Interview

„Aufmerksamkeit ist das größte Geschenk“

Endlich Bescherung – da lässt sich keiner lumpen. Doch wie viele Präsente verträgt ein Kind eigentlich? Und welches Spielzeug ist sinnvoll? Fünf Fragen an die Expertin

Foto: Marion Hunger

Morgenpost: Zu Weihnachten schreiben viele Kinder lange Wunschzettel. Muss alles erfüllt werden?

Katrin Lehner: Natürlich haben unsere Kinder Tausende von Wünschen. Oft haben sie auch gute Ideen, was sie brauchen können und was ihnen guttut. Aber selbstverständlich sind wir einer sehr manipulativen Werbewelt ausgesetzt. Vielleicht überlegt man sich am besten, warum sich das Kind etwas wünscht und was sein tatsächliches Bedürfnis und Interesse dabei ausmacht. Es ist nicht immer besser, alles gleich anzuschaffen. Pausenloses Wünschen von Spielsachen kann auch bedeuten, dass das Kind sich mehr Zeit und Aufmerksamkeit von den Eltern wünscht, dieses aber auf Sachdinge verlagert.

Morgenpost: Welches Spielzeug ist überhaupt sinnvoll?

Katrin Lehner: Ich lasse die Kinder oft malen oder erzählen, was für sie das perfekte Zimmer wäre, und es kommen erstaunlich unterschiedliche Fantasiewelten zustande. Je kleiner die Kinder sind, umso flexiblere und größere Dinge benötigen sie und umso körpernäher sollten die Spielumwelten sein: Große Matten und Decken zum Bauen, Taschenlampen oder große Bauklötze sind genauso gut wie Handpuppen oder große Stofftiere zu gebrauchen. Kinder im Vorschul- und Grundschulalter brauchen etwa ein paar Figuren, ruhig auch ein paar Helden oder böse Gestalten, die ihnen auch oft selber einfallen. Häufig spielen Kinder ihre eigene Lebenswelt nach, oder sie verarbeiten Informationen, die die Umwelt an sie heranträgt.

Morgenpost: Und bei den Jugendlichen stehen Smartphone und Co. oben auf der Liste.

Katrin Lehner: Momentan überrollen uns die Medien regelrecht, kein Wunder also, dass die Kinder auch teilhaben möchten. Die Nutzung derartiger Geräte kann in bestimmten Fällen sinnvoll sein, allerdings bin ich der Meinung, dass die Eltern den Konsum regulieren müssen. Die Kinder versinken oft in den Neuen Medien und tauchen kaum mehr selbstständig auf. Oft handelt es sich auch bloß um ein teures Statussymbol, das schnell gestohlen werden kann. Bei meinem eigenen Sohn habe ich den Kauf eines Nintendo-Gerätes etwas hinausgezögert, bis es für ihn auf einmal gar nicht mehr interessant war.

Morgenpost: Sollten Kinderzimmer regelmäßig „ausgemistet“ werden?

Katrin Lehner: Kinder sollten meiner Ansicht nach niemals in ein aufgeräumtes Zimmer kommen. Sie haben ihre ganz eigene Ordnung und haben gern den Überblick auf die „ordentlich“ verteilten Spielsachen. Große Regale oder Kisten helfen beim Aufräumen einmal die Woche. Sollte tatsächlich etwas überflüssig geworden sein, bitte nicht ohne das Kind wegräumen. Das wollen wir ja auch nicht.

Morgenpost: Zur Bescherung möchte jeder etwas schenken. Wird das nicht schnell zu viel?

Katrin Lehner: Man kann Verwandten ein Präsent kaum verwehren, schließlich zeigt es dem Kind ja auch, dass es der Person wichtig ist. Aber natürlich kann man Oma, Opa, Tante oder Onkel vorher mitteilen, was sinnvoll wäre, und sich auch mit mehreren zusammentun. Prinzipiell ist natürlich die Aufmerksamkeit das Größte an den Weihnachtsgeschenken. Die Kinder lieben die Ruhe beim und nach dem Fest am meisten, das Sitzen und Bauen auf dem Boden oder das gemeinsame Spiel.

Katrin Lehner ist Diplom-Pädagogin sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Die 42-Jährige berät in ihrer Praxis in Friedenau aber auch die Eltern. Zusätzlich arbeitet sie mit sehr jungen Familien, Säuglingen und Kleinkindern.