185.328 Bürger haben für das Volksbegehren gegen die Bebauung des Tempelhofer Feldes unterschrieben. Das Vorhaben, am Rande des Feldes preisgünstige Mietwohnungen, eine Landesbibliothek sowie in einigen Bereichen Gewerbe- und Sportflächen zu schaffen, kommt offenbar bei vielen Menschen nicht gut an. Wenig überraschend ist die Ablehnung besonders in den angrenzenden Bezirken Friedrichshain-Kreuzberg, Tempelhof-Schöneberg und Neukölln am größten, mehr als 15 Prozent der Stimmberechtigten haben hier jeweils das Volksbegehren der Initiative „100 % Tempelhof“ unterstützt. Das Misstrauen gegenüber den Bauplänen haben sich die verantwortlichen Politiker jedoch in weiten Teilen selbst zuzuschreiben.

Weil der damalige rot-rote Senat zum Zeitpunkt der umstrittenen Schließung des Flughafen Tempelhofs 2008 noch keinerlei Zukunfts-Ideen für das riesige Areal in bester Innenstadtlage präsentieren konnte, wuchs bei den Bürgern schnell die Angst, dass es privaten Investoren überlassen werden sollte.

Solche Befürchtungen erhielten immer neue Nahrung, weil die Fläche hinter dem hohen Stacheldrahtzaun verschlossen blieb, zugleich aber potenzielle Investoren wie etwa der US-Unternehmer Ronald Lauder durch die Stadt tingelten und ihre Pläne präsentierten. Der Kosmetik-Erbe etwa wollte mit 350 Millionen Euro den Flughafen Tempelhof zur Klinik mit Flugbetrieb umbauen. Die Idee wurde zwar schnell verworfen, doch Angebote wie das des Studios Babelsberg, auf einem Teil des Geländes – vor allem in den Hangars – einen neuen Filmstandort zu etablieren, nannte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit zumindest „sehr interessant“. Dabei ging es auch darum, auf Teilen des Feldes Ateliers zu errichten.

Tempelhofer Feld seit 2010 geöffnet

Noch bevor die Fläche dann nach heftigen Protesten im Mai 2010 geöffnet wurde, präsentierte die damalige Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) bereits erste Pläne für eine internationale Gartenausstellung 2017 in Tempelhof. Insbesondere in den umliegenden Wohngebieten war das Entsetzen groß, als bekannt wurde, dass der Eintritt 16 Euro kosten sollte. Moderne Schmuckbeete und Staudengärten, Spielwiesen und Picknickflächen waren jedoch nicht das, was den Berlinern vorschwebte. Sie wollten die einmalige Weite des Wiesenmeers erhalten – und das ohne Eintrittspreis.

Auch ein Ideenwettbewerb „Tempelhofer Feld – Columbiaquartier“, den die Senatorin 2009 noch vor der öffentlichen Bürgerbeteiligung startete, kam nicht gut an. Unter das finale Dutzend schafften es auch Ideen wie die, am Columbiadamm ein Vergnügungsviertel entstehen zu lassen – mit Straßenstrich, Bars und Sex-Museum. Eine Jury, zu der auch Senatsbaudirektorin Regula Lüscher gehörte, hatte diesen Entwurf und elf weitere aus 78 Vorschlägen ausgewählt. Die Idee eines künstlichen, 1000 Meter hohen Gebirges für den Flughafen Tempelhof, die der Architekt Jakob Tigges eingereicht hatte, wurde zwar verworfen. Doch bei vielen Besuchern der Ausstellung verfestigte sich offenbar der Eindruck, dass es dem Senat vor allem darum ging, das Wiesenmeer so schnell wie möglich zu erschließen.

Senator Müller will Wohnraum für Normalverdiener schaffen

Angesichts dieser Vorgeschichte kann es nicht verwundern, dass dem im September 2013 präsentierten Masterplan für die Bebauung des Tempelhofer Feldes, den Junge-Reyers Amtsnachfolger und Parteifreund Michael Müller vorgelegt hat, so wenig Vertrauen geschenkt wird. Die IGA 2017 ist zwar inzwischen vom Tisch und wird nun in Marzahn stattfinden. Und angesichts der Wohnungsnot in Berlin können auch die Baupläne, die insgesamt nur 50 Hektar des Areals betreffen, als überschaubar gelten.

