Berliner Spaziergang

Waltraud Meier, die große Sopranistin mit Sinn für Tiefe

| Lesedauer: 14 Minuten
Philip Volkmann-Schluck

Foto: Martin U. K. Lengemann

Unser Autor sah Waltraud Meier zum ersten Mal 1995 in Hamburg. Damals spielte sie in Richard Wagners „Walküre“ die Sieglinde. Fast 20 Jahre später hat er sie im Berliner Tiergarten wiedergetroffen.

Als Waltraud Meier aus dem Taxi steigt, wittert man gleich eine Gefahr. Es ist schließlich ein kühler Tag im Tiergarten, und wann sieht man schon eine der größten Opernsängerinnen der Welt ungeschützt vor Wind und Wetter? Ich biete an, dass wir sofort ins Café gehen, nicht dass ihre Stimme von einer Erkältung angegriffen werde. Sie antwortet mit einer Stimme, die tiefer ist als erwartet, als man sie vom Singen kennt. Sie klingt robuster.

„Warum werden Sänger immer auf ihre Stimme reduziert?“, sagt sie. Manchmal sei ihr eben schlichtweg kalt. „Selbst wenn ich nie wieder singen müsste, dann würde ich auch sagen, gehen wir rein, ich kriege sonst kalte Füße.“

Dabei wirkt sie so unerschrocken, dass es kaum wundern würde, wenn sie jeden Moment auf ein wartendes Pferd spränge und hinein ins Herbstlaub galoppieren würde. Sorgen muss ich mir wohl nur um einen machen: mich selbst. Wer Waltraud Meier trifft, wird auch über das Gesamtkunstwerk von Wagner sprechen. Dieses Wort, da kriegt man schon Angst, ob man gewappnet ist, ihr zu folgen. Sie ist berühmt für Rollen, die sich im Rausch des tiefen Verständnisses bewegen: Kundry (Parsifal) oder Isolde (Tristan und Isolde). Aber hier im Tiergarten, in ihrem unauffälligem beigefarbenem Kurzmantel, wirkt sie überraschend zugänglich.

Tauchgang in die Welt der Oper

Im Café am Neuen See ist es warm. Meier bestellt in weichem bayrischen Tonfall einen Tee mit Ingwer. Es klingt beruhigend und lässt auf einen sanften Tauchgang in die Welt der Oper hoffen.

Ich war noch klein, als ich Waltraud Meier erstmals auf der Bühne gesehen habe, mein Vater hatte mich früh in Wagner-Opern mitgeschleppt. Besonders für ein Kind kann Wagner langatmig sein. 1995 sang Waltraud Meier in Hamburg die Sieglinde in der Walküre. Diese Vorstellung war kurzweilig. Denn ich sah eine Sieglinde, der ich die Rolle glaubte. Das war nicht bei allen Wagner-Interpreten so, mir war damals mit 14 Jahren einiges begegnet, darunter ein Siegfried mit Glatze und Bauch. Schwierig. Aber Meier war anmutig, ich konnte dem Drama folgen, das sie durchlitt. Ich verstand auch Siegmund gut, der in diesem Stück mit ihr durchbrennt.

Kenner mögen die Augen schließen und zuhören. Mir war damals eben wichtig, was auf der Bühne passiert.

Es ist, als hätte ich Meier ein Stichwort gegeben, als ich von meinen optischem Eindruck berichte. Sie sagt: „Heute sehen wir Musik viel zu sehr. Hören ist viel wichtiger.“

Wir sprechen über Opern-Produktionen, die an Musikvideos erinnern. Solche etwa, mit denen die Sopranistin Anna Netrebko zum Star wurde. Meier sagt, sie werde namentlich keine Kollegen beurteilen, sondern sich nur allgemein äußern. Aber umso deutlicher sagt sie, dass sie von Aufführungen nichts halte, die vor allem optisches Spektakel seien. Nicht mal, um Einsteiger an die Oper heranzuführen. Sie glaube sogar, dass solche Aufführungen niemanden wirklich zur Oper brächten. „Nicht eine einzige Person zusätzlich würde deshalb in einen Wozzeck gehen.“ Man dürfe es Zuschauern eben nicht zu leicht zu machen. Im Gegenteil, nur wer gefordert sei und schließlich verstehe, der gelange zur Oper.

Berlin hat keine guten Biergärten

Was sie meint, wird mir deutlicher, als wir über Biergärten sprechen. Ja, Biergärten. Meier hat eine Wohnung in Charlottenburg und ist gelegentlich in der Stadt, aber als überzeugte Münchnerin findet sie, dass es in der Hauptstadt keine Biergärten gebe, die diesen Namen verdienten. Man könnte denken, das sei Brauchtümelei einer Bayerin. Aber mit Verlaub, es dürfte Waltraud Meier ziemlich wurscht sein, wie die Gaststätten in Teilen der Republik so aussehen.

Nein, ihr geht es darum: Wer etwas einen Biergarten nennt, sollte verstanden haben, was das ist.

