Pro: Ort der Entschleunigung
Das Lieblingsspiel in Berlin heißt: „Wir schwächen unsere Stärken.“ Mit Leidenschaft führen wir die Debatte, welche von den besonderen oder einmaligen Berliner Einrichtungen demnächst beseitigt werden soll. Brauchen wir dieses Opernhaus? Brauchen wir dieses ICC? Brauchen wir diesen Tierpark? Eine Mischung aus Sparzwängen, Nörgeligkeit und persönlichen Abneigungen beschert uns eine Dauerdiskussion darüber, wie Berlin durch Abriss, Schließung und Rückbau von einer Weltstadt in eine Allerweltsstadt verwandelt werden kann.
Es ist eine masochistische Debatte, und dass wir sie ständig führen, macht uns Berliner zu etwas Besonderem. Die Bewohner anderer europäischer Metropolen bevorzugen es, Pläne für die Zukunft zu entwerfen – und keine Abrisspläne für die Vergangenheit. Denn dorthin führen solche Diskussionen und ganz besonders die um den Tierpark: mitten hinein ins gestern und vorgestern, direkt ran an die Mauer im Kopf. Was ist schöner: der Zoo (West) oder der Tierpark (Ost)? Diese Frage schwingt mit, wenn wieder mal wer die Schließung des Tierparks verlangt. Aber ganz langsam gelangt wohl doch die Erkenntnis nach oben, dass die durch die Zeit der Teilung Berlins doppelt und dreifach vorhandenen Institutionen – die Opernhäuser, die Staatsbibliotheken, Funk- und Fernsehturm, die beiden Zoologischen Gärten – vor allem ein Geschenk sind.
Wären beide Berliner Tierparks identische Einrichtungen, dann wäre wirklich einer zu viel. Aber der Zoo ist ein Ort der schnellen Höhepunkte, ein Park der Superlative, ein Spitzenplatz der Touristen-Listen. Der Tierpark mit seinen weiten Wegen, den Wäldchen und dem Schloss Friedrichsfelde hingegen ist ein Ort der Entschleunigung, für alle Besucher, die nicht in wenigen Stunden möglichst viele Tiere auf ihrer Zoo-Safari abhaken wollen, eine Meditation über Tiere, Menschen und das, was sie verbindet.
Zoo und Tierpark ergänzen sich also bestens, nur leider nicht bei den Einnahmen. Finanziell gesund ist er nicht, der Tierpark. Aber ihn deswegen zu schließen, das wäre so, als würde man einen Elefanten töten, der sich den Magen verdorben hat. Für den Tierpark muss schnell ein tragfähiges Konzept her. Und wir brauchen mehr Einsatz der Berliner für ihren Tierpark. Der Zoo besitzt eine starke Lobby, die des Tierparks muss noch wachsen.
Doch längst ist auch der Tierpark weit über Berlin hinaus bekannt. Wer Friedrichsfelde besucht, hört um sich herum viele Sprachen der Welt. Neulich waren Freunde aus Kalifornien zu Besuch. Der Potsdamer Platz mit seinen kleinen Hochhäusern beeindruckte sie kaum, Kurfürstendamm und Gedächtniskirche gefielen ihnen, Museumsinsel, Pariser Platz und das Jüdische Museum begeisterten sie. Ihre Berliner Lieblingsorte hießen nach zehn Tagen aber: das ICC, das ehemalige Flugfeld in Tempelhof und der Tierpark. Lennart Paul
Contra: Riesiger finanzieller Aufwand
Ich gebe es zu: Ich bin erlebnisorientiert. Wenn ich mit meiner Familie in einen richtigen Zoo gehe, will ich Tiere sehen. Und dabei nicht zu einem ausgedehnten Spaziergang gezwungen sein. Die typische Situation sieht so aus: Der Kleine hat seinen Mittagsschlaf beendet. Um 15.30 können wir in einer der Einrichtungen sein. Im Zoo hopst das Kind schon nach wenigen Metern vor Staunen und Begeisterung über die Alpakas in seinem Buggy auf und ab. Innerhalb der zwei Stunden bis zur Schließung der Häuser schaffen wir es noch, vor dem Giraffengehege die Halslänge nachzuahmen, über die Faxen der Affen zu lachen, die weggeworfene Kindermütze vor dem Tigerkäfig zu angeln, und dem Kind den Unterschied zum Löwen zu erklären. Dazwischen noch verschiedenes Kleingetier und womöglich ein Eis. Dann geht es pünktlich zum Abendbrot nach Hause. Eine runde Sache.
