Zeitzeugen

Berliner erinnern sich an die Schrecken des Krieges

Leser der Morgenpost schildern, wie sie den Zweiten Weltkrieg erlebten und wie in den Familien heute darüber gesprochen wird.

Foto: Inge Streich

Wie war es damals? Der TV-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat eine Diskussion über das Leben während des Zweiten Weltkrieges ausgelöst. Leser der Berliner Morgenpost schildern ihre Erinnerungen an jene Jahre.

Mit 16 Jahren zum „Volkssturm“ einberufen

Ich kam Januar 1945 fluchtartig aus der Kinderlandverschickung mit meiner Schule (Lilienthalschule) aus Polen (damaliges Wartheland) nach Berlin zurück. Hier wurde ich Ende Januar über die Hitlerjugend zum „Volkssturm“ einberufen. Wir waren ca. 20 Jungs und bewachten teilweise mit einer Panzerfaust über der Schulter (nur einmal damit geübt) die Panzersperre auf der Halenseebrücke.

Die Panzersperre bestand aus quer gestellten Straßenbahnwagen, gefüllt mit Sand und Schrottteilen. Meine Eltern sahen hier eine Gefahr für mich, Berlin verteidigen zu müssen. Da meine Schule kurzfristig im Februar 1945 wieder nach St. Peter Ording an Nordsee verlagert wurde, sah mein Vater die Gelegenheit, mich aus Berlin fortzuschicken.

Es war eine „stille Fahnenflucht“ über Nacht – so wurde es meinem Vater angelastet. Er bekam sehr viel Ärger mit der „Reichsjugendführung“, der sich aber durch das baldige Kriegsende selbst erledigte.

Ich wurde dann Anfang April 1945 nach Rendsburg gemustert und zur Flak 8/8 eingezogen. Kurz vor Kriegsschluss wurden wir 16-Jährigen noch entlassen – somit keine Kriegsgefangenschaft. Ich machte 1947 mein Abitur in der Lilienthal-Schule/Lichterfelde. Ich habe nach dem Krieg mit meinem Vater über die Jahre 33 bis 45 öfters gesprochen. Leider viel zu wenig. Informiert habe ich mich über Lektüre und Fernsehen (ZDF-History).

Die Zeit ist schnell vorbei – wir müssen darauf achten, dass so eine vernichtende Zeit wie 1933 – 1945 nicht in Vergessenheit gerät. Der Dreiteiler im Fernsehen war eine wichtige Dokumentation.

Rolf Knorr, *1929, Berlin-Charlottenburg

HIER können Sie über den ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter" mitdiskutieren.

Brief in Gedichtform aus Kriegszeiten

Drossen, den 29. 1. 1944

Ruth, Du liebe schwesterliche Seele,

Dein Brief vom 27. 1. liegt mir noch in der Kehle.

Hab vielen Dank für Dein Geschreibsel,

was macht Berlin, das Überbleibsel?

Der Tommi hat dort schwer gewütet, und ich vor Sorgen bald ein Ei gebrütet.

Die Nacht zum 29. war wieder schwer,

nach Berlin fuhr sogar die Drossener Feuerwehr.

Ich hoffe, dass Ihr von den Bomben verschont

Und noch in der Büschingritze wohnt.

Ich bin so glücklich und zufrieden,

dass ich in Drossen bin geblieben.

Nur eines macht mir große Sorgen,

eh ich die Sachen hab geborgen.

Der Fuhrmann sagt, komm se wieder prompt,

inzwischen die Klamotten ausgebombt.

Doch meinetwegen lasst den Zunder brennen,

tut immer schön zum Bunker rennen.

Der Papa hält die Mütze auf,

die Bomben fallen dann darauf.

Er selbst schimpft wie ein Rohrspatz und

Der Tommi ist ein Schweinehund.

Und ist der Luftschutzwart auch böse,

rennt trotzdem rum im Kampfgetöse,

schleppt Eimer, Schaufel, Wasser, Picke,

auch ist die Luft vom Rauch sehr dicke,

denkt nicht an Martha und Irene

bis dann geht die Entwarnungssirene,

1001 gilt meine Wette,

die Schritte lenkt er nicht zu Bette,

flugs rennt er zum Bunker im Hain

und holt dann seine Martha heim.

Die Ruth, die brüllt dann hinterher,

Muuuuuttiii, der Koffer ist so schwer!

Die 3 sind wieder froh und munter,

haken sich dann kräftig unter.

Schnell geht es im Sturmeslauf

Nr. 27 die 2 Treppen rauf.

Alles kraucht dann in die Falle,

träumt vom Krieg, der noch nicht alle,

hoffentlich geschieht es bald,

sonst werden alle Jungen alt.

Ja, mein liebes Schwesterlein,

vor 10 Jahren warst Du noch sehr klein.

Heute bist Du ne kesse Dame,

Reiche ist Dein edler Name.

Frech bist Du, man glaubt es kaum,

ach könnt ich Dir das Fell vollhaun.

Dies ist natürlich dann sehr schmerzlich

Ich mein es aber trotzdem herzlich.

Ich habe große Sehnsucht sehr,

ach komme doch mal wieder her.

Der Grammoföner spielt ohnegleichen,

wie lange werden noch die Nadeln reichen?

Solltest Du keine mehr bekommen,

dann wird eben eine Dauernadel genommen.

Die bringst Du mir dann selber her,

wir freuen uns darauf schon sehr.

Traudchen war heut kurz mal hier,

jetzt trinke ich ne Flasche Bier.

Am Dienstag geh ich ins Theater,

bei der Post ist Traudchens Vater.

Sie wohnt am Spring, nach Zielerzig raus.

In der Nähe von Kaisern steht ihr eigenes Haus.

Sie ist ganz prima so wie Du,

frech, so groß, so schlank und ohne Ruh.

Nur Swing kann sie nicht tanzen,

aber so im großen Ganzen

bin ich zufrieden sehr mit ihr,

zeigen tue ich sie Dir dann hier.

Es ist ne kesse kleine Wanze,

keine dicke Landpomeranze.

Du kannst aber beruhigt sein,

sie schlachten jedes Jahr ein Schwein.

Ein Bild kann ich Dir nicht schicken,

bisher tat sie noch keine rausrücken.

Nach dem Namen tust Du fragen,

so will ich ihn Dir jetzt mal sagen.

Waltraud Schulz heißt diese Kleine,

sie hat so schicke nette Beine.

Doch nun genug von diesem Mädchen,

eine Badehose strickt sie mir aus Fädchen,

die Tante Frieda neulich hat bekommen

ich bin schon ganz davon benommen.

So, liebe Schwester, jetzt ist es Schluss,

die Zigarette ist ein Hochgenuss.

Wenn man nur immer etwas hat,

so ist man wenigstens recht satt.

Tante Frieda öfters rüberkommt,

meine Kate ist schon ausgebombt.

Ich wünsche Euch nun alles gute,

seid recht artig, sonst tanzt die Rute.

Schreibt recht viel und immer munter,

dann geht Ihr gewiss nicht unter.

Recht herzliche Grüße von uns allen, auch an Frau Schmidt, Frau Zillmann

Euer Gerhard

Wolfgang Rosenke, Berlin-Lankwitz

„Weihnachtsbäume“ fielen vom Himmel

Oh ja, ich kann mich noch heute gut an einige Dinge während des Krieges und der Nachkriegszeit erinnern. Noch heute höre ich im Geiste die Luft-Sirenen heulen und sehe die „Weihnachtsbäume“ vom Himmel fallen, die den anfliegenden Bombengeschwadern die Abwurfziele anzeigen sollten.

Ich wohnte damals bei meiner kinderlosen Tante Lieschen, eine Schwester meines Vaters, in Berlin-Neukölln, Steinmetzstraße, jetzt Kienitzer Straße, nahe dem Flughafen Tempelhof. Wir waren fünf Geschwister, zwei Mädels und drei Jungen. Im November 1943 starb meine Mutter im Alter von nur 28 Jahren, keiner konnte ihr helfen. Aber das Mutterkreuz, was ich heute noch als Andenken aufbewahre, hat sie für „Führer, Volk und Vaterland“ noch empfangen dürfen, aus heutiger Sicht, weil wir „arisch“ waren und später als Kanonenfutter dienen sollten. Vater war als Soldat im Krieg, meine Eltern waren niemals politisch tätig oder interessiert. Mit unserer Mutter wurden wir noch nach Ostpreußen „verschickt“, weil unsere Wohnung in der Jahnstraße im Bezirk Berlin-Kreuzberg bombenbeschädigt wurde. Nach dem Tod unserer Mutter, mein Vater bekam einen kurzen „Fronturlaub zur Regelung von Familienangelegenheiten“, wurden wir fünf Kinder „aufgeteilt“, also bei Tanten, Nachbarn und Freunden „untergebracht“.

Ich kam also zu Tante Lieschen, eine Schwester meines Vaters. Ihr Ehemann war auch Soldat, er starb 1946 in russischer Kriegsgefangenschaft. Ich kann mich an ihn noch genau erinnern, weil er mir während seines Urlaubs von der Front das Mundharmonika spielen beibringen wollte.

Meine Ersatzmutti musste zum Kriegsende mit vielen anderen in der Straße sogenannte „Panzersperren“ errichten aus Schutt, Eisenträgern und Holz, ausgebombte Häuser gab es ja genug. Wir, meine Spielkameraden aus der Straße und ich, halfen eifrig mit. Hieß es doch, dass die Panzersperren den Vormarsch der angreifenden Truppen aufhalten sollten, damit Deutschland den Endsieg feiern kann. Übrigens, unser Blockwart im Haus, ein alter Nazi, der komischerweise auch noch „Marx“ hieß, schnauzte mich einmal sogar dabei an, weil ich nicht mit „Heil Hitler“ grüßte, sondern nur „Guten Tag“ sagte. Auch meine Tante bekam „ihr Fett weg“, weil sie sagte, Lothar ist doch ein gut erzogener Junge, weil er gegrüßt hat. Der Blockwart wurde später von den Russen verhaftet, wir hatten damit aber nichts zu tun.

Wenn Bombenalarm war, mussten wir alle in die in dem Haus befindlichen Luftschutzkeller gehen bzw. rennen. Mitgenommen wurde meist ein Koffer oder eine Tasche mit Kleidung und wichtigen Papieren. Der Bombenalarm kam meist nachts. Bei Bombenhagel fiel oft die Notbeleuchtung aus, und der Keller war voller Staub. Wie oft mussten wir uns nasse Taschentücher vor das Gesicht halten, weil man glaubte, ersticken zu müssen. Ständig kam Panik auf, weil einige glaubten, unser Haus sei getroffen worden. Nachbarn rannten dann mit mit Sand gefüllten Eimern und „Feuerklatschen“ ins Treppenhaus, um Feuer zu löschen. Gott sei Dank wurde unser Haus nicht getroffen. Einige Nachbarhäuser wurden aber zerbombt , und durch den Luftdruck wurden unsere Fensterscheiben zerstört, die Glasscherben lagen überall in den Betten und offenen Regalen. Es waren grauenvolle Nächte, ohne richtigen Schlaf, immer angezogen, um bei Bombenalarm ohne Verzögerung den Luftschutzkeller aufsuchen zu können. Wurden wir unterwegs vom Bombenalarm überrascht, suchten wir Schutz in den U-Bahnhöfen oder auch im Fichtebunker in Berlin-Kreuzberg. Auch verbrannte Menschen sah ich, obwohl meine Tante mir immer den Anblick ersparen wolle. Ich wollte es nicht glauben, dass die Reste einmal Menschen waren, so unförmig kamen sie mir vor.

Als dann die ersten Russen einmarschierten, die „Panzersperren“ konnten sie nicht aufhalten, war die Hausgemeinschaft wieder im Keller zusammen. Es waren Mongolen und Tataren, die uns wie Höllenbewohner vorkamen. Gelbe Männer mit Schlitzaugen hatte ich noch nie gesehen. Alle Frauen im Keller hatten wahnsinnige Angst. Sie zogen sich alte Klamotten an, banden sich Kopftücher um, beschmutzten und bemalten sich ihre Gesichter, um alt und krank auszusehen. Frauen mit Kindern auf dem Schoß wurden in unserem Keller nicht belästigt, für die anderen aber hieß es „Frau komm“. Eine junge Frau flüchtete in ihre Wohnung, drei „Sieger“ hinterher. Die traten die Wohnungstür ein, uns Kindern wurde gesagt, ihr sei was ganz Schlimmes passiert. „Uri, Uri“ hört man schreien, obwohl einige Russen schon fünf und sechs Uhren am Handgelenk hatten. Mit dem Bajonett öffneten sie Koffer und Taschen und raubten alles, was sie wegschleppen konnten. Es wurden auch Schüsse in die Decke abgegeben, um uns Angst zu machen. Sie suchten jeden Winkel ab, um deutsche Soldaten zu finden. Bei uns hielt sich keiner versteckt.

Ein Schlüsselerlebnis mit nachfolgenden russischen Soldaten hatte ich. Sie weideten auf unserem Hinterhof ein Pferd aus, das sie erschossen hatten. Einige Kinder und ich guckten zu, weil die Russen zu uns Kindern freundlich waren, und uns niemals etwas antaten. Außer, dass ich einmal an einer selbst gedrehten Zigarette „ziehen“ sollte, was zum Heiterkeitserfolg führte. Als die Russen das Fleisch gekocht hatten, wollte einer der Soldaten mir etwas Fleisch abgeben. Mir war das aber zu heiß, ich konnte es nicht halten. Da schlug er mit dem Gewehrkolben eine Fensterscheibe ein, riss die Gardine ab und wickelte das Fleisch für mich darin ein.

In der Nachkriegszeit hatten wir natürlich immer Hunger. So fuhren wir in völlig überladenen Zügen oder trampten aufs Land, um zu organisieren. Meist wurde „gestoppelt“, das heißt mit einer Hacke versuchten wir, auf abgeernteten Feldern Kartoffeln und Zuckerrüben zu finden. Aus den Zuckerrüben wurde Melasse gekocht und als Brotaufstrich verwendet. Beim „Stoppeln“ gab es oft Streit mit anderen Hungernden, der auch handgreiflich ausgetragen wurde.

Manches versteckte Schmuckstück wurde bei Bauern gegen Nahrungsmittel eingetauscht, auch Teppiche und andere Andenken wurden genommen.

Heute wird es keiner glauben, aber wir haben in der Nachkriegszeit Brennnesseln als Spinat gegessen, Kartoffelschalen wurden für Suppe oder Bouletten verwendet oder aber für Brennholz eingetauscht. Ich kann mich noch gut an den Ausruf und Klingelzeichen der Pferdekutscher erinnern, wenn sie riefen „Brennholz für Kartoffelschalen!“ Je nach Masse erhielt man dann ein kleines Bündel Holz. Oft stand ich – und schämte mich – hinter den Pferden, um „Pferdeäpfel“ aufzufangen oder auf der Straße mit Schippe und Handfeger aufzufegen. Meine Tante brauchte sie für ihre Tomaten- oder Salatpflanzen als Dünger auf dem Balkon. Glücklich waren wir, wenn die Firma Losch ihr Stangeneis auslieferte und vor den „Kneipen“ ablegte. Kleine Eisstücke davon abzuschlagen, war der Hochgenuss am Tage.

Wir Kinder spielten auf den Straßen mit Loren, die den Schutt abtransportieren sollten. Das war zwar verboten, machte aber viel Spaß. Es gab aber auch Unfälle, wenn einer zwischen die Loren kam und sich verletzte. Aus den Trümmern holten wir Schrott und verkauften es. Auch hier kam es zu schweren Unfällen.

Die Straßen waren nahezu autofrei. Wir spielten auf dem Damm Völkerball, Hopse, trieselten, spielten mit Murmeln und veranstalteten am Bürgersteigrand Autorennen mit Spielzeugautos. Es gab auch Kinderfeste. Mehrere Hausgemeinschaften schlossen sich zusammen und organisierten diese. So mit Kasperle und Laternenumzug. Für den Leierkastenmann, der auf den Hinterhöfen spielte, sammelten wir die aus den Fenster geworfenen eingepackten Münzen ein.

Schrecklich war die Einschulungszeit. Für meine Schulmappe musste meine Tante 10 kg Papier und Bargeld berappen. Die Schulmappe war aus Pappmaschee und hielt nur einige Tage, weil die Trageriemen rissen. Hefte und Papier gab es nicht. Wir mussten auf einer Schiefertafel mit Griffel oder Kreide unsere Schularbeiten machen. Die Tafel wurde dann mit Schwamm oder Lappen gereinigt. Im kalten Winter 1946/47 habe ich meine Kreppschuhe auf den heißen Kochherd gestellt, um sie für den Schulgang vorzuwärmen. Leider verformten sie sich so sehr, dass ich sie nicht mehr anziehen konnte und tagelang die Schule schwänzte. Im übrigen waren die Klassenzimmer eisekalt und die Lehrer nicht immer objektiv. Wer damals Nahrungsmittel, Holz oder Kohlen mitbrachte, wurde immer besser benotet. Papier war auch bei Behörden oder Ärzten knapp. Ich habe noch eine Impfbescheinigung aus dem Jahre 1946, auf dessen Teil der Rückseite der Teil einer Landkarte zu sehen ist. Die Impfärztin aus der Hermannstraße in Neukölln hieß ausgerechnet „Huhn“ und das zu dieser Hungerzeit.

Schlimm waren die Stromsperren und wenn es kein Wasser gab. Kerzen waren schwer zu bekommen, Wasser musste von einer Pumpe auf den Straßen geholt werden. Wäsche wurde auf dem Hängeboden gewaschen und im Seifenladen gegenüber gemangelt. Wer dachte damals an Waschmaschinen? Es gab Lebensmittelkarten, aber nicht immer die notwendigen Waren. Wir hatten Krätze und Läuse, weil die Hygiene nicht stimmte.

Vater heiratete wieder, es gab eine Familienzusammenführung. Wir wohnten in zwei Zimmern, die Toilette war eine Treppe tiefer und für sechs Mietparteien gedacht. Wir drei Jungen schliefen in einem Bett im Korridor, der Rest im Wohn- und Schlafzimmer. Aber die Zeiten änderten sich. Vater kaufte sich ein Goggomobil. Waren wir einmal auf der Autobahn oder Landstraße, dann begrüßten sich alle Berliner mit Lichthupe und Hupkonzert.

Wir überstanden die Luftbrücke, Währungsreform und die Mauer und sind jetzt Rentner und wünschen und hoffen, dass sich die vergangenen Zeiten nie wiederholen mögen.

Lothar Friedemann, *1938, Berlin-Buckow

Nächte voller Angst im Keller verbracht

Wir wohnten 1943 in Lichterfelde-Ost. Wir waren vier Kinder, ich als die Älteste acht Jahre, meine jüngste Schwester ein Jahr alt. Unser Vater war an der Front. Bei Fliegeralarm liefen alle Hausbewohner in den vorgesehenen Keller. Die Luftangriffe verstärkten sich, und es war furchtbar, besonders nachts noch halb im Schlaf in den Keller zu laufen und dort voller Angst auf die Entwarnung zu warten. Mütter und Kinder wurden häufig nach Ostpreußen oder Pommern evakuiert.

Eines Tages kam ein großer junger SA-Mann in seiner schwarzen Uniform in unsere Wohnung und ordnete die Evakuierung an. Und zwar nach Ostpreußen. Meine Mutter sah ihn sich an, richtete sich in ihrer stattlichen Größe von 1,55 Meter auf vor dem großen SA-Mann und sagte: „Wenn Sie mitkommen und bei uns bleiben als Schutz, fahren wir, wenn nicht, bleiben wir hier! Da können Sie sich auf den Kopf stellen“. Einen Widerspruch hatte der Mann nicht erwartet, er verließ vollkommen sprachlos die Wohnung.

Kurze Zeit später kam ein amtliches Schreiben, dass wir ab sofort jeden Abend in den Bunker gehen müssten. Der Bunker in unserer Nähe war voll, also mussten wir in den etwas weiteren Bunker mit einem Fußweg von 30 Minuten. Jeden Abend gegen 18 Uhr wurde der Kinderwagen mit dem Bettzeug und den wichtigsten Papieren, für jedes Kind ein Spielzeug, gepackt. Die beiden „Kleinen“ kamen obendrauf, und dann ging es in den Bunker.

Eines Abends, es muss im Sommer gewesen sein, denn es war noch hell. Eine Alarm-Sirene heulte. Wir waren wie immer auf dem Weg zum Bunker. Ca. 200 Meter vor unserem Ziel hörten wir ein Brummen, schauten zum Himmel und sahen zwei Tiefflieger auf uns zukommen. Rechts und links von uns schlugen Geschosse ein. Wir begannen laut schreiend zu rennen, so gut es mit dem bepackten Kinderwagen ging. Auf der Straße gab es keine Bäume, links und rechts befanden sich Einfamilienhäuser. Den Piloten der Flugzeuge hat es wohl großen Spaß gemacht, uns Angst einzujagen, denn wir wurden nicht getroffen. Unser Bunker war inzwischen in Sichtweite. Dann drehten die Flieger ab und wir erreichten, froh noch am Leben zu sein, unser Ziel.

Dort hatten wir eine feste Kabine mit jeweils drei Betten übereinander. Später kamen noch mehr Menschen dazu, und wir mussten uns in vier Betten einrichten. Morgens um sieben Uhr ging es wieder zurück. Später mussten wir manchmal tagelang im Bunker bleiben, da kamen die Bomber Tag und Nacht. Die Angriffe wurden immer heftiger, und ganze Straßenzüge wurden in Schutt und Asche gelegt. Im August 1943 wurde unser Wohnhaus von mehreren Brandbomben getroffen. Die anderen Bewohner, die im Keller Schutz gesucht hatten, wurden verschüttet. Es war sehr schwierig, sie zu befreien und dauerte über zwölf Stunden.

Sie alle überlebten, weil sie nur eine kleine Gruppe waren. Für mehr Menschen hätte die Luft nicht gereicht. Einige Helfer versuchten, Hab und Gut aus den Wohnungen zu retten. Aus unserer Wohnung holten sie einen kleinen Reisekorb, der auf dem Flur stand. Leider befanden sich darin nur alte Schuhe der größeren Kinder, damals warf man so etwas nicht weg.

Wir mussten vollkommen neu anfangen, außer unserem Bettzeug und dem, was wir am Körper trugen, war alles fort. Es war eine schwere Zeit, aber wir sind alle, auch unser Vater, lebend aus dem Krieg gekommen.

Vera Elze, *1935, Berlin-Marienfelde

Mehr über Berlin im Jahr 1933 HIER in unserem Special.

Meine Eltern durften aus „rassischen“ Gründen nicht heiraten

„Die Gnade der späten Geburt“ (im März 1947) hat mich zwar davor bewahrt, die Schrecken des Krieges unmittelbar, am eigenen Leibe erleben zu müssen, aber deren Folgen und die in verschiedenster Hinsicht bedrückenden Verhältnisse der Nachkriegszeit haben meine Kindheit und Jugend doch stark überschattet und ganz entscheidend geprägt.

Wir (meine Eltern und Großmutter väterlicherseits) wohnten in Schöneberg in einem typischen Berliner Mietshaus aus dem Ende des 19. Jahrhunderts. Meine Eltern (Jahrgang 1913 bzw. 1923) haben die Kriegsjahre ausschließlich an der „Heimatfront“ durchlebt. Mein Vater galt als „Halbarier“ als nicht wehrtauglich und wurde mehrmals von der Gestapo abgeholt und im Polizeipräsidium am Alexanderplatz inhaftiert und auch gefoltert.

Dass ein Bruder seiner Mutter überzeugter PG (Parteigenosse, Mitglied der NSDAP, d. Red.) war, führte begreiflicherweise zu beträchtlichen Spannungen innerhalb der Familie.

Meine Eltern hatten sich zwar bereits 1940 verlobt, durften aber aus „rassischen“ Gründen nicht heiraten. Erst unmittelbar nach Kriegsende, im Juni 1945, schlossen sie den Bund fürs Leben.

Ich selbst musste – im Gegensatz zu den Meinen – zwar nie wirklich hungern, aber ansonsten fehlte es so ziemlich an allem, was heutzutage als absolut selbstverständlich gilt, zumal mein Vater jahrelang arbeitslos war. Ich behaupte, dass meine Eltern einschließlich meiner Großmutter, wie sehr viele Menschen dieser Generation, durch ihre Erlebnisse in der Zeit von 1933-1945 mehr oder minder stark traumatisiert waren. Mindestens während der ersten acht bis zehn Jahre meiner Kindheit dominierten deshalb auch die Geschehnisse der Zeit des Nationalsozialismus, speziell die der Kriegsjahre die häuslichen Gespräche, vor allem während der gemeinsamen Mahlzeiten.

Begriffe wie Verdunklung, Voralarm, Luftschutzkeller, Brandbomben, Luftminen, Feuersturm, Tiefflieger, Entwarnung, Arbeitsdienst, Volkssturm u.v.a.m. gehörten ganz selbstverständlich zu meinem kindlichen Wortschatz. Besonders stark beeindruckten mich immer die Schilderungen von Luftangriffen mit ihren katastrophalen Folgen, und kraft meiner lebhaften Phantasie identifizierte ich mich mit dem, was ich tagtäglich hörte zunehmend in einer Intensität, als ob ich es selbst erlebt hätte.

Folgendes Vorkommnis, das mir noch heute nach mehr als sechzig Jahren sehr deutlich in Erinnerung ist, mag das veranschaulichen: Ich war wohl vier oder fünf Jahre alt, als meine Mutter mit mir, wie des öfteren, zum Friedhof ging. Dort befand sich das Grab einer Schwester meiner Großmutter. Während meine Mutter mit der Pflege des Grabes beschäftigt war, zerriss plötzlich der schmerzhaft laute, alles durchdringende Heulton einer Sirene die Stille. Das bedeutete, wie ich später erfuhr, nichts anderes, als dass für die Arbeiter einer in der Nähe gelegenen Fabrik die Mittagspause begann, aber das wusste ich nicht.

Einen Moment lang stand ich vor Schreck wie gelähmt, doch dann rannte ich schreiend über Wege und Gräber, und meine Mutter hatte Mühe, mich wieder einzufangen. Da ich vor Weinen unfähig war zu sprechen, versuchte sie herauszufinden, was mit mir geschehen sein könnte, ob mich vielleicht ein Tier gebissen oder ich mich anderweitig verletzt habe, doch sie fand nichts. Erst nach einiger Zeit und vielen beruhigenden, tröstenden Worten war ich imstande zu reden, und da fragte ich nur, ob jetzt wieder Krieg sei, weil doch die Sirene geheult hatte. Noch Jahrzehnte später, etwa bei Fernsehdokumentationen über den Zweiten Weltkrieg, brach ich beim Ton einer Sirene unweigerlich in Tränen aus.

Ich finde es gut und wichtig, wie sich die Berliner Morgenpost dieses Themas annimmt und hoffe, dass es gelingt, die jüngere Generation, für die das ja oft nur mehr oder minder alte Geschichten sind, die halt immer mal wieder aufgewärmt werden, zu informieren und zu sensibilisieren.

Manfred Haevecker, *1947, Berlin-Friedenau

„Wir sahen tote Kinder, Alte, Soldaten“

Ich habe meine Kindheit und Jugendzeit in Prenzlauer Berg verbracht, mit Mutter und zwei Geschwistern, ohne Vater. Wir wohnten in der Pasteurstraße und rannten bei Fliegeralarm immer um Bunker im Friedrichshain. Als wir ausgebombt waren, lebten wir erst in der Schule und dann mit mehreren Leuten in einer Wohnung am Friedrichshain.

Nachts war Alarm und am Tage musste man zur Arbeit gehen.

Zum Schluss sollten wir noch evakuiert werden, wir kamen aber nur bis zum Amtsgericht Tiergarten, wurden schon unterwegs von Tieffliegern beschossen.

Dort blieben wir bis Kriegsende und schlugen uns dann nach Hause durch über die Bismarckstraße, den Tiergarten und die Leipziger Straße. Unterwegs sahen wir viele tote Kinder, Alte, Soldaten, ich habe die ganze Zeit geweint, ich war 18 Jahre alt, meine Geschwister zwölf und zehn Jahre. Dann begannen die Hunger- und Kältejahre.

Ich denke oft zurück an meine Jugendzeit, sie hat mich fürs Leben erzogen zur Bescheidenheit und Zufriedenheit. Krieg ist mörderisch!

Dorothee Paul, *1926, Berlin-Zehlendorf

„Unsere Mutter suchte uns tagelang“

An die Kriegszeit kann ich mich immer noch erinnern. Ich bin im Dezember 1938 geboren, noch im Frieden, aber kurz nach der Reichspogromnacht. Die ersten Jahre habe ich nicht viel mitbekommen. Erst als die Luftangriffe auf Berlin losgingen und wir dann immer mit meiner Mutter und meinen beiden jüngeren Schwestern und der Großmutter in den Keller unseres Hauses in der Münchner Straße am Bayerischen Platz mussten. Wenn die Sirenen Entwarnung heulten, gingen wir in unsere Wohnung, und es gab zur Beruhigung Pfefferminztee. Wenn ich heute einen Pfefferminztee trinke, erinnert mich sein Duft an diese Luftangriffe.

Eines Abends wurden wir ausgebombt, das heißt, unser Wohnhaus wurde massiv getroffen, und als wir aus dem Keller krochen, war das Inferno ausgebrochen. Ein starker Brandgeruch lag in der Luft, der Himmel war leuchtend orangerot, die Menschen rannten verzweifelt durcheinander. Meine Mutter, damals vielleicht erst 24 Jahre alt, mit drei kleinen Kindern und einer kranken Mutter, wusste nicht wohin. Sie hielt in ihrer Verzweiflung das nächstbeste Auto, das vorbeikam, an, packte uns hinein und bat den Fahrer, uns in Sicherheit zu bringen, sie müsse sich um ihre Mutter kümmern.

Leider hatte sie vergessen, sich den Namen oder die Autonummer des Wagens zu merken. Wir kamen in einem Heim irgendwo in Berlin unter. Unsere Mutter suchte uns tagelang. Sie irrte von Heim zu Krankenhaus. Meine kleine Schwester fand ein Paar, das sie mitnahmen, weil alle dachten, wir wären Waisen. Endlich fand uns unsere Mutter. Und meine kleine Schwester wurde zurückgeholt.

Wir wurden dann als Wohnungslose in einer Pension untergebracht, in der Nähe vom Bunker am Zoo. Dreimal am Tag Fliegeralarm. Wir schliefen ständig vollständig angezogen, damit unsere Mutter mit uns beim ersten Alarm sofort in den Bunker rennen konnte. Sie nahm ein Kind auf den Rücken und je eines rechts und links an der Hand. Als es dann mit den Bombenangriffen immer schlimmer wurde, wurden wir nach Pommern aufs Land evakuiert. Dort wurde ich dann eingeschult. Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir morgens mit erhobener Hand „Heil Hitler“ rufen mussten.

Die Russen kamen zum Ende des Krieges immer näher, und Pommern war nicht mehr sicher für uns. Also wurden wir wieder evakuiert und zwar nach Schleswig-Holstein, auch wieder auf einen Bauernhof. Dort mussten wir, wenn wir ein Ei haben wollten, einen großen Eimer voll Unkraut jäten. Wir Kinder halfen fleißig mit.

Unseren Vater haben wir während des Krieges kaum gesehen. Als wir noch nicht ausgebombt waren, kam er einmal aus Russland und hat uns diese kleinen Holzpüppchen mitgebracht, die man ineinander stecken konnte. Er erzählte nie etwas, muss aber Schlimmes erlebt haben. Er war überzeugter Nationalsozialist.

Nach dem Kriege führte er ein strenges Regiment zu Hause. Wir hatten oft Angst vor ihm. Kurz bevor er mit 83 Jahren starb, erzählte er im Krankenhaus ständig von seinen Erlebnissen.

Meine Mutter hatte in Erfahrung gebracht, dass mein Vater in einem Lager der Briten in der Nähe von Flensburg gefangen gehalten wurde. Sie hat es fertig gebracht, dass er frei kam, weil sie mit uns an der Hand klar machte, dass wir den Vater brauchen. Er kam frei, und wir bekamen eine Wohnung in Berlin in dem einzig stehen gebliebenen Haus weit und breit in der Barbarossastraße in Schöneberg, ganz in der Nähe von unserem ehemaligen Wohnhaus, das nur noch ein Schutthaufen war.

Dort erlebten wir eine entbehrungsreiche Nachkriegszeit. Die Wohnung war nur teilweise bewohnbar, weil in einem Zimmer ein riesiges Loch einen bis ins Erdgeschoss blicken ließ. Uns Kindern war bei schärfster Strafe verboten, dort hineinzugehen. In einem Kämmerchen erfror in dem kalten Winter 1946 ein alter Mann in seinem Bett.

Eines muss ich noch sagen: Direkte Nachwirkungen dieser schlimmen Kriegsjahre mit Tieffliegerangriffen auf Züge, Hunger, Kälte und Angst hatte ich später nicht. Ich fühlte mich durch die Fürsorge meiner Mutter immer schützt. Bloß jetzt, wo ich alt geworden bin, leide ich unter Panikattacken und Angstzuständen, die ich durch Medikamente in den Griff bekommen habe. Das sind jetzt Nachwirkungen dieser Kriegs- und auch Nachkriegszeiten. Es ist wichtig, dass diese Erinnerungen aufgezeichnet werden. Damit nie wieder Kinder und auch Väter und Mütter so etwas erleben.

Christa Wels, *1938, Berlin-Steglitz

„Verlasst sofort Berlin!“

Ich bin 1936 in Berlin geboren und lebte dort recht vergnügt, bis mein Vater 1942 eingezogen wurde. Dann kam ein Brief aus Hamburg von meiner Oma. Verlasst sofort Berlin, geht zu Tante Emma an den Scharmützelsee. Sie hatte den Feuersturm in Hamburg erlebt, mit allem darin enthaltenen Grauen: Menschen blieben im Asphalt stecken, der durch die Hitze weich geworden war.

Die Luftangriffe auf Berlin hatten mich in meiner Kinderwelt noch nicht erreicht. Wir waren nun in Diensdorf am Scharmützelsee, ich ging in die Dorfschule. Dann kamen die Flüchtlingstrecks, das war für uns Kinder etwas Fremdes, so langsam begriffen wir, dass die Welt aus den Fugen geriet. Als dann die Russen kamen, geschahen Dinge, die bis heute im Gedächtnis hängen geblieben sind. Wer macht 8 bis 9 Jahre alten Kindern klar, was die Russen wollten. Es war jetzt Frieden, 1947, mein Vater meldete sich nach vielen Jahren mit einer Postkarte aus England, aus einem Kriegsgefangenenlager. Er hatte einen Termin für seine Heimkehr, den 15. Januar, das war bis zu seinem Tode ein Feiertag in unserer Familie.

Ich war allein in der Wohnung, meine Mutter musste weg. Ich hatte eine panische Angst, wie ich diesem fremden Mann begegnen sollte. Er war vier Jahre weg, er war mir unbekannt. Vier Jahre sind eine Ewigkeit in einem Kinderleben. Es war dann alles doch sehr schön, er brachte Kakao mit, eine fremde Substanz, war enttäuschend bitter, da echter Kakao für uns völlig fremd war. Langsam begann dann das normale Leben.

Gisela Lockner, *1936, 12353 Berlin-Buckow

Panik bei Sirenengeheul

Wir sind zwei Brüder, ich wurde 1937 geboren und Hans-Joachim vier Jahre später. Zumindest zu meiner Geburt war die Welt für unsere Familie noch heil. Mutter war Hausfrau, und Vater verdiente sein Geld als freier Handelsvertreter. Als Beweis eines gewissen Wohlstands stand bereits damals ein kleiner Familienwagen vor der Haustür in Berlin-Lichtenberg, wo wir seinerzeit wohnten. Diese Idylle veränderte sich schlagartig, als Vater 1940 eingezogen wurde.

Es muss in den 42/43er Jahren gewesen sein, als die Sirenen uns fast jede Nacht in die Luftschutzkeller trieben. Hier standen die Leute dicht gedrängt und warteten voller Angst auf die Bombeneinschläge im Umfeld. Kamen die Sprengbomben in der Nähe herunter, so schwankte der gesamte Keller. Irgendwann habe ich dann das verhängnisvolle Gespräch aufgefangen, wonach es vorgekommen ist, dass Keller verschüttet wurden, die Wasserrohre brachen und die Menschen elendig ertrunken sind. Seit der Zeit wurde jede Bombennacht für mich Fünfjährigen zur Katastrophe. Und wenn ich heute eine Alarmsirene höre, dann läuft mit immer noch ein eiskalter Schauer den Rücken herunter.

Zum Glück wurden wir dann in ein kleines Örtchen an der Oder evakuiert, wo von Krieg nichts zu merken war. Erst als die Front immer näher kam, zogen wir mit einem Treck in Richtung Westen. Schließlich nahm uns eine Tante in Rüdersdorf, östlich von Berlin gelegen, auf. Das muss zum Jahresende 1944/45 gewesen sein. Auch hier gab es Bombennächte, aber längst nicht so oft wie in der Hauptstadt. Diese Zeit verbrachten wir dann in einem selbst gebauten Erdbunker.

Den Einzug der Russen erlebten wir in einem stillgelegten ehemaligen Bergwerkstollen. Speziell die Frauen hatten begreiflicherweise vor der Begegnung mit den Soldaten der Besatzungsmacht große Angst. Zumindest in dieser Phase war das aber nicht berechtigt, weil das erste Zusammentreffen mit russischen Offizieren erfolgte, die sich absolut korrekt verhielten. Für uns gab es also keinen Krieg mehr, während 30 Kilometer weiter in Berlin noch der Endkampf tobte. Deshalb quälte sich eine endlos lange Kolonne von Kriegsgeräten die Durchgangsstraße in Richtung Hauptstadt entlang. Wir, inzwischen 8 und 4 Jahre alt, standen da und bettelten die russischen Soldaten bei den gelegentlichen Staus um Brot an. In etwa so: „Kamerad Kleb“? Erst viel später wurde mir klar, dass die neuen Besatzer ihre eigenen Kinder wahrscheinlich schon lange nicht mehr gesehen hatten und deshalb zumindest meinen kleinen, niedlichen Bruder auf den Panzer hoben, ihn herzten und liebkosten. Natürlich wurde er anschließend mit ein paar halb vertrockneten Brotstücken belohnt.

Sobald das Kriegsende am 7. Mai 1945 verkündet wurde, zog meine Mutter mit uns wieder nach Lichtenberg in die alte Wohnung zurück. Weil ein Raum vermietet war, blieb für uns nur die zweite Stube als Wohn- und Schlafzimmer übrig. Ein Durchbruch zur Nachbarwohnung war lediglich mit gestapelten Mauersteinen verschlossen. Die ersten Monate nach Kriegsende war unsere Mutter „Trümmerfrau“. Dann eignete sie sich das Nähen von Filzpantoffeln an und schuftete mindestens 10 Stunden am Tag. Oft fuhr sie dann am Wochenende noch „hamstern“ und versuchte für ein Paar Hausschuhe Kartoffeln und ein bisschen Speck einzutauschen. Unser Vater kam erst 1949 wieder aus der russischen Gefangenschaft zurück. Er hatte damit die neun schönsten Jahre seines Lebens für sein Vaterland geopfert. Und zwar nicht, weil er es so wollte, sondern weil er dazu gezwungen wurde!

Lothar Heinrich, *1937, 12279 Berlin-Marienfelde

Wie ich den Zweiten Weltkrieg erlebte

Geboren wurde ich im März 1938 in Berlin, dann zogen meine Eltern zusammen mit den Eltern meines Vaters in ein Zweifamilienhaus im Südosten Berlins. Als die Bombengeschwader 1943 auch Berlin erreichten, gab es oft Fliegeralarm. Schon beim Voralarm war ich die erste im Keller unseres Hauses, weil die Fluggeräusche mir Angst machten, denn in der Nähe war das Lokomotivwerk Schwartzkopff, das auch ein Ziel der Bomber war. Ich erinnere mich, dass meine Eltern jeden Abend gegen 22 Uhr den britischen Sender BBC hörten, was streng verboten war. Das Radio wurde sehr leise gestellt und zusätzlich eine dicke Decke darüber gelegt. Die Nachricht „Bomber im Anflug über Hannover“ ließ für Berlin nichts Gutes ahnen. Mutter stieg dann oft auf das Dach, um die Flieger und „Christbäume“ zu beobachten. Wurde es ihr zu brenzlig, kam sie in den Keller, um nach der Entwarnung den Dachboden auf Stabbrandbomben zu kontrollieren. Morgens fand ich dann meist sehr viel „Lametta“ im Garten.

Wenn sich Mutter und Oma im Haus über die Kriegssituation unterhielten, flüsterten sie, was mir als Kind streng verboten war. Das hat mich immer sehr verwundert. Einzelne Gesprächsfetzen sind mir heute noch im Ohr: „Der alte Gödelt wurde abgeholt“. Ich wusste natürlich nicht, was das bedeutete. Angeblich war er ein Kommunist. Er kam auch nie wieder zurück. Oder: „Unser alter Arzt ist verschwunden“. Nach dem Krieg wurde bekannt, dass er als Jude sechs Jahre lang in seinem eigenen Haus unter einem Kohlenhaufen überlebt hatte.

Gut in Erinnerung ist mir die Luftmine, die einige Straßen weiter mehrere Häuser zerstörte. Als sie heranrauschte, lagen plötzlich alle Erwachsenen im Keller auf dem Boden. Das war für mich etwas Neues und sehr Ungewohntes und ich konnte mir nicht erklären, warum sie das taten. Für mich war es ein sehr eindrucksvolles Erlebnis. Am nächsten Tag gingen wir alle zu den zerstörten Häusern, um den Schaden zu besichtigen. Allerdings waren auch die Häuser in der näheren Umgebung in Mitleidenschaft gezogen worden. An unserem Haus und den Nachbarhäusern wurden die Dächer komplett abgedeckt, die Fensterscheiben gingen zu Bruch und die Fensterrahmen wurden nach innen gedrückt. Bevor Vater in dieser Nacht zu Bett gehen konnte, musste er erst einmal die Scherben daraus entfernen.

Im Sommer 1944 erhielt mein Vater, der als Diplom-Ingenieur bei der AEG u.k. (unabkömmlich, d. Red.) gestellt war, den Einberufungsbefehl. Obwohl bereits 40 Jahre alt, wurde er praktisch mit dem letzten Aufgebot „zur Verteidigung der Heimat“ gerufen. Er kam zur Ausbildung zu einem Pionier-Regiment nach Krossen an der Oder. Jetzt gehört der Ort zu Polen. Mutter und ich durften ihn dort besuchen. Um die Besucher zu unterhalten, kämpften auf dem Exerzierplatz die Roten gegen die Blauen und ich sah meinen Vater in völlig ungewohnter Kriegsmontur.

Mehr Freude bereiteten mir allerdings die Doppelstockbetten in seiner Stube, wo ich das oberste Bett in Beschlag nahm. Vater kam dann zum Einsatz an die Ostfront, wurde jedoch bei Koblenz von amerikanischen Streitkräften gefangen genommen. Wie er dort hingelangte, hat er weder meiner Mutter noch mir jemals erzählt, wie er überhaupt über seine Kriegserlebnisse nie gesprochen hat. Er kam jedoch schon im Sommer 1945 nach Hause, weil er an einer lebensgefährlichen Herzerkrankung litt und auf 60 kg abgemagert war. Als Vater am Gartentor klingelte, war ich mit meiner Großmutter allein im Haus. Ich lugte aus dem Fenster und rief dann: „Oma, Oma, da steht ein fremder Mann vor der Tür!“ Ich habe meinen Vater in seiner schmutzigen Uniform nicht erkannt.

In den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1944 kamen auch Flüchtlinge aus Ostpreußen und Pommern in unseren Ort. Alle Hilfskräfte wurden mobilisiert, um sie in Empfang zu nehmen. Mutter, als ausgebildeter Feuerwehrmann, kam auch zum Einsatz und musste helfen, die Familien, die überwiegend nur aus Müttern und ihren Kindern bestanden, irgendwie und irgendwo unter zu bringen. Der Bürgermeister des Ortes hatte angeordnet, alle Sommerhäuser und Lauben aufzubrechen, damit die Menschen wenigstens ein Dach über den Kopf bekamen, denn es war Winter und es regnete damals gerade in Strömen. Auch auf unserem Nachbargrundstück, auf dem eine etwa 50 qm große Laube stand, wurde eine Mutter mit ihren 18 Kindern untergebracht. Es gab viele sehr kinderreiche Familien in Ostpreußen. Für mich als Sechsjährige war das auch etwas Neues.

Als 1945 schließlich an einem sonnigen Tag ein russisches Regiment durch unsere Straße marschierte, spielten meine Freundin und ich unbekümmert auf der Straße. Schließlich gab es damals keine Autos. Aber wir gerieten zwischen die marschierenden Russen und Reste der SS, die auf sie schossen. Ich habe noch die Stimme meiner Mutter im Ohr, die mich mit Angst und Entsetzen ins Haus rief. Kurze Zeit später kam ein Russe ins Haus und fragte nach Uri, Uri und Maschine; er meinte Uhren und Fahrräder, aber die hatte Mutter in Einzelteilen versteckt. Auch ihre Feuerwehruniform samt Helm hatte sie vorsichtshalber vergraben. Schließlich nahmen die Russen erst einmal jeden mit, der eine Uniform trug.

Endlich kamen jetzt keine Bombenflugzeuge mehr, und es wurde auch nicht mehr geschossen. Es war Frieden! Ein herrliches Wort, und die Menschen atmeten auf, trotz aller Widrigkeiten. So sollte es für alle Zeiten bleiben.

Edelgard Richter, *1938, Berlin-Charlottenburg

„Der Film war unerträglich für mich – ich musste abschalten“

Überaus grausem – wirklich Grausamkeit in höchster Potenz, auch an der so genannten Heimatfront war das für mich unmittelbar und vollauf zu erleben – nicht zuletzt infolge der Tatsache: Wenn eine Bestie die Macht erobert.

Ich war Kind, als meine Eltern bei einem Bombenangriff 1943 im Ruhrgebiet total ausgebombt wurden und sozusagen über Nacht Hab und Gut verloren – alles verbrannte, auch meine ganzen Spielsachen. Vor allem mein geliebtes Kasperle-Theater.

Retten konnten wir nur, was wir am Leibe trugen. Bei jeder Bombe, die einschlug, bebte der Boden. In jedem Moment stürzt das Haus ein, dachten wir immer wieder. „Raus, alle raus – es brennt überall! Schrecklich, auch die Hausflur-Treppe brennt, schnell, kommt raus, gleich stürzt sie ein!“, schrie jemand, und wir alle, jung und alt, rannten um unser Leben aus dem Luftschutzkeller.

Draußen rannten wir durch brennende Straßen – die Häuser brannten lichterloh. Ich war an der Hand meiner Mutter. Meine beiden Brüder hatten wir verloren, immerzu schrie meine Mutter wie besessen laut ihre Namen. Ich sah als Kind brennende Menschen – sie hatten wohl das furchtbare, brennende Phosphor an ihre Kleidung bekommen. Phosphor floss oft auch plötzlich im Luftschutzkeller an den Wänden herunter, so wurde mir später erklärt. Wer damit in Berührung kam, war dem Tod zumeist hilflos ausgeliefert. Überall sah ich auf den Straßen Leichen von Kindern, Müttern, Vätern und alten Menschen liegen. Wie viele mögen durch die Bombenangriffe insgesamt ums Leben gekommen sein, fragte ich mich irgendwann.

Dank der Hilfe anderer Menschen konnte ich wie durch ein Wunder meine beiden Brüder in die Arme schließen, drei Tage später, Tage voller Ungewissheit und verzweifelter Gefühle. Wir waren wieder zusammen, auch mein Vater auf Heimaturlaub kam dazu – was waren wir überaus dankbar und überglücklich! Da ich das alles jedoch selbst hatte, ging mir dieser TV-Film „Unsere Mütter, unsere Väter“ auf die Nerven. Unerträglich für mich – ich musste abschalten.

Robert Meuser, Berlin-Spandau

Die Erinnerungen der Eltern

1944.

Fliegeralarm. Luftschutzkeller, Um-sein-Leben-Rennen. Meine Mutter hat uns Kindern viel erzählt. Vor allem von einem Bombenangriff, den alle Bewohner wie durch ein Wunder überlebten. 1944 in Meuselwitz (bei Altenburg), morgens früh um 5 Uhr: Fliegeralarm, das immer gepackte Köfferchen schnappen, runter in den Keller rennen, alle in den Luftschutzraum auf ihre Plätze! Meine Mutter, neun Jahre alt, ihre Großeltern, ihr gleichaltriger Freund Kurtchen, dessen große Schwester Hanna mit ihrem Baby (dem kleinen Klaus), Frau Schmidt, die Mutter von Kurtchen und Hanna; Karlheinz und Hartmut, acht und neun Jahre alt, mit ihren Müttern.

Die Kinder spielten Karten (Schwarzer Peter). Immer zögerlicher. Plötzlich nicht mehr. Direkt über ihnen ein Tosen, Dröhnen, Zischen, Einschlag! Aus. Alles erschütterte. Staubwolken, Husten, Keuchen, Oma? Opa? Nach der Sirenenentwarnung rannten als erste die Kinder nach oben: Määnsch, unser Haus steht ja noch! Zwar alle Fensterscheiben zu Bruch gegangen, die Gartenmauer weg, das Waschhaus völlig zerstört. Und mitten im Garten, zwei Meter neben dem Wohnhaus: Ein riesiger Krater. Die Bombe war mitten in die – lange nicht geleerte – Sickergrube gegangen, der stinkende Inhalt rettete das Haus und seine Bewohner. Die Erwachsenen fielen sich in die Arme, riefen uns sofort zurück, liebe Güte, geht da bloß nicht zu nah ran!

Janine Rosenberger, Wilmersdorf

„Heute würde ich gern meinen Opa fragen“

Mein Großvater war Soldat der Wehrmacht und als Funker ausgebildet und eingesetzt. Er hat den Krieg von Anfang bis Ende miterlebt und ist nach außen wie durch viele Wunder scheinbar unverletzt geblieben. Auch die grausamen Zustände in russischer Gefangenschaft, als viele seiner Kameraden erfroren und verhungert sind. 1948 kam er zurück. Ich glaube, die seelischen Wunden hat er immer vor uns Enkelkindern zu vertuschen versucht.

Mein Opa fing bei Gelegenheit immer wieder von alleine an, vom Krieg zu erzählen. Am liebsten davon, wie gut es ihnen in Frankreich ging, wie toll die Stimmung und Versorgung dort war, und wie sie sich im wahrsten Sinne des Wortes wie die Könige in Frankreich gefühlt hatten. In diesen Momenten war er regelrecht euphorisch und steigerte sich hinein in Geschichten und Anekdoten, die er dort erlebte. Meist handelte es sich um heitere Schilderungen von Begegnungen mit der Zivilbevölkerung, die keine Berührungsängste mit den deutschen Soldaten zu haben schienen. Er war dort längere Zeit stationiert.

Dann hielt er inne, er senkte den Blick, seine Stimme wurde leiser, er wurde nachdenklich und sagte immer wieder bedeutungsschwer: „Und dann ging es nach Russland. Au weia, was ich da erlebt hab, das kann man gar nicht erzählen.“

Und er erzählte es uns letztlich auch nicht, er schwieg darüber bis zu seinem Lebensende. Ich kann mich nur erinnern, dass ihm bei dem Gedanken an Russland die Tränen kamen. In einem für ihn ungewöhnlichen monotonen Klang seiner Stimme zeigte er immer wieder den Abstand von 10 cm zwischen seinem Daumen und Zeigefinger: „Soviel Eis hatte ich auf meinem Gewehr. Soviel Eis. Wir konnten doch gar nicht mehr schießen, soviel Eis, wir haben so gefroren... Und so viele sind erfroren, jämmerlich erfroren.“ Das war alles. Dann stockte ihm der Atem, er verstummte, und wir wechselten das Thema. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht ob wir wirklich mehr von ihm wissen wollten.

Mein Vater und mein Onkel wissen auch nicht viel mehr vom Krieg als das was mein Großvater uns Enkelkindern erzählte. Ich denke, er wollte seine Kinder nicht belasten.

Als Opa so aus dem Nichts mit dem Krieg anfing, haben wir uns versucht abzuducken. Mein 4 Jahre jüngerer Bruder und ich waren doch Kinder und interessierten uns für ganz andere Dinge. Zugehört haben wir letztlich nur aus einer Mischung aus Neugier und Höflichkeit. Später waren wir Heranwachsende. Wir haben uns nicht sonderlich interessiert, als Kinder nicht, weil wir nicht wussten, wie wir mit seinen Geschichten umgehen sollen. In der DDR gab es außer der Propaganda ja überhaupt keine Geschichtsaufarbeitung. Wem sollten wir von unserem Opa erzählen, dafür gab es kein Forum.

Später als Jugendliche in diesen aufgewühlten Jahren nach der Wende auch nicht. Wir hatten leider viel zu sehr mit uns zu tun und damit, unseren Platz im Leben zu suchen. Heute habe ich ihn gefunden, mein Bruder auch. Heute hab ich Zeit und Ruhe, heute würde ich ihm gern zuhören, heute bin ich traurig, letztendlich so wenig über ihn zu wissen.

Mein Opa ist 1997 mit 84 Jahren verstorben. Heute würde ich ihn gern noch einmal fragen: „Opa, wie war das damals, erzähl doch noch mal, von Anfang an, ich will alles wissen.“ Damals hab ich immer nur mit einem halben Ohr zugehört, es tut mir so leid.

Christian Lehmann (41), Glienicke

„Dieser Krieg hat meine Familie kaputt gemacht“

Ich bin 1940 geboren und man nannte mich ein Kriegskind. Aus meiner Sicht als erwachsene Frau hat dieser Krieg meine Familie kaputt gemacht.

1943 wurde mein Bruder zu der Großmutter nach Miltenberg gebracht. Erst 1948 kam er auf seinen Wunsch nach Berlin zurück. Er war damals 13 Jahre alt. Die Jahre bei der Großmutter müssen für ihn grässlich gewesen sein, denn er ist nie wieder zu dieser Großmutter gefahren.

Wir sind in einer wichtigen Zeit also nicht zusammen aufgewachsen. Mir wurde immer der Vorwurf gemacht, ich als 2 1/2-Jährige hätte meinen Bruder aus dem Haus getrieben. Wir waren nie wirkliche Geschwister, auch im Erwachsenenalter haben wir keinen halbwegs freundschaftlichen Kontakt zueinander

gefunden.

In den 90er Jahren habe ich über Bekannte erfahren, das es 1943 eine Verordnung gab, das alle Schulkinder Berlin verlassen müssen. Nun wurde mir auch klar warum viele Familien evakuiert wurden, was ich früher nicht so verstand, weil ja meine Eltern hier geblieben sind. Meine Mutter wollte nicht zur Schwiegermutter - verständlich - und sie hatte ja hier auch alte Eltern.

Als ich meinen Bruder und meine Mutter über mein Wissen informierte, bekam ich keine Antwort. „Darüber will ich nicht reden.“ Es gab auch manches was ich wissen wollte, was ich nicht verstand und geklärt haben wollte. Wie z. B. die Eltern die NS-Zeit überlebt haben.

Über diesen Film und Talkshow verstehe ich manches besser. Die Zeichnung der Krankenschwester und des Vaters, der den verletzten Sohn nicht haben will, ist für mich aufschlussreich. Die Menschen waren stark von der Propaganda beeinflusst, nur durch einen schweren Vorfall oder auch erst 1945 erkannten die Menschen, das sie etwas geglaubt haben, was sich als entsetzlich heraus gestellt hat. Diese Einsicht ist sicher schwer zu verkraften.

Haben wir Menschen nicht immer Probleme einzugestehen, wenn wir einer falschen Sichtweise nachgehen - und dann neu denken müssen? Ich denke diese Menschen fühlen sich als Opfer, aber auch als Schuldige und können vermutlich, weil die Staatsführung mit diesem Krieg ja unfassbar war nicht darüber reden.

Vera-Irene Rottmann, *1940

„Das Schweigen der Eltern- und Großelterngeneration diente auch dem Selbstschutz“

Aufgewühlt nach dem 3. Teil der Trilogie „Unsere Mütter – unsere Väter“ sind mir die Gespräche und Diskussionen wieder ganz lebhaft vor Augen, die ich als Tochter, geboren 1954, mit meiner Mutter geführt habe. Sowohl meine Mutter als auch mein Vater sind wie die Protagonisten des Filmes ebenfalls 1921 geboren. Meine Mutter wollte, gleich Greta, singen und bewarb sich um ein Engagement zur „Truppenbetreuung“. Sie war auf dem Balkan, führte mit Artistinnen und anderen Künstlern ihr tägliches Programm auf.

Die Erzählungen darüber waren wie aus einem Abenteuerurlaub. Die Offiziere hätten sich immer sehr korrekt benommen und waren nett, es gab abends reichlich Essen, und es wurde auch mal ein Spanferkel vom Bauern „geholt“, das dann abends gemeinsam verspeist wurde. Bei den Auftritten gab es abends wegen der warmen Witterung riesige Motten, das sei sehr unangenehm gewesen, wenn diese dann im Gesicht rumgeflogen seien.

Wegen der Partisanen musste die Truppe sich oft auf den Boden des LKW legen, wenn es von einem Aufführungsort zum nächsten ging. Meine Mutter sagte immer, sie war jung, es war alles ganz toll an der Adria, und sie hatte keine Angst. Unter dem Eindruck des Dreiteilers erscheinen mir diese Äußerungen meiner Mutter heute besonders unfassbar. Bis zu ihrem Tode gab es nie eine Reflektion über das Geschehene und die eigene Beteiligung. Auch die starken Diskussionen meiner Tochter, Jahrgang 1980, mit ihrer Oma änderten nichts daran.

Mein Vater erzählte nur ausführlich die Story, dass er aus dem Kessel von Stalingrad mit einem der letzten Lazarettflieger ausgeflogen wurde. Er nutzte seine Erinnerung an einen Schädelbasisbruch, den er sich als Jugendlicher bei einem Motorradunfall zugezogen hatte, um diesen zum Anlass zu nehmen sich als geistig „verwirrt“ darzustellen. Es gab jedoch auch hier kein Wort, kein Gespräch über die vielen anderen Dinge des Krieges, die Gedanken, was er „gemacht“ hat in der Zeit. Während es mit meiner Mutter die Streitgespräche gab, fehlte der Mut, den Vater direkt anzusprechen, über dieses Thema wurde geschwiegen.

Das Schweigen der Eltern- und Großelterngeneration oder auch das geschönte Erzählen von Geschehenem diente auch unbewusst dem Selbstschutz. Verdrängung war da der gewählte Weg. Wer möchte schon gern von Mitschuld oder gar Mittäterschaft reden und so das eigene Leben partiell in Frage stellen?

Ellen Eichberg, *1954, Lichtenrade

Wie der Krieg über unser Dorf kam

Als der Krieg ausbrach, wurde ich gerade eingeschult. Ich war sechs Jahre alt. Ich bin Jahrgang 1933. Groß geworden bin ich bei meinen Großeltern: Opa Friedrich, geboren 1882 und seiner Ehefrau Anna Fender, geboren 1888.

Mein Opa war bei der Reichsbahn beschäftigt. Wir wohnten in einem Sechs-Familien-Reihenhaus der Eisenbahner an der Bahnlinie Berlin–Frankfurt(Oder). Erst merkten wir in unserem Dorf Briesen (Mark) auf halber Strecke zwischen Berlin und Frankfurt (Oder) nichts vom Krieg. Die Söhne und Schwiegersöhne mussten an die Front.

Dann kam die Zeit, als ständig Züge mit Kriegsmaterial wie Panzern und Geschützen an unserem Haus Richtung Osten vorbeifuhren. Gelegentlich begannen feindliche Flugzeuge, die Bahnstrecke zu bombardieren, um den Nachschub an Waffen zu unterbrechen. Ein englischer Bomber wurde abgeschossen, die zwei Piloten sprangen mit dem Fallschirm ab. Bald flogen täglich feindliche Flugzeuge über uns.

Zweimal sah ich Menschen in gestreifter Häftlingskleidung die Landstraße entlang marschieren. Auf meine neugierigen Fragen gab es abweisende Antworten von Erwachsenen, es hieß, „das fragt man nicht, das sind vielleicht Verbrecher“. Es waren wohl KZ-Inhaftierte, Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter aus dem Munitionslager bei Falkenberg, wie ich später erfuhr.

Eines Tages wurde wieder ein feindliches Flugzeug abgeschossen. Es stürzte auf einem Acker nahe der Bahnstrecke ab. Wir Kinder liefen, wie auch die Erwachsenen, hin, und der Anblick war furchtbar. Alles qualmte, ich sah ein Bein mit verkohltem Schuh, einen menschlichen Rumpf ohne Kopf. Diese Bilder vergisst man nie.

Wir hörten immer wieder das Dröhnen und Grummeln der schweren Bombenangriffe auf Berlin und 1945 auch, trotz der weiten Entfernung, die schwere Bombardierung Dresdens.

Der Krieg kam 1945 immer näher. Meine Großeltern vergruben im Wald Kisten mit Kleidung und Eingewecktem. Im April 1945 war die Front sehr nah und Soldaten wurden bei uns einquartiert. Ganz junge Soldaten. Sie konnten ihr Glück kaum fassen, als meine Oma sie in guten Federbetten schlafen ließ. Als sich die Kämpfe dann näherten, lagen verwundete Soldaten unter dem Vordach unseres Hauses.

Inzwischen wohnte auch Tante Erna bei uns, mit ihrer eineinhalbjährigen Tochter Heidrun, denn ihr Mann war auch im Krieg. Wir mussten bald im Keller Schutz suchen. Einmal rief ein Nachbar „Es brennt, es brennt!“ Unser Haus war in Brand geschossen worden. Wir mussten aus dem Keller, um uns herum Geschosshagel. Die deutschen Soldaten hoben die Türen aus den Angeln, legten sie über die Gleise und fuhren mit Lkw voller Verwundeter über die Bahngleise Richtung Berlin. Die Schwerstverwundeten lagen weiterhin vor dem Haus und schrien vergeblich: „Kameraden, nehmt uns mit!“

Bevor die deutschen Soldaten abfuhren, hatte ein Feldwebel noch einen jungen Soldaten erschossen, der von von unserem Nachbarn Zivilkleidung bekommen hatte. Mein Opa und der Nachbar bettelten um das Leben des jungen Mannes – vergeblich. Sie wurden sogar selbst bedroht. Dann mussten wir sehen, wie der Lkw, der schon einige hundert Meter weiter auf offenem Feld fuhr – er wollte mit den vielen Verwundeten in Richtung Berlin – von einem russischen Panzergeschoss getroffen wurde und in die Luft flog.

Dann holten meine Großeltern Gepäck aus dem brennenden Haus und suchten vergeblich unsere Katze Mausi, während ich schreckliche Angst hatte, sie könnten dabei verbrennen. In der Zeit war unser Rucksack, mit Schmuck, Geld, Sparbüchern, Speck und Dauerwurst gestohlen worden, es waren auch viele Flüchtlinge unterwegs, die bei uns Schutz suchten.

Meine eine Großeltern hatten Ziegen, Hühner, Kaninchen und Gänse. Als sie wussten, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis die russischen Soldaten kamen, wurden viele Tiere geschlachtet. Als letzten nahm sich meine Oma weinend ihren Lieblings-Ganter „Hans“ vor. Er war zutraulich zu ihr und wie ein Wachhund.

Er war gerade fertig gebraten, als unser Haus beschossen wurde. Also holte meine Oma auch den Ganter samt Bräter aus dem brennenden Haus. Wir suchten Schutz im angrenzenden Wald, wo wir auf russische Kampftruppen trafen. Den gebratenen Ganter haben sie sofort freudig in Empfang genommen. Doch wir hatten furchtbare Angst vor ihnen. Wir mussten unsere Arme zeigen, wegen Uhren und Schmuck. Einige Russen drängten meine Tante, einen schwerstverwundeten Russen zu verbinden, der so schrecklich aussah, dass selbst einige russische Kameraden schon abwinkten. Vor Wut hätte der eine Russe meine Tante beinahe erschossen.

Einige Soldaten waren gutherzig, steckten meiner Tante fremdes Geld in den Kinderwagen oder Brot. Den sechs Jahre alten Sohn von Nachbarn jedoch, der von einem Geschoss ins Auge getroffen war, wollte ein Russe „erlösen“. Doch die Eltern trugen ihren kleinen Horst bis zum nächsten Ort. Doch keiner konnte helfen. Er starb.

Alle Nachbarn und wir wurden bald durch den Wald getrieben in Richtung der Munitionsfabrik und des Arbeitslagers Falkenberg. Als wir ein Dorf erreichten, sah man überall Russen. Wir hatten alle Durst und suchten nach einer Pumpe. Die Russen zeigten auf einen Bauernhof, doch mein Opa rief: „Weg, weg, eine Falle!“ Wir rannten über ein Feld zum nahen Waldrand, Tante Erna mit ihrem Kinderwagen hatte es schwer, aber wir schafften es in den schützenden Wald, wo wir die Nacht verbrachten.

Mein Opa hatte wohl Recht. Denn die Russen verluden die jüngeren Frauen auf Lastwagen und fuhren sie weg. Sie wurden vergewaltigt und Stunden später freigelassen. Eine alte Mutter, deren Tochter dabei war, hat sich in dieser Zeit im Dorfteich das Leben genommen.

Als wir die Nacht im Wald hinter uns hatten, wollten meine Großeltern zurück, wegen der Tiere. Da die Kampftruppen schon weiterzogen, war das möglich. Die Überreste des Hauses qualmten noch. Die Tiere, auch die der Nachbarn, liefen verängstigt zwischen den vielen Russen herum, die die Stalltüren geöffnet hatten. Meine Oma melkte die Ziegen. Die Verwundeten und die russischen Soldaten freuten sich über die Ziegenmilch. Ein Verwundeter war gestorben, meine Großeltern mussten den Toten im Garten begraben und ich seine Taschen entleeren. Später sind alle Gefallenen umgebettet worden.

Aus dem Heu kam dann schließlich auch unsere Katze Mausi. Mit Handwagen, Ziege und Katze im Sack ging es nun zur neuen Wohnung meiner Tante, die in Briesen wohnte – bei einer alten Dame, Frau Strauch. Diese Frau war inzwischen geflüchtet und wir bekamen die Genehmigung, erst einmal dort zu wohnen. Ich erinnere mich noch, dass ich unterm Dach ehrfürchtig unter den Dachbalken durchging, weil in den oberen Holzbalken eine nicht explodierte Mörsergranate feststeckte, die erst Jahre später entschärft und beseitigt wurde.

Mein Opa musste als Eisenbahner nun Dienst am Bahnhof in Briesen verrichten und Schranken und Signalanlagen bedienen. Einmal kam aus dem Bahnhofsgebäude, das von den Russen besetzt war, ein russischer Offizier und brüllte meinen Opa an, zielte mit einer Waffe auf ihn und er solle sofort wieder die Schranken schließen, die er gerade geöffnet hatte und vor denen sich einige Menschen versammelt hatten. Die Leute liefen schreiend fort und mein Opa kam zitternd nach Hause.

Eines Nachts hörte ich plötzlich Gepolter und die aufgeregten Stimmen meiner Großeltern, die unten im Hause der Wirtin Strauch schliefen. Meine Tante, die kleine Heidrun und ich schliefen oben in einer Einzimmerwohnung. Zwei Russen kamen die Treppe hoch, einer durchwühlte den Schrank, der andere vergewaltigte meine Tante. Ein dritter bewachte unten meine Großeltern. Nacheinander vergewaltigten alle drei Soldaten meine Tante. Die kleine Heidrun stand schreiend in ihrem Bettchen – und ich lag im gleichen Bett bei meiner Tante und umklammerte ihre Hand, während sich die Soldaten an ihr vergingen. Ich hatte Glück. Man ließ mich Zwölfjährige in Ruhe.

Am nächsten Tag musste Opa wieder zum Dienst am Bahnhof. Leider kam er nie mehr wieder. Es war nur bekannt geworden, dass er und einige weitere Männer in Waggons gesperrt wurden.

Wir erfuhren erst im Jahr 2010, dass sie in das Lager Ketschendorf bei Fürstenwalde transportiert worden waren, nur zwei Bahnstationen von unserem Zuhause. Dort starben die meisten ohne Anklage an Hunger und Krankheiten. Mein Opa, 64-jährig, starb 1946, ohne dass es eine Benachrichtigung an seine Angehörigen oder sonst jemanden gegeben hätte.

Es gab auch noch nach dem Krieg tragische Ereignisse. Ein Junge wurde auf der Straße von einem fahrenden Panzer erfasst und starb. Kinder spielten mit Fundmunition, die explodierte.

Dann kam ein Sohn, der Mann meiner Tante, aus der Gefangenschaft zurück. Es war ergreifend, wie er auf einmal in der Küche stand und zurückhaltend sagte: „Mutter, setz die Kartoffeln au...“ Dann fielen sie sich weinend in die Arme. Er wurde wie sein Vater Eisenbahner, drei Kilometer vor dem Ort in einem Haus im Wald. Wir hatten dort keinen Strom, und viele Fensterscheiben waren kaputt und vernagelt. Und wie glücklich waren wir, wenn wir mal wieder eine Glasscheibe vom Glaser bekamen. Oft gab es Brennnesselsuppe oder Bucheckern, um den Hunger zu lindern.

Ich hatte nun einen sehr langen Schulweg und besuchte bis 1948 die Volksschule in Briesen, was im Winter bei tiefem Schnee kaum für mich zu bewältigen war. Einen Beruf zu lernen war nicht möglich und so arbeitete ich bei einem Bauern dann im Wald. Die Russen hatten viele Bäume gefällt und abtransportiert. Wir Frauen mussten den Wald wieder aufforsten, was oft sehr schwer war. Ich verdiente auch durch den Verkauf von Pilzen, Blaubeeren, Maiglöckchen, Buntmetall in Westberlin Westgeld, was ich in Ostgeld umtauschte und dadurch einen guten Nebenverdienst hatte. So wie Berlin mit den ganzen Ruinen aussah, dachte ich nicht, dass man es wieder aufbauen könne.

1951 verstarb meine geliebte Oma und ich zog nach Westberlin zu einer Tante und einem Onkel.

Ich bekam nur eine befristete Aufenthaltsgenehmigung für Arbeiten im Haushalt bei Geschäftsleuten, 20 DM im Monat, Kost und Logis. Ich musste Milch und Brötchen um sechs Uhr früh im Grunewald austragen und schwer schleppen. Mittagessen gab es, aber für mich in der Küche, wo auch der Hund der Familie sein Futter bekam. Dann arbeitete ich in einem Café mit Eisdiele, von morgen sechs bis 23 Uhr abends im Sommer. Vom Chef wurde ich belästigt, begrabscht, ausgenutzt. Ich habe oft im Schlaf geweint.

Dann fand ich eine Stelle bei einer jüdischen Familie, bei der ich mich wohl fühlte. Die kleine Tochter Gila war und ist für mich noch heute ein besonders geliebter Mensch. Endlich bekam ich eine Zuzugsgenehmigung für West-Berlin und konnte bei Siemens in Spandau arbeiten und Geld verdienen. 1956 gründete ich eine Familie. Durch den Mauerbau lebten alle meine Verwandten von mir getrennt in der Ostzone. Heute lebe ich in einem kleinen Häuschen am See. Werde 80 Jahre alt und bin dankbar, dass wir in Frieden leben dürfen.

Inge Streich, *1933, Berlin-Heiligensee

Tage und Nächte im Gipsbunker

Meine Eltern haben im Frühjahr 1938 geheiratet. Im Frühjahr 1939 wurde ich als erstes Kind geboren. Mein Vater (absoluter Kriegsgegner) wurde 1942 als Soldat eingezogen und verlor sein Leben mit 32 Jahren 1944 an der Ostfront. Meine Mutter, noch heute eines meiner großen Vorbilder, zog uns zwei Schwestern unter großen Entbehrungen allein groß. Hilfe, Trost und Obhut gab uns auch unsere Familie rundum.

Es war das Jahr 1944, das sich für immer bei mir – damals fünfjährig – eingeprägt hat. Fast täglich mussten wir den Bunker aufsuchen, wenn die Sirenen – meistens mitten in der Nacht – heulten. Dann musste unsere Mutter meine kleine Schwester und mich aus dem Schlaf reißen, eiligst das Nötigste zusammenraffen, die Wohnung verlassen und quer über unsere Straße laufen, um das Schutzgebäude zusammen mit vielen anderen Bürgern zu erreichen.

Im Innenraum – ebenerdig – waren Sitzreihen wie im Kino aufgestellt. Jeder Mitbürger sah in eine Richtung auf eine kahle Wand, nur dass die Wand eben keine Leinwand vorwies. Am oberen Rand war ein Belüftungsgerät eingebaut, mit einer Klappe versehen. Immer wenn Detonationen durch Bombardierungen zu hören waren, gab die Klappe auch Laut, sie ging mehrmals auf und zu.

Ich wusste, was das bedeutete, und hatte jedes Mal Todesangst. Meine kleine Schwester konnte die Situation natürlich noch nicht erfassen und beschäftigte sich, unterstützt durch unsere Mutter, so gut es eben ging, mit ihrem Spielzeug.

Wir hatten soweit Glück, dass unser Gipsbunker nie von einer Bombe getroffen wurde, er ist heute noch vorhanden. Man kann ihn durchaus ein historisches Gebäude nennen, es gab ihn nämlich schon vor dem Krieg und auch heute noch!

Es ist die „Staatliche Gipsformerei Charlottenburg“ in der Sophie-Charlotten-Straße, immer einen interessanten Besuch durch eine Führung wert. Der Name „Gipsbunker“ hatte sich im Volksmund über etliche Nachkriegsjahre erhalten. Nichts erinnert mehr an die damalige Zwischennutzung.

Waltraud Bonin-Klischat, *1939, Berlin-Tempelhof

„Alle Bewohner des Hauses werden erschossen“

Zur damaligen Zeit wohnte ich mit meinen Eltern in der Emdener Straße 19/Ecke Wiclefstraße in Moabit. Ich hatte noch drei Brüder, die Jahrgänge waren 1930, 1939, 1938 und Jahrgang 1941. Durch viele Fliegerangriffe auf unser Gebiet wurden wir Anfang Januar 1944 nach Meseritz im Kreis Polen evakuiert. Dort wurde am 23. Januar unsere Schwester Rita geboren. Sie lebte aber nicht lange und starb am 2. Mai 1944 an Diphterie.

