TV-Kritik

„Jenke-Experiment“ im Rollstuhl – Fünf Tage ohne Beine

Wie fühlt sich das eigentlich an? Der Journalist Jenke von Wilmsdorff hält für RTL regelmäßig den eigenen Körper hin, um diese Frage zu beantworten. Diesmal ging es um Behinderung.

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Kann man ihn mit Günther Wallraff vergleichen? Mit dem Mann, der sich zum Türken Ali Levent oder zum Schwarzafrikaner Kwami Ogonno umschminken ließ, um von deutschen Sitten und Gebräuchen aus der Sicht der Minderheit zu erzählen? Es gibt einen Moment in dieser Folge des „Jenke-Experiments“ am Montagabend, in dem man auf diese Idee kommen kann.

Da hat sich Jenke von Wilmsdorff gerade von seinen ächzenden Kameraleuten eine enge Treppe hinaufschleppen lassen. Er kann nicht einfach selbst hinaufspazieren.

Das Experiment besteht nämlich darin, dass er sich für fünf Tage sehr unbequeme Schienen an die Beine montieren lässt, die ihn am Gehen hindern und an den Rollstuhl fesseln. Er will wissen, wie sich das anfühlt: im Rollstuhl sitzen, so wie derzeit 1,5 Millionen andere Deutsche auch.

Undercover am Bahnhof

Er möchte erfahren, wie es ist, wenn man als Rollstuhlfahrer zum Beispiel eine spontane Reise mit dem Zug unternehmen will. Damit man ihn am Bahnhof nicht erkennt, besucht er erst eine Maskenbildnerin - deshalb der Kraftakt auf der Treppe. Ein paar Zeitrafferbilder später sitzt ein komplett anderer Mann vor uns, mit dunklem Bart und mit Basecap, professionell verkleidet wie Günther Wallraff in seinen ungezählten Rollen.

Jenke von Wilmsdorff tut so etwas nicht zum ersten Mal, aber mit wachsendem Erfolg. Er ist für seinen Haussender RTL schon oft in fremde Rollen geschlüpft. Das war zuerst nur eine Rubrik in Birgit Schrowanges Sendung „Extra - Das RTL-Magazin“. Dort sahen wir ihn unter anderem auf einem afrikanischen Flüchtlingsboot nach Lampedusa fahren.

2013 lief die Sendung dann in vier Folgen als eigenständiges Format und erzielte bemerkenswerte Quoten. Erst vergangene Woche konnte er erneut an diese Zuschauererfolge anschließen: In der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen holte er einen Marktanteil von 18,5 Prozent - insgesamt 2,2 Millionen Menschen wollten ihm dabei zusehen, wie er sich fünf Tage lang bekiffte. Wie kommt solcher Erfolg zustande?

„Dann ist es unmöglich“

Nach erfolgreicher Verkleidung fährt von Wilmsdorff zu verschiedenen Kölner Bahnhöfen. Er erfährt, dass etwa in Deutz gerade mal ein einziges Gleis mit einem Fahrstuhl erreichbar ist. Bei allen anderen wäre er auf starke Helfer angewiesen, die den 80 Kilo schweren Mann mitsamt dem 20 Kilo schweren Rollstuhl eine steile Treppe hinaufschleppen. Ob er denn ein bestimmtes Gleis überhaupt nicht erreichen könne, fragt er einen Mitarbeiter der Bahn. Ob das unmöglich sei. Der empfiehlt ihm, doch einfach Rolltreppe zu benutzen, „wenn sie denn funktioniert“. „Das kann ich nicht“, sagt von Wilmsdorff. „Dann ist es unmöglich“, lautet die Antwort.

Das Experiment ist an diesen Stellen am stärksten: Wenn wir etwas über die Barriere und Hindernisse lernen, die körperlich Behinderte hierzulande Tag für Tag in Kauf nehmen. Das müssen gar keine riesigen Treppen an Bahnhöfen sein. Manchmal reicht eine Bürgersteigkante oder eine kleine Anhöhe. Jenke von Wilmsdorff setzt einen interessanten Punkt, als er sich minutenlang einen Hügel hinauf quält. Hätte er es doch bloß dabei belassen.

Tragische Streichermusik

Aber er möchte noch mehr erzählen. Anders als bei Wallraff besteht die Methode nicht nur darin, das Leben undercover nur aus Betroffenensicht zu schildern. Von Wilmsdorff gibt sich auch als Journalist zu erkennen, besucht Behinderte und lässt sich aus deren Leben erzählen. Im Fall der 25 Jahre alten Rollstuhlfahrerin Carolin Fischer oder des zehnjährigen, ohne Beine geborenen Theo ergibt das noch Sinn, auch wenn die musikalische Tonspur - tragische Streicher wechseln mit positiven Motivationsbeats - die Kitschgrenze oft meilenweit hinter sich lässt. Was aber haben die beiden BIID-Patienten in der Sendung verloren?

Reise nach Australien

„Body Integrity Identity Disorder (BIID) nennt man den sehnlichen Wunsch von Menschen, ihren Körper zu verändern. In diesem Fall: sich ein Bein amputieren zu lassen, weil es als Fremdkörper empfunden wird. Es gibt nicht viele solcher Patienten, etwa 5000 bis 6000 sind es weltweit. Von Wilmsdorff nimmt große Mühen auf sich, um sie zu finden. Er trifft den Schweizer Elektroniker Jonas, der sich eines seiner Beine schon einmal für sieben Stunden abbindet und den Australier David, der eines seiner Beine in Trockeneis abgetötet hat.

Kein Zweifel: Sie sind ernstzunehmend erkrankt. Aber sie gehören eindeutig in eine andere Sendung. Über die Ursachen von BIID wird wissenschaftlich diskutiert: Mal wird es neurologisch mit der Veränderung bestimmter Hirnregionen, mal entwicklungspsychologisch erklärt. Mit der angeborenen oder unfallverursachten Unfähigkeit zu laufen hat es nichts zu tun. Und so blieb am Montagabend der Verdacht, hier solle bloß ein abnormes Extrem, eine sensationelle Kuriosität ausgestellt werden. Nur weil sie ja auch irgendwie mit den Beinen zu tun hat. Damit hat von Wilmsdorff niemandem einen Gefallen getan, seiner Sendung schon gar nicht.