Denk’ ich an Weihnachten...

Für Martin Woelffer war Maria die erste große Liebe

Die Morgenpost-Adventsserie: Für Martin Woelffer, den Direktor des Theaters und der Komödie am Kurfürstendamm, gehört der Christbaumschmuck der Eltern ebenso zum Fest wie die Krippe.

Foto: Amin Akhtar

Früher war mehr Lametta. Über dieses Bonmot von Loriot schmunzelt auch Martin Woelffer. Aber inhaltlich kann der Direktor des Theaters und der Komödie am Kurfürstendamm damit wenig anfangen. Selbst wenn er lange zurückdenkt, sich an das Weihnachten seiner Kindheit erinnert, Lametta, da ist er sich ziemlich sicher, hing nie am Baum. Bei seinen Eltern war die grüne Tanne ausschließlich mit roten Kugeln geschmückt. Also gewissermaßen Rot-Grün zu einer Zeit, als das noch kein politisches Farbenspiel war, weil die eine Partei noch gar nicht existierte. Martin Woelffer, Jahrgang 1963, hat nicht nur die Kiste mit den Dekorationselementen von seinen Eltern übernommen, sondern auch die damit verbundene Tradition.

Die schloss keinen Kirchgang mit ein, so christlich war die Familie nicht orientiert, aber eine Krippe. Alle Jahre wieder wurde die an Heiligabend – keinen Tag früher – aufgebaut. Der kleine Martin hätte es gern gesehen, wenn die schon während der Adventszeit gestanden hätte. Denn die Maria, die war seine erste große Liebe. Und die hat Spuren hinterlassen. Der „08/15-Figur“, wie Woelffer heute mit zeitlichen Abstand Maria sehr, sehr nüchtern bezeichnet, fehlt ein kleines Stück von der Nase.

Sie hat wohl „eins auf die Nase gekriegt“, vermutet Woelffer. Möglicherweise hat er sich mit seinem Bruder darum gestritten, wer die Maria am Abend mit ins Bett nehmen durfte. Bei Wölffers war das nämlich so: Die Krippe wurde von den beiden Jungs bespielt wie ein Puppenhaus, das Jesuskind kam schon mal zusammen mit den Schafen in einen Lieferwagen und alle zusammen wurden dann im Wohnzimmer herumkutschiert. Weil die Krippe genauso lange stand wie der Baum, der erst weggeworfen wurde, wenn er richtig stark nadelte, konnten die Brüder bis weit in den Januar hinein mit den Figuren spielen. Dann verschwand alles wieder für ein knappes Jahr im Karton.

Esel als Schaukelpferd

Das Weihnachtsfest lief jedes Jahr recht ähnlich ab. Die Kinder warteten auf die Bescherung. Die Türen zum Wohnzimmer waren Heiligabend verschlossen, solange der Baum geschmückt und die Geschenke drapiert wurden. Die Weihnachtslieder kamen von der Platte, gefeiert wurde im engen Familienkreis – zusammen mit der Haushälterin. Wenn alles ausgepackt war, wurde gemeinsam gegessen. Nichts Einfaches wie Würstchen mit Kartoffelsalat, sondern „etwas Besonderes wie ein Braten“. Wichtiger als das Essen war für die Kinder die Bescherung, die schönste für Martin war die, als er einen „riesigen Esel“, also eine Variante eines Schaukelpferds, geschenkt bekam.

Einmal trat sogar ein Weihnachtsmann auf. Martin war sehr beeindruckt. Im Kostüm steckten weder Mutter noch Vater, die standen ja beide leibhaftig neben ihm, aber trotzdem wusste der Mann mit dem weißen Bart ein familiäres Geheimnis: Martins Kosename für die Urgroßoma. Erst viel später wurde das Geheimnis gelüftet: Schauspieler Peer Schmidt, der seine künstlerische Heimat an den Kudammbühnen hatte und damit der Familie auch beruflich eng verbunden war, hatte sich an Heiligabend verkleidet. Und trat 30 Jahre später bei Martin Woelffer auf, als der mal für seine beiden Kinder einen Weihnachtsmann haben wollte.

Der Hang zu Traditionen ist ausgeprägt im Hause Woelffer, sieht man von der Namensschreibweise ab, wo sich Martin für die angelsächsische „oe“ statt der „ö“-Variante entschied – und ein Zeichen der Emanzipation setzte. Die Familie betreibt in der dritten Generation das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm. 1934 übernahm der junge Operndirigent und -regisseur Hans Wölffer die beiden Bühnen – der siebte Direktor binnen zwei Jahren. Bis 1932 wurden die Theater von Max Reinhardt geleitet. Als Jude musste Reinhardt vor den Nazis fliehen, erst nach Österreich, später emigrierte er in die USA. Wölffer, kein Parteimitglied, hielt den Spielbetrieb in den Privattheatern bis in die Kriegsjahre aufrecht, 1942 wurden die beiden Bühnen durch das NS-Regime verstaatlicht.

Ungewisse Zukunft

1950 übernahm Hans Wölffer erneut die Komödie, 1963 auch die Direktion für das Theater am Kurfürstendamm, das bis dahin der Freien Volksbühne als Spielstätte diente. Die Söhne Jürgen und Christian wurden 1965 Mitgesellschafter der Theater, 1974 übernahm Jürgen Wölffer die Geschäftsführung, die er 30 Jahre später wiederum an seinen Sohn Martin abgab. Die Theater waren längst überbaut, die Besitzer des Kudamm-Karrees wechselten fast so häufig wie die Theaterdirektoren zwischen 1932 und 1934. Die Zukunft der Immobilie und der Bühnen bleibt ungewiss.

Für Martin Woelffer ist das ein Dauerzustand seiner Direktorenzeit. Auch eine Art von Kontinuität. Eine freilich, auf die er gern verzichten würde. Dass die Familie über die Feiertage nicht verreist, ist dem Beruf geschuldet. Er hätte sonst ein schlechtes Gefühl, sagt Woelffer, denn Weihnachten gehört zu den umsatzstärksten Tagen des Jahres, es gibt Zusatzvorstellungen, da „sind alle Mitarbeiter gefragt“.

Heiligabend ist spielfrei, da bleibt Zeit für die Bescherung, das Baumschmücken mit den roten Kugeln, die Krippe. Die Kinder sind nicht mehr klein, Sohn Jonas ist schon 18 Jahre alt, Tochter Luca zwölf, die bekam auch in diesem Jahr einen von ihrem Vater gefüllten Adventskalender: Pro Tag ein Tütchen zum Öffnen. Gekocht wird bei Woelffers auch, der Hausherr aber zieht ein Nudelgericht dem elterlichen Braten vor: Tagliatelle mit weißen oder schwarzen Trüffeln, je nachdem, welche zu bekommen sind. Die Pasta ist selbstgemacht, die Trüffel das Besondere. Eine behutsame Traditionspflege.

Vita: Martin Woelffer wurde am 16. September 1963 in Lüdenscheid geboren, wuchs aber in Berlin auf. Er hat zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Als Regieassistent arbeitete er am Schlosspark-Theater, als Beleuchter an der Deutschen Oper. 1990 gründete er mit Freunden das Theater Magazin, das sich hinter den Bühnen am Kurfürstendamm befand. 2004 übernahm Woelffer von seinem Vater die Leitung des Theaters und der Komödie am Kurfürstendamm.