Nahverkehr

Berlin droht eine neue S-Bahn-Krise

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Markus Falkner und Thomas Fülling

Foto: Z1032 Arno Burgi / dpa

Es wird immer wahrscheinlicher, dass die 2017 dringend benötigten 200 neuen Doppelwagen nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen. Die Berliner müssen sich auf Notbetrieb mit alten Zügen einstellen.

Die S-Bahn in Berlin steht vor der nächsten Krise: Der Berliner Fahrgastverband Igeb warnte bereits vor Monaten vor erheblichen Einschnitten im Verkehrsangebot, wenn der Verkehrsvertrag mit der Deutschen Bahn Ende 2017 ausläuft. Inzwischen ist klar: Die Fahrgäste müssen sich auf einen jahrelangen Notbetrieb mit alten Zügen einstellen.

Es wird immer unwahrscheinlicher, dass die ab Ende 2017 dringend benötigten 200 neuen Doppelwagen für das Schnellbahnnetz in Berlin vorhanden sein werden. Grund dafür ist das schleppende Wettbewerbsverfahren zur Suche nach einem neuen Betreiber für die wichtige Ringbahn und drei S-Bahn-Linien.

Die europaweite Ausschreibung des Milliardenauftrags war von Berlin und Brandenburg bereits im Sommer 2012 in Gang gesetzt worden, musste aber wegen eines juristischen Einspruchs des aktuellen S-Bahn-Betreibers, der Deutschen Bahn, im April dieses Jahres faktisch neu gestartet werden.

Bisher ist nicht einmal die erste Phase des Verfahrens abgeschlossen. Die Frist, in der Eisenbahnverkehrsunternehmen und Fahrzeughersteller ihr Interesse an einer Teilnahme an der Ausschreibung bekunden können, wurde vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB), der die Ausschreibung für die beiden Bundesländer organisiert, zwei Mal verschoben. Es habe zahlreiche Rückfragen durch mögliche Bieter gegeben, begründete VBB-Geschäftsführer Hans-Werner Franz den Aufschub.

Am Montag soll die Frist aber endgültig ablaufen. Eine nochmalige Terminverlängerung wird es nicht geben. „Jetzt ist der Deckel zu“, sagte Franz der Berliner Morgenpost. In den kommenden Wochen will der VBB die Bewerber genau prüfen.

600 Millionen Euro Kosten

Entscheidend ist nur die Frage, ob sie finanziell und von ihrer Erfahrung in der Lage sein werden, den Auftrag zu stemmen. Dabei geht es zum einen um den Betrieb der Ringbahnlinien S41 und S42 sowie der Zubringerlinien S46 (Hauptbahnhof – Westend – Königs Wusterhausen, S47 (Spindlersfeld – Südkreuz) und S8 (Hohen Neuendorf – Zeuthen) ab Dezember 2017 für die folgenden 15 Jahre.

Zum anderen müssen die dafür benötigten rund 400 S-Bahn-Wagen vom künftigen Betreiber bestellt, gekauft und später auch instand gehalten werden. Allein die Anschaffung der Fahrzeuge kostet nach bisherigen Schätzungen mindestens 600 Millionen Euro.

Laut VBB-Chef Franz soll der Zuschlag für den lukrativen Auftrag Ende 2014 erfolgen. Ob dieser Termin gehalten werden kann, hänge aber auch von der Zahl der Bewerber ab. Die Deutsche Bahn will sich bewerben, auch das französische Staatsunternehmen RATP, das in Paris die Metro betreibt, ist gewillt in der deutschen Hauptstadt Fuß zu fassen. Interesse wird auch dem privaten britischen Unternehmen National Express Rail und der chinesischen MTR Corporation nachgesagt.

Erstmals wollen auch große Schienenfahrzeughersteller mit eigenem Angebot mitbieten. Angekündigt haben dies bereits der kanadische Hersteller Bombardier Transportation, der bereits die 500 Doppelwagen der jüngsten Baureihe der Berliner S-Bahn geliefert hat, und ein Konsortium von Siemens und Stadler.

Auch VBB-Chef Franz räumt ein, dass es schwierig wird, Ende 2017 die benötigten neuen Fahrzeuge in ausreichender Zahl einsatzbereit zu haben. „Es wird sehr eng“, sagte er. Nach bisherigen Erfahrungen müsse man davon ausgehen, dass 44 Monate vergehen, bis ein neuer Zug eine Zulassung erhält. Und selbst wenn die Genehmigung da ist: Nicht alle Fahrzeuge können gleichzeitig gebaut und ausgeliefert werden. Experten gehen davon aus, dass erst 2021 alle neuen Züge in Berlin unterwegs sein werden.

Zulassungen laufen aus

Damit das Angebot in der Zwischenzeit nicht zusammenbricht, muss die S-Bahn ihre Alt-Baureihen 480 und 485 länger als geplant einsetzen. Das Problem: Für die meisten Züge laufen spätestens 2018 die Zulassungen aus. Auch die Sicherheits- und Kommunikationstechnik entspricht dann nicht mehr den Vorgaben des Eisenbahn-Bundesamtes (EBA). Eine Umrüstung gilt insbesondere bei den 70 Doppelwagen der Baureihe 480 als fraglich. In jedem Fall wird es teuer. Bahnintern werden die Kosten auf 100 Millionen Euro geschätzt.