Musiktheaterakademie

Wenn Startenor Villazon mit Kindern Oper macht

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Franziska Birnbach

Foto: Lisa Winter

Mitreißend und locker führt der weltbekannte Sänger Ronaldo Villazon den Nachwuchs der Musiktheaterakademie in die Geheimnisse der Oper ein. Für den Startenor sind Kinder das ehrlichste Publikum.

Es ist, als wäre eine Luke abrupt geöffnet worden: Dutzende Kinder wirbeln in das Foyer des Schiller Theaters. Kurzes Gewimmel, dann sitzt jedes auf einem Platz. Rolando Villazon erwartet sie in legerem Karo-Hemd und Jeans.

Schon während der Begrüßung wird klar: Das hier ist keine langweilige Schulstunde. Die 65 Teilnehmer zwischen 9 und 13 Jahren sind Studenten der Musiktheaterakademie für Kinder, organisiert von der Berliner Staatsoper. Jeweils am ersten Sonntag im Monat lernen sie dort in einer Vorlesung alles rund ums Thema Oper.

Das Beisein von Erwachsenen ist strengstens untersagt. Hier ist man unter sich. Heutiger Dozent ist der mexikanische Startenor und Entertainer Rolando Villazon. „Wie spreche ich euch am besten an? Du oder Sie?“, fragt Villazon. Dem Mann sitzt der Schalk im Nacken. Sein junges Publikum ist von Anfang an quietschvergnügt. Eigentlich erwartet man jeden Moment, er würde sich eine rote Clownsnase aus der Tasche ziehen und überstülpen.

Von der schnöden Theorie zur Praxis

Spielerisch erklärt er den Kindern im Schnelldurchgang, wie Oper funktioniert. Als er sie zu Beginn fragt, welche Sprachen sie sprechen – stößt er auf eine große Vielfalt. Natürlich möchte Villazon am Ende auf die universelle Sprache Musik hinaus – und natürlich stößt er bei seinem aufgeweckten Publikum auf Begeisterung. Er zählt alle wichtigen Komponisten der vergangenen 200 Jahre auf.

Von der schnöden Theorie geht Villazon direkt in die Praxis über. „So, wir machen jetzt selbst eine kleine Oper! Wer will mitmachen?“, fragt Villazon. Es ertönen Ich-Rufe und ambitioniertes Melden mit durchgestreckten Armen. Die einzelnen Rollen vom Tenor bis zum Bühnenbildner sind umgehend vergeben – innerhalb von zwanzig Minuten steht das Stück.

Als hätte er nie etwas anderes getan, gibt ein Junge unaufgeregt Regieanweisungen, ein Mädchen besingt wie in einer Arie die vergessenen Hausaufgaben, um die es in der selbst erdachten Mini-Oper geht. Villazon springt indes wie ein Gummiball hin und her und hält die Gruppe zusammen. Stillstehen ist ohnehin nicht sein Ding. Pausenlos ist er in Bewegung und strahlt dabei eine derartige Energie aus, dass einem als Durchschnittsmenschen schon mal die Ohren schlackern können.

Villazon begegnet den Kindern auf Augenhöhe

Der gebürtige Mexikaner fand bereits als Kind zur Musik. „Ich hatte keine leichte Kindheit, die Musik war meine ganz eigene schöne Welt“, erzählt Villazon den Kindern. Im Alter von elf Jahren begann er Unterricht in Musik, Schauspiel und Ballett zu nehmen. Mittlerweile ist er einer der bekanntesten Opernsänger seiner Generation und stand bereits auf allen bekannten Bühnen der Welt.

Gemeinsam mit Anna Netrebko sang er La Traviata von Verdi. Im Jahr 2008 drehte er mit ihr zusammen eine Verfilmung von La Bohème. Ab kommenden Freitag steht er für sechs Abende als Don Ottavio in Claus Guths Inszenierung von Don Giovanni auf der Bühne der Staatsoper im Schiller Theater. Dirigiert wird die Staatskapelle von Daniel Barenboim.

Als Villazon vor den Kindern steht und zwischendurch ein paar Lieder ansingt, ist er ganz in seinem Element – er schafft es, den Kindern auf Augenhöhe zu begegnen und sie mitzureißen.

Musiktheaterakademie für Kinder findet zum vierten Mal statt

„Kinder sind das ehrlichste Publikum. Denen kann man nicht einfach so Bla-Bla erzählen, die muss man wirklich begeistern“, sagt Villazon nach der Vorlesung. Er möchte den Kindern vermitteln, wie großartig klassische Musik ist und wie viel sie einem geben kann. Trotz seines Berufs als Tenor ist er jedoch offen für andere Musikrichtungen. „Ich höre auch andere Musik, jede ist auf ihre Art und Weise schön“, sagt er.

Die Musiktheaterakademie für Kinder findet in diesem Jahr bereits zum vierten Mal statt. In acht Vorlesungen während des Winter- und Sommersemesters können die Kinder einen Blick hinter die Kulissen der Oper werfen. Die Werkstatt des Schiller Theaters verwandelt sich in einen Hörsaal. Es stellen sich künstlerische und technische Berufe vor, um einen umfassenden Einblick in ihre Berufswelt zu gewähren.

Ein Teil der Studienplätze wird an das SOS-Kinderdorf in Moabit vergeben. Ein anderer Teil den Kindern vom Kinderopernhaus des Caritasverbandes für das Erzbistum Berlin in Lichtenberg. „Der Musikgeschmack legt sich schon ziemlich früh fest, weshalb wir die Kinder gerne schon im jungen Alter mit Klassik in Kontakt bringen möchten“, sagt Rainer Brinkmann, Leiter der Jungen Staatsoper. Der unterschiedliche familiäre Hintergrund spiele bei den Vorlesungen der Akademie keine Rolle. Die Kinder seien alle gleich begeistert.

Künstlerprofessoren signieren Studienbücher der Teilnehmer

Elisa Fluch singt bereits im Kinderchor der Staatsoper und ist ein richtiger Klassik-Fan. „Wenn wir als Familie im Auto fahren, hören wir meistens Klassik-Radio“, erzählt sie. Also wurde ihr das Interesse an klassischer Musik von den Eltern in die Wiege gelegt? „Nee, eher umgekehrt! Mein Bruder und ich haben unsere Eltern darauf gebracht“, sagt sie.

Elisa ist bereits zum zweiten Mal Teilnehmerin der Akademie, ihr Bruder Tim sogar schon zum dritten Mal. Sie ist zudem ein großer Villazon-Fan. „Ich habe ihn schon mal auf der Bühne gesehen, er kann so schön singen“, erzählt Elisa begeistert. Ein bisschen kleinlaut fügt sie mit einem Lächeln hinzu, dass sie so viele Sänger auch gar nicht kennt.

Villazon unterschreibt derweil geduldig die Studienbücher der Teilnehmer. Nach jeder Vorlesung werden diese von den jeweiligen Künstlerprofessoren signiert. Villazons Assistentin wird jedoch langsam ungeduldig. Sie lässt nur noch kurz ein paar Fragen an den charismatischen Lockenkopf zu.

Seinen Hauptwohnsitz hat er mit seiner Frau und den beiden Söhnen in einem Vorort von Paris. Bereits seit 2000 käme er jedes Jahr mehrmals nach Berlin. Er genieße es hier sehr und fühle sich wie zu Hause. Besonders das vielfältige Kultur-Programm begeistere ihn. Er setze sich dann in die U-Bahn und erkunde die Stadt.