Kreative junge Leute blicken auf ihre Apple-Rechner. Hinter den wandhohen Glasscheiben dehnt sich tief unten die Weite des Tempelhofer Feldes, ganz hinten verschwimmt Neukölln im Winter-Dunst. Die Digitalagentur Exozet bastelt hier seit zweieinhalb Monaten mit 120 Mitarbeitern an Internetportalen oder digitalen Spielen wie den Siedlern von Catan. In den lichten Räumen in der siebten Etage über den Hangars ist die Zukunft von Tempelhof zu besichtigen.
Die neuen Räume der aus der Friedrichshainer Oberbaum-City nach Tempelhof gewechselten Agentur zeigt Gerhard Steindorf gern vor, wenn er die Fortschritte in Tempelhof demonstrieren will. Als Chef der landeseigenen Tempelhof Projekt GmbH hat der frühere Immobilienentwickler des Technologieparks Adlershof einen undankbaren Job. Denn Steindorf ist nicht nur für das größte Gebäude Europas zuständig, sondern auch für die Bauprojekte, die der Senat am Rande des riesigen Rollfeldes in drei bis vier Teilprojekten plant.
Ob die Bürger das möchten, dürfte sich im Mai bei einer Volksabstimmung entscheiden. Bis diesen Montag (27. Januar) haben die Verantwortlichen in den Bezirken Zeit, die Zahl der gültigen Stimmen auf den Listen zu ermitteln und der Landeswahlleiterin mitzuteilen. Sie wird das endgültige Ergebnis voraussichtlich am morgigen 28. Januar offiziell verkünden.
Kaum jemand zweifelt daran, dass die Hürde von 172.000 gültigen Unterstützern genommen wurde. Für die Gegner jeder Bebauung auf dem Feld muss der freundliche Herr mit der hohen Stirn ein wichtiger Feind sein.
Verfehlte Kommunikation der Bebauungsvorschläge
Die Rücksicht auf seine Gesellschafter im Senat und seine Aufsichtsräte aus der Stadtentwicklungsverwaltung gebietet es dem Manager, seine Worte zu wägen. Aber zwischen den Zeilen wird immer wieder deutlich, dass auch Steindorf die Diskussion und Kommunikation zum Thema Tempelhof als nicht in jedem Fall gelungen empfindet. So hätte man, um den Argwohn vieler Bebauungsgegner zu vertreiben, schon lange die 230 Hektar Wiesenfläche in der Mitte des Feldes rechtlich unter Schutz stellen können. So machen trotz Versicherungen des Stadtentwicklungssenators Michael Müller (SPD) in Kreisen der Bürgerinitiative immer wieder Gerüchte die Runde, statt Wiesenmeer seien dort Townhouses für Besserverdiener geplant. „Völliger Quatsch“, sagt Steindorf dazu.
Auch die inzwischen weitgehend auf Eis gelegten Planungen für einen 60 Millionen Euro teuren Park, die nach Protesten in der Koalition nach Marzahn verlegte Idee einer internationalen Gartenschau, die nicht mehr verfolgte Vision einer Internationalen Bauausstellung, die jüngsten Aussagen, Wohnen auf dem Feld müsse vor allem billig sein, all diese sich widersprechenden Aussagen sorgten für Verwirrung und Argwohn nicht nur bei Anwohnern. Hinzu kommen Einlassungen der Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU), die Tempelhof zu einer Stadt der Zukunft, einer Smart City, entwickeln wollte. Das Wasserbecken, das zuerst aus ökologischen Gründen zur Versickerung des Regenwassers nötig war und dann als Folge des Bürgerwillens ausgegeben wurde. Auch Steindorf und seine Leute sind wenig glücklich mit solchen Debatten.
Projekt-Chef möchte Kreativwirtschaft anlocken
Denn sie sind es, die alle Pläne umzusetzen haben, die nicht die direkte Parkfläche betreffen. Dafür ist die Landesgesellschaft Grün Berlin zuständig. Tempelhof Projekt soll die Baufelder erschließen, Straßen bauen, Kanäle graben, Leitungen legen. Das soll die Gesellschaft aus Erlösen für die Grundstücke finanzieren. Als Vorfinanzierung für Tempelhof Projekt bewilligte der Senat 33 Millionen Euro, bereits im Jahr 2009. Ursprünglich war der Auftrag weiter gefasst. Mit dem Verkauf der Flächen sollte auch die Sanierung des riesigen Gebäudes bezahlt werden. Das ist vom Tisch. Stattdessen erhielt Steindorf vergangenes Jahr vom Finanzsenator neun Millionen Euro für die Sanierung, künftig werden es nur noch vier Millionen sein. Bei diesen Summen dürfte es lange dauern, bis der Sanierungsstau von 150 Millionen Euro an Dächern, Leitungen, Fassaden und Fenstern abgebaut sein wird.
