Es ist alles in Ordnung in Berlin-Hellersdorf, so sieht es aus. Die Sonne wirft flirrendes Licht durch die Bäume auf die Gehwege, auf denen Mütter ihre Kinderwagen schieben. Ältere Paare führen ihre Hunde zwischen Wiesen und hellgelb sanierten Plattenbauten spazieren. Vögel zwitschern. An einer Straßenecke duftet es nach Kaffee. Ein paar junge Leute sitzen an einem Tisch.

Alles in Ordnung – wären da nicht die Polizisten in kampftauglichen Uniformen am Straßenrand. Und diese sechs sehr kurzhaarigen jungen Männer, die von der Straßenkreuzung finster zu den gleichaltrigen Kaffeetrinkern herüberstarren. Und all diese Plakate, die an den Straßenlaternen fordern: „Sicherheit, Recht, Ordnung“.

Seit am Montag die ersten Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan in die ehemalige Schule an der Carola-Neher-Straße einzogen, ist das Plattenbauviertel im Ausnahmezustand – und international in den Medien. Anwohner hatten den Einzug der Flüchtlinge mit fremdenfeindlichem Gepöbel und Protesten begleitet, einer hob gar den Arm zum Hitlergruß. Selbst indische Zeitungen berichteten darüber.

Ist wirklich alles nur Nazi-Spuk in Hellersdorf?

Schon Wochen vorher hatte eine Bürgerinitiative im Internet gegen das Heim Stimmung gemacht, anonym und mutmaßlich mit Unterstützung aus rechtsradikalen Kreisen. Am Dienstag rückte die rechtspopulistische Partei „Pro Deutschland“ an, um vor der Kulisse des Heims Wahlkampf zu machen.

Am nahen Alice-Salomon-Platz trafen danach linke und rechte Demonstranten aufeinander, die Gewalt eskalierte, ein Polizist wurde angegriffen und schwer verletzt. Am Rand gaben Anwohner Fernsehinterviews, in denen sie Dinge sagten wie: „Wir wollen keine Asylanten“ oder „Diese Leute sind nicht von hier“. Hellersdorf war plötzlich das hässliche Gesicht eines Deutschlands, das man doch glaubte, längst überwunden zu haben.

Aber ist das so? Ist es wirklich nur Nazi-Spuk? Nur der „Polittourismus“ von einigen wenigen, wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) meint? Auch Dagmar Pohle, stellvertretende Bürgermeisterin des Bezirks Marzahn-Hellersdorf, verweist auf eine „breite demokratische Mehrheit“ in ihrem Bezirk, der mehrheitlich ihre Partei wählt, die Linke.

Auch in anderen Bezirken wird gegen Flüchtlingsheime protestiert

Doch die anderen, sie sind eben auch da. Der „braune Mob“, wie Pohle es nennt. Innensenator Frank Henkel (CDU) spricht von „rechtsextremen Rattenfängern“ und „Bildern, die wir nicht sehen wollen“.

Doch wegzuschauen ist längst nicht mehr möglich. Zum einen, weil die Bilder aus Hellersdorf zu sehr jenen aus Rostock-Lichtenhagen gleichen, wo 1992 tagelang eine Menschenmenge ein Flüchtlingsheim belagerte, es schließlich in Brand setzte und tatenlos zusah, wie die Menschen darin beinahe verbrannten. Auf den Tag genau 21 Jahre ist das her. Auch damals hatte ein Mann in Jogginghosen vor der Kulisse eines Plattenbaus gestanden und den Arm zum Hitlergruß gehoben. Auch dies war ein Bild, das zuerst niemand sehen wollte. Es wurde ein historisches Foto, das seitdem immer wieder gezeigt wird.

Dazu kommt: Auch in anderen Berliner Bezirken wird gegen Flüchtlingsheime protestiert, auch im bürgerlichen Westen der Stadt. Die Argumente unterscheiden sich von jenen der „Platte Ost“ oft nur um Nuancen. Als im Charlottenburger Westend Kriegsflüchtlinge aus dem Sudan und aus Syrien in die ehemalige Kaserne an der Soorstraße einzogen, sammelten Nachbarn Unterschriften gegen das Heim. Sie sahen den sozialen Frieden gefährdet und fürchteten den Wertverlust ihrer Häuser.

Nachbarn vermittelten zwischen Flüchtlingen und Gegnern

In Reinickendorf gibt es, wie in Hellersdorf, eine rechte Szene, die sich mit teilweise rüden Methoden Gehör verschafft. Ein Auftritt der „Identitären Bewegung“ in der Bezirksverordneten-Versammlung im Frühjahr wurde zwar schnell gestoppt. Andererseits kommt der Widerstand gegen die Flüchtlingsheime dort auch aus der Politik selbst.

Als ein Pflegeheim am Eichborndamm zum Flüchtlingsheim umgebaut werden sollte, versagte der Bezirk zunächst die Baugenehmigung. Eine Gemeinschaftsunterkunft für 220 Flüchtlinge vertrage sich nicht mit einem Wohngebiet, argumentierte Baustadtrat Martin Lambert (CDU). Als dann im Juni einige Flüchtlingskinder Windpocken bekamen, verhängte der Bezirk eine Quarantäne und ließ die Bewohner durch die Polizei kontrollieren. Das Berliner Verwaltungsgericht stoppte die unfreundliche Maßnahme und rügte den Bezirk.

Inzwischen ist in beiden Bezirken jedoch Ruhe eingekehrt. Möglich wurde das wiederum durch Nachbarn, die zwischen Flüchtlingen und den Gegnern vermittelten. Sie sammelten Spenden, boten ehrenamtliche Hilfen an bei Behördengängen und beim Deutschlernen, wandten sich an die Medien. Schließlich ließen sich viele Kritiker umstimmen.

„Das hier ist unsere Straße“

In Hellersdorf ist es noch nicht so weit. Noch herrscht Schweigen zwischen den Lagern. Rund um das neue Flüchtlingsheim an der Carola-Neher-Straße sind Laternen, Bäume, Hauswände zugehängt mit Plakaten und Zetteln, sogar die Straße ist mit Parolen besprüht. Es wirkt, als verlaufe die Kommunikation hier ausschließlich schriftlich.

Die sechs kurzhaarigen Männer im Hauseingang lassen sich nicht überzeugen, mit jenen zu sprechen, die gegenüber die Mahnwache für das Flüchtlingsheim halten. Schon rein äußerlich vertreten die Demonstranten eine andere Welt. Manche tragen die Schluffi-Kluft der Linksalternativen, andere große Hipster-Brillen wie in Mitte. Die kurzhaarigen Männer schauen wütend hinüber. „Haut ab, das hier ist unsere Straße, hier wohnen wir.“

Am Infostand der Mahnwache sind die jungen Menschen gesprächsbereiter. Auf dem Tisch steht ein großer Topf Kaffee, daneben türmen sich Pfannkuchen und Mettbrötchen. Beides hätten ihnen Nachbarn gebracht, zusammen mit weiteren Spenden, die für die Bewohner des Heims gedacht sind, sagt Dirk Stegemann. Er hat die Mahnwache angemeldet. „Es gibt viele Nachbarn, die uns unterstützen und sagen, dass sie es richtig finden, dass wir hier sind. Und dass nicht alle Hellersdorfer Nazis und Ausländerfeinde sind.“

„Ich finde es wichtig, was ihr hier macht“

Denn auch diese Bilder gibt es aus Hellersdorf: Eine Mutter, die Tochter auf dem Arm, gibt Spielzeug am Eingang des Flüchtlingsheims ab. „Diese Leute haben so wenig, und die Kleine kann auch teilen“, sagte sie tapfer in die Fernsehkameras. Cindy Laqua wohnt mit ihrem Mann Omar Elaoad und der Tochter Jasmin in direkter Nähe zum Heim – und zu den pöbelnden Nachbarn.

Am Morgen, nachdem diese Bilder im Fernsehen liefen, steht am Infostand wiederum eine junge Familie, das Kleinkind auf dem Arm der Mutter. Sie kommen aus Kreuzberg, um den Flüchtlingen Kinderkleidung zu bringen, sagen sie. Sie sind erschüttert von der Ablehnung, die sie am Abend zuvor in den Fernsehnachrichten gesehen haben.

Während des Gesprächs hält ein Taxi am Straßenrand, der Fahrer springt aus dem Wagen, legt fünf Euro auf den Info-Tisch: „Für euch! Ich finde es wichtig, was ihr hier macht.“ Er lebe in Strausberg, berichtet der Taxifahrer dann, sein Vater stamme aus Kamerun, er wisse, was es bedeute, als „Ausländer“ ausgegrenzt zu werden. Auch da, wo er aufgewachsen sei, im „tiefsten Westen“ in Frankreich und Bonn.