Ab 2016 sollen nach den Plänen des Senators zunächst 1700 Wohnungen entlang des Tempelhofer Damms errichtet werden. Mindestens die Hälfte davon soll zu Mieten von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter vergeben werden. „Es geht uns nicht um Luxusbebauung. Wir wollen Häuser bauen, in denen Normalverdiener zum Zuge kommen“, wiederholt Müller seitdem gebetsmühlenartig. Mit den Chefs der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften Degewo und der Stadt und Land sowie der Baugenossenschaft Ideal hat Müller dafür Verträge unterzeichnet. Zeitlich gestaffelt sollen später auch am Süd- und am Ostrand des Feldes neue Häuser gebaut werden. Insgesamt sollen so 4700 Wohnungen entstehen. Eine etwa 230 Hektar große Freifläche – das entspricht etwa vier Fünfteln des Feldes – in der Mitte werde für Erholung, Freizeit und Sport bestehen bleiben, betonte Müller. Das Quartier am Columbiadamm ist zudem in den Planungen nicht mehr enthalten.

Gerhard Steindorf, Geschäftsführer der vom Land Berlin für die Gesamtentwicklung verantwortlichen Tempelhof Projekt GmbH, macht jedoch auch die Initiative „100 % Tempelhof“ für die Anti-Stimmung verantwortlich. „Die Bürgerinitiative hat wiederholt behauptet, dass das gesamte Tempelhofer Feld bebaut werden solle, unter anderem mit Luxuswohnungen“, so Steindorf.

Neben guten Argumenten der Initiative gegen die Pläne des Senats, sieht Julius Dahms von der Initiative „100 % Tempelhof“ jedoch auch ein generell wachsendes Interesse der Bevölkerung, über Bauplanungen nicht nur informiert zu werden, sondern diese auch mitgestalten zu können. „Ich glaube, durch Großprojekte wie Stuttgart 21 oder den Flughafen BER gibt es ein grundsätzliches Bedürfnis, der Politik genauer auf die Finger zu schauen und mitreden zu wollen. Die Bürger vertrauen nicht mehr blind“, so Dahms.

Grüne sehen erfolgreiches Volksbegehren als Chance

Die Grünen-Vorsitzenden Bettina Jarasch und Daniel Wesener werten den Erfolg für das Volksbegehren als Chance, dass beide Seiten von ihren Maximalpositionen abrücken. Zwischen den „überdimensionierten Bauplänen“ von Senator Müller und der Nulllösung der Initiative gebe es einen dritten Weg. Es sei möglich, noch mehr Freifläche zu sichern und trotzdem bezahlbaren Wohnraum für einkommensschwache Mieter zu schaffen, argumentieren Jarasch und Wesener. „Deshalb sagen wir zweimal Nein: Nein zur Null-Lösung der Initiative – Nein zu Müllers Masterplänen.“

Und auch der Koalitionspartner CDU sieht die Pläne des Senators angesichts des erfolgreichen Volksbegehrens zunehmend kritisch. So fordert der stadtentwicklungspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Stefan Evers, zunächst, „dass vor dem Volksentscheid keine vollendeten Tatsachen durch den Senat geschaffen werden“. Weitere Planungen könnten nur dann erfolgreich sein, wenn der Bürgerbeteiligung breiter Raum gegeben werde. „Wir setzen uns dafür ein, dass die Planungen weiter mit intensiver Bürgerbeteiligung erfolgen“, so Evers.

Unterstützung für den Senator gab es am Dienstag von Christian Wiesenhütter, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin: „Von der Möglichkeit, am Rand einer derartig großen Fläche bezahlbare Wohnungen errichten zu können und trotzdem den Erhalt von Grün- und Freizeitflächen gewährleisten zu können, können andere Städte nur träumen.“ Die IHK werde sich dafür einsetzen, dass dies kein Traum bleibe.