Biergärten. Dort wachsen Kastanien, sie spenden Schatten für die Besucher. Es sind Kastanien, weil ihre Wurzeln nicht tief ins Erdreich reichen, dort nämlich sind die Keller, in denen das Bier gekühlt wird. Am Boden liegt Kies. Die Steinchen schützen die Keller vor Sonne und Hitze. Das war wichtig, als es noch keine Kühlschränke gab. Auch bringen Gäste ihre eigene Brotzeit mit, denn traditionell verkaufen die Brauereien hier nur Bier.

Der Biergarten ist eine Idee. Seine Details ergeben sich aus einer Logik. Auch wenn Biergärten mit Wagner nichts zu tun haben; im Prinzip redet Waltraud Meier so auch über Oper. Es geht darum, das Gesamte zu verstehen. Die Details, wie sie eine Rolle spielt, leiten sich daraus ab. Und so gelingt es ihr, auch Wagners Bandwurmsätze mit Leben zu füllen. Das muss sehr schwer sein, denn oft ergibt sich ihr Sinn erst, wenn am Ende endlich das Verb kommt. Vermutlich fiel es mir deshalb als Kind auch leichter, ihrer Handlung zu folgen.

Der erschossene Dackel

„Ich habe viel gegen Ahnungslosigkeit“, sagt Meier. Nur Phantasie reiche eben nicht im künstlerischen Bereich. Sie alleine bleibe meist an der Oberfläche.

Es ist Wagner-Jahr, auch Berlin spielt eine Rolle. Regisseur Frank Castorf, Volksbühne, hat in Bayreuth den Ring inszeniert. Siegfried spielt am Alexanderplatz. Statt eines Drachens taucht ein Dackel auf, der mit einer Kalaschnikow erschossen wird. Einige Zuschauer haben sich übergeben.

Meier ist in Bayreuth zum Star geworden, aber seit 13 Jahren nicht mehr dort gewesen. Das ist eine Geschichte, über die wir noch sprechen werden. Die Castorf-Inszenierung hat sie nicht gesehen. Auch hier bleibt sie nur generell, aber das um so wütender. In der Kunst und der Oper tummelten sich Dilettanten, sie frage sich, warum es keinen besseren Schutz gebe. „Ich mache doch auch keine Operation am Knie, nur weil ich kein gelernter Arzt bin.“ Sie denke nach misslungenen Inszenierungen stets: „Eins zu Null für Wagner.“ Den kriege man nicht kaputt. Übrigens schaut sie sich nie Aufführungen von Werken an, in denen sie selber Rollen spielt. Das sei nur hinderlich, um ihren eigenen Zugang zu finden. Castorf wurde kräftig ausgebuht in Bayreuth. Waltraud Meier dagegen hat ein einziges Mal in ihrer Karriere einen Buhruf hören müssen. Ein einziges Mal! Sie sagt heute noch darüber: „Das hat weh getan.“ Sie wolle nicht viel darüber sprechen, damit es nicht erneut weh tue. Wenn Regisseure oder andere Künstler mit ihren Buhrufen kokettierten, dann halte sie das für unehrlich. Sie lege ihre Hand dafür ins Feuer: „Jeder Mensch, der vor dem Vorhang steht, dem tut ein Buh weh.“

„Eine furchtbare Unterstellung!“

Aber ihre Empörung ist noch nicht verflogen. Wer vermeintlich aktuelle Bezüge in Inszenierungen kritisiere, sagt sie, werde in eine Schublade gepackt, als Ewigesstriger, der Flügelhelme der traditionellen Inszenierungen zurück wolle. „Mein Gott!“ Meier richtet sich auf, nun spürt man ihre volle Wucht. „Das ist eine dicke, furchtbare Unterstellung.“ Sie wünsche sich eben eine intelligente Umsetzung des Wort- und Notentextes.

Wir lassen das ernste Gespräch hinter uns und gehen raus in den Tiergarten. Fotograf Martin Lengemann baut seine Ausrüstung auf. Waltraud Meier schaut sich Bäume an, sie singt ein tiefes „Die Deutsche Eiche“ und lacht in sich hinein. An einem öffentlichen Telefon bleibt sie stehen. Der Hörer ist verstaubt. Früher habe es die gelben Zellen gegeben, sagt sie, da sei man nach 18 Uhr hingegangen um den günstigeren Tarif zu bekommen. Nun sei sie in Tokio und spreche über Skype mit New York. Kostenlos. Aber sie glaube, dass man dafür auch einen Preis bezahle, einen anderen allerdings.

Sie meint, der Preis für grenzenlose Kommunikation ist Werbung und Spionage der Daten. „Wir wissen doch überhaupt nicht, ob das politische System, in dem wir leben so bleibt, in wessen Hände all diese Daten eines Tages gelangen?“ Früher wurde gegen die Volkszählung protestiert, gegen ein Vermummungsverbot. Wenn man beobachte, wie leicht Menschen aufzuspüren seien, nur weil sie ihre Kreditkarte benutzen, da kriege man Angst. Sie mache sich „wahnsinnige Gedanken“ darüber. Auch, weil kaum jemand dagegen protestiere.

