Kriminalstatistik

Jugendkriminalität geht in Berlin weiter zurück

Gute Nachrichten: Jugendliche schlagen in Berlin seltener zu. Die Zahl der tatverdächtigen Kinder bis 14 Jahre lag 2013 bei 4345. 2010 waren es noch 5360. Das liegt auch an der Arbeit der Polizei.

Foto: MARTIN RUETSCHI / KEYSTONE

Die Elsa-Brandström-Straße in Pankow vor eineinhalb Wochen: Nach einer Pöbelei wollen Polizisten die Personalien einiger Jugendlicher aufnehmen. Daraufhin prügeln ein 13-jähriges Mädchen und ein 14-jähriger Junge unvermittelt los. Die Beamten müssen ins Krankenhaus. Ende März am S-Bahnhof Schöneberg: Zwei Mädchen, zwölf und 15 Jahre alt, schlagen derart auf eine Frau und einen Polizisten ein, dass beide ebenfalls in die Notfallaufnahme müssen. Und der grausame Fall des Jonny K.: Im Oktober 2012 treten sechs mittlerweile verurteilte Jugendliche am Alexanderplatz auf den 20-Jährigen ein und prügeln ihn zu Tode. In der Öffentlichkeit verfestigt sich der Eindruck, dass Kinder und Jugendliche immer häufiger um sich schlagen.

Tatsächlich aber – und das scheint zu den Vorfällen nicht zu passen – sinkt die Jugendkriminalität seit Jahren. Laut Kriminalstatistik ging die Zahl der tatverdächtigen Kinder bis 14 Jahre von 5360 im Jahr 2010 auf 4345 im vergangenen Jahr zurück. Auch bei Jugendlichen und Heranwachsenden ist der Rückgang deutlich: 2010 waren es 23.454. Im vergangenen Jahr zählte die Polizei 19.436 Tatverdächtige zwischen 14 und 21 Jahren – ein Rückgang von 17 Prozent in drei Jahren. Auch prozentual betrachtet sinkt die Jugendkriminalität. 2009 führte die Polizei 8,4 Prozent aller Acht- bis 21-Jährigen als Tatverdächtige. 2012 waren es 6,9 Prozent. Studien des Kriminologischen Forschungsinstitutes Niedersachsen bestätigen den Befund. Die Wissenschaftler befragten Jugendliche wiederholt nach ihren Gewalterfahrungen. Das Ergebnis: Jugendliche schlagen nicht häufiger, sondern seltener zu.

Corinna Sassenroth spürt das. Die Jugendrichterin hat seit Anfang 2012 zehn Kollegen weniger. Das klingt nach Sparmaßnahme. Doch die Juristen wurden versetzt, weil sie weniger zu tun hatten. „Seit die Kollegen weg sind, haben die einzelnen Richter wieder mehr zu tun. Aber wir kommen zurecht“, sagt Sassenroth. Tatsächlich hatten sie und ihre Kollegen beim Jugend- und Jugendschöffengericht im Jahr 2010 noch fast 13.000 Fälle zu erledigen. 2013 gingen weniger als 10.000 Verfahren ein.

Neuköllner Modell macht Schule

Woran das liegt? „Polizei und Justiz haben gegen die Jugendkriminalität viel gemacht“, sagt Sassenroth. Dazu gehörten Präventionsmaßnahmen der Polizei – und bei der Justiz unter anderem das von der 2010 verstorbenen Jugendrichterin Kirsten Heisig eingeführte „Neuköllner Modell“. Dabei landen Jugendliche, die am Anfang einer kriminellen Karriere stehen, dank eines „vereinfachten Verfahrens“ im Idealfall wenige Wochen nach einer Tat vor dem Jugendrichter. Die Idee: Kleine Schläger sollen sich im Kiez nicht monatelang als Straßengangster inszenieren, sondern sofort spüren, dass der Staat Grenzüberschreitungen nicht duldet. „Wenn sie wenige Wochen nach der Tat in der Arrestanstalt sitzen, spricht sich das herum und wirkt abschreckend“, sagt Jugendrichterin Sassenroth. Kriminelle Karrieren könnten dadurch frühzeitig gestoppt werden. Ein durchschnittliches Verfahren dauere bei Jugendgerichten zweieinhalb Monate. „Oft schaffe ich es auch in zwei bis drei Wochen“, sagt Sassenroth.

Wer die Regeln verletzt, muss eine schnelle Reaktion spüren – dieses Ziel verfolgt auch die in Berlin seit 1999 immer häufiger genutzte „Diversion“. Staatsanwälte können dabei ein Ermittlungsverfahren einstellen und somit abkürzen – vorausgesetzt, der Jugendliche oder Heranwachsende nimmt an einer „erzieherischen Maßnahme“ teil. Dabei müssen selbst ernannte Straßenkämpfer beispielsweise ein Anti-Gewalt-Training absolvieren oder mit ihrem Opfer eine Wiedergutmachung vereinbaren. Ist das nicht Kuschelpädagogik? Jugendrichterin Sassenroth widerspricht: „Jugendliche müssen nicht nur irgendeine Konsequenz spüren. Um Einsicht zu entwickeln, müssen sie sich auch mit den Folgen ihrer Tat auseinandersetzen.“

Zahl der Intensivtäter sinkt in Berlin

Für wirklich schwere Fälle sind „Diversion“ oder „Neuköllner Modell“ ungeeignet. Die zu erwartenden Strafen sind zu hoch, der Sachverhalt erfordert – etwa nach einer schweren Körperverletzung – meist eine langwierige Beweisaufnahme. Wer mit solchen Delikten immer wieder auffällig wird, bekommt es mit Rudolf Hausmann zu tun. Der Staatsanwalt leitet die 2003 gegründete Intensivtäterabteilung – und ist zuständig für die drei bis fünf Prozent, die fast die Hälfte aller Straftaten der Altersgruppe verüben. Wenn Hausmann über seine Arbeit spricht, ist auch bei ihm ein gewisser Stolz nicht zu überhören. Auch er und seine Kollegen können es als Erfolg verbuchen, dass die Zahl der Intensivtäter sinkt. So lag die Zahl der staatsanwaltschaftlich erfassten Intensivtäter – das sind Jugendliche und Heranwachsende mit mehr als zehn schwerwiegenden Vergehen in einem Jahr – im Juni 2013 noch bei 520. Heute sind es nur 484. Auch in den Jahren zuvor waren die Zahlen gesunken. Ein möglicher Grund: das Konzept der „täterorientierten Ermittlungsarbeit“. Statt Fälle wegen einer anderen örtlichen Zuständigkeit abzugeben, behalten Polizisten und Staatsanwälte „ihre Kunden“ im Blick. „Durch die Bündelung können wir Tatverdächtige schnell vor Gericht bringen“, sagt Hausmann. „Damit waren wir in Berlin ganz weit vorn.“


„Wir haben im Umgang mit der Jugendkriminalität gute Mittel gefunden“, sagt Oliver Heide, stellvertretender Sachgebietsleiter bei der polizeilichen Präventionsstelle. Die Frage, wie Beamte mit kriminellen Jugendlichen fernab klassischer Polizeiarbeit umgehen sollten, beschäftigte die Behörde schon Anfang der 90er-Jahre, als Jugendgangs die Straßen unsicher machten. 2003 führte der damalige Polizeipräsident Dieter Glietsch ein Präventionskonzept mit Beauftragten für jeden Abschnitt ein. Mittlerweile ist die Zusammenarbeit mit Sozialpädagogen und Lehrern normal. Im Sport-Projekt „Kick“ zeigen Beamte auffälligen Jugendlichen, wie sie ihre Freizeit gestalten können, ohne andere zu verprügeln.