Oper

Soprandiva Anna Netrebko geht einen neuen Weg

Heroinen mit mehr Tiefe: Die russische Soprandiva bereitet sich auf ihr Rollendebüt als Leonore in Verdis „Il Trovatore“ am Schiller-Theater vor. Ihre neue Verdi-CD steht in den Charts ganz oben.

Foto: © Kristian Schuller / DG

Anna Netrebko erfindet sich, jenseits aller Starzwänge, als Sängerin gerade neu. Und die Soprandiva tut es auf betörende und kluge Weise. Mit Verdi oder besser gesagt, Verdis Opernheroinen. Gerade feiert die Musikwelt den 200. Geburtstag des italienischen Opernkomponisten. Die Netrebko hat dafür eine CD eingespielt, die schlicht den Titel „Verdi“ trägt und seit einigen Wochen in den Verkaufscharts an der Spitze steht. Auf diesem Studioalbum findet sich auch einiges aus der Oper „Il Trovatore“. An der Partie der Leonora arbeitet sie gerade, Ende Oktober kommt sie zu den Proben nach Berlin. Einen Monat später wird die große Verdi-Premiere der Staatsoper im Schiller-Theater unter Leitung Daniel Barenboims stattfinden.

Schon jetzt sind alle sieben Vorstellungen zwischen dem 29. November und 22. Dezember restlos ausverkauft. Die Leonora ist ein Rollendebüt. Es ist zugleich ihr Imagewechsel von den Mädchenrollen wie der Traviata hin zur reifen, ernsten Frau. Da geht es auf der Bühne bekanntlich wie im Leben zu. Die schöne Anna, mittlerweile 41-jährig, genießt ihr Mutterdasein und weiß zugleich um die Probleme einer Künstlerbeziehung.

Ihre Technik ist ausgereifter

Lebenserfahrung spielt immer auch in die Musik zurück. „Geh, lass mich allein, hab keine Angst um mich“, singt Verdis Leonora, so die deutsche Übersetzung: „Vielleicht kann ich ihn retten. Angst um mich?“ Es sind nur wenige Zeilen aus der Szene „Vanne, lasciami“ im vierten Akt. In Berlin hat die Netrebko sie bereits in der Waldbühne gesungen, das war vor zwei Jahren. Es war atemberaubend schön im Singfluss. Aber auf der CD klingt es anders. Die Szene wird vom Orchestra Teatro Regio Torino deutlich leichter eingeführt, die Netrebko lässt sich davon tragen, aber sie schiebt, verharrt, hofft, begehrt auf. In nur wenigen Augenblicken schafft sie es, mehrere Stimmungen auszuleben. Ihre Technik ist deutlich ausgereifter geworden. Aber noch entscheidender: Die Netrebko füllt ihre Partien jetzt mit authentischer Expressivität aus.

Die Stimme ist dunkler geworden

Die Leonora braucht das, was man einen Spinto-Sopran nennt, in der Partie geht es dramatischer zur Sache. Ihre Stimme sei in den letzten Jahren tiefer und dunkler geworden, sagte Anna Netrebko kürzlich in einem Interview.

Aber ganz so einfach ist es mit dem Imagewechsel wohl doch nicht. Für das CD-Cover musste Anna Netrebko in den Fanblogs böse Kritik einstecken. Ihr Porträt war vielen zu aufgehübscht, zu künstlich, zu gephotoshopt. Sie nannte es daraufhin ein Experiment und zeigte sich reumütig. Aber warum eigentlich? Jeder, der die wundersame Karriere der Netrebko miterlebt, sie genossen hat, möchte darauf nicht verzichten. Es ist ein Stück gemeinsamer Vergangenheit. Stars und Fans haben immer etwas Symbiotisches. Die Netrebko wird künftig eine andere sein. Der Rollenwechsel wird nicht einfach, weder für sie, noch für die Musikindustrie, noch fürs Publikum.

Villazón singt im Hintergrund

Eine Erinnerung an vergangenen Berliner Netrebko-Glamour findet sich beiläufig auf der Verdi-CD. Im „Miserere“ kündigt der Mönchschor die Verbrennung Azucenas an, währenddessen erklingt aus dem Kerker die Klage Manricos. Vorm Gefängnis hofft derweil Leonora für den Geliebten. Der Manrico wurde von Rolando Villazón eingesungen. Sein feuriges Timbre ist unverkennbar. Der mexikanische Tenor und die russische Sopranistin waren über Jahre hinweg das Operntraumpaar auch an der Staatsoper Unter den Linden. Irgendwann brach Villazón die Stimme weg. Es hat Jahre gekostet, bis er wieder auf die Opernbühne zurück fand.

Bei der „Il Trovatore“-Premiere singt allerdings Aleksandr Antonenko den Manrico. Die Aufmerksamkeit wird in der Opernproduktion wohl auch mehr auf dem Grafen Luna liegen. Den singt Altstar Plácido Domingo, einst einer der legendären Drei Tenöre neben Luciano Pavarotti und José Carreras. Heute versucht er sich als Bariton, von dem nicht mehr die strahlende Höhe abgefordert wird. Die Proben werden spannend sein, heißt es hinter den Kulissen, denn in der Regie müssen sich die Sänger ziemlich austoben. Die Inszenierung stammt vom Berliner Film- und Opernregisseur Philipp Stölzl, der sie – mit unbekannteren jüngeren Sängern – bereits bei den Wiener Festwochen vorgeführt hat. Auftritte finden durch Falltüren, Tore und Fenster statt. Videoprojektionen von fettFilm, einem Künstlerduo, das unter anderem die Touren von Westernhagen bebildert, sind für die Fantasien und Rückblenden zuständig. Es wird trashig zugehen.

Keiner versteht die Handlung

Über „Il Trovatore“ liegt traditionell ein Fluch: Keiner versteht die Handlung. Auch wenn Regisseure es immer wieder von sich behaupten und Zuschauer sich seit Generationen durch Opernführer quälen. Verdis Oper, 1853 uraufgeführt und vier Jahre später bereits an die Berliner Hofoper übernommen, bleibt zuerst ein Singstück. Oder wie es Regisseur Stölzl nennt: Ein Popkonzert, in dem jede Nummer fetzt.

Dafür ist die Netrebko immer die Beste. Das Schiller-Theater, in dem die Staatsoper wohl noch bis 2016 ausharren muss, kann ihren Glanz vertragen. Bislang hat sie sich dort rar gemacht. Als sie im letzten Jahr relativ kurzfristig ihre Donna Anna in „Don Giovanni“ absagte, waren viele, die die teuren Karten gekauft hatten, um ihren Star hautnah zu erleben, verärgert. Netrebko hatte ihre Absage damit begründet, sich „nach einem sehr arbeitsreichen Jahr ihrem Sohn Tiago widmen“ widmen zu wollen. Der Vater, ihr Lebensgefährte Erwin Schrott, hingegen sang seinen Diener Leporello wie vereinbart. Eine merkwürdige Situation. Umso mehr wird sie im Schiller-Theater kommenden Monat sehnsüchtig erwartet.