Steindorf möchte Unternehmen aus der Kreativwirtschaft anlocken, aber auch Bildungsanbieter, möglichst in Kombination, sodass in Tempelhof Kreative oder Eventmanager ausgebildet werden. Gerade verhandeln sie mit einer privaten Hochschule, die sich für 2000 Quadratmeter im Quergebäude interessiert. Und das frühere Boarding-Haus der Amerikaner im Block E des Flughafenriegels könnte den jungen Unternehmen eines Tages dazu dienen, Kurzzeit-Mitarbeiter unterzubringen.
70 Veranstaltungen pro Jahr in Tempelhof
Nach Angaben der Tempelhof-Projekt ist ein Drittel der 200.000 nutzbaren Quadratmeter in dem Gebäude an Bestandsmieter wie den Polizeipräsidenten oder die Verkehrsleitzentrale vergeben. Ein Drittel sind Eventflächen in den Hangars inklusive des überdachten Vorfeldes. Allein die Bread & Butter bringt 40 Prozent der Erträge des Eventbereichs, für die Modemesse gibt es noch einen Vertrag über fünf Jahre. Insgesamt fanden 70 Veranstaltungen pro Jahr in Tempelhof statt. Nicht nur Autohersteller wie Peugeot, Mercedes oder VW schätzen die Kulisse, um Neuheiten vorzustellen. Umstritten ist, ob künftig die landeseigene Messe Berlin GmbH sich verschärft darum kümmern soll, die Hangars zu bespielen. Diese Lösung würde die Wirtschaftssenatorin bevorzugen, weil Tempelhof Projekt keine große Expertise im Event-Geschäft hat. Die Neigung des Messe-Chefs Christian Göke soll sich jedoch in Grenzen halten, heißt es.
Das letzte Drittel ist das, woran Steindorfs Leute verschärft arbeiten. 5000 Quadratmeter haben sie vergangenes Jahr vermietet. 100 Mietverträge betreuen sie inzwischen. Zwölf Euro nehmen sie durchschnittlich an Miete pro Quadratmeter. Es kostet aber auch knapp 1000 Euro pro Quadratmeter, um die heruntergewohnten Räume für neue Mieter herzurichten. Weil diese Vorfinanzierung Grenzen hat, geht Steindorf dazu über, auch unsanierte Flächen zu vergeben, zum Quadratmeterpreis von vier bis fünf Euro. Die gemeinnützige Gesellschaft für Stadterneuerung wird solche Flächen für Künstler-Ateliers und Übungsräume für Rock-Bands in Untergeschossen anmieten.
Bis zum Volksentscheid sollen keine Bagger rollen
Umstritten ist die Bebauung in der Fläche. Obwohl der Stadtentwicklungssenator den Kritikern zugesichert hat, dass bis zu einem Volksentscheid keine Bagger rollen, wird weiter geplant. Konkret sind die Vorhaben an der südwestlichen Ecke des Geländes. Hier soll neben der Zentral- und Landesbibliothek ein Quartier für Wohnen und Gewerbe entstehen, wo sich die Tempelhof-Vordenker weitere Bildungs-Anbieter oder Verlage vorstellen können.
Das Gelände soll für den Verkehrswert von etwa 20 Millionen Euro an eine Interessengemeinschaft aus den städtischen Wohnungsbaugesellschaften Degewo und Stadt und Land sowie der Ideal Genossenschaft gehen. 1700 Wohnungen seien dort geplant, sagt Steindorf, davon die Hälfte zu Preisen von sechs bis acht Euro nettokalt. Um das zu finanzieren, muss ziemlich dicht gebaut werden, Sechsgeschosser sind vorgesehen, die an einigen Stellen auf acht bis zehn Etagen anwachsen. Teure Eigentumswohnungen mit Parkblick, die die günstigeren Wohnungen subventionieren könnten, soll es nach dem Willen des Bausenators jedoch nicht geben. Ob in einer solchen Konstellation noch Raum ist, um von den Investoren Beiträge für Grünflächen oder zusätzliche Schulplätze zu verlangen, ist unklar. Für das Areal um die Bibliothek hat das Bebauungsplanverfahren zumindest begonnen, die Bauarbeiten könnten theoretisch 2016 starten.









