Bauvorhaben

Bündnis für East Side Gallery sieht Denkmalschutz verletzt

Der Streit um das geplante Hochhaus an der Mühlenstraße geht weiter. Aus Sicht des Bündnisses „East Side Gallery retten“ ist die Baugenehmigung „grob rechtswidrig“. Der Senat prüft die Vorwürfe.

Foto: Massimo Rodari

Das Wohngebäude "Living Levels" an der Mühlenstraße 60 in Friedrichshain nimmt immer deutlicher Konturen an. Der Protest gegen das umstrittene Hochhaus hinter der East Side Gallery und das auf dem Nachbargrundstück geplante Hotel einer israelischen Investorengruppe geht dennoch weiter. Der Denkmalschutz werde durch die Bauarbeiten verletzt, kritisiert jetzt das Bündnis "East Side Gallery retten".

Die von den Behörden erteilte Genehmigung sei "grob rechtswidrig". Vertreter des Bündnisses, in dem Initiativen, Künstler und Klubs vertreten sind, haben am Montag Unterlagen an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung übergeben. Man wolle der Behörde anzeigen, dass die beiden Vorhaben aus Sicht des Denkmalschutzes nicht genehmigungsfähig seien, sagte der Sprecher des Bündnisses und Berliner Klubchef, Sascha Disselkamp.

Kompromisslösung liegt noch nicht vor

Die Unterlagen seien angekommen, sagte Daniela Augenstein, Sprecherin der Senatsverwaltung. Doch ein Gesprächsangebot in den Diensträumen der Verwaltung am Köllnischen Park in Mitte habe das Bündnis ausgeschlagen. "Das ist bedauerlich." Man werde die eingereichten Papiere ansehen und gegebenenfalls Kontakt mit den Initiatoren aufnehmen.

Wegen der East Side Gallery sei der Senat weiter in Verhandlung mit beiden Investoren und dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, sagte Sprecherin Augenstein. Ziel sei es, eine dauerhafte Lücke von 23 Metern Breite in der ehemaligen Grenzmauer zu verhindern. Die Kompromisslösung sieht vor, dass eine gemeinsame Zufahrt für beide Neubauprojekte an der Mühlenstraße 61–63 geschaffen wird. Sie müsste nur etwa elf Meter breit sein. Derzeit werden die Auswirkungen auf den Verkehr untersucht. "Es laufen Arbeitsgespräche zur Kompromisslösung. Ein Ergebnis liegt noch nicht vor", sagte Daniela Augenstein.

"Kontinuierliche Beschädigung des Denkmals"

Das Bündnis "East Side Gallery retten" kritisiert, dass Autos, die aus der Tiefgarage von "Living Levels" kommen, künftig dicht an der Rückseite der weltbekannten Freiluftgalerie vorbeifahren sollen und dass deshalb der Sockel der Mauersegmente in diesem Bereich asphaltiert werden soll. Damit werde "eine kontinuierliche Beschädigung des Denkmals billigend in Kauf genommen", heißt es im Schreiben des Bündnisses an Senator Michael Müller (SPD). Zudem würde der 63 Meter hohe Wohnturm die Sichtachse entlang der einstigen Mauer und zum gegenüberliegenden Ufer zerstören.

In der Mauer hätten sich während der Bauarbeiten Risse gebildet, lautet ein weiterer Vorwurf. Sie seien vor allem am Gemälde von Thierry Noir zu sehen. Die Neigung des Bauwerks habe sich verändert. Haarrisse in der Mauer habe es schon vor Baubeginn gegeben, nicht nur im Bereich des Grundstückes von "Living Levels", sagte Jürgen Scheunemann, Sprecher des Bauherren. Nach seiner Kenntnis hätten sie sich nicht vergrößert. "Die laufenden Arbeiten werden regelmäßig durch unabhängige Bausachverständige kontrolliert, die auch ein Auge auf die East Side Gallery haben." Die Denkmalschutzbehörden seien von Anfang an in die Planung einbezogen worden.

Mehr als die Hälfte der Wohnungen sind verkauft

Das Wohngebäude Living Levels soll im Frühjahr 2015 fertig sein. Derzeit sind die Arbeiten am Erdgeschoss im Gange. Mehr als die Hälfte der Eigentumswohnungen sei verkauft. Der Kompromissvorschlag zur gemeinsamen Zufahrt für die Neubauten an der East Side Gallery wird seit fast einem halben Jahr diskutiert. Beide Investoren haben deutlich gemacht, dass sie deshalb ihre bisherigen Pläne ändern müssten. Die israelischen Investoren um Alon Mekel haben diese Änderungen bereits beantragt.

Der 120 Meter lange Gebäuderiegel mit Hotel und Tiefgarage an der Mühlenstraße 61–63 sollte demnach künftig neun statt der bisher geplanten sieben Stockwerke haben. Außerdem sind im Gebäude wesentlich mehr Wohnungen vorgesehen als in der ursprünglichen Planung. Ihr Anteil soll von 20 auf 50 Prozent steigen.

East Side Gallery "einzigartiges Denkmal"

Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg hat diese Anträge im Auftrag der Bezirksverordnetenversammlung abgelehnt. Die Investoren haben Widerspruch gegen diese Ablehnung eingelegt. Widerspruchsbehörde ist die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Sie prüft die Argumente. "Es gibt noch keine Entscheidung dazu", sagte Sprecherin Daniela Augenstein.

Die Initiativen und Künstler, die die Bauvorhaben verhindern wollen, sehen deshalb noch eine Chance. Mit einem negativen Bescheid könne man das Denkmal East Side Gallery erhalten, sagte Bündnis-Sprecher Sascha Disselkamp. Die Investoren hätten sich offen für Alternativ-Grundstücke gezeigt. "Das wird nicht umsonst sein. Aber die East Side Gallery ist ein einzigartiges Denkmal." Wenn die Neubauten erst fertig seien, sei es zu spät. "Aus dem Rohbau, der jetzt steht, kann man eine eingeschossige Kunsthalle machen."

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