Verluste

Finanzprobleme des Tierparks bringen auch Zoo in Bedrängnis

Der Zoo im Westen, der Tierpark im Osten Berlins: Der eine schreibt Gewinn, der andere Verluste. Was soll aus ihnen werden? Es wird bereits eine Schließung gefordert.

Eine Galapagos-Erlebniswelt, ein Südostasien-Haus, ein großes Spieldorf: Es gibt durchaus Ideen, wie der Berliner Zoo und der Tierpark weiterentwickelt werden könnten. Doch mehr als eine Ideensammlung existiert nicht, dabei wird seit Jahren an einem Masterplan „Tierpark 2020+“ gebastelt.

Vielleicht liegt das daran, dass die beiden Geschäftsführer, Gabriele Thöne und Bernhard Blaszkiewitz, je eigene Schwerpunkte setzen wollen und sich nicht gut verstehen. Bislang wurden nicht einmal jene 200.000 Euro abgerufen, die die Senatsverwaltung für Finanzen zur Visualisierung des Masterplans im Jahr 2013 bereitgestellt hat. Thöne und Blaszkiewitz bilden den Vorstand der Zoo AG, zu der Zoo und Tierpark gehören.

Jüngst hat Thöne als kaufmännische Direktorin vorgeschlagen, zunächst ein Servicezentrum am Bärenschaufenster des Tierparks als zentralen Empfang für die Gäste zu bauen. Es sieht die Zusammenarbeit von Tierpflegern mit Mitgliedern des Fördervereins von Zoo und Tierpark vor. Die Ehrenamtlichen sollen Besucher betreuen und dabei unter anderem Mobilitätsangebote erläutern. Immerhin misst das Areal 160 Hektar, damit ist es halb so groß wie das Tempelhofer Feld, aber gefühlt nicht mal ein Fünfzigstel so cool und so genutzt.

Dabei ist der Tierpark der größte Landschaftszoo Europas. Besucht haben ihn im vergangenen Jahr 1.048.860 Menschen, das sind rund 0,4 Prozent weniger als 2011. Im Geschäftsbericht 2012 heißt es, dass der Tierpark „abseits der bisherigen Touristenströme noch nicht vom Tourismusboom Berlins profitieren“ konnte. Die Umsatzerlöse aus Eintritten betrugen 4,528 Millionen Euro, vier Prozent weniger als 2011. Die Anzahl der verkauften Tickets hat sich um 21.576 auf 526.908 verringert. Der Bilanzverlust von 150.000 Euro soll wie schon im Vorjahr durch Rückgriff auf Gewinnrücklagen ausgeglichen werden.

Beide sollen erhalten werden

Zum Vergleich: Dreimal so viele, nämlich 2,994 Millionen Menschen flanierten 2012 durch Zoo und Aquarium. Der Jahresüberschuss lag bei 4,353 Millionen Euro – die Zoo AG erhält keine finanzielle Unterstützung des Landes Berlin mehr. Seine Tochtergesellschaft, der Tierpark, sehr wohl. Im laufenden Jahr zahlt das Land 6,27 Millionen Euro. Doch Geld für die Umsetzung des Masterplans haben die Haushälter erst ab 2016 vorgesehen, 3,8 Millionen Euro sollen es sein.

So klamm der Tierpark auch dasteht – klar ist seit 2002, seit dem gescheiterten Vorstoß des ehemaligen Finanzsenators Thilo Sarrazin (SPD): Eine Schließung des Tierparks ist politisch nicht gewünscht. Selbst die schärfste Kritikerin von Zoo- und Tierpark-Direktor Bernhard Blaszkiewitz, die Grünen-Abgeordnete Claudia Hämmerling, spricht sich lediglich für Veränderungen im Bestand aus. Als zentrales Problem sieht sie, „dass der Tierpark lieblos und nach dem Prinzip Masse statt Klasse geführt wird“. Als Tierschützerin beklagt sie Inzucht (bei den Giraffen), nicht artgerechte Unterbringung („Schichtsystem“ bei den Raubtieren), fehlende Beschäftigungsmöglichkeiten (bei den Elefanten) und verantwortungslosen Tierhandel.

Politiker fordern Erlebnisdorf für Familien

Und die CDU-Abgeordneten Danny Freymark und Alexander J. Herrmann fordern „eine Geschäftsführung, die endlich ihre Arbeit macht“. Sie müsse den Tierbestand sinnvoll reduzieren, ein Veranstaltungs- und Nutzungskonzept vorlegen und als Erstes in ein Erlebnisdorf für Familien investieren – und nicht, wie von Thöne vorgeschlagen, in das Servicezentrum Bärenschaufenster. Der FDP-Bundestagsabgeordnete Lars Lindemann hatte sogar ganz unsentimental – er stammt nicht aus Berlin – die Schließung des Tierparks gefordert oder den Verkauf.

Möglich ist diese Diskussion nicht nur wegen der finanziellen Schieflage, sondern weil ein Führungsproblem dazukommt. Schon der ehemalige Zoo-Finanzvorstand Gerald R. Uhlich scheiterte am Vorstandskollegen Blaszkiewitz: Uhlich musste Ende 2007 im Streit gehen. Ihm folgte die ehemalige Finanzstaatssekretärin Gabriele Thöne, deren Vertrag im September 2013 ausläuft. Ob er verlängert wird oder wer nach ihr kommt, ist unklar. Blaszkiewitz trägt die größte Verantwortung, die er ungern teilt, wie sich Katrin Lompscher (Linke), als ehemalige Senatorin zuständig für Tierschutz, erinnert. „Es war schwierig, eine gemeinsame Kommunikation zu vereinbaren.“ Als die Senatsverwaltung im Zusammenhang mit der energetischen Sanierung des Alfred-Brehm-Hauses Unterstützung beim Beantragen von EU-Zuschüssen angeboten habe, „war die Bereitschaft der Akteure im Tierpark nicht groß, sich helfen zu lassen“.

Blaszkiewitz immer wieder in der Kritik

Lompscher beschreibt Blaszkiewitz’ Führungsstil als „sehr zentralistisch“: „Selbst die unmittelbar fachlich Zuständigen mussten sich immer rückversichern.“ Die Folgen kamen 2012 ans Licht: Der Tierpark muss wegen Fehlern bei der Ausschreibung der energetischen Sanierung mindestens 127.000 Euro Zuschüsse an das Umweltentlastungsprogramm II zurückzahlen. Das Abgeordnetenhaus wartet dazu immer noch auf einen Bericht des Aufsichtsrates der Zoo AG. Der 59 Jahre alte Blaszkiewitz ist seit 2007 Chef im Zoo und seit 1991 Direktor des Tierparks. Legendär wurde sein Auftritt als „Katzenkiller“: Blaszkiewitz hatte als frisch berufener Chef bei einer Stallbegehung streunende Katzen eigenhändig getötet. „Er stellt sich dar wie der Herr über Leben und Tod“, sagt ein Mitarbeiter und spricht auch von der Gegenwart. Demnach entscheide er als letzte Instanz – und nicht Veterinäre, die nach dem Gesetz allein zur Euthanasie berechtigt sind –, ob ein Tier eingeschläfert werden darf.

Immer wieder gerät der gebürtige Tempelhofer wegen seines Führungsverhaltens in die Kritik. Im Januar 2013 soll er auf einer Betriebsversammlung „unchristlichen“ Mitarbeitern einen Anspruch auf Weihnachtsgeld abgesprochen haben. Damals war auch bekannt geworden, dass er Mitarbeiterinnen als „0,1“ – der zoologische Code für Zuchtweibchen – bezeichnet hatte. Daraufhin setzte der Zoo-Aufsichtsrat zwei Gleichstellungsbeauftragte ein und einen Vertrauensanwalt. Die Großkanzlei Gleiss Lutz fragte unter den mehr als 400 Mitarbeitern 120 Stellungnahmen zu Blaszkiewitz ab. Sie betreffen seine Personalführung, das Image des Hauses und tierrechtliche Vergehen.

Auch die Gesundheit von Mitarbeitern und der arbeitsrechtliche Umgang mit ihr sind Thema. So lehnte Blaszkiewitz im Tierpark eine wohl vom Betriebsarzt vorgeschlagene Begehung eines problematischen Gebäudes ab, weil er sich nicht angemessen am Entscheidungsprozess beteiligt fühlte. Erst als Unfallkasse und Landesamt für Gesundheit und Soziales eingeschaltet wurden, fand die Begehung Mitte Juni 2013 statt. Dem Betriebsarzt wurde der Zutritt verwehrt.

Renommee bei Experten sinkt

Ob Blaszkiewitz nur exzentrisch ist oder ob er sich justiziable Vergehen hat zuschulden kommen lassen, ob er also seinen Job behält, ist offen. Sein Vertrag läuft bis Juni 2014. Unbenommen dessen, dass mancher Mitarbeiter sich sehr unwohl mit seinem Chef fühlt, die wiederkehrend negativen Schlagzeilen schädigen das Image der Hauptstadtzoos. „Es ist, als ob die Einrichtung still steht. Wir gelten in der Branche inzwischen als ‚der schlafende Riese‘“, sagt ein Angestellter. Im Europäischen Zooverband will man sich nicht negativ über Mitglieder äußern, hat aber verschnupft zur Kenntnis genommen, dass ausgerechnet die zwei Berliner Zoos als arten- und tierreichste Einrichtung Europas zwar an Zuchtprogrammen teilnehmen, aber nur willkürlich den Austauschempfehlungen der Koordinatoren folgen.

Auch auf eigenem Terrain ist die Unzufriedenheit fassbar. Im Mai 2013 kam es erstmals in der Geschichte von Zoo und Tierpark zum Streik. Die Mitarbeiter forderten höhere Löhne – und hatten damit in Teilen Erfolg. Ähnlich steht es um die beiden Stiftungen. Die Zoo-Stiftung hat seit ihrer Gründung Mitte 2011 zum Grundstock von einer Million Euro nur 150.000 Euro hinzugewonnen. Die gemeinsame Stiftung für Zoo und Tierpark hat durch den Förderverein seit Dezember 2010 mehr als 800.000 Euro eingespielt. Vielleicht liegt es daran, dass der Verein Bürger anspricht, die sich für konkrete Projekte, eben für die Tiere, einbringen wollen – fernab vom Führungskräfte-Gezänk.

Doch die Begeisterung der Berliner scheint abzuflauen: Der Förderverein verzeichnet nach Jahren steigender Mitgliederzahlen pro Jahr erstmals geringeres Interesse. Dabei spielen doch – hier schließt sich der Kreis – gerade die Ehrenamtlichen eine wesentliche Rolle im Masterplan für den Tierpark.

Sollte eine der beiden Einrichtungen geschlossen werden? Lesen Sie HIER unser Pro und Contra.

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