Denk’ ich an Weihnachten...

Palace-Chef Michael Frenzel - Nicht ohne unseren Engel

Die Morgenpost-Adventsserie: Traditionen gehören zum Weihnachtsfest dazu, findet Michael Frenzel, General Manager des Palace-Hotels. Nur vom Karpfen blau seiner Kindheit hat er sich verabschiedet.

Foto: Reto Klar

Vor acht Jahren brachte Michael Frenzels Mutter ihm ein ganz besonderes Geschenk mit. Der Holzengel, den er vorsichtig aus dem Papier wickelte, war schon ein bisschen zerkratzt, der rechte Arm konnte nach einem Bruch nicht ganz fugenlos repariert werden, und auf den Flügeln hatte irgendwann mal ein Kind herumgekritzelt. Der Hotelchef, seit 2010 General Manager des Berliner Palace, war trotzdem gerührt. Denn der Engel-Leuchter ist ein echtes Familienerbstück. Eines, das schon seine Urgroßmutter jedes Jahr zu Weihnachten an die Zimmerdecke gehängt hatte, das dabei war, wenn die Familie seiner Großmutter Weihnachtslieder sang, das im Zweiten Weltkrieg bis auf den Armbruch unversehrt aus den Trümmern des Hauses geholt wurde – und das zu den Weihnachtsfesten seiner eigenen Kindheit gehörte wie Tannenbaum und Karpfen blau.

„Der Engel hat mich schon mein ganzes Leben begleitet“, sagt Michael Frenzel und streicht ihm vorsichtig über die Flügel. „Bei uns zu Hause hing er an der Decke, direkt neben dem beleuchteten Weihnachtsstern.“ Als Michael Frenzel in einen Altbau mit hohen Decken zog, schenkte ihm seine Mutter den Engel. Weil er dort, anders als in seiner Neubau-Wohnung vorher, nun endlich richtig Platz hatte. Und weil sich seit acht Jahren die ganze Familie zu Weihnachten in dieser Wohnung trifft.

Der Engel ist an jedem Heiligabend dabei. Ebenso wie ein paar weitere Familienrituale, die Michael Frenzel aus seinem Zuhause in Plauen mitgebracht hat. Das Weihnachtsliedersingen zum Beispiel, und der Spaziergang, um die Wartezeit auf den Weihnachtsmann zu verkürzen – und diesem die Gelegenheit zu geben, die Geschenke unter den Baum zu legen.

Kekse für den Weihnachtsmann

Vor zwei Jahren allerdings ging dieser Teil der Weihnachtsvorbereitung gründlich schief: Michael Frenzel spazierte gerade mit den Neffen durch Friedrichshain, als ihnen ein Mann mit rotem Mantel und weißem Bart auf dem Moped entgegenkam. „Danach mussten wir sofort wieder nach Hause“, erinnert er sich, „die Kinder waren überzeugt, dass der Weihnachtsmann auf dem Weg zu uns ist“. Einmal dabei zu sein, wenn er die Geschenke bringt, diese Gelegenheit wollten sich die Kinder nicht entgehen lassen. Immer war er schon da gewesen und hatte die Kekse gegessen, die sie ihm auf einen Teller im Flur gelegt hatten, und das Glas Milch daneben zur Hälfte ausgetrunken. Angetroffen haben die Neffen den Weihnachtsmann trotzdem nicht.

Die Kekse und das Glas Milch kamen als neue Bräuche hinzu, als Michael Frenzel zum ersten Mal das Familienfest ausrichtete. Andere änderte er nur ein wenig ab: Am Baum zum Beispiel hängen neben den Salzteig-Trompeten und Wachsengeln aus dem Vogtland auch „Accessoires, die wir aus anderen Ländern mitgebracht haben“. Mitten im Sommerurlaub geht Michael Frenzel Weihnachtsschmuck kaufen und freut sich dann ein paar Monate später. Auch der Karpfen kommt nicht wie früher auf den Tisch. Als Kind habe er sich am Fisch „hungrig gegessen“, erinnert sich Michael Frenzel an den Kampf mit den Gräten. Bei ihm gibt es statt ganzem Karpfen nun Filets, grätenfrei.

Michael Frenzel genießt es, Weihnachten heute mit der ganzen Familie feiern zu können: „Ich habe 20 Jahre lang Weihnachten, Silvester, Neujahr immer gearbeitet. Schließlich war ich jung und allein, wir haben das in den Teams so geregelt, dass die Kollegen mit Familie Vorrang hatten“, sagt er. Und dass Weihnachten im Hotel eigentlich eine besonders schöne Zeit sei: „Die Gäste sind sehr entspannt, viele bleiben länger.“ Abends seien die Palace-Mitarbeiter alle im Einsatz. „Aber nachmittags kommen alle zu einem Kaffeetrinken zusammen, jeder bringt etwas mit, und es gibt eine Teambescherung.“

Privat habe er in der Zeit immer vorgefeiert, erzählt er. Inzwischen findet die Bescherung aber wieder am 24. Dezember statt. Geschenke gehören dazu, wenn die Familie zusammenkommt, „aber immer mit Maß“, von „Geschenke-Schlachten, bei denen man am Ende nicht mehr weiß, was man zuerst ausgepackt hat“, hält Michael Frenzel gar nichts. Am Ende sind es ohnehin nur einzelne Geschenke, die in Erinnerung bleiben: so wie das Skateboard, das er vor vielen Jahren zu Weihnachten bekam. „Mein größter Wunsch, aber in der DDR unmöglich zu bekommen“, erinnert er sich. Der Teenager fand sich damit ab – sein Vater nicht. Er bastelte aus einem Holzbrett und alten Rollschuhen ein Skateboard für den Sohn, der es am Heiligabend nichts ahnend auspackte, „völlig aus dem Häuschen war“ und in den Jahren danach von der Steigung vor dem Plauener Bahnhof zahllose Schürfwunden mit nach Hause brachte. Inzwischen liegt das Brett auf dem Dachboden, aber vergessen hat Michael Frenzel dieses Weihnachtsfest nie: „Das war das schönste Geschenk, das ich je bekommen habe.“