Sitzblockaden, Geschrei und Gesänge verärgerten Anwohner

„Aber ich habe auch gesehen, dass man mit den Menschen reden kann. Mit allen, auch mit Rechten.“ Sich kennen zu lernen sei das Wichtigste, um die Angst vor dem Fremden zu überwinden. Dann fährt er weiter. Er hat Feierabend an diesem Morgen.

Am Infostand dagegen gehen die Gespräche weiter. Denn die Mahnwache, die zwischenzeitlich schon abgebaut werden sollte, wird weitergeführt. Die NDP hat eine weitere Kundgebung in Hellersdorf angemeldet.

In der Zwischenzeit ist Gelegenheit, das Bild etwas zu korrigieren, das die Gegendemonstranten zunächst in der Nachbarschaft hinterließen. Ein Zelt hatten sie aufgebaut, mitten im Weg. Weil es keine Toiletten gab, nutzten viele dafür das nahe Gebüsch an einer Turnhalle. Sitzblockaden, Geschrei und Gesänge verärgerten auch jene Anwohner, die den Protest gegen Protest eigentlich positiv sahen.

Die Anwohner eint, mit wenig Geld auskommen zu müssen

Cornelia Habel und ihr Mann wohnen im vierten Stock direkt an der Kreuzung. Sie sagt: Vor allem habe sie der Lärm genervt, der die Nacht über andauerte. „Auch die Polizei, die dauernd auf und ab fuhr.“ Cornelia Habel steht auf dem Balkon, sie hat den besten Blick auf das Geschehen, auf das Flüchtlingsheim und auf alle Parteien. Sie sieht die Mahnwache gegenüber, wo selbst am Mittag noch junge Menschen im Gras liegen und schlafen. Sie kennt die jungen Jugendlichen unten im Hauseingang. Rechtsradikale seien sie nicht, meint sie, „das sind nur die Jungs aus der Nachbarschaft“.

Die Habels sagen: Hellersdorf sei kein rechtsradikaler Bezirk, die kahl geschorenen Männer eher Fußballfans als Nazis. In vielen Häusern lebten, wie bei ihnen, Menschen mit ausländischen Wurzeln und auch unterschiedlicher Lebensformen friedlich zusammen. Wenn die Anwohner etwas eint, ist es, dass viele mit wenig Geld auskommen müssen. Die Habels zogen aus Prenzlauer Berg in die „Platte“. Ihre ehemalige Wohnung werde jetzt luxussaniert, berichten sie. Hellersdorf, finden sie, sei jedoch lebenswert, „weil es hier ruhig und grün ist“.

Genau dasselbe sagt auch ihr neuester Nachbar. Winnie, ein junger Mann aus Afghanistan, ist mit Frau, Kind und Schwiegermutter nach Deutschland gekommen, stolz zeigt er Familienbilder auf seinem Handy. In der Heimat hatte er einen kleinen Laden, in Deutschland hofft er auf eine gute Zukunft für sich und seine Familie.

Nicht einfach, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden

Winnie berichtet über sein Leben in fließendem Englisch und mit freundlichem Lächeln, sagt: Sie seien Hindus, nicht Moslems, und dass er in Berlin bisher im Flüchtlingsheim an der Motardstraße in Spandau gewohnt hatte. Doch dieses Flüchtlingsheim hat keinen guten Ruf. „Zu laut, zu dreckig, zu anstrengende Leute“, sagt Winnie. Er blickt vom Eingang des Heims auf die Straße, auf die jemand gesprüht hat: „Rassismus tötet“.

Der junge Mann sagt: Es sei nicht ganz einfach für ihn zu unterscheiden, wer hier Freund sei und wer nicht. „Aber wenn man Krieg und Bomben erlebt hat, erscheint einem Hellersdorf ruhig“. Deshalb, sagt Winnie, werde er bleiben, auch wenn viele seiner Mitbewohner inzwischen wieder in andere Heime umgezogen sind. Andere haben sich geweigert, von Spandau hierherzuziehen. Nach den Protesten haben viele Flüchtlinge Angst vor Hellersdorf. Die Bilder wirken.

