Geschichte gezeichnet

Berliner Künstler erzählen Flucht aus der DDR in einem Comic

Ungewöhnliches Projekt: Susanne Buddenberg und Thomas Henseler zeichnen mit einem Comic die Geschichte eines Berliner Fluchthelfers nach. Das Werk ist mittlerweile Lehrmaterial an Berliner Schulen.

Foto: Sergej Glanze / Glanze

Die Szenerie wirkt friedlich. Bei strahlendem Sonnenschein sitzen Susanne Buddenberg und Thomas Henseler auf der Terrasse der Mauer-Gedenkstätte an der Bernauer Straße. Doch nur ein paar Meter weiter befindet sich auf dem Rasen eine Tafel zur Erinnerung an den Tunnel 57. Er führte vom Keller einer leer stehenden Bäckerei auf der Westseite der Bernauer Straße 97 unter der Berliner Mauer hindurch zu einem nicht mehr genutzten Toilettenhaus im Hof der Strelitzer Straße 55 im Osten. Es ist kaum vorstellbar, dass unter dieser grünen Wiese einmal ein 145 Meter langer und bis zu zwölf Meter tiefer Fluchttunnel gegraben worden war. Insgesamt 57 Menschen aus der DDR flüchteten durch diesen engen Stollen in den Westen.

Zahlreiche Flüchtlinge und einstige Fluchthelfer erinnern sich fast 50 Jahre später daran – als Zeitzeugen. Zu ihnen zählt der 1939 in Berlin geborene Joachim Neumann. Er ist nicht nur Zeitzeuge und half beim Bau des Tunnels, sondern ist seit kurzem auch Hauptfigur eines Comics. Doch nicht irgendeiner gezeichneten Geschichte, denn Susanne Buddenberg und Thomas Henseler haben ein ungewöhnliches Projekt auf die Beine gestellt: eine Kombination aus Comic und DDR-Zeitgeschichte.

Comic über die Flucht aus der DDR

Alle Fakten, Daten und Bilder sind wahrheitsgetreu abgebildet – es geht wohl kaum authentischer. Zuerst gezeigt wurden die Zeichnungen im November 2012 auf 14 Plakatwänden im U-Bahnhof Bernauer Straße. Schon zuvor hatten die beiden Illustratoren zwei Comics publiziert, die sich mit der DDR und der Mauer beschäftigen. "Wir wohnen schon seit einigen Jahren in Berlin und hatten gemerkt, dass wir gar nicht so viel über die Geschichte der Stadt wissen", sagt Buddenberg. So wurde der Grundstein für diesen Teil des Werks der beiden Autoren gelegt: das Thema Berliner Mauer.

In ihrem Band "Berlin. Geteilte Stadt" standen Orte im Mittelpunkt, die man heute besuchen kann und die an die Teilung der Stadt erinnern. "Wir erzählen die Dinge dort, wo sie passiert sind", sagt Henseler. Darin wollten sie auch die Geschichte des Tunnels 57 einfügen. Dieser wurde jedoch zugeschüttet und hätte dadurch nicht in das Konzept des Buches gepasst. "Wir entschieden uns, in den U-Bahnhof Bernauer Straße zu gehen, das ist ja auch eine Art Tunnel", so Buddenberg. Dort entstand die Idee: Wieso nicht einen Kurz-Comic über den Tunnel 57 im U-Bahnhof ausstellen? "Die Umsetzung der Idee war die größte Herausforderung", sagt Buddenberg. "Manchmal haben wir uns in den Bahnhof gestellt, um die Reaktion der Menschen zu sehen", sagt sie sich lachend.

Nun erscheint der Comic als Buch. Er erzählt den Bau des Fluchttunnels 1964 aus der Perspektive des Fluchthelfers Joachim Neumann: von den Vorbereitungen auf West-Berliner Seite, vom aufwendigen Graben des 145 Meter langen Tunnels nach Ost-Berlin, von der Tunnelöffnung und der glücklich verlaufenden Flucht am ersten Abend. Es folgten die dramatischen Ereignisse des zweiten Fluchttages, die diese Geschichte von Liebe, Lüge, Verrat und Tod besiegeln.

