Fast sieht es am U-Bahnhof Leinestraße in Berlin-Neukölln aus, als hätte sich ein moderner Künstler mit Vorliebe für Pink verewigt. Unzählige Striche, Kreise, Kreuze überziehen die Decke der Station.

Doch Kunst ist das nicht. Jede der Linien markiert einen Schaden am Bauwerk. Unter dem abgeschlagenen Putz bröselt großflächig der Beton und gibt den Blick auf rostigen Stahl frei. Dass bei der planmäßigen Sanierung des Bahnhofs derart massive Schäden gefunden würden, hätten selbst die Bauexperten der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) nicht erwartet.

Nun müssen sie handeln, denn die Tunneldecke ist an einigen Stellen auf Dauer nicht mehrt standfest genug, um den Verkehr, der ein paar Meter oberhalb über die Hermannstraße rollt, zu tragen. Stück für Stück sollen die maroden Stellen nun repariert und verstärkt werden – und das hat erhebliche Auswirkungen für Fahrgäste der U-Bahnlinie U8 und Autofahrer auf der Hermannstraße.

Vollsperrung der Herrmannstraße ist nicht geplant

Vom 12. August an wird die U-Bahn zwischen dem Bahnhof Boddinstraße und der Endstation Hermannstraße unterbrochen. Mindestens neun Monate, schlimmstenfalls sogar bis zum Sommer 2014 sollen die Arbeiten dauern. Auch der Straßenverkehr muss immer wieder auf einzelnen Abschnitten eingeschränkt werden. Denn überall dort, wo die BVG von innen zunächst Bröckelbeton und rostiges Eisen entfernt, dürfen oben wegen Einsturzgefahr keine Autos mehr fahren. Vollsperrungen der Hermannstraße seien aber nicht geplant, versichert U-Bahn-Bauchef Uwe Kutscher. Vorausgesetzt allerdings, bei der Sanierung tauchen nicht noch größere Mängel auf. Schon jetzt rechnet die BVG durch die unerwarteten Deckenschäden an der Leinestraße mit Mehrkosten von 2,5 Millionen Euro.

Noch härter als die Autofahrer trifft es aber die Nutzer der U-Bahn. Anders als bei U-Bahn-Baustellen üblich wird es nämlich keinen leistungsfähigen Ersatzverkehr mit Bussen geben. Auch sie, so begründen die Verkehrsbetriebe, würden nämlich im Zweifel im Stau auf der verengten Hermannstraße feststecken. Der Bahnhof Leinestraße wird deshalb in der Bauphase nur alle 15 Minuten mit der regulären Buslinie 344 erreichbar sein. Weil auch der S-Bahnhof Hermannstraße keine Anbindung an die U-Bahn mehr bietet, verlängert die BVG außerdem die Buslinie M44 bis zum Bahnhof Neukölln. Das übrige Ersatzkonzept der BVG erfordert von den Fahrgästen viel Mitdenken. Der Großteil der täglich etwa 30.000 Fahrgäste auf dem Südabschnitt der U8 soll nämlich auf Umfahrungsstrecken mit den Linien U6, U7 und der Ring-S-Bahn ausweichen.

Bagger an der Hardenbergstraße

Um vor allem in den ersten Tagen der Sperrung ein Chaos zu vermeiden, verspricht die BVG nach den Worten von Unternehmenssprecher Klaus Wazlak „ein Maximum an Information“. Flugblätter, Hinweisschilder, zweisprachige Durchsagen auf Bahnhöfen und in Zügen sind ebenso geplant wie der Einsatz von zusätzlichen Servicepersonal. Auch die Berliner S-Bahn, ein Tochterunternehmen der Deutschen Bahn, will sich an der Info-Offensive beteiligen und ihre Fahrgäste auf den Ring-Bahnhöfen und in den Zügen auf die veränderten Umsteigemöglichkeiten hinweisen.

Im Netz der Berliner U-Bahn bröckelt es aber nicht nur an der Leinestraße. Der Sanierungsbedarf an den teilweise mehr als 100 Jahre alten Tunneln, Brücken, Viadukten und Bahnhöfen ist enorm. Etwa eine Milliarde Euro stellt der Senat den Verkehrsbetrieben bis 2030 zur Verfügung, um die Infrastruktur zu erhalten. Für die Berliner heißt das, sie müssen sich auch in den kommenden Jahren immer wieder auf Großbaustellen rechnen. Im Frühjahr 2014 werden die Bagger im Auftrag der BVG erneut eine zentrale Verkehrsader in der City-West aufreißen. Bis mindestens Ende 2016 wird die Hardenbergstraße zur Baustelle.

In City-West droht Großbaustelle

Unterhalb der Straße verläuft einer der ältesten U-Bahntunnel Deutschlands, die 1900 bis 1902 gebaute Röhre der heutigen Linie U2. Auch dort haben Regenwasser, Salz und der dichte Autoverkehr deutliche Spuren hinterlassen. In der Rangieranlage nahe dem U-Bahnhof Zoologischer Garten sprengt der Rost der Stahlträger Betonbröckchen vom Gewölbe. Durch die Decke ziehen sich Risse, an den Wänden zeigen weiße Kalkspuren, wo das Wasser einsickert. Während Decken und Wände selbst hier noch vergleichsweise stabil sind, ist die mehr als 100 Jahre alte Außendichtung des Tunnels das Problem.

Auf 880 Metern Länge – vom Breitscheidplatz bis zum Ernst-Reuter-Platz – muss die alte Teerpappe in mehreren Bauphasen durch eine moderne Bitumendichtung mit Kupferverstärkung ersetzt werden. Etwa 15 bis 20 der 35 alten Platanen auf der Südseite der Hardenbergstraße müssen dafür voraussichtlich fallen. Sie sollen später durch neue Bäume ersetzt werden. Baubeginn ist laut Bauchef Kutscher im Frühjahr 2014 auf dem Abschnitt zwischen Fasanenstraße und S-Bahnbrücke. Für den Autoverkehr sollen zwei Spuren pro Richtung frei bleiben.

Dauerbaustelle U2-Tunnel

„Wir haben an der U2 den schlechtesten Tunnel im gesamten Netz“, sagt Kutscher. Schon seit diesem Jahr wird daher auch die Tunneldichtung an der Bismarckstraße erneuert. Im Herbst 2013 soll immerhin die Baustelle unmittelbar vor der Oper verschwinden. Die Arbeiter ziehen dann aber nur weiter zum nächsten Bauabschnitt. Die Fertigstellung ist an der Bismarckstraße für Ende 2016 geplant. Der U2-Tunnel in der westlichen Innenstadt muss auch 2017 und in den Folgejahren noch weiter saniert werden. Noch ist etwa offen, wie und wann die Röhre unmittelbar unter dem Breitscheidplatz neu abgedichtet wird. Sie verläuft unterhalb des Platzes zwischen Gedächtniskirche und Weltkugelbrunnen („Wasserklops“) mitten durch das touristische Herz der City-West.

Nicht überall im U-Bahnnetz machen allein die Jahrzehnte den Bauwerken zu schaffen. Der Bahnhof Hermannstraße, erst 1996 eröffnet, hat optisch so gelitten, dass er vom 12. August an während der Sperrung der U8 ebenfalls für eine Million Euro saniert wird. Dabei sollen auch dunkle Ecken in dem Kriminalitätsschwerpunkt verschwinden und moderne Videotechnik eingebaut werden.