Die Nacht mit dem größten Staubsauger Berlins beginnt mit einer Warnung. „Steigen Sie auf keinen Fall auf das rote kleine Podest, um in das Fahrerhäuschen zu gelangen – sonst ist es vorbei“, sagt Ingo Priegnitz, Sprecher der Berliner S-Bahn. Für den Zug oder den Menschen?

„Das ist der Stromabnehmer des Zugs, durch den fließen 750 Volt. Das war dann die letzte Berührung, die Sie machen“, erklärt der erste Maschinist Patrick Schneider. Es schwingt heute Nacht also doch etwas Abenteuer mit.

Mittwochabend, eine der ersten wirklich kühlen Nächte in diesem sonst so spätsommerlichen Herbst, Betriebsgelände Bahnhof Grunewald. Die Nacht mit dem Staubsauger-Zug der Berliner S-Bahn beginnt auf Gleis 9. Sobald die letzte Bahn ihre Endhaltestelle erreicht hat, macht sich das zweiköpfige Team bestehend aus Triebfahrzeugführer und Maschinisten an die Arbeit.

An der Tür hängen Gasmasken

Während der nächtlichen Betriebspause sammelt der Zug mithilfe einer riesigen Saugröhre den Abfall auf, der sich auf den Gleisen der Bahnhöfe sammelt. „Die Menschen werfen rücksichtslos alles auf die Gleise am Bahnsteig – ob Coffee-to-go-Becher oder Zigarettenstummel“, erzählt Priegnitz. Der Streckenstaubsauger trägt in jeder Nacht rund drei Kubikmeter Müll zusammen.

Der eingesaugte Unrat sammelt sich dann im Inneren des Zuges. An der kleinen Tür zur Müllkammer hängen Gasmasken. „Manchmal müssen wir da rein um etwas zu reparieren, wenn sich Gegenstände im Saugzug verfangen haben. Dort drinnen stinkt es wahnsinnig – da möchte man nicht ohne die Maske rein“, erzählt Patrick Schneider. Der gesammelte Müll wird anschließend durch die Stadtreinigung entsorgt.

Im Führerhaus des gelben Kurz-Zugs ist es mittlerweile angenehm warm. Die blinkenden Knöpfe dort erinnern ein wenig an die Ausstattung von Raumschiffen in schlechten 80er-Jahre-Sciene-Fiction-Filmen. Zeitlich ist das jedoch weit gefehlt. Der Zug ist ein pfeifendes und zischendes Urgestein auf Schienen. Gefertigt wurde er in den zwanziger Jahren.

Ein Ende für den Zug ist erst einmal nicht in Sicht

Sprecher Priegnitz gerät direkt ins Schwärmen, wenn er von der Geschichte der alten Bahn erzählt. „Die hier hat noch einen richtig satten Sound. Heutige S-Bahnen sind rollende Computer“, sagt er. Fahrzeugführer Jan Härle nickt zustimmend. Er fährt sowohl tagsüber im normalen Personenverkehr als auch Nachtschichten auf dem Staubsauger-Zug.

Er ist seit 25 Jahren bei der S-Bahn angestellt und ist nach wie vor sehr glücklich mit seinem Beruf. Anders als sein Kollege Schneider nutzt er auch privat noch fröhlich die S-Bahn. Patrick Schneider hatte kurz vorher abgewunken bei der Frage, ob er auch außerhalb des Jobs gerne Bahn fahre. Da würde er ausschließlich Auto fahren, noch mehr Gleise zu sehen, wäre zu viel des Guten.

„Ich finde es ab und zu mal ganz entspannend, nachts zu fahren. Zudem habe ich auf diesem Zug gelernt – es ist dann immer ein schönes Gefühl, einen Zug zu fahren, bei dem man noch wirklich etwas tun muss“, sagt Härle. Bis 2004 wurde er sogar noch im Personenverkehr auf der Strecke nach Erkner eingesetzt. Ein Ende ist erst einmal nicht in Sicht. „Natürlich muss der Zug hin und wieder überholt werden, aber die Technik ist sehr einfach und robust. Das geht alles nicht so schnell kaputt“, erzählt Priegnitz.

Pro Station dauert die Grundreinigung 15 Minuten

Geduldig wartet Fahrzeugführer Jan Härle auf die Freigabe des Fahrplans. Die Zentrale gibt übers Handy den genauen Streckenplan durch. Dann setzt sich der Zug in Bewegung. Eigentlich wie Autofahren – auf der Strecke gibt es Geschwindigkeitsbegrenzungen und Ampeln. Selbst an den Fenstern sind normale Scheibenwischer angebracht.

Auf den vorbeiziehenden Bahnhöfen stehen noch vereinzelt Passagiere und warten auf den letzten Zug. „Manchmal bitten uns Menschen, während wir an den Bahnhöfen halten, sie nach Betriebsschluss noch mitzunehmen. Die dann häufig Angeheiterten müssen wir freundlich abweisen“, sagt Schneider und lacht.

Erster Stop auf der heutigen Reinigungsroute ist der S-Bahnhof Storkower Straße. Ein bisschen Laub und Zigaretten. In einem Tempo von zwei Stundenkilometern fährt der Staubsauger durch den Bahnhof und greift alles auf, was ihm auf den Gleisen in den Weg kommt. Pro Station dauert die Grundreinigung 15 Minuten, je nach Verschmutzung auch mal länger.

Pfandflaschen stapeln sich hinter dem Fahrerhäuschen

Rund sieben Bahnhöfe schafft das Team in diesem Tempo pro Nacht. Mithilfe der Luftlanze, einer Art Handstaubsauger, der außen am Zug angebracht ist, wird der Schmutz von den Rändern in die Mitte der Gleise gepustet. Dort greift ihn der große Sauger auf. Flaschen und andere größere Gegenstände müssen per Hand mit einer Greifzange aufgehoben werden. Auf der Fläche hinter dem Fahrerhäuschen sammeln sich in einer Kiste die Pfandflaschen, die aus dem Gleisbett gesammelt wurden. „Irgendwann machen wir von dem Geld mal einen drauf“, sagt Härle grinsend.

Der Zug nimmt wieder Fahrt auf. Nächster Bahnhof Frankfurter Allee. Auch hier keine spektakulären Vorkommnisse. Eine Maus flitzt schnell ins seitliche Gebüsch. „Wegen der ganzen Abfälle tummeln sich in der Nähe des Dönerladens bei den Gleisen gerne mal die Ratten“, erzählt Schneider. Heute tummelt sich dort nicht eine einzige. Das wird wohl der Vorführeffekt sein.

Der Staubsauger macht sich auf in den nächsten Bahnhof – fünf Stück liegen noch vor ihm. Gegen 2 Uhr springt die Reporterin aus dem langsam rollenden Zug auf den Bahnsteig. Genug geputzt für eine Nacht.