Denk’ ich an Weihnachten...

Sigrid Nikutta fährt mit Bus und Bahn durch die Stille Nacht

Die Morgenpost-Adventsserie: An Heiligabend bedankt sich Sigrid Nikutta erst bei ihren Mitarbeitern, dann geht‘s in die Kirche. Danach widmet sich die BVG-Chefin ihrer großen Familie – zumindest fast.

Foto: Reto Klar

Wer Sigrid Nikutta, die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), im Trias-Hochhaus am Bahnhof Jannowitzbrücke besucht, der bekommt gleich hinter der Bürotür in der zwölften Etage eine schmucke Lok-Sammlung zu sehen, die jedem Modelleisenbahn-Fan sofort Freudentränen in die Augen treiben dürfte. Und daneben ist eine Gruppe bunter Plastik-Figürchen aufgestellt, ausgerüstet mit Hacke, Spaten und Schubkarre. Hat Sigrid Nikutta schon mal angefangen, erste Weihnachtsgeschenke für ihre vier Kinder hier zu deponieren?

Nein, völlig falsch, klärt die 45-Jährige den Besucher auf. Das eine sei die Sammlung ihrer Abschiedsgeschenke von der Bahn, für die sie vor ihrem BVG-Job etliche Jahre tätig war. Zuletzt managte sie den Zugbetrieb der Güterverkehrstochter DB Schenker in Polen. Und die Playmobil-Männchen? Na, das sei doch Harry Schotter, das Bau-Maskottchen der BVG.

Wenn die Verkehrsbetriebe eine neue Groß-Baustelle aufmachen, wird der Spielzeug-Bauarbeiter, den es inzwischen in 18 Varianten gibt, als kleiner Trost an Fahrgäste und Anwohner verschenkt. Die BVG-Sonderedition ist unter Sammlern inzwischen ein Renner. Für seltenere Exemplare werden bei Ebay schon gern mal 20 Euro und mehr aufgerufen.

Vorweihnachtszeit alles andere als geruhsam

Also keine Geschenke für die Kinder? „Doch, aber ich hab noch gar nicht richtig Zeit zum Geschenke besorgen gehabt“, sagt Nikutta. Die Vorweihnachtszeit ist für die Chefin von Deutschlands größtem Nahverkehrsunternehmen in der Tat alles andere als eine geruhsame Zeit. Ist doch Nikutta nicht nur Vorsitzende der Unternehmensführung – die erste übrigens in der fast 90-jährigen Geschichte der landeseigenen Verkehrsbetriebe – sondern als Vorstand Betrieb auch unmittelbar zuständig für den gesamten Einsatz der Fahrzeuge.

Eine Herausforderung, gerade in diesen Tagen. Denn zu keiner Zeit – außer vielleicht während der jüngsten Lokführerstreiks bei der Bahn – nutzen mehr Menschen die Busse und Bahnen der BVG. Und selbst am 24. Dezember kehrt auf den Straßen und in den U-Bahn-Tunneln keine rechte Ruhe ein. „Wenn ich Heiligabend zur Kirche gehe, staune ich jedes Mal, wie viele Menschen selbst dann mit uns unterwegs sind“, sagt Sigrid Nikutta. Aber klar, gerade an diesem Abend wollen ja viele Berliner ihre Nächsten besuchen. Und natürlich werde zum guten Essen auch gern mal ein Schlückchen getrunken und das Auto dann stehen gelassen.

Auch zum Fest wird es trubelig

Für die Verkehrsbetriebe gibt es daher auch zum Fest ordentlich was zu tun. Und so sind jeweils rund 2000 BVG-Mitarbeiter, darunter 210 U-Bahn- und 1100 Busfahrer am Weihnachtsabend und an den beiden Feiertagen im Einsatz. Auch die Vorstände zeigen an diesen Tagen Präsenz. Personalchef Lothar Zweiniger etwa verteilt mit anderen Führungskräften kleine Weihnachtsbeutel mit Tee und Süßigkeiten an die Mitarbeiter, die an Heiligabend nach 16 Uhr im Dienst sind. Und die Vorstandsvorsitzende hält eine kleine Ansprache an ihre Mitarbeiter, die über die Leitstelle in die Fahrerstände und Werkstätten übertragen wird.

