Neugestaltung

Senator Müller will freie Mitte auf Tempelhofer Feld

Auf dem Tempelhofer Feld sind Wohnungen geplant. Die Morgenpost sprach mit Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) über die Chancen, eine große Grünfläche zu erhalten und über künftige Mieten.

Foto: Amin Akhtar

Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) schaut vom Dach der feuerroten Info-Säule auf das grüne Wiesenmeer, das sich unter ihm erstreckt. „Bis dorthin werden Wohnhäuser entstehen, hierhin kommt der Bibliotheksneubau“, sagt der Senator und deutet auf die Rasenfläche, die unmittelbar an den Tempelhofer Damm grenzt und sich bis zum alten Flughafengebäude erstreckt.

Nur um sofort zu ergänzen, dass die große Mitte des Tempelhofer Feldes selbstverständlich unangetastet bleibt. Müllers Pläne sind nicht unumstritten. Seit Jahren wird darum gerungen, wie mit der Fläche des ehemaligen Flugfeldes umgegangen werden soll. Erst vor einer Woche startete die zweite Phase des Volksbegehrens gegen die geplante Bebauung des riesigen Feldes. Nach den Vorstellungen des Senats sollen landeseigene Wohnungsbaugesellschaften an den Rändern des früheren Flughafenareals ab 2016 zunächst rund 1700 Wohnungen bauen, weitere 3000 sollen folgen, um die Wohnungsnot zu lindern.

Berliner Morgenpost: Herr Müller, gefällt Ihnen die Weitsicht über das Tempelhofer Feld?

Michael Müller: Allerdings, deshalb werden wir auch alles dafür tun, damit die enorme Freifläche mit rund 230 Hektar erhalten bleibt.

Viele Anwohner misstrauen Ihnen und befürchten, dass die Randbebauung nur der erste Schritt ist.

Ich habe durchaus Verständnis für diese Sorgen, schließlich wurden kurz nach der Schließung des Flughafens 2008 die verschiedensten Vorstellungen öffentlich diskutiert. Darunter auch absurde Ideen, die eine weitgehende Bebauung des Areals forderten. So etwas hinterlässt natürlich Spuren…

Und wie wollen Sie dieses Misstrauen zerstreuen?

Noch lässt der Flächennutzungsplan es tatsächlich zu, dass große Flächen des Feldes bebaut werden könnten. Deshalb schlage ich jetzt dem Abgeordnetenhaus eine Änderung des FNP vor, um den rechtlichen Status der 230 Hektar Grünfläche so zu gestalten, dass auch in späteren Legislaturperioden eine Bebauung genauso undenkbar ist wie die des Großen Tiergartens. Für mich ist klar: Die Mitte des Tempelhofer Feldes bleibt frei!

Wäre es als vertrauensbildende Maßnahme nicht gut gewesen, den Ausgang des Volksbegehrens abzuwarten?

Es ist richtig, ich treibe die Planung für den Wohnungsbau voran. Da muss es jetzt auch losgehen. Angesichts eines prognostizierten Zuzugs von etwa 250.000 Menschen nach Berlin in den kommenden 15 Jahren stehen wir zeitlich enorm unter Druck. Wir müssen so schnell wie möglich diese vielen Menschen mit Wohnraum versorgen, bis zu 10.000 Wohnungen brauchen wir dafür. Und Wohnungsbau braucht nun einmal einen langen planerischen Vorlauf. Ich garantiere Ihnen aber sehr gerne, dass kein Bagger anrollen wird, solange das Volksbegehren läuft. Die Planungen aber voranzutreiben, anstatt die Hände in den Schoß zu legen, das muss mindestens erlaubt sein.

Und werden Sie die Pläne in der Schublade lassen, wenn das Volksbegehren die erforderliche Zustimmung erhält?

Mir ist klar, dass bei manchen Anwohnern, auch im weiteren Umfeld des Tempelhofer Feldes, das Motto gilt: Alles soll so bleiben, wie es ist. Das ist in jeder Hinsicht Stillstand und nicht im gesamtstädtischen Interesse. Bei einem Volksbegehren sind alle Berliner gefragt. Und den weitaus meisten Menschen in unserer Stadt ist klar, dass der Bedarf nach neuen Wohnungen nicht allein in den Trendvierteln in Mitte und Prenzlauer Berg gedeckt werden kann.

Das stimmt. Warum aber ausgerechnet auf diesem Areal?