Zeichnungen aufgrund des Dokumentaraspekts in Schwarz-Weiß

Besonders bemerkenswert ist der Zeichenstil. Beide Autoren besuchten die Hochschule für Film- und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg – das hat ihre Arbeit beeinflusst. "Ich habe mit sogenannten Storyboards angefangen", sagt Henseler. Ein Storyboard ist die gezeichnete Version eines getexteten Drehbuchs. Die Zeichnungen im Comic erinnern an einen Kriminalfilm der 60er-Jahre und sorgen für Spannung. Um den Dokumentaraspekt zu unterstreichen, ist der Comic schwarz-weiß gezeichnet.

Anhand von Zeitzeugeninterviews, Originalfotos und Dokumenten aus der Berliner Gedenkstätte sowie dank der Hilfe der Historikerin Maria Nooke als Beraterin haben die Comic-Autoren die Ereignisse um den Tunnel 57 detailgetreu und authentisch rekonstruiert. Die persönlichen Geschichten der Zeitzeugen empfinden beide als ein wertvolles Geschenk, das man nicht verändert darf. Die Authentizität des Comics war ihnen sehr wichtig. So haben sie manche Szenen nachgespielt. "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, wie die Leute in dieses 80 mal 80 Zentimeter große Loch gesprungen sind", sagt Buddenberg. Mit der Hilfe von Neumann haben sie die Szene rekonstruiert, um die Situation zu fühlen und es den Lesern verständlich machen zu können. Wie ein Puzzle haben sich die Elemente komplettiert. "Mit den Bildern waren wir manchmal einfach orientierungslos, daher war ein dauernder Abgleich mit unseren Zeichnungen und den Zeitzeugen nötig."

Ein Zeitreise in Bildern

Durch die Form als Comic könne der Leser eine Zeitreise in die Vergangenheit unternehmen: "Es macht das Geschehen lebendig. Es ist eine szenische Lesung, die es ermöglicht in die Charaktere einzutauchen", sagt Henseler. Die Comic-Form ermögliche es auch, die Dramatik des Geschehens zu verdeutlichen.

In der Buchfassung erläutert Maria Nooke die historischen Hintergründe. Abgedruckt sind auch Interviews, die sie mit Joachim Neumann und dessen geflüchteten Freundin Christa führte. Das veranschaulicht die Ereignisse. Eine Besonderheit ist, dass ergänzende Materialien für den Schulunterricht die Thematik vertiefen. Die 10. Klasse der Kreuzberger Leibnizschule hat das Material im Geschichtsunterricht erprobt. "Wir waren von den Ergebnissen positiv überrascht", sagt Henseler. Beide Autoren freuen sich auf die Präsentation der Arbeitsergebnisse der Schüler am Montag im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer. Die Klasse hat sich dem Thema in unterschiedlichen Formen und Perspektiven genähert – herausgekommen sind eine szenische Lesung, Theatersequenzen, ein Radiobeitrag, ein Brief und ein eigener Comic. Manche Geschehnisse konnten die Autoren nicht auserzählen, weil zu wenig Platz zur Verfügung stand. "Die Schüler können sich dann eine Fortsetzung oder andere Perspektiven ausdenken", sagt Henseler.

"Die Zusammenarbeit mit Joachim Neumann und den Zeitzeugen hat viel Spaß gemacht, obwohl anfangs Skepsis auf Seite von Neumann bestand", sagt Buddenberg. Doch die Zeitzeugen seien mit dem Endergebnis zufrieden. Comic-Leser seien sie aber deshalb nicht geworden. "Sie sind dann doch lieber bei Prosa geblieben", sagen die Autoren.

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