Im Juli 1944 mussten wir nach Berlin zurück, da mein Bruder Wolfgang und ich eingeschult werden sollten. Belege laut Stammbuch vorhanden. Die Einschulung wurde aber abgesagt, da die Fliegerangriffe zunahmen, bedingt durch den Westhafen mit Bahnanschlüssen und Hafen. Unsere Schule war in der Unionstraße, die auch heute noch parallel zum Westhafen liegt.

Wir schliefen in unserer Zwei-Zimmer-Wohnung angezogen, damit wir schnellstens bei Alarm entweder im Keller oder im Unionbunker Unterschlupf vor den Bomben fanden. Mein Vater musste als Zimmermann zu der Zeit Baracken bauen und kam noch zu guter Letzt als Reserve zum sogenannten Volkssturm. Die Zugangsstraße von der Unionstraße in die Emdener Straße wurde mit einer Panzersperre versehen. Frauen und größere Kinder füllten diese dann mit Schutt, sodass nur ein Durchgang für Fußgänger blieb.

Unser Eckhaus und die andere Seiten blieben trotz Dauerbeschuss stehen. Kleinere Brandbomben, die unsere Wohnung trafen, wurden sofort von Luftschutzleuten entfernt, auch etliche Mieter halfen beim Löschen. Besonders in Erinnerung habe ich heute noch, wie zwei deutsche Soldaten bei uns an der Ecke an der Laterne aufgehangen wurden. Mit einem Plakat, auf dem stand, ich bin ein Deserteur. Nachdem dann im Mai 1945 der Krieg zu Ende war, begann die schlimmste Zeit. Nichts zu essen!

Wir hatten dann allerdings das Glück, auf unserem Hof des großen Eckhauses zog eine russische Besatzungsmacht mit sogenannten Gulaschkanonen ein. Diese versorgte dann auch uns Kinder mit Essen (wir waren ca. 30 Kinder). Somit war für uns Kinder der Hunger nicht ganz so groß. Alle vier Aufgänge waren mit Russen und Maschinenpistolen besetzt. Es kam wie aus heiterem Himmel. Wir Kinder hingen an den Fenstern. Gegenüber war eine Litfaßsäule. Ein Lkw der Russen hielt daneben an, es stiegen zwei Russen in Uniform aus. Es machte peng, peng, und beide Russen trafen tödlich getroffen zu Boden.

Ein Durcheinander war erst einmal die Folge. Höhere Offiziere durchkämmten das Haus und ließen alle Bewohner einschließlich der Frauen und Kinder im großen Hof versammeln. Eine kurze Ansprache vom Übersetzer lautete: Wenn der Schütze sich nicht meldet, werden alle Bewohner des Hauses erschossen. Ein Luftschutzwart sagte als Vertreter aus, sie könnten das nicht machen. Was haben Kinder und deren Mütter damit zu tun? Der Offizier lenkte ein, und die Frauen und Kinder durften in ihre Wohnungen zurück. Mir ist bis heute nicht bekannt, ob sich der Täter meldete und wie es dann weiterging. Eines Tages war dann die Besatzungsmacht vom Hof verschwunden und die richtige Leidenszeit begann.

Dieter Konrad, Berlin-Gesundbrunnen

„Junge, blick’ nach vorn“

Mein Vater (Jahrgang 1892, ich bin inzwischen 78 Jahre alt) stand dem Nationalsozialismus schon in den 30er-Jahren ablehnend gegenüber. In seinem Nachlass fand ich die als Kopien beigefügte „Schutzhaftverfügung“ und die „Rechnung“. Wobei ich beim Thema wäre: Hat Vater mit mir über seine grausame Zeit gesprochen? Hat er eben nicht, allenfalls mal andeutungsweise. Stets aber distanziert, leidenschaftslos. Er sagte immer: „Junge, blick’ nach vorn“. Ich habe ihm das nie ganz abgenommen, auch dann nicht, als er „mit Blick nach vorn“ schon Anfang der 50er-Jahre dem Europa-Gedanken nahe und in der damaligen Europa-Union aktiv war.

Nach seinem Tod 1976 habe ich dann ein „Buch“ über ihn geschrieben, eigentlich gedacht für meine Kinder, das Schreibbedürfnis wird aber wohl mehr mein eigener Versuch gewesen sein, mich ihm zu nähern. So lese ich jetzt die Aufzeichnungen, die keine Literatur sein wollen, angesichts des Films jedoch Regungen mit Traurigkeit und Fassungslosigkeit auslösen.

1941 dann der Schock: Krieg auch mit Russland, Siege, General Winter, Rückzug, Stalingrad.

In Berlin heulten die Sirenen nun nicht nur nachts, sondern häufiger auch am Tage. Im Garten baute Vater einen kleinen Erdstollen, besserer Splitterschutz. Ich hatte kleine Schiffs- und Flugzeugmodelle zum Spielen, unter anderem einen Flugzeugträger. Und die Flugzeuge waren nicht größer als ein Fingernagel. Mein Vater, sofern er nicht als „Wachschutz“ im Werk war, breitete abends oft eine große Karte aus und setzte meine kleinen Flugzeuge auf bestimmte Punkte. Ein Flugzeug verkörperte einen Bomberverband.

Wenn nach den Meldungen im sogenannten „Drahtfunk“ Berlin so richtig in der Zielrichtung der anfliegenden Bomber lag, in der nächsten Zeit also mit Vollalarm zu rechnen war, dann scheuchte Vater meine Mutter und mich in die DIWAG, eine chemische Fabrik in unmittelbarer Wohnnähe, die über einen fast zwei Meter dicken Betondecken gebauten unterirdischen Bunker verfügte und ziemlich sicher war.

Lieber war ich aber bei Vater in seinem kleinen Gartenbunker, so er es gestattete. In dem DIWAG-Bunker fühlte ich mich stets unwohl, ängstlich, bei Vater, der immer eine gewisse Ruhe ausstrahlte, dagegen geborgen. Ich konnte die kühle Nachtluft atmen, auch verunsicherten mich das laute Gedröhn der Flak, die „Christbäume“ (Zielmarkierer) und das Brummen der Flugzeuge weniger als das dumpfe Gefühl im DIWAG-Bunker. Kamen aber die Amis am Tage, war Vater im Werk, und so musste ich mit Mutter in den Bunker.

Im Dezember 1943 fuhr meine Mutter mit mir nach Leipzig zur Großmutter. Ich erinnere mich an die Aufschriften an den Tendern der Lokomotiven. Erst siegen, dann reisen...

Einige schöne Tage bei der Oma am Stadtrand von Leipzig. Dann aber ein schwerer Luftangriff, in unmittelbarer Nachbarschaft brennende Häuser. Ein Volltreffer im schräg gegenüberliegenden Haus. Der Luftdruck der Sprengbombe richtete auch in Omas Haus Schäden an. Dachziegel weg, zerborstene Fensterscheiben, Risse in den Wänden. Am nächsten Morgen musste ich sehen, wie Hilfskräfte Tote bargen, da war auch ein Mädchen dabei, mit dem wir Kinder gestern noch gespielt hatten.

Mutter geriet in Panik und ließ sich mit mir vom Roten Kreuz ins Erzgebirge verfrachten, genauer ins Vogtland, Stenn bei Auerbach.

Endlich wieder in Berlin, aber oft Alarm. Zwischen 19 und 20 Uhr in der Regel Voralarm. Blieb es ruhig, konnte man mit einer friedlichen Nacht rechnen. Doch auch dann manchmal Sirenengeheul. Vater gab mir einen guten Rat: Deck’ dein Bett sorgfältig zu, bau’ eine Art Betthöhle, dann bleibt es länger warm. So konnte ich hin und wieder in noch warme Federn kriechen, wenn der Alarm nicht allzu lange dauerte.

Im Januar brachte uns Vater nach Deutsch-Fuhlbek in Pommern, erreichbar über Schneidemühl und Deutsch-Krone. Ein kleines, verträumtes Nest inmitten unendlicher Wälder. Ein winziger Bauernhof mit einer wortkargen, aber lieben Bäuerin. Der Sohn Monteur bei Volta in Berlin, Vaters Kollege. Hat sich Vater Otto also wieder etwas einfallen lassen. Kind und Frau weg aus Berlin, aber nicht etwa mit staatlicher Hilfe, der er ohnehin stets misstraute. Wenn, dann in Eigenregie. Bis November waren Mutter und ich also im friedlichen Pommern, ich verlebte wohl das schönste Jahr meiner Kindheit, erinnere mich noch gern und auch daran, dass ich von Vater viele wunderschöne Briefe bekam, stets als Anlagen zu Briefen an seine Frau.

Nach dem 20. Juli 1944 blieben diese Briefe aus. Mutter war beunruhigt, das merkte ich schon. Aber sie sprach nicht viel, was ungewöhnlich war, so wie ich meine alte Dame in Erinnerung habe. Ist aber nicht kritisch gemeint. Jedenfalls ließ sie mich in guter Betreuung bei der Bäuerin und fuhr nach Berlin. Vater im KZ. Mutter erinnerte sich an einen Bekannten aus Vater Fliegerzeit während und nach dem Ersten Weltkrieg. Der Mann war inzwischen Oberst im Reichsluftfahrtministerium und wahrlich kein Nazifreund. Mit diesem Mann traf sich Mutter im zerbombten Berlin, Dem noch einflussreichen Mann gelang es, Vaters Anwesenheit in den Volta-Werken als vordringlich zu begründen. Entlassungsverfügung aus Oranienburg-Sachsenhausen. Vater also wieder in Waidmannslust, Mutter wieder in Fuhlbek.

Ende November 44 holte uns Vater schließlich nach Berlin, um uns aber bereits im Januar 1945 nach Leipzig zu bringen. Das Kriegsende sollten wir nicht in Berlin erleben.

In den 50er-Jahren und auch später sprach Vater wenig über die vergangene dunkle Zeit. Ich sagte ja schon eingangs: Junge, blick’ nach vorn.

Und mit diesem Ziel will ich auch zum Ende kommen: Als der erste nach 1945 gebaute Großtrafo geprüft wurde und die Luft in der großen Halle bei den Belastungsproben nach Ozon roch, durfte ich dabei sein, und Vater nahm meine Hand, er war irgendwie glücklich und sagte etwas sehr Schönes: Mit diesem unseren ersten Trafo werden wir antreiben, Wärme bringen. Ich solle mich oft an diese Stunde erinnern und auch daran, dass nichts auf dieser Welt selbstverständlich ist und auch nicht erklärt werden kann, nicht die Liebe und auch nicht das geheimnisvolle Medium der Natur, das wir hier nur anwenden.

Mein dufter Vater, Klassekerl, hätte ich es ihm doch mal gesagt.

War vielleicht gar nicht nötig, der Alte wär mir über und hat’s ja gespürt.

Werner Langrock, Berlin-Frohnau