Berliner Morgenpost: Wie beurteilen Sie die Situation von Menschen mit Behinderungen am Berliner Arbeitsmarkt?

Mario Czaja: Von den rund 400.000 Schwerbehinderten in Berlin ist deutlich weniger als die Hälfte im erwerbsfähigen Alter. Bundesweit haben wir in Berlin die höchste Beschäftigungsquote von Menschen mit Behinderung. Leider ist die Arbeitslosigkeit unter den erwerbsfähigen Schwerbehinderten aber nach wie vor höher als bei Menschen ohne Behinderung. Sie finden schwerer einen Arbeitsplatz. Weil das so ist, gibt es eine gesetzlich vorgeschriebene Beschäftigungsquote von schwerbehinderten Menschen für Arbeitgeber mit mehr als 20 Arbeitsplätzen. Diese liegt bei fünf Prozent. Nach aktuellen Erhebungen haben im Jahr 2012 rund 56.000 schwerbehinderte Menschen in Berlin bei diesen Arbeitgebern gearbeitet. Das sind erfreulicherweise rund 3800 mehr als im Vorjahr. Allerdings profitieren immer noch insbesondere ältere Menschen mit einer Schwerbehinderung zu wenig vom wirtschaftlichen Aufschwung.

Was tut der Senat, um behinderten Menschen die volle Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen?

Der Senat ist mit vielen Maßnahmen aktiv, um die Teilhabe von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Lassen Sie mich auf zwei Projekte eingehen. Schon durch das Landesprogramm Schwerbehinderten-Joboffensive 2010 ist es uns gelungen, 300 Arbeits- und rund 80 Ausbildungsplätze für schwerbehinderte Menschen schaffen. Seit Anfang 2012 setzen wir das Bundesarbeitsmarktprogramm „Initiative Inklusion“ in Berlin um – mit einem Finanzvolumen von 4,5 Millionen Euro. Wir waren hier sehr schnell, denn wir haben als erstes Bundesland die Finanzmittel in konkrete Projekte umgesetzt. Über dieses Programm erhalten schwerbehinderte Schülerinnen und Schüler eine Berufsorientierung. Außerdem werden Ausbildungsplätze sowie Arbeitsplätze für ältere schwerbehinderte Menschen gefördert.

Welche wichtigen Aufgaben bei Fragen der Inklusion sehen Sie in der Zukunft?

Inklusion bedeutet, Menschen mit Behinderung den gleichen Zugang zur gesellschaftlichen Teilhabe zu ermöglichen wie Menschen ohne Behinderung. Dies ist eine gesamtgesellschaftliche und ressortübergreifende Aufgabe. Sie spielt in alle unsere Lebensbereiche hinein. Sie betrifft die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel ebenso wie barrierefreie Schulen oder die Teilhabe am Arbeitsmarkt. Wir haben die Aufgabe, diese Maßnahmen zu verbinden. Daher haben wir unter anderem das Deutsche Institut für Menschenrechte mit einer Prüfung von Berliner Rechtsvorschriften beauftragt. Erste Ergebnisse liegen vor und werden mit den anderen Senatsverwaltungen besprochen. Ziel ist es, Rechtsvorschriften des Landes Berlin im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention zu ändern.

Wie engagiert ist – aus Ihrer Sicht als Politiker – die Berliner Wirtschaft beim Thema Inklusion?

Die Berliner Wirtschaft engagiert sich in vielen alltäglichen Bereichen für die Belange schwerbehinderter Menschen und arbeitet dabei auch gut mit Werkstätten und Integrationsfirmen zusammen. In Berlin entwickeln Betriebe auch innovative Produkte, die Schwerbehinderten die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben erleichtern. Das ist ein Verdienst unseres Clusters Gesundheitswirtschaft. Das Thema Inklusion liegt aber auch im Interesse der Berliner Wirtschaft selbst. Uns berichten insbesondere Bewerber um den Berliner Inklusionspreis immer wieder, dass Beschäftigte mit Behinderung hochmotivierte Mitarbeiter sind. Dabei freut es mich besonders, wenn kleine und mittelständische Unternehmen in diesem Bereich aktiv werden.