Die jahrelange Krise der Berliner S-Bahn kommt den Mutterkonzern, die Deutsche Bahn AG, teuer zu stehen. Strafzahlungen, Entschädigungsleistungen und zusätzliche Investitionen haben das bundeseigene Unternehmen seit 2009 eine halbe Milliarde Euro gekostet, sagte S-Bahn-Chef Peter Buchner am Montag während einer Veranstaltung des Hauptverbandes für den Ausbau der Infrastrukturen und Nachhaltigkeit in Berlin.

Allein für sogenannte Entschuldigungsleistungen bei den Fahrgästen, die in den Jahren 2010 bis 2012 mit Freifahrten und verbilligten Einzeltickets für Zugausfälle und Wartezeiten teilweise entschädigt wurden, habe die S-Bahn 150 Millionen Euro ausgegeben. Die Länder Berlin und Brandenburg hätten zudem von ihrem Bestellerentgelt an die S-Bahn rund 150 Millionen Euro für nicht erbrachte Leistungen einbehalten. Je 100 Millionen Euro musste die Bahntochter für notwendige Investitionen in die teilweise maroden Züge sowie für zusätzlichen Betriebsaufwand aufbringen.

„Mit der Berliner S-Bahn wird die Deutsche Bahn bis zum Ende des Verkehrsvertrags im Jahr 2017 kein Geld mehr verdienen“, sagte S-Bahn-Geschäftsführer Buchner. Dennoch werde der Bahnkonzern alles tun, um die Teilausschreibung des Zugverkehrs auf der Ringbahn zu gewinnen. „Unser erklärtes Ziel ist es, den Berlinern weiterhin einen S-Bahn-Betrieb aus einer Hand anzubieten“, so Buchner.

Peter Buchner hat schwierige Zeiten hinter sich

Die Erwartung mancher Politiker, mithilfe des Wettbewerbs künftig weniger Geld aus der Landeskasse an die S-Bahn zu zahlen, hält der Unternehmenschef für wenig realistisch. Grund dafür sei insbesondere die Forderung an den Betreiber, rund 200 neue Züge mitzubringen. Nach dem jetzigen Stand seien damit Investitionen in der Größenordnung von 800 Millionen bis einer Milliarde Euro verbunden.

Peter Buchner hat schwierige Zeiten hinter sich. Zwar hat er den Chefposten erst im Juli 2009 auf dem Höhepunkt der schwersten Krise in der Geschichte des fast 90 Jahre Jahre alten Traditionsunternehmens übernommen, doch musste er das Missmanagement der Vorgänger persönlich ausbaden. „Wir haben beinahe jeden Tag ein neues U-Boot entdeckt“, sagte Buchner. Seine Konsequenz daraus: „Ab einem bestimmten Punkt habe ich dann gesagt, ich gebe grundsätzlich keine Prognosen für die Zukunft ab.“ Will heißen: Angesichts der Menge an technischen Mängeln und Managementproblemen erwies sich fast jedes Versprechen für die Zukunft rasch als Makulatur.

Inzwischen ist Buchner von diesem Grundsatz abgerückt. Er trifft wieder klare Aussagen für die Zukunft. Eine der Prognosen: „Bis zum Ende des Verkehrsvertrags Ende 2017 werden wir nicht die bestellte Zahl an Zügen im Einsatz haben.“ Zwar sei es in den vergangenen vier Jahren gelungen, einen Großteil der technischen Mängel an den Fahrzeugen zu beheben, dennoch könnte die im Verkehrsvertrag mit den Ländern vereinbarte Einsatzzahl von 562 Zwei-Wagen-Einheiten im Alltag nicht erreicht werden.

„Mein Lieblingsspruch ist: Es gibt keine gesunden Menschen, nur schlecht untersuchte“, sagte Buchner vor den Technik-Experten. Ähnlich sei es auch mit den aktuell in Berlin im Einsatz befindlichen S-Bahn-Zügen: Keine der drei S-Bahn-Baureihen sei ohne Macken. Auch weiterhin müssten zahlreiche Züge wegen unterschiedlicher Kontrolluntersuchungen und technischer Umrüstungen in die Werkstätten und würden so für den Einsatz nicht zur Verfügung stehen.

Verstärkerfahrten fallen aus

Seit dem Frühjahr kann die S-Bahn laut Buchner 531 der insgesamt vorhandenen 650 Doppelwagen im morgendlichen Berufsverkehr zum Einsatz bringen. Damit sei es möglich, weitgehend das Angebot zu fahren, das die Fahrgäste aus Vorkrisenzeiten gewohnt waren. Weil inzwischen von den Ländern zusätzliche Leistungen bestellt wurden – etwa den Zehn-Minuten-Takt nach Teltow (Linie S25) – würde die erbrachte Verkehrsleistung in Zug-Kilometern sogar über der von 2009 liegen. Am vollen Zugangebot fehlten derzeit noch die sogenannten Verstärkerfahrten auf den Linien S1 (Potsdam–Oranienburg) und S3 (Erkner–Westkreuz). „Die werden bis 2017 auch nicht wieder kommen“, sagte der S-Bahn-Chef.

Bei der S1 würde dies durch Bauarbeiten wie derzeit an den Yorckbrücken verhindert. Im Baustellenbereich steht nur ein Gleis zur Verfügung, ein noch dichterer Takt bei den Zugfahrten ist laut Buchner nicht möglich. Bei der S3 würden die umfangreichen Bauarbeiten am Ostkreuz Verstärkerfahrten unmöglich machen. Die Arbeiten werden mindestens bis 2017 dauern. Ohnehin hält der S-Bahn-Chef von Verstärkerfahrten nicht viel. „Ich bin vor Kurzem extra mit einem Verstärker für die S5 gefahren – da waren mitten im Berufsverkehr 25 Leute drin“, berichtete er. Die Konsequenz für die S-Bahn: „Stabilität geht vor spektakulären Zahlen.“ Im Klartext: Mehr als die vor 2009 eingesetzten 546 Viertelzüge sei im Berliner S-Bahn-Verkehr nicht zu erreichen.

Das hat wirtschaftliche Folgen: Die S-Bahn wird auch in den kommenden Jahren weitere Strafabzüge hinnehmen, weil sie die bestellte Verkehrsleistung nicht voll erbringen kann. Laut Buchner haben Berlin und Brandenburg aus diesem Grund bereits in der Vergangenheit rund 150 Millionen Euro einbehalten.

Damit keine neuen Angebotslücken aufreißen, will die S-Bahn die Baureihen 480 und 485, die 2017 außer Dienst gestellt werden müssten, länger fahren lassen. Externe Gutachter sind zu dem Schluss gekommen, dass dies rechtlich und technisch möglich ist, wenn die 150 Doppelwagen beider Baureihen modernisiert werden. Dies sei allerdings verbunden mit Investitionen in Höhe von bis zu 120 Millionen Euro. Für S-Bahn-Chef Buchner ist klar, wer die Kosten tragen muss: „Dazu wird es einen Übergangsvertrag mit den Bestellern geben.“