Energiewende

Gasag wird neuer Stromanbieter in Berlin

Die Gasag bietet künftig auch Strom an. Grund ist eine neue Unternehmensstrategie. Das 160 Jahre alte Unternehmen will sich vom reinen Lieferanten zum modernen Energiedienstleister wandeln.

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Die Berliner Bürger können von diesem Freitag an bei einem weiteren Anbieter Strom bestellen. Die Gasag steigt dann in den Stromvertrieb ein. „Mit Angeboten für Privat- und Gewerbekunden wollen wir dem Wettbewerb auf dem Berliner Energiemarkt neue Impulse geben“, sagte Vorstandsvorsitzender Stefan Grützmacher. Mit nach eigenen Angaben wettbewerbsfähigen Angeboten solle das Stromgeschäft zu „einem stetig wachsenden Teil des Kerngeschäfts“, werden, sagte Grützmacher.

Tatsächlich liegt ihr Angebot rund fünf Prozent unter dem Grundversorgungspreis von Vattenfall. 5,80 Euro verlangt die Gasag als monatlichen Grundpreis und zusätzlich 26,30 Cent für jede Kilowattstunde. Für einen vierköpfigen Haushalt wären das bei einem durchschnittlichen Verbrauch etwas mehr als 400 Euro im Jahr. Dafür kommt bei der Gasag allerdings auch nur zertifizierter Ökostrom aus der Steckdose.

Wandel zum Energiemanager

Wie schnell das Unternehmen im Stromgeschäft wachsen will, ließ Stefan Grützmacher offen. Etwas mehr als 200 Stromanbieter gibt es in Berlin. „Wir wollen nicht einer von diesen 200 Anbietern sein, sondern streben einen signifikanten Marktanteil an“, sagte der Gasag-Chef. Genauer wollte er sich nicht festlegen. Doch das langfristige Ziel sei klar. „In zehn Jahren wollen wir der führende Energiemanager für Berlin und Brandenburg sein“, sagte Grützmacher.

Für Gasag ist es ein bedeutsamer Schritt. Seit über 160 Jahren ist das Unternehmen im Gasgeschäft tätig. Anteilseigner ist unter anderem die Tochtergesellschaft des schwedischen Stromkonzerns Vattenfall. Das ist insofern eine interessante Konstellation, als Vattenfall gleichzeitig auch Berlins größter Stromanbieter ist. Wenn Gasag nun ins Stromnetz einsteigt, werden sich die beiden durch Anteile verbundenen Unternehmen künftig zwangsläufig Konkurrenz machen.

Energiepolitik beschäftigt derzeit viele Berliner. Erst vor wenigen Wochen verfehlte ein Volksentscheid zur Rekommunalisierung der Stromversorgung in Berlin nur knapp die Zahl der erforderlichen Stimmen. Die Regierungskoalition hatte wenige Tage vor der Abstimmung angekündigt, selbst ein Stadtwerk gründen zu wollen. Unter dem Dach der Berliner Wasserbetriebe soll das Stadtwerk Ökostrom künftig Ökostrom produzieren und auch vertreiben.

Doch danach hörte die Einigkeit zwischen SPD und CDU auch schon auf. Die beiden Regierungsparteien sind sich weder über das Budget einig noch über wichtige Fragen wie etwa der, ob das Stadtwerk auch als Stromhändler agieren soll, also Strom anderer Anbieter auch verkaufen soll.

In der Geschäftsführung von Gasag ist die Neuordnung nun abgeschlossen. Vorstandschef Grützmacher, selbst erst seit Sommer 2012 bei der Gasag, stellte Katja Gieseking als neuen Vertriebsvorstand und Martin Ridder als neuen Vertriebschef vor. „Wir brauchen für den neuen Kurs neben der erfahrenen Mannschaft auch neue, dynamische Akteure, die neue Blickwinkel auf den sich wandelnden Energiemarkt mitbringen und uns helfen, die Gasag weiter zu entwickeln“, sagte Grützmacher.

Preisgarantie beim Strom bis 2014

In diesem Winter will die Gasag die Gaspreise für die Kunden nicht erhöhen. Die Kostensituation beim Einkauf sei stabil, sagte Katja Gieseking. Bei den Strompreisen gibt es zumindest bis 2014 eine Preisgarantie. „Wir wollen den Preis nicht bald anheben, sondern haben so kalkuliert, dass wir damit wirtschaftlich arbeiten können“, so Giesking.

Jens Zinke wird im Januar das neue Geschäftsfeld „ganzheitliche innovative Kundenlösungen“ einführen und auch leiten. Darin wird die langfristige Unternehmensstrategie erkennbar. Laut Vorstandschef Grützmacher will sich die Gasag „vom reinen Versorger und Netzbetreiber hin zu einem Energiemanager entwickeln“. Das bedeutet, dass die Gasag künftig verstärkt ganzheitliche Lösungen anbieten will, also etwa komplette Energiekonzepte für Wohnquartiere entwickeln. „Dadurch holen wir die Energiewende in die Stadt“, sagte Grützmacher.

So will das Unternehmen unter anderem Angebote abgeben, wie ganze Häuser und Gebäudekomplexe energetisch saniert werden können. Als Kunden kommen sowohl Privathaushalte in Frage als auch große Wohnungsbaugesellschaften und die öffentliche Hand. Grützmacher sieht hier einen Wachstumsmarkt. In den kommenden 15 Jahren ziehen nach derzeitigen Schätzungen 250.000 neue Einwohner nach Berlin. Diese müssen irgendwo untergebracht werden. Hier will die Gasag sowohl beim Bau neuer Gebäude als auch bei der energetischen Sanierung bestehender Bauten als Berater und Anbieter beteiligt sein.

Energiewende vorantreiben

Ein Vorzeigeprojekt der Gasag ist der Schöneberger Gasometer auf dem Euref-Campus. Die Gasag will die Gebäude rund um den Gasometer für die nächsten 20 Jahre CO2-neutral mit Wärme und Kälte beliefern und dabei auch noch fast so viel Öko-Strom erzeugen, wie auf dem Euref-Gelände verbraucht wird. In drei Bauabschnitten soll dort bis 2018 eine zentrale Wärme- und Kälteversorgung für bis zu 25 Gebäude entstehen. In drei Blockheizkraftwerken nutzt die Gasag ihr in eigenen Anlagen in Brandenburg erzeugtes Biomethan.