boden der Tatsachen zurückholen, oft mit verhängnisvollen Satzanfängen wie: „Also, wat Se da neulich geschrieben haben ...“. Schimpfen ist ja oft nur eine andere Art, Zuneigung zu zeigen. Ach, und wo wir gerade bei Zuneigung sind: Die Marmelade ist schon länger alle, die Kekse auch. Wir verstehen uns.

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