Dabei sah die Ankunft der Flüchtlinge in dem Bezirk fast hoffnungsvoll aus. Denn mit ihren Rollkoffern und Reisetaschen sahen sie fast aus wie Touristen. Ein Bild der Normalität also, ein Stück Berlin, wie man es heute kennt – als Metropole, die pro Jahr Millionen Besucher aus aller Welt empfängt. Die jedoch kommen nicht in die Plattenbauviertel von Hellersdorf. Hier sorgt allenfalls das chinesische Restaurant neben „Aldi“ für Weltläufigkeit. Oder die Straßennamen, die an deutsche Schriftsteller und Künstler des 20. Jahrhunderts erinnern. Viele wurden unter den Nationalsozialisten verfolgt und emigrierten.

Was fordert Integration den tatsächlich Betroffenen ab?

Doch Straßennamen bewirken in den Köpfen der Menschen offenbar weit weniger als Bilder. Das zeigt sich auf den Parkbänken nahe dem Flüchtlingsheim. Links sitzen vier Schulmädchen, rechts zwei junge Männer, die rufen: „Die ganzen Araber und Türken sollen weg bleiben aus Hellersdorf!“ Der Begriff Nazi sei für sie keine Schande. Sie plustern sich auf, es ist eher politisch unkorrektes Gehabe als Meinung.

Doch die Mädchen schütteln entschieden die Köpfe. Sie seien anderer Ansicht. Und auch keine Nazis. Das Heim sei richtig, weil es Menschen aufnehme, die vor Verfolgung und Krieg geflohen seien. Dagegen spreche allerdings der Tumult drum herum, die Demonstrationen, die viele Polizei. Sie haben in der Schule über das Heim gesprochen, erzählen die Mädchen. Es war die Lehrerin, die ihnen versuchte, die andere Seite zu erklären. Die jungen Männer feixen und sagen: Sie gehen nicht mehr zur Schule.

Zwischen den Bänken steht ein schüchterner Junge, augenscheinlich mit nicht-deutschen Wurzeln, und schweigt. Sein Blick fährt unruhig zwischen den beiden Parteien hin und her. Als die Mädchen anfangen, ihn als „unseren kleinen Türken“ zu hänseln, lässt sich ermessen, was das Wort „Integration“ jenen abfordert, die es direkt betrifft.

Neue Nachbarn in Pankow

Wen betrifft es denn? Das Wort Integration wird meist verstanden als Synonym für „Anpassung“. Wörtlich bedeutet es eigentlich „Wiederherstellung“ oder „Zusammenschluss“. Wer leistet welchen Anteil?

Auch in Pankow wird diese Frage demnächst beantwortet werden müssen. Dort, auch das war eine Nachricht dieser Woche, wird im Dezember ein weiteres Flüchtlingsheim eröffnen. Grund sind die vielen Menschen, die vor den Kriegen in Syrien, Afghanistan und anderen Ländern fliehen und auch in Berlin um Asyl bitten.

Etwa 2800 waren es bisher in diesem Jahr, weitere 2700 werden folgen. 5600 Asylbewerber leben momentan in Berlin in Heimen, für etwa 1000 fehlen Plätze. Eine Unterkunft soll an der Mühlenstraße in Pankow eröffnet werden.

Neues Flüchtlingsheim sorgt unter Nachbarn für Unruhe

Das hellblaue Bürogebäude neueren Datums steht nahe dem U-Bahnhof Vinetastraße. Bis zu 220 Menschen aus Syrien, Afghanistan, Iran und dem Irak sollen hier wohnen. „Sie brauchen einen Raum, wo sie auf ihrer langen Reise etwas zur Ruhe kommen“, heißt es dazu beim Bezirksamt.

Unter den Nachbarn sorgte die Nachricht eher für Unruhe, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. „Dann müssen wir unsere Türen wohl gut abschließen“, empört sich eine junge Frau, die ein paar Straßen weiter wohnt. Acht Mal sei binnen eines Monats in ihre Wohnung eingebrochen worden.

