Jörg Simon muss nicht lange überlegen, welche Herausforderung 2014 die größte sein wird. Der Vorstandschef der Berliner Wasserbetriebe (BWB) muss das politisch umstrittenste Projekt des alten Jahres umsetzen: Der Aufbau des Stadtwerks, von 600.000 Bürgern beim Volksentscheid im November gefordert, von Rot-Schwarz im Abgeordnetenhaus beschlossen und von der Opposition als „Bonsai“-Projekt verspottet, obliegt nun dem 51 Jahre alten Ingenieur. Denn die Koalition hat den Plan fallen lassen, das Stadtwerk als Tochter der Berliner Stadtreinigung zu gründen. Seit die Wasserbetriebe nach dem Rückkauf der Anteile von den privaten Konzernen RWE und Veolia wieder zu hundert Prozent in Landeshand sind, hielten die Abgeordneten von SPD und CDU die Konstruktion eines Unternehmens unter dem Dach der BWB für sinnvoller.
Für Simon, der eigentlich als Vertreter Veolias an die Spitze der teilprivatisierten Wasserbetriebe kam und nun für das Land Berlin agiert, ist der Stadtwerksauftrag eine Rückkehr zu seinen beruflichen Wurzeln. Nach dem Studium an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen war er dort Assistent am Lehrstuhl für Wärmeübertragung, erste berufliche Schritte unternahm er als Referent für Energiewirtschaft beim Energiekonzern Veba.
BWB-Chef widmet dem Stadtwerk viel Zeit
Seit ihm der Aufsichtsrat der Wasserbetriebe offiziell den Auftrag dazu erteilt hat, arbeiten die BWB an dem neuen Thema „Ökoenergie“. Der Chef widmet bis zu 30 Prozent seiner Zeit dem neuen Projekt, drei Führungskräfte sind eigens dafür abgestellt. Ein Ingenieur, ein Jurist und ein Kaufmann sind dabei, einen Businessplan zu erstellen und zu überlegen, welche Aktivitäten das Stadtwerk überhaupt angehen sollte. Der Beschluss des Abgeordnetenhauses bilde dafür die „Richtlinie“, sagte Simon. Er will schnell etwas vorlegen, weil es „keine Perspektive“ sei, in drei Jahren mal irgendwann anzufangen. Ende Februar will er ein erstes Konzept im Aufsichtsrat vorlegen. Dabei werde es wohl um die Möglichkeit gehen, Windenergie zu erzeugen und zu verkaufen, aber auch Blockheizkraftwerke seien in Berlin ein großes Thema.
Bisher hat das Abgeordnetenhaus zum Ärger von Grünen, Linken und Piraten den Auftrag für das Stadtwerk sehr eng gefasst. Es soll ausschließlich Strom aus erneuerbaren Energien produzieren und verkaufen. Das findet auch der inzwischen als neuer Aufsichtsratschef der Wasserbetriebe eingesetzte Finanzsenator Ulrich Nußbaum (parteilos, für SPD) eher schwierig. So signalisiert er Gesprächsbereitschaft gegenüber der Opposition, die eine Enquetekommission des Abgeordnetenhauses forderte, um die Grundlagen der Berliner Energiepolitik zu diskutieren. Man müsse sehen, wie die neue Energiepolitik und die Förderung der erneuerbaren Energien unter der neuen Bundesregierung weitergehe, so Nußbaum.
Der Vorstand der Wasserbetriebe sei nun zwar am Zuge, aber Nußbaum will mehr. „Wir brauchen dazu eine breite parlamentarische Debatte und das Gespräch mit allen Interessierten in Berlin darüber, wie dieses Stadtwerk auszusehen hat“, sagte der Senator. Dafür gebe es keine Blaupause. „Bezieht man Blockheizkraftwerke ein? Was ist mit den Wohnungsbaugesellschaften? Nutzt man Windkraft aus der Nordsee oder nur aus Brandenburg? Wie beherrscht man die Risiken? Das muss diskutiert werden“, so der Politiker, der im neuen Doppelhaushalt 5,5 Millionen Euro pro Jahr für das Stadtwerk bereitstellt. Das Stadtwerk sei ein „breiter Wunsch in Berlin“ gewesen und solle „sicherlich kein Stadtwerk des Finanzsenators“ werden, so Nußbaum. „Unser Ziel ist, dass ein Stadtwerk in jedem Fall wirtschaftlich sein muss.“
Externe Berater sollen bei Planung des Stadtwerks helfen
Diese Vorgabe ist für einen aus der Privatwirtschaft kommenden Manager wie Jörg Simon selbstverständlich. Noch sei aber der „unique selling point“, also das besondere Alleinstellungsmerkmal eines kommunalen Ökostadtwerks, nicht gefunden. Es ergebe in jedem Fall „keinen großen Sinn, ein großer Stromhändler zu werden“, sagte der BWB-Chef. Stattdessen könne man es sich zum primären Ziel setzen, die Kohlendioxidbilanz der Stadt zu verbessern oder das Stadtwerk als Energiedienstleister zu positionieren.
Um das Stadtwerk schrittweise aufzubauen, hat sich Simon die Hilfe externer Berater gesichert. Die Trianel-Gruppe, ein Zusammenschluss von Stadtwerken und Energieunternehmen, ist darauf spezialisiert, Konzepte für Stadtwerke zu entwickeln. Und auch die SüdWestStrom ist als Berater mit an Bord. Von diesen Dienstleistern kann man einzelne Module kaufen und zum Beispiel lernen, wie man überhaupt Strom an der Leipziger Strombörse einkauft.
BWB-Chef Simon kann sich mittelfristig Großinvestitionen vorstellen
Wenig Potenzial sieht Simon hingegen in der ursprünglich für das Stadtwerk ventilierten Idee, die erneuerbare Energie, die Berlins kommunale Unternehmen produzieren, an die Bürger zu verkaufen. „Was jeder für sich macht, ist dort auch sinnvoll aufgehoben“, sagte Simon. Seine Wasserbetriebe erzeugen 60 Gigawattstunden und damit etwa ein Fünftel ihres jährlichen Energiebedarfs selbst, aus Fotovoltaikanlagen wie etwa im Klärwerk Tegel, Windmühlen wie am Klärwerk Schönerlinde oder aus dem Klärschlamm, der in Biogas für die 16 eigenen Blockheizkraftwerke umgewandelt wird. Andere Projekte, wie Wärme für Gewächshäuser aus dem Abwasser zu ziehen, seien zwar technisch möglich, aber ohne Fördermittel nur schwer wirtschaftlich, so der Manager. Energieautark zu sein sei nicht sinnvoll, wenn sich das nicht rechne.
Mittelfristig kann sich Simon aber eine große Investition vorstellen. Denn 40 Prozent des Klärschlamms wird derzeit in Vattenfalls Kraftwerken oder in Zementwerken mit verbrannt. Wenn diese Anlagen perspektivisch immer öfter stillstehen, weil es immer mehr Ökostrom im Netz gibt, werden den Wasserbetrieben diese Mengen nicht mehr abgenommen. „Wir prüfen, ob wir eine weitere Klärschlammverbrennungsanlage bauen“, sagte Simon. Aber für die nächsten zwei Jahre sei das kein Thema. In einem anderen Feld sind die Wassermänner bereits aktiv. Die landeseigene Gesellschaft Berlin Energie, die sich um Konzessionen für das Strom- und Gasnetz in der Stadt bewirbt, nutzt die BWB als Kooperationspartner im Gasverfahren. Aus einem abgestimmten Betrieb von Gas- und Wasserleitungen könnten sich Synergien heben lassen.





