Berlins City West

Wie sich die Gastro-Szene am Kurfürstendamm verändert

Klaus Wowereit beklagt am Kurfürstendamm einen Mangel an Cafés und Restaurants. Tatsächlich hat sich an der Einkaufsmeile viel verändert. Das Café-Restaurant „Grosz“ soll nun für neuen Glanz sorgen.

Foto: JakobHoff / Jakob Hoff

Schon die Anordnung der Tische und Stühle in dem Café lädt zum Beobachten ein. Mit Ausrichtung auf den breiten Gehweg des Berliner Kurfürstendamms kann der Blick gar nicht anders, als die Vorbeiflanierenden auffallend unauffällig zu mustern. Sehen und gesehen werden, so lautet ein altbewährtes Boulevardkonzept.

Abgesehen von einigen Ausnahmen hat der Kudamm in dieser Hinsicht jedoch nur noch wenig zu bieten. Am Mittwochabend hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) auf einer Veranstaltung zur Zukunft des Boulevards den Mangel an Cafés und Restaurants beklagt. Unrecht hat er damit nicht.

Ist der obere Teil des Kudamms von Einkaufsgeschäften der Mittelklasse geprägt, beginnt hinter dem Café Kranzler der vornehmere Teil. Nach einer kurzen Strecke, auf der sich Souvenirshops mit Restaurants abwechseln, die vor allem auf Touristen ausgerichtet sind, wird die Atmosphäre ruhiger. Der Straßenlärm scheint auf einmal gedämpft. Die Platanen spenden Schatten. In den Glasschaukästen vor den Luxusboutiquen werben schöne Gesichter und Körper auf Plakaten für Produkte im Wert eines Kleinwagens.

Weitab vom Geschehen

Und eben auf diesem Abschnitt des Kudamms geht es durchaus interessant zu. Wer stolpert denn dort mit viel zu vielen Tüten auf viel zu hohen High Heels aus dem Geschäft? Ist der junge Mann dort am Arm der Frau nicht mindestens 20 Jahre jünger? Doch genau dort, wo man gerne den leichten Freuden des Beobachtens nachgehen würde, hat es in letzter Zeit einen Gastronomieschwund gegeben. So verschwanden die Austeria Brasserie nahe dem Olivaer Platz, das Kaffeehaus Berlin an der Giesebrechtstraße oder das Restaurant bei Mercedes an der Ecke Knesebeckstraße.

„Ich bin der totale Kaffeehaus-Typ. Dort lernt man eine Stadt besonders gut kennen“, sagt Elke Lenz-Agnes. Sie ist aus der Schweiz zu Besuch in Berlin. Mit ihrer Tochter sitzt sie auf der Terrasse des Café Kranzler und blickt über den Kudamm. „Das Kranzler wurde uns als Original empfohlen. Allerdings ist es schade, dass man nicht etwas näher am Geschehen dran sitzt“, sagt Lenz-Agnes. Auf der Terrasse des Kranzlers ist der Trubel unten ziemlich fern. Die rot-weiße Markise und die roten Geranien wirken auf eine beruhigende Weise aus der Zeit gefallen. Doch gerade diese alteingesessenen Restaurants und Cafés weichen großen Ketten.

Mieten ziehen an

„Die Mieten am Kudamm ziehen an. Das ist natürlich für Filialisten einfacher“, sagt Bezirksstadtrat Marc Schulte (SPD). Er selbst bedauert zwar, dass einige Cafés geschlossen wurden, weist jedoch auch auf den Wandel in der Kaffeehauskultur hin. „Ketten wie Starbucks sind sehr populär – das muss man auch anerkennen“, sagt Schulte. Der Bezirk könne zwar darauf achten, dass denkmalrechtliche Aspekte eingehalten werden, stoße dann allerdings an seine rechtlichen Grenzen. „Wir können nicht bestimmen, welche Cafés oder Restaurants sich in den Gebäuden ansiedeln“, sagt Schulte. Starbucks, Caras, Maredo – tatsächlich herrschen gastronomisch die Ketten über den unteren Teil des Kudamms.

Auffällig sind auch die vielen Mittagsmenüangebote, die auf den Karten vor den Restaurants angepriesen werden. Können sie mittags ihre Plätze mit den Mitarbeitern der vielen umliegenden Büros und Kanzleien füllen, wirken die Restaurants abends verwaist. Sobald die Geschäfte schließen und der Arbeitstag für die meisten beendet ist, wird der Kudamm leer. Viele ziehen sich dann in die lebendigen Seitenstraßen zurück. Schlüterstraße oder Savignyplatz – überall sind die Lokale gut gefüllt. Nur der Prachtboulevard schert da aus. „Hier fehlen Lokale mit netter Atmosphäre. Ich arbeite in der Nähe, aber nach Feierabend ist hier wirklich nichts los – das ist schade“, sagt Kathi B. Ihr würde eine Tapas Bar vorschweben, wo man abends noch ein Glas Wein trinken könnte.

Auch Dirk Winter würde sich nach Ladenschluss gerne noch am Kudamm aufhalten. „Aber leider sind ja in den vergangenen Jahren nicht nur Cafés, sondern auch zahlreiche Kinos wie das Marmorhaus oder die Filmbühne Wien geschlossen worden“, bedauert der 55-Jährige. „Wenn der Regierende helfen will, sollte er sich für den Erhalt der Kudamm-Bühnen und des Cinema Paris einsetzen“, so der Charlottenburger.

Das Grosz macht Mut

Doch es gibt Hoffnung. Neuen Glanz bringt das Café-Restaurant Grosz im Haus Cumberland. Vor dem Eingang sind kleine Marmor-Bistro-Tische gruppiert, im vorderen Teil des Hauses befindet sich die Patisserie L´oui. Kalorienreiche Tortenkreationen schimmern verlockend in einer Glasvitrine. Große Holzflügeltüren geben einen Blick in das aufwendig gestaltete Restaurant preis. Auch die Astor Filmlounge von Kino-Enthusiast Hans-Joachim Flebbe gegenüber vom Kranzler macht Mut. Zwei Institutionen, die, so hofft Winter, bald Nachahmer finden. Denn nur zum Einkaufen sei der Kurfürstendamm einfach viel zu schön.