Andererseits, überlegt sie dann, müsse man erst mal sehen, wer die neuen Nachbarn überhaupt seien. Eigentlich fällt ihr kein Grund ein, wieso eigentlich Asylbewerber im Verdacht stehen, Einbrecher zu sein. Von dem Heim hat sie im Radio gehört. Sie spricht einen Wunsch aus, den viele Anwohner teilen: „Es wäre schön, wenn der Bezirk uns persönlich darüber informiert, was auf uns zukommt.“

Eine gute Herausforderung für Politik und Anwohner

Auf dem überfüllten Spielplatz gegenüber dem künftigen Heim sorgt die Nachricht eher für positive Aufregung. „Wir finden den Gedanken hervorragend, dass Pankow weitere Flüchtlinge aufnimmt“, sagt Cindy Fischer. Sie ist 41 Jahre alt, sie kommt oft mit ihren drei Söhnen hierher. Unter den Müttern und Vätern auf dem Spielplatz werde das Thema viel diskutiert, sagt sie. „Jetzt kann der Bezirk mal zeigen, was hinter der schicken, weltoffenen Fassade steckt. Ich finde, es ist eine gute Herausforderung für die Politik, aber auch für uns alle.“

Dass der Standort von Flüchtlingsheimen überhaupt bekannt gemacht wurde, ist neu. Noch 2012 bemühte man sich, ein neues Asylbewerberheim in Prenzlauer Berg möglichst geheim zu halten. Aus „Sicherheitsgründen“, wie es hieß, um rechtsextreme Proteste zu vermeiden. Alle hielten sich daran, auch die Medien. Vielleicht auch, weil man damit einer unbequemen Debatte auswich. Der Umgang mit Fremden ist eben nicht nur in Hellersdorf ein Problem.

Selbst in Kreuzberg gibt es Ärger, jenem Ortsteil, der sich mit dem Begriff „Multikulti“ schmückt. Seit fast einem Jahr halten Flüchtlinge aus afrikanischen Ländern einen Teil des Oranienplatzes besetzt. Ihr Zeltlager ist ein Protest gegen die Residenzpflicht und die Unterbringung in Massenunterkünften.

Kein Müll und Gestank mehr im Camp am Oranienplatz

Auch wenn das Anliegen bei den meisten Nachbarn rundum auf Zustimmung stößt, waren viele irgendwann genervt von den Müllbergen, dem Gestank des Klo-Wagens und dem Lärm der manchmal ziemlich bekifften Bewohner. Als einige von ihnen mit Messern aufeinander losgingen und das Gerücht aufkam, es habe eine Vergewaltigung gegeben, war die Geduld im Kiez fast zu Ende.

Zwar hält die Friedrichshain-Kreuzberger Bürgermeisterin Monika Hermann (Grüne) nach wie vor am Camp fest. Innensenator Frank Henkel fordert schon länger, es aufzulösen.

Diese Botschaft ist auch im Camp angekommen. Wer es in diesen Tagen besucht, erlebt eine Überraschung. Kein Müll und Gestank mehr, kein Chaos. Stattdessen sitzen einige Bewohner im Kreis in der Sonne. Es ist Plenumssitzung. „Wir müssen mehr werden, sichtbarer, unsere Forderungen formulieren“, sagt der Leiter des Plenums auf Englisch. Auch er gehört zu den Flüchtlingen.

„Pro Deutschland“ hält eine Kundgebung am Görlitzer Park ab

Ein anderer übersetzt ins Französische: „Wenn wir das nicht tun, wird das Camp bald geschlossen.“ Dann müssten sie Kreuzberg verlassen. Die Residenzpflicht schreibt Asylbewerbern in Deutschland vor, an welchem Ort sie sich aufhalten müssen. Kreuzberg hatte das Camp bisher dennoch geduldet.

Dann wird das Gespräch unterbrochen. Sirenen heulen, Polizeiwagen fahren zum nahen Görlitzer Park, wo sich dasselbe Schauspiel wiederholen wird wie zuvor in Hellersdorf. „Pro Deutschland“ hält eine „politische“ Kundgebung ab. An der Wiener Straße steht ein Mann an einem weißen Auto und hält eine Rede, die niemand hören kann. Die Polizei hat ihn weiträumig abgeschirmt. Drumherum stehen die Gegner und brüllen.

Was bei der Vorstellung diesmal fehlt, sind allerdings Fernsehkameras – dies hier ist tatsächlich das übliche Ritual. Und jene, um die es eigentlich geht, sind auch nicht da. Sie sitzen noch am Oranienplatz und ringen um jene Politik, die sie tatsächlich betrifft.