In diesem Jahr wird die Rede sehr emotional ausfallen, verrät Nikutta. Schließlich habe das Unternehmen die „schwarze Null“ erreicht, macht also keine neuen Schulden mehr, wie in vielen Jahren zuvor. Das Ziel wurde zwei Jahre früher als erhofft erreicht. „Das ist eine Riesen-Leistung vor allem unserer Mitarbeiter“, sagt Nikutta. Und sie erinnert daran, dass die BVG einmal 30.000 Beschäftigte hatte, heute seien es noch 13.500, die in etwa das gleiche Verkehrsangebot erbringen. Als Anerkennung für diese Leistung vereinbarte die BVG-Geschäftsführung mit den Gewerkschaften gerade erst neben einem Lohnplus von drei Prozent ab 1. Januar 2015 noch eine Einmalzahlung im Dezember von 500 Euro.

Feststimmung kommt bei der BVG-Chefin trotzdem auf

Kommt denn bei der BVG-Chefin bei all den dienstlichen Terminen und Herausforderungen zum Jahreswechsel überhaupt so etwas wie Feststimmung auf? Aber ja doch! „Ich liebe die Zeit. Schon als Kind waren für mich die Tage und Wochen vor Weihnachten voller Düfte, Lieder und spannender Heimlichkeiten. Bei uns zu Hause herrschte dann immer so eine ganz eigene Stimmung, und irgendwie war der ganzen Familie diese besondere Vorfreude anzumerken“, erinnert sich Sigrid Nikutta an ihre Kindheit in Ostwestfalen. Besonders gern habe sie damals mit ihrer Oma Kekse gebacken. „Wie unvergleichlich gut schmeckten die ersten Kekse, die wir noch warm, frisch aus dem Backofen kosten durften“, ist sie heute noch ganz begeistert davon. Und schon bevor sie eine eigene Familie gründete, war ihr klar, dass sie diese schöne Tradition auf jeden Fall fortsetzen werde.

„Nun habe ich meine wunderbaren Kinder, und natürlich backen wir alle zusammen in der Vorweihnachtszeit wieder Kekse. Da geht es wild her in unserer Küche “, berichtet sie. Jedes ihrer vier Kinder – das jüngste ist gerade drei Jahre alt und der „Große“ elf – habe dann seine Aufgabe, und beim Verzieren des Gebäcks dürfe jeder seiner Fantasie freien Lauf lassen.

„Die besten Weihnachtskekse der Welt“

Das Lieblingsrezept für die Plätzchen stammt aus dem Kinderbuch „Conni lernt backen“ (Carlsen Verlag). Es sei ein wirklich einfaches Rezept, und nach Aussagen ihre Kinder wären das „die besten Weihnachtskekse der Welt.“ Auch eine Metalldose voller Formen zum Ausstechen hat Sigrid Nikutta mit dabei. Die Favoriten: „Der Affe, das Pferd und natürlich Pippi Langstrumpf.“ Jedes Jahr würden allerdings auf seltsame Weise ein paar verschwinden. „Aber dann kaufen wir neue dazu. Die zum Beispiel sind aus Australien“, sagt Nikutta und zeigt auf eine Form, mit der sich Känguru-Kekse ausstechen lassen.

Genügend Abnehmer für die Plätzchen haben die Nikuttas auch. „An den Weihnachtstagen wird es dann richtig trubelig. Die Omas und Opas, die Onkel und Tanten, die Kinder, Cousins und Cousinen, alle kommen sie bei uns zusammen. Dann wird viel erzählt und gelacht, gesungen und vorgelesen und jede Menge Spiele gespielt.“

Denkt sie dabei gar nicht an die Arbeit? „Überhaupt nicht – ich schau nur jede Viertelstunde auf mein Handy“, sagt sie mit einem Augenzwinkern. Und wenn bei der BVG etwas nicht läuft? „Dann bin ich sofort da.“