Liebesgeschichten für Fortgeschrittene

In diesem Moment klingelt ihr Smartphone, es ist der Ton von Skype. Man würde gerne wissen, mit wem Sie so telefoniert. Sie hat mal etwas gesagt, was sehr neugierig macht: Die Isolde aus Tristan sei eine Traumrolle, weil es Bezüge zu ihrem eigenen Leben gebe.

Welche sind das? Mit verschwörerischem Blick schaut sie durch ihre randlose Brille: „Das kann ich Ihnen ja mal erzählen. Aber doch nicht der Zeitung.“ Sie sagt noch: „Beziehungskisten, ist doch logisch, belassen wir es dabei.“

Man weiß nur, dass Meier eine große Wohnung in München hat und gerne ins Kino geht. Michael Douglas findet sie gut. Neulich hat sie den arabischen Film „Das Mädchen Wadjda“ gesehen, den sie sehr empfiehlt. Es geht um die Situation von Frauen in diesem Land. In einer Szene wird den Mädchen in der Schule gesagt, warum sie auf der Straße schweigen sollen: Weil die Stimme das intimste Organ einer Frau sei.

Tristan und Isolde, so allgemein darf man das vielleicht sagen, ist eine Liebesgeschichte für Fortgeschrittene. Die Inszenierung von Patrice Chéreau in Mailand, einer von Meiers Weggefährten seit sie 1976 mit seinem „Jahrhundertring“ erstmals mit Wagner in Berührung kam, hat für Furore gesorgt. Man weiß in diesem Werk nicht, was Wirklichkeit ist, was Drogenrausch, was Einbildung, was Liebe ist.

„Wie Du mir die Hand gegeben hast“

Waltraud Meier interpretierte in Mailand gemeinsam mit Ian Storey die Hauptrollen. Da gab es jene Momente, sagt sie, die sie „überrichtig“ nennt, wenn die Darsteller in eine Fluss geraten. Wenn der Teppich anfange zu fliegen, den man geknüpft habe. Da erinnere sie sich nach der Vorstellung auch an Details. „Wie du mich angeschaut hast. Wie du mir die Hand gegeben hast.“ Es gibt eine Szene in dieser Inszenierung, in der Tristan auf die Knie fällt und den Mantel von Isolde küsst. „Ich könnte sofort heulen, wenn ich daran denke“, sagt Meier. „Es ist ein kleines Detail. Aber es sagt so viel aus.“

Nach dem letzten Akt vom Tristan ist meistens einige Sekunden Ruhe im Saal, bevor der Applaus losbricht. Wenn die Spannung nach dem großen Finale der Isolde noch etwas anhält, dann sei sie sehr glücklich darüber. Aber irgendwann müsse der Applaus einsetzen. „Wie eine Seifenblase, die zerplatzen muss.“

Daniel Barenboim hat in Mailand dirigiert, er ist einer ihrer engsten Wegbegleiter. In diesen Wochen ist Meier auch in Berlin zu sehen, als Marie in Wozzeck in der Staatsoper im Schillertheater, die Inszenierung unter der musikalischen Leitung von Barenboim wurde allseits bejubelt (siehe Kasten). In einem ihrer seltenen Interviews mit Berliner Zeitungen äußerte sich Meier zur Renovierung des Paulick-Saales in der Oper Unter den Linden. Sie hätte sich einen größeren Wurf gewünscht, auch wenn das teurer geworden wäre, etwa ein Stockwerk mehr für bessere Akustik.

Unterwegs in der ganzen Welt

Wo ist die Akustik in der Welt besonders gut? „Ach, viele Orte.“ Barcelona, die Bastille in Paris... . Und das neue Haus in Valencia? „Das habe ich eröffnet, die Akustik ist nicht so besonders.“ Und überhaupt, sagt Meier, wie könne man ein weißes Proszenium in ein neues Opernhaus einbauen, da kriege man die Bühne nie dunkel.

Waltraud Meier ist in der ganzen Welt unterwegs. Doch im Jahr 2000 hat sie das letzte Mal in Bayreuth gesungen, dort, wo ihre Karriere begann. Die 90er-Jahre dort waren eine Zeit mit herausragenden, unangepassten Charakteren am grünen Hügel, so wie sie selbst. Siegfried Jerusalem („Siggi, der sieht immer noch so wahnsinnig gut aus“), Matti Salminen, Placido Domingo und Peter Hofmann, der Lederklamotten trug und Motorrad fuhr („Peter war der einzige, der den Speer von Klingsor fangen konnte. Egal wie, er ist immer gehechtet und hat ihn gefangen.“)

Sie könnte viel darüber erzählen, warum sie vor 13 Jahren zum bisher letzten Mal in Bayreuth gewesen ist. Aber viel lieber spricht sie über 17 großartige Jahre dort, die Maßstäbe setzten und sie künstlerisch erfüllt haben.

Kann sie sich vorstellen, eines Tages wieder in Bayreuth zu singen? „Wenn künstlerisch alles stimmt, warum nicht?“, sagt sie. Ja, für Waltraud Meier muss alles stimmen.