Kunstszene

Für Berlins Künstler werden die Ateliers knapp

Es sind auch Maler und Bildhauer, die Berlin attraktiv machen. Die Kunstszene gehört längst zum Vermarktungsprofil. Doch viele klagen nun über Ateliermangel. Panikmache oder Realität? Ein Rundgang.

Foto: Amin Akhtar

Neulich waren wir auf einer Vernissage in einem Pferdestall, Hinterhof, Boxhagener Straße. So ein Gebäude hatten wir hier nicht vermutet, so mittendrin im nächtlichen, urbanen Gewimmel. Dort, wo früher die Kutschen vorfuhren und Tiere angekettet waren, hängen nun farbrauschende Streifenbilder, die wirklich Lust auf Sommer machen. Mehrere Künstler teilen sich den imposanten Stall zum Arbeiten, allerdings müssen sie ohne Klo auskommen. Na ja, der Mensch ist erfinderisch und die künstlerische Untermiete ohnehin temporär. Irgendwann rückt der Denkmalschutz an, dann wird saniert. Und für die Künstler beginnt die Suche nach einem neuen Atelier.

Alle schwärmen unentwegt über Berlin als Weltstadt für junge, zeitgenössische Kunst. Die Kunstszene gehört längst zum Vermarktungsprofil. Doch unter welchen Bedingungen leben Berlins Künstler eigentlich? „Berlin wäre ohne Künstler ein armes Würstchen!“ Das findet zumindest Florian Schöttle, und der muss es eigentlich wissen: Schöttle ist Atelierbeauftragter des Landes Berlin, sozusagen Sonderbeauftragter für Künstler ohne Dach über dem Kopf. Künstler brächten Geld in die Stadt, meint er, nicht allein durch die Galerien, sie sind kultureller Mehrwert, ohne sie gäbe es nur halb so viel Spaß in der Stadt.

Zweitjob ist Normalität

Er selbst nennt sich „Verwalter des Mangels“, klingt etwas kokett, schließlich managt er 1,4 Millionen Euro für das Ateliersofortprogramm, das der Senat fördert. 1000 gesponserte Ateliers wären ideal für die hauptstädtische Künstlergemeinde, findet er. Das Geld fließt derzeit in 830 Studios und Atelierwohnungen, bis Ende des Jahres, so hatte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit verkündet, sollen noch einmal hundert neue Ateliers entstehen. Angemietet werden sie von privat oder die Gebäude sind ohnehin in Landesbesitz.

Zwanzig bis hundert Quadratmeter sind sie groß, je nach Bedarf. Ein Bildhauer braucht im Allgemeinen mehr Platz, wenn er riesige Stahlskulpturen sägt oder fräst wie beispielsweise Max Frisinger, der eine ganze Werkstatt braucht. 3,60 Euro Miete durchschnittlich bezahlt ein Künstler, hat Schöttle errechnet. Die Senatsverwaltung schießt etwas die Hälfte zu. Allerdings können sich bei Schöttle keine Großkünstler wie beispielsweise Neo Rauch oder Olafur Eliasson bewerben, die Einkommensobergrenze liegt bei 18.000 Euro im Jahr.

Von den 9400 Künstlern, die die Künstlersozialkasse in Berlin registriert hat, kann nur ein kleiner Prozentsatz wirklich komfortabel von seinen Werken leben. „Bei den Einnahmen hat sich nicht viel geändert über die Jahre. Warum sollten Künstler auch stinkreich werden? Sie wählen den Beruf ja nicht, weil sie ein bürgerliches Einkommen suchen“, weiß Schöttle. Die Analyse des IFSE (Institut für Strategieentwicklung) ist zu einer traurigen Bilanz gekommen, unter 1000 Künstler beziehen demnach ein ausreichendes Einkommen aus dem Verkauf ihrer Werke oder aus Stipendien. Auch wer in einer Galerie vertreten ist, hat damit keine Garantie für finanzielle Stabilität. Ein Zweitjob zur Sicherung des Lebensunterhalts ist längst Normalität unter Berlins Künstlern.

Rund 200 Ateliers gefährdet

Gentrifizierung ist natürlich auch bei Florian Schöttle ein Thema, die wachsenden Mieten gehen an seiner Klientel nicht vorbei. In Mitte, Kreuzberg und Prenzlauer Berg ist ohnehin alles dicht, vieles wurde in Wohnraum und Eigentum umgewandelt. Das ist keine Panikmache, sondern Realität. Ein Beispiel: Die 50 Ateliers an der Rosenthalerstraße 71, in privater Hand, werden wohl im Herbst abgewickelt, dort soll ein Hotel rein. Auch die Gerichtshöfe in Wedding mit 60 Ateliers wird es nicht mehr lange geben. Rund 200 Ateliers sind dieses Jahr gefährdet, so schätzt man beim BBK, dem Berufsverband bildender Künstler. „Die Atelier-Situation ist schlecht und verschärft sich. Das führt in Folge dazu, dass weniger Künstler nach Berlin kommen und sich hier niederlassen“, glaubt Christoph Tannert, Chef des Künstlerhauses Bethanien in Kreuzberg. Sein Haus vergibt 25 Studios verschiedener Größe ausschließlich an internationale Künstler, die ein Stipendium bekommen. Der Mietpreis ist hier nicht ohne: 8,88 bis 10 Euro warm.

Wiebke Siem hat sein zehn Jahren ihr lichtes Atelier in einem großzügigen Gewerbeareal an der Glogauer Straße in Kreuzberg, rundum eher ärmliche 50er Jahre-Sozialbautenarchitektur. Auf den verschiedenen Etagen arbeiten Künstler wie Uwe Henneken und Max Frisinger, Anselm Ryle hatte hier wohl mal mehrere hundert Quadratmeter gemietet wie auch John Bock und der früh verstorbene Michel Majerus.

„Im Hof gab’s oft tolle Partys, schönes Teamgefühl“, erzählt Wiebke Siem. Sie bespielt 145 Quadratmeter, den Platz braucht sie. Überall stehen Körbe voll mit Kleiderbügeln, Textilien, Holzstangen und XXL-Holzlöffeln, damit bestückt man in Ungarn Gulaschkanonen. Die Künstlerin fertigt raumgreifende, bühnenartige Objekte und Figuren, kürzlich zeigte die Galerie Johnen eine ihrer Installationen. Rechnen muss heute jeder Künstler, sagt sie. Auch sie fürchtet die Mieterhöhung, die demnächst auf sie zukommt.

Ateliermieten steigen

Zu den Mietern zählt auch auch Katja Strunz, die gerade in der Berlinischen Galerie ihre Raumkompositionen präsentiert. „Die Ateliermieten steigen gerade extrem an.“ So wie viele andere Künstler im Haus würde sie wohl eine Mieterhöhung nicht mitmachen, sondern aus Kreuzberg wegziehen. „Ich hatte noch ein zweites Atelier im Nebenflügel, das ich bereits aufgegeben habe“, sagt sie. „Die Miete sollte plötzlich fast das Doppelte kosten. Das fand ich nicht mehr akzeptabel.“ Preisstabil also ist nichts mehr im alten SO 36-Kiez, eben begehrte Lage. Vor einigen Jahren lag der Quadratmeterpreis noch bei kalt unter vier Euro. Klar, alle wissen, im Vergleich mit anderen Metropolen ist das Jammern auf hohem Niveau.

Mit sieben Euro pro Quadratmeter kalkuliert die junge Malerin Simone Haack im Atelierhaus Prenzlauer Promenade, seit 2010 arbeitet sie dort. Solange es noch geht: Um das Gebäude der ehemaligen Akademie der Wissenschaften der DDR gibt es schon länger Ärger. Die Senatskulturverwaltung und Bezirk stehen auf Seiten der Künstler, doch die Finanzverwaltung macht Druck, will den Komplex veräußern. Die letzte Entscheidung steht noch aus. „Für uns hundert Künstler und einige kleine Gewerbetreibende wäre es gut, wenn wir aus der Unsicherheit rauskommen“, meint Haack. Sie selbst lebt von ihren Bilderverkäufen, unterrichtet einmal die Woche an einer Kunstschule. Sie verkauft allerdings weniger in Berlin, sondern außerhalb, beispielsweise in Dänemark. „Die meisten“, sagt die 35-Jährige, „haben ganz schön zu kämpfen. Ein guter, zentraler Arbeitsraum ist dabei buchstäblich die halbe Miete für einen Künstler, halt wichtiger Bestandteil der Arbeitssituation. Kontakte und Gespräche wie hier gehören dazu.“

Keine Ateliers im Zentrum

Heute noch ein bezahlbares Studio in der Innenstadt zu mieten, sei „fast unmöglich“, sagt Florian Schöttle. Im Fokus stehen jetzt Räumlichkeiten nahe des S-Bahn-Rings, Lichtenberg und Wedding, da gibt es noch Platz. Den hat Jerzcy Seymour mit 350 Quadratmetern. Seine Atelierwohnung an der S-Bahn Wedding ist eine Art Wunderkammer, doch diesen großzügigen Luxus können sich nur die wenigsten leisten.

Alternativen für zusätzliche Studios gibt es in der Stadt. In der Senatskanzelei existiert eine Liste mit landeseigenen Immobilien, die leerstehen. Ideal wäre, so Schöttle, die Alte Münze am historischen Hafen. Wer dort schon einmal eine Ausstellung angeschaut hat, weiß, wie weitläufig das Areal mit den Gebäudekomplexen ist. Schöttle hat einen Traum: Hier könnten neben Künstlern auch Theatergruppen und andere freie Gruppen unterkommen.