Im Tierpark mit seinem weitläufigen Gelände ist das so nicht möglich. Klar, die Pelikane vor dem Schloss sind unbestritten ein Highlight. Auch die Flamingos, die inmitten dieser Parkanlage auf den Besucher zu warten scheinen, sind mitunter ein großartiges Erlebnis. Und sicher, der Tierkinderzoo ist für uns gut geeignet. Insgesamt aber ist der Tierpark eben doch in erster Linie ein Park. Ein altmodischer noch dazu. Dafür kann man eine Liebe entwickeln. Für das Tiererlebnis aber braucht man doch deutlich mehr Zeit als im Zoo. Zu viel, für meinen Geschmack. Wenn es also darum geht, einen Zoo zu schließen, dann heißt meine Antwort: Nehmt den Friedrichsfelder Park.
Tatsächlich findet ja längst eine Art Abstimmung mit Füßen statt. 1.048.860 Menschen besuchten den Tierpark 2012, fast dreimal so viele Leute sahen sich Zoo und Aquarium an. Während dieser finanziell auf eigenen Beinen steht, wird das Pendant in Friedrichsfelde staatlich alimentiert. Und das in Zeiten, in denen der jüngste Zensus zusätzliche Sparsamkeit der öffentlichen Haushälter nahelegt.
Dass der Tierpark nicht mehr neuesten Standards entspricht, darüber sind sich Freunde wie Gegner der Einrichtung einig. Wie, mit wie viel Geld und in welchem Zeitraum er aufgemöbelt wird – das alles ist jedoch völlig unabsehbar. Solange der gemeinsame Chef von Zoo und Tierpark Bernhard Blaszkiewitz heißt, scheint keine Bewegung in Sicht. Seit 1991 war er Herr über den Tierpark, erst vor sechs Jahren kam der Zoo dazu. Dass sein Herz eher für den Tierpark schlägt, ist leicht nachvollziehbar, weil er aber gleichzeitig die Debatte über die Veränderungen blockiert, schadet er beiden Einrichtungen und letztlich auch sich selbst. Bevor hier etwas voran geht, werden Jahre vergehen.
Wer die Schließung des Tierparks fordert, begibt sich auf vermintes Gelände. Ähnlich verläuft die Diskussion über die Zahl der Opernhäuser in der Stadt. Sehr schnell entsteht der Eindruck, da spreche jemand im Sinne seiner eigenen Herkunft: West-Besucher für den Zoo, Ost-Besucher für den Tierpark. So einfach ist es nicht. Ich komme aus dem Westen und lebe im Osten, ein Teil meiner Familie stammt aus Ostdeutschland. Und wer den wohl berühmtesten ostdeutschen Zoo in Leipzig kennt, weiß auch um den großen Nachholbedarf in Friedrichsfelde.
Dass sich etwas ändern muss, darüber sind sich Freunde wie Gegner einig. Doch wofür eigentlich der riesige finanzielle Aufwand? Berlin käme auch mit einem Zoo zurecht. Und den Tierpark aus Nostalgie zu erhalten, weil man sich von einer lieb gewonnenen Sache einfach nicht gern trennt, reicht als Grund nicht aus. Das Geld wäre anders vielleicht besser investiert. In kleine Kinderfarmen überall in den Kiezen zum Beispiel. Heike Dietrich