Es braucht Wohnungen, doch nicht nur am Rand des Tempelhofer Felds, sondern überall. Wir bauen auch in Reinickendorf, in Lichtenberg, in Spandau, in Moabit an der Heidestraße oder auf der Park Range in Lichterfelde. Zudem verdichten wir nach, in Baulücken gerade auch in den zentralen Bezirken. Insgesamt haben wir im Stadtentwicklungsplan Wohnen im gesamten Stadtgebiet Potenziale für 200.000 Neubauwohnungen ausgewiesen. Überall dort werden die planerischen Voraussetzungen geschaffen, damit tatsächlich gebaut werden kann. Und auch dort wird den Anwohnern zugemutet, dass lieb gewonnene Freiräume bebaut werden. In Tempelhof haben wir doch sogar das Glück, dass die Freifläche so riesig ist, dass die Weite durch eine Randbebauung in keiner Weise beeinträchtigt wird und dass alle Freizeitnutzungen auch künftig dort möglich sein werden. Wie soll ich den Menschen in anderen Teilen der Stadt erklären, warum wir ausgerechnet da nicht bauen wollen? Es gibt fast immer irgendjemanden, der sagt, hier nicht. Da ist es doch gerade meine Aufgabe, die ganze Stadt im Blick zu behalten.

Die Opposition, insbesondere die Grünen, lehnen Ihre Planungen auch aus anderen Gründen ab. Sie befürchten, dass dort viele Luxus-Wohnungen entstehen. Was entgegnen Sie?

Dass das absoluter Quatsch ist. Genau um das zu verhindern, haben wir ja unsere eigenen kommunalen Wohnungsbaugesellschaften und Baugenossenschaften mit den Projekten beauftragt. Wir haben mit ihnen Vereinbarungen getroffen, wonach mindestens die Hälfte der neuen Wohnungen für Mieten von sechs bis acht Euro pro Quadratmeter vermietet werden sollen. Vergeben werden sollen diese Wohnungen zudem an Menschen mit Wohnberechtigungsschein. Was das mit Luxus zu tun haben soll, müssen mir die Grünen mal erklären …

Die Hälfte der neuen Wohnungen können dann doch aber zu anderen Konditionen vergeben werden?

Ja, aber auch dort geht es nicht um Luxus, sondern um einen angemessenen Marktpreis, schließlich müssen die Baukosten abgedeckt werden. Und Neubau ist nun einmal teuer.

Die Grünen kritisieren, dass die Verkaufserlöse für die Bauflächen die Sanierung des Flughafengebäudes decken sollen. Das verteuert die Baukosten und damit später die Mieten.

Richtig ist, die Wohnungsbaugesellschaften bekommen die Grundstücke nicht geschenkt, sondern zum Verkehrswert. Der wird gerade von externen Gutachtern ermittelt. Wir brauchen aber die Einnahmen im Wesentlichen, um die Erschließung des Baugeländes zu finanzieren. Es gibt ja derzeit dort weder Leitungen für Wasser, Strom oder Gas. Wir brauchen Erschließungsstraßen. Doch all das führt ja nicht automatisch zu Luxus-Wohnungen.

Warum verzichten Sie nicht auf den kostspieligen Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek auf dem Feld und fördern stattdessen den Bau preiswerter Wohnungen?

Es gibt viele gute Argumente für diese Zentral- und Landesbibliothek und außerdem einen Koalitionsbeschluss dazu.

Den gibt es aber auch zur Förderung von Wohnungen. Für die sind im Landeshaushalt aber, anders als für die Bibliothek, 2014 gar keine Mittel eingeplant und für 2015 auch nur zehn Millionen ...

… weil das Geld ja auch erst dann da sein muss, wenn auch viel gebaut wird. Wir könnten gerne auch 2014 schon starten, aber für spätestens 2015 bis dann 2019 werden insgesamt 320 Millionen Euro bereitgestellt werden. Der Bau der Wohnungen am Tempelhofer Feld wird den Landeshaushalt erst mal nicht belasten, weil die Wohnungsbaugesellschaften die Errichtung aus eigenen Mitteln und mit einer entsprechenden Mietspreizung finanzieren. Wenn die ersten Wohnungen dann in vier Jahren bezugsfertig sind, ist zusätzlich die Förderung da, mit der Mieten auch für kleine Einkommen ab sechs Euro pro Quadratmeter im Neubau angeboten werden können.