Friedrichsfelde

Viele Tiere sollen aus dem Tierpark weichen - damit er bleibt

Grünen-Politikerin Claudia Hämmerling will den Tierpark in Friedrichsfelde verkleinern. Sie bringt Bewegung in die Debatte um die Zukunft des Hauses. Das wird auch Zeit: Mitarbeiter wollen streiken.

Foto: Tanja Laninger / Zsuzsa Petró / SóstóZoo

Schließen will sie den Tierpark nicht. Jedenfalls nicht ganz – nur so halb. Das hat die Grünen-Politikerin Claudia Hämmerling am Mittwoch gesagt. Ihr Motto lautet: "Klasse statt Masse". Hämmerling will nicht nur das Bildungsangebot durch moderne Informationsangebote verbessert sehen, sondern sie möchte in den kommenden Jahren den Tierbestand im Tierpark "um 30 bis 50 Prozent" reduzieren.

Sie würde die Krokodilhalle schließen und das Elefantenhaus umbauen sowie zwei von drei Zebraherden und Hyänenrudeln abschaffen, um der verbleibenden Art mehr Raum zur Verfügung zu stellen. "Man könnte auch überlegen, das 160 Hektar große Tierpark-Areal aufzuteilen und dem Bezirk Lichtenberg eine Fläche als öffentlichen und kostenlos zugänglichen Park zu übergeben, in dem bestimmte Tiere wie Hirsche leben könnten."

Abschaffen, verkleinern, verbessern – Hämmerling bringt Bewegung in die Debatte um den Tierpark. Denn der geht langsam aber sicher bankrott: Die Einnahmen decken die Ausgaben nicht, und sollten sich Gewerkschafter mit ihren Gehaltsforderungen durchsetzen, so sei das Stammkapital von einer halben Million Euro aufgebraucht, davor hatte Zoo- und Tierpark-Geschäftsführerin Gabriele Thöne jüngst gewarnt.

Affen ohne Ausblick, Elefanten an Ketten

Hämmerling – ganz die tierschutzpolitische Sprecherin ihrer Fraktion – hat die Präsentation ihrer Zukunftsvision mit Kritik an der Tierhaltung verbunden. So zeigte sie Fotografien von Harpien, die beim Ausbreiten ihrer Flügel Federn lassen, weil ihre Voliere zu klein sei, von Affen, die aus Innenkäfigen nicht ins Freie schauen können, von Erdmännchen, die wegen Kälte selten für Besucher zu sehen sind, von Schneeeulen ohne Rückzugsmöglichkeiten – und Hämmerling klickte in ihrer elektronischen Datensammlung eine Menge Aufnahmen von Elefanten an: angekettete und webende, geschlagene und "gedemütigte".

Beschäftigung für die Elefanten

Derzeit leben im Tierpark sieben Afrikanische und neun Asiatische Elefanten. "Das Elefantenhaus umfasst etwa 6000 Quadratmeter. Doch der Platz steht den Tieren nicht zur Verfügung. Innen wie auf der Außenanlage fehlt es ihnen an Beschäftigung." Hämmerling postulierte, das ginge besser, und belegte es mit Bildern aus dem Zoo Heidelberg. Dort leben nur vier Elefanten, dafür seien diese, so Hämmerling, den ganzen Tag über aktiv: Sie suchen sich mit dem Rüssel Futter aus hoch hängenden Kästen oder durchlöcherten Röhren, können ihre Stoßzähne in große Gummireifen stechen und diese an Stämmen auf und abrollen oder gleich ganze Holzstämme herumschieben. Besucher lernen in Heidelberg vor einer Erklär-Installation am eigenen Leib, wie sich die Infraschallkommunikation der Großsäuger anhört. "Solche modernen pädagogischen Angebote vermisse ich im Tierpark", sagte Hämmerling.

Hämmerling sieht Tierpfleger in Gefahr

Die Politikerin hat auch das Wohl der Tierpfleger im Auge. "Dass die nun erstmals streiken, kann ich verstehen. Sie müssen immer mehr arbeiten, haben aber seit Jahren nicht mehr Gehalt bekommen." Den wenigsten stünden preisgünstige Dienstwohnungen zur Verfügung. Konkret sieht Hämmerling die Elefantenpfleger sogar in Gefahr und zitiert die Unfallstatistik des Vereins Elefanten-Schutz Europa, wonach es nirgendwo in Europa so viele dokumentierte Übergriffe von Elefanten auf ihre Wärter gebe wie im Tierpark Berlin. Der jüngste Unfall liegt erst wenige Wochen zurück.

Im Tierpark haben Pfleger zu Asiatischen Elefanten noch direkten Kontakt; im Training und auf der Anlage werden auch Schläge mit dem so genannten Elefantenhaken eingesetzt. Andere Zoos sind auf geschützten Umgang umgestiegen: Dabei werden die Tiere über positive Belohnung an Kommandos gewöhnt, die Pfleger bleiben hinter Schranken.

"Im Tierpark haben die Tierpfleger keine Zeit mehr, sich richtig mit ihren Tieren zu beschäftigen", kritisierte Hämmerling weiter. In den vergangenen Jahren sei Personal abgebaut, der Tierbestand aber vergrößert worden. "Das war nicht korrekt", monierte die Politikerin. So hatte das Land Berlin vor acht Jahren einen Vertrag mit dem Tierpark geschlossen, in dem jährliche Zuwendungen in Millionenhöhe an die Bedingung geknüpft waren, den Bestand zu verringern. Ein Blick in die Inventurlisten zeigt eine geringe Reduktion: Für 2012 sind im Tierpark 7629 Individuen und 865 Arten aufgeführt. Ende 2007 waren es 7955 Individuen in 976 Arten.

Der Senat soll eine Fachaufsicht bereitstellen

"Da ist etwas schiefgelaufen, der Aufsichtsrat hat nicht eingegriffen. Nun muss der Senat dem Tierpark eine Fachaufsicht an die Seite stellen", forderte Hämmerling. Immer noch erhält die Einrichtung, die als GmbH eine Tochter der Zoo Aktiengesellschaft ist, Zuschüsse: 6,27 Millionen Euro sind es im laufenden Jahr. Die Fachaufsicht solle mit den Kuratoren aus dem Tierpark den Bestand sichten und entscheiden, welche Arten noch gehalten und welche "auslaufen" können. Fänden sich keine soliden Abnehmer, müsste man die Nachzucht unterbinden. "Das ist ein jahrelanger Prozess", sagte Hämmerling. Zugleich forderte sie die Einhaltung der Regeln des Dachverbandes der Europäischen Zoos und Aquarien (EAZA). Gemeint ist die Beteiligung an Erhaltungszuchtprogrammen, bei denen Zoo und Tierpark Berlin keinesfalls durchgängig mitmachen – zum Beispiel nicht bei den Elefanten.

So vage manches bleibt – Hämmerling stößt in eine Lücke vor. Thöne hat mit dem "Masterplan 2020" im Jahr 2011 nur einen 80 Millionen teuren Strauß bunter Ideen präsentiert. Konkrete Pläne liegen im Abgeordnetenhauses nicht vor.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.