Welche Folgen hat der Zweite Weltkrieg für jene, die ihn als Kind erlebten? Am Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin gibt es seit 2008 eine Kurzzeittherapie, die mithilfe des Internets Patienten dabei unterstützt, ihre traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten.

Die Psychologin Maria Böttche (31) koordiniert das Pilotprojekt „Lebenstagebuch.de“.

Berliner Morgenpost: Frau Böttche, alte Menschen und Internet, das klingt wie ein Gegensatz. Wie kam es zu der Idee?

Maria Böttche: Zum einen hatten wir festgestellt, dass es keine speziellen Therapien für ältere Menschen gibt. Vor allem keine, die auf frühere Traumatisierungen in Kindheit und Jugend spezialisiert sind. Dazu kam, dass sich Professor Dr. Christine Knaevelsrud, Psychologin und Leiterin unserer Forschungsabteilung, schon viele Jahre mit internetbasierter Psychotherapie beschäftigt hatte. In den Niederlanden wird eine Therapie über das Internet auch schon von den Kassen bezahlt. So haben wir eine Schreibtherapie entwickelt, die übers Internet zur Verfügung gestellt wurde.

Wird das Projekt denn angenommen?

Ja, sogar sehr gut. Es stimmt ja nicht, dass ältere Menschen nicht online gehen – in Deutschland waren 2012 etwa sechs Millionen ältere Menschen im Internet, haben Studien ergeben. Das ist sehr viel, und die Gruppe wird größer, auch wenn wir natürlich nicht alle Betroffenen so erreichen können. Über „Lebenstagebuch.de“ haben wir etwa 100 Menschen behandelt, 70 Prozent Frauen und 30 Prozent Männer. Diese „Kriegskinder“ sind heute im Durchschnitt 72 Jahre alt.

Man sollte glauben, ältere Menschen schätzen eher den persönlichen Kontakt.

Eine persönliche Beziehung haben wir hier auch – nur dass sich Therapeut und Patient nicht persönlich begegnen. Durch das Internet lassen sich geografische Hürden überwinden, wir haben Patienten aus dem gesamten Bundesgebiet und solche, die heute im Ausland leben. Die Patienten können schreiben, wann sie wollen und sind nicht von unseren Arbeitszeiten abhängig. Vor allem aber bietet das Internet eine gewisse visuelle Anonymität, die den Patienten entgegenkommt. Vieles, was sie schildern, ist schambesetzt – Ängste etwa oder Schuldgefühle. Über vieles haben sie noch nie gesprochen. Bei unserem „Lebenstagebuch“ müssen sie niemandem ins Gesicht schauen – und wissen doch, sie werden wahrgenommen.

An wen richtet sich Ihr Angebot?

Es geht ausschließlich um die zivilen Opfer, um Menschen, die den Krieg als Kind erlebt haben und heute unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden.

Was haben diese Menschen erlebt?

Viele haben die Bombennächte in den Großstädten erlebt, andere waren auf der Flucht, waren in Lagern, sie haben Familie verloren. Sie haben entsetzliche Angst, Hilflosigkeit oder auch Todesfurcht erlebt.

Worin äußert sich die posttraumatische Belastungsstörung?

Die Patienten erleben die traumatischen Ereignisse unfreiwillig wieder und wieder, nicht nur im Traum, sondern vor allem im wachen Zustand. Es kommen Bilder wieder hoch, sie haben das Gefühl, sich wieder in der traumatischen Situation zu befinden. Das kann ausgelöst werden durch äußere und innere Reize. So gibt es Patienten, die nicht in den Keller gehen oder Silvester nicht ertragen können, weil es sie zurückversetzt in die Zeit der Bombennächte. Um zu verhindern, dass die Erinnerungen hochkommen, zeigen sie ein Vermeidungsverhalten – bestimmte Orte, Personen, Gedanken werden vermieden. Dazu kommt die Übererregung des Körpers. So schlägt zum Beispiel das Herz schneller, die Konzentration sinkt, die Patienten sind sehr schreckhaft. Diese drei Symptome – Wiedererleben, Vermeidung und Übererregung – bedingen sich wie in einem Teufelskreis.

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von Youtube, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Warum tritt das bei einigen Menschen erst im Alter zutage?

Ältere Patienten haben oft ihr ganzes Leben „funktioniert“. Erst, wenn das Arbeitsleben endet, wenn ein Partner stirbt oder das Leben an sich im Alter beschwerlicher wird, entwickeln einige diese psychische Störung.

„Lebenstagebuch“ klingt fast ein bisschen poetisch. Wie funktioniert Ihre Therapie?

Wie eine Art „professionelle“ Brieffreundschaft. Man schreibt sich abwechselnd, bekommt spezifische Instruktionen für seine Texte, auf jeden Text kommt eine Antwort vom Therapeuten. Ziel ist, das Trauma aufzuarbeiten. Die eigentliche Therapie dauert etwa sechs Wochen, insgesamt werden die Patienten ein Jahr begleitet, um zu sehen, wie der Erfolg ist.

Wie bringen Sie die Menschen dazu, über sich selbst zu schreiben?

Es gibt ein festgelegtes Therapieprogramm. Alle schreiben elf Texte, die aufeinander aufbauen. Zunächst werden sieben biografische Texte verfasst, in denen das gesamte Leben aufgearbeitet wird. Dazu gibt es Erinnerungshilfen. Wie sah ihre Familie aus? Hatten sie ein Plüschtier? Welche Dinge waren besonders problematisch? Dann schreibt der Patient 45 Minuten einen Text, zu einem Zeitpunkt seiner Wahl.

Wie hilft das Schreiben gegen das Trauma?

Im zweiten Teil geht es darum zu erfahren: Ich kann es aushalten, das aufzuschreiben, was ich erlebt habe. Ich kann es von Anfang bis Ende erzählen. Danach steht die Anerkennung des Erlebten durch den Therapeuten: Ja, es war etwas Schlimmes. Es war nicht normal. Und man darf darüber weinen. Am Ende der Therapie steht eine Würdigung der eigenen Lebensleistung. Was habe ich geschafft und geleistet, welche Stärken habe ich? Durch die Schreibtherapie, also die biografische Aufarbeitung, die Konfrontation mit dem Trauma und die Würdigung zum Abschluss sollen die Symptome der posttraumatischen Belastungsstörung reduziert werden.

Wie entlassen Sie Ihre Patienten? Als „geheilt“?

Der Abschluss der Therapie ist ein tröstender Brief an sich selbst, an das damalige Kind aus heutiger Sicht. Oftmals mögen die Patienten ihr eigenes „inneres Kind“ nicht – das im übrigen jeder hat. Sie sagen: Dieses Kind hat mir alles verdorben, weil es damals überlebt hat oder sich nicht gewehrt hat. Sie machen nun die Erfahrung, dass dieses Kind Teil ihrer eigenen Vergangenheit ist. Man kann sie nicht mehr ändern, auch nicht vergessen. Aber man kann sich damit auseinandersetzen und sie als Vergangenheit akzeptieren.

Wie groß ist der Erfolg?

Ein vorläufiges Ergebnis zeigt, dass sich innerhalb der sechs Wochen die Symptome signifikant verringern und andererseits Lebensqualität und Selbstwirksamkeit ansteigen. Das bleibt auch stabil über die ganzen zwölf Monate nach der Therapie.

Empfohlener externer Inhalt

An dieser Stelle befindet sich ein externer Inhalt von X, der von unserer Redaktion empfohlen wird. Er ergänzt den Artikel und kann mit einem Klick angezeigt und wieder ausgeblendet werden.
Externer Inhalt
Ich bin damit einverstanden, dass mir dieser externe Inhalt angezeigt wird. Es können dabei personenbezogene Daten an den Anbieter des Inhalts und Drittdienste übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Welche Rolle spielt das Erzählen? Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ hat ja ein großes Bedürfnis ausgelöst, von sich selbst, vom Krieg zu erzählen.

Es ist zum einen eine spezielle Phase im Alter, in der man sein Leben bilanziert. Aber gerade dieser Generation fiel es oft schwer, mit den eigenen Kindern über sich zu sprechen. Mit den Enkeln haben sie es da heute leichter.

Warum konnten sie nicht mit den eigenen Kindern sprechen?

Das Fachwort heißt transgenerationale Übertragung. Kriegskinder sind mit den Traumata des Zweiten Weltkrieges aufgewachsen. Oftmals geben sie etwas davon unbewusst an ihre Kinder weiter – auch wenn sie schweigen. Die Familie spürt: Da ist etwas, aber es wird nicht davon gesprochen.

Wie lange wird das Lebenstagebuch-Projekt laufen? Die Kriegskinder-Generation wird es bald nicht mehr geben.

Ja, aber Kriege gibt es leider immer noch. Unser Projekt lässt sich auch auf andere Kulturen übertragen. So bieten wir hier von Berlin aus auch eine Internettherapie im arabischen Sprachraum an. Dabei haben wir festgestellt, dass die Symptome dieselben sind. Die Geschichten, die diese Patienten schreiben, klingen praktisch genauso wie die der Kriegskinder von einst. Todesangst, Folter und Krieg machen mit den Menschen überall auf der Welt dasselbe.

Welche Erinnerungen haben Sie an die Kriegszeit? Wie wurde in Ihrer Familie darüber gesprochen? Schreiben Sie uns:

Berliner Morgenpost Lokalredaktion, Stichwort „Unsere Mütter, unsere Väter“ Brieffach 3110, 10888 Berlin

aktionen@morgenpost.de, www.morgenpost.de/umuv