An einer Kleiderstange hängen Federboas im Stil der 1920er-Jahre. Auf einem Regal steht ein altes Transistorradio, das aus den 1950ern stammt. Und an einem Durchgang zwischen zwei Verkaufsräumen fällt der Blick sofort auf ein gerahmtes Cover der Jugendzeitschrift „Bravo“ aus dem Jahr 1965. Es zeigt Terence Hill, dessen blauen Augen einem so vertraut vorkommen. Der blonde Italiener prügelte sich gemeinsam mit seinem 2016 verstorbenen Partner Bud Spencer durch die Filmgeschichte.
Es ist ein buntes Sammelsurium von Artefakten längst vergangener Zeiten. Klaus Andree kann ihnen allen etwas abgewinnen. „Wir sind ziemlich breit aufgestellt“, sagt der Prokurist beim Gang durch das Ladengeschäft an der Charlottenburger Damaschkestraße – und meint damit sowohl die Dekoration als auch die Kleidung, die bei „Retronia“ im Mittelpunkt steht. „Bei uns geht es querbeet durch die Jahrzehnte, von den 1920er- bis zu den 1960er-Jahren.“
Originale sucht man vergebens – dafür gibt es gute Gründe
Andree bietet einen Kaffee an, der natürlich handgemahlen ist. Man merkt, dass es ihm um Stil geht. Authentizität allerdings sei nicht entscheidend. „Wir verkaufen hier keine historischen Waren, sondern neue Mode im Stil vergangener Zeiten“, erzählt er während des Kurbelns. Das hätte zwei Gründe. Zum einen sind alte Kleider oft in einem schlechten Zustand. „Manche lagen Jahrzehnte auf dem Dachboden, sind teils von Motten zerfressen.“ Dazu komme ein ganz praktisches Problem. „Die Konfektionsgrößen sind heute andere.“ Gerade im Herrenbereich, auf den man sich bei „Retronia“ spezialisiert hat, würden bei Originalstücken nur schlanke Herren fündig.

„Retronia“ soll aber allen offenstehen: Kleinen und Großen, Schlacksigen und Untersetzten, Männern und Frauen. Das Angebot reicht von „Workwear“, wie Andree einen rockabillyähnlichen Stil beschreibt, bis hin zur feinen Abendgarderobe für Feiern im Stil der Goldenen Zwanziger wie die immer beliebter werdenden „Bohème Sauvage“-Partys von Else Edelstahl. Die hätten in den vergangenen Jahren mehr Kundschaft zu ihm gebracht als der Medienrummel um die Erfolgsserie „Babylon Berlin“, verrät der Geschäftsführer.
Überhaupt seien es vielfach Verfechter der Vergangenheit, die bei ihm einkaufen. Menschen, die lieber auf dem Retro-Rad sitzen als auf einem E-Bike, die einen Oldtimer einem modernen Automobil vorziehen. Daneben gibt es aber auch ein ganz anderes Klientel: eines, das Wert auf Qualität legt.
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"Fast Fashion" gibt es hier nicht
„Bei uns gibt es keine ‚Fast Fashion‘“, sagt Klaus Andree. Stattdessen setzt man auf Qualitätsware, teilweise made in Germany. Neben einer eigenen Produktlinie mit Hemden, Westen, Pullovern und Mützen, gäbe es auch in Deutschland produzierte Jeans der Marke Blaumann. Viele Jahre schon arbeitet „Retronia“ auch mit dem deutschen Label Pike Brothers, das in Portugal produzieren lässt, oder der britischen Kultmarke Fred Perry zusammen. Aus den USA wiederum bezieht das Geschäft Schuhe von Redwing. „Die werden dort seit 1905 hergestellt, unter guten Bedingungen. Deswegen haben wir uns dafür entschieden, diese mit ins Sortiment aufzunehmen“, so der Prokurist.
Die Qualität sei das entscheidende Merkmal – Andree selbst trägt vor allem Dinge aus seinem Bekleidungsgeschäft, einiges ist bereits mehrere Jahre alt. Und noch immer gut in Schuss. Und sollte sich doch mal ein Loch durch die Hose fressen, so bietet „Retronia“ – zumindest für die Teile, die in dem Geschäft gekauft wurden – auch einen Reparaturservice an.
Neben der Bekleidung ergänzen zahlreiche Accessoires das Angebot. Darunter ist Nützliches wie hochwertige Rasierpinsel, wohlriechender Rasierschaum und praktisch unverwüstliche Rasierhobel. Es gibt aber auch Schönes wie die bereits erwähnten Federboas. „Die bestehen aus echten Straußenfedern, die auch Jahre später noch ihr volles Volumen entfalten“, so Andree. Und es gibt Accessoires, die einfach Spaß machen. Dazu zählen Bücher über das historische Berlin, eine Auswahl von CDs – von Salonmusik bis Rock’n’Roll – und sogar Bastelsets. „Sehen Sie den Zeppelin an der Decke?“, fragt Andree zum Abschied. „Den habe ich zusammengebaut. Nicht perfekt. Aber Spaß hat es allemal gemacht.“ Und genau darum geht es bei den modischen Zeitreisen.
Retronia Damaschkestraße 38, Charlottenburg, Tel. 43 66 48 89, Di.–Fr. 11–18 Uhr, Sbd. 11–16 Uhr, www.retronia.de
Hier gibt es Mode und edle Stoffe in Berlin
- Andreas Murkudis Potsdamer Straße 81, Tiergarten, Tel. 680 79 83 06, Mo.–Sbd. 11–19 Uhr, andreasmurkudis.com
- Esther Perbandt Almstadtstraße 3, Mitte, Tel. 88 53 67 91, Di.–Fr. 10–19 Uhr, Sbd. 12–18 Uhr, www.estherperbandt.com
- Darklands Lindower Straße 22, Wedding, Mo., Fr., Sbd. 11–18 Uhr, www.darklandsberlin.com
- Konk Kleine Hamburger Str. 15, Mitte, Tel. 28 09 78 39, Mo.–Fr. 12–19 Uhr, Sbd. 12–18 Uhr, www.konk-berlin.de
- Lala Berlin Alte Schönhauser Straße 3, Mitte, Tel. 20 09 53 63, Mo.–Sbd. 11–19 Uhr, www.lalaberlin.com
- Marcel Ostertag Store Schlüterstraße 12, Charlottenburg, Tel. 0173–539 75 65, Mo.–Sbd. 10–19 Uhr, www.marcelostertag.com
- Odeeh Store Potsdamer Straße 81a, Haus J, Tiergarten, Tel. 26 39 11 59, Mi.–Sbd. 12–18 Uhr, www.odeeh.com
- Sabrina Dehoff Auguststraße 26a, Mitte, Tel. 97 00 41 60, Mo.–Sbd. 12–19 Uhr, www.sabrinadehoff.com
- Herr von Eden Alte Schönhauser Straße 14, Mitte, Mo.–Sbd. 12–18 Uhr, Tel. 288 743 54, www.herrvoneden.com


