ZDF-Dreiteiler

Das sagen Experten über „Unsere Mütter, unsere Väter“

Der ZDF-Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ sorgt für Diskussionen über die deutsche Kriegsvergangenheit. Ist die Serie geschichtlich exakt? Die Morgenpost hat Historiker und Politologen befragt.

Gesehen haben sie ihn alle. Historische Filme haben es sonst oft schwer bei den Fachleuten, bei Historikern etwa oder Politologen. Zu geschult ist ihr Blick für die kleinen Fehler in der historischen Darstellung, zu ernst ist das Thema meistens für sie, als dass sie dramaturgische Zugeständnisse und Verkürzungen der Fakten ertragen könnten.

Doch an „Unsere Mütter, unsere Väter“ kam die Fachwelt offenbar nicht vorbei. „Das war überall so groß angekündigt, das wäre ja fast eine Bildungslücke, es nicht zu schauen“, sagten einige der Experten, als sie im Gespräch mit der Berliner Morgenpost ihre Eindrücke der ersten beiden Teile des Films schilderten.

Unser großes Special zum Themenjahr "Zerstörte Vielfalt"

Besonders genau schaute etwa Klaus Hesse hin, der sich als Historiker für die Stiftung Topographie des Terrors seit Jahrzehnten mit Fotodokumenten aus der Zeit des Nationalsozialismus befasst. „Wenn ich einen Film wie ,Unsere Mütter, unsere Väter‘ schaue, frage ich mich immer, ob das hierfür ein Vorteil oder Nachteil ist“, sagte Hesse. Manche historischen Spielfilme und Spielszenen könne er schwer ertragen, weil sie unecht und künstlich wirkten.

Auch bei „Unsere Mütter, unsere Väter“ fallen Hesse sofort Details auf, die korrekte Farbe der Uniformen zum Beispiel oder die Größe der Büros im Reichssicherheitshauptamt.

Ist ein Film eigentlich geeignet, die Debatte über die Vergangenheit anzuregen? Kann eine TV-Produktion zum Geschichtsverständnis beitragen? Was sagt der Fernsehfilm, der auch vor der drastischen Darstellung von Kriegsverbrechen nicht haltmacht, über die aktuelle Sicht auf den Nationalsozialismus aus?

Diese Fragen sollten die renommierten Fachleute – ganz unwissenschaftlich aus dem Bauch heraus – für den aktuellen Teil der Morgenpost-Serie zu „Unsere Mütter, unsere Väter“ beantworten. Das überraschende Ergebnis ist etwas weiter unten auf dieser Seite zu lesen.

Über mangelnde Aufmerksamkeit in der Medienlandschaft oder geringe Einschaltquoten kann sich das ZDF für seine 14-Millionen-Euro-Produktion nicht beschweren. Das Kriegsepos von Nico Hofmann kam auch am Montag weiter gut beim Publikum an. Den zweiten Teil wollten nach Messungen der GfK-Fernsehforschung noch 6,57 Millionen Menschen sehen. Damit war Teil zwei am Montagabend die am häufigsten eingeschaltete Sendung mit einem Marktanteil von 19 Prozent. Die erste Folge über das Schicksal von fünf Freunden im Zweiten Weltkrieg schalteten am Sonntagabend 7,22 Millionen Menschen ein.

Auch unter den Lesern der Berliner Morgenpost scheint es viele bewegte Zuschauer von „Unsere Mütter, unsere Väter“ zu geben. Dem Aufruf, eigene Erinnerungen an die Kriegszeit an die Redaktion zu schicken, sind bereits Dutzende Berliner gefolgt. Sie schildern Erlebnisse, berichten von Gesprächen mit ihren Eltern oder Großeltern und kommentieren die Morgenpost-Serie. Eine Auswahl der Briefe wird in der Morgenpost-Ausgabe am kommenden Sonntag veröffentlicht, ein weiterer Teil wird auf Morgenpost Online zu lesen sein.

Der dritte Teil der ZDF-Serie „Unsere Mütter, unsere Väter“ läuft am 20. März 2013 ab 20.15 Uhr.

Und das sagen die Experten:

Johannes Tuchel: „Der Film kann zum Nachdenken anregen“

Johannes Tuchel ist Professor für Politikwissenschaft und leitet die Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße.

„Grundsätzlich finde ich es immer gut, wenn gezeigt wird, dass der Zweite Weltkrieg ein verbrecherischer Angriffskrieg der Deutschen gewesen ist. Das kommt bei ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ klar heraus. Der dreiteilige Film schafft auch an manchen Stellen, etwa als Krankenschwester Charlotte die jüdische Ärztin verrät, einen interessanten Effekt: Denn wird das Erschrecken über diese Tat nicht dadurch größer, dass man die junge Frau sympathisch fand, sich mit ihr identifizieren konnte? Das kann zum Nachdenken anregen.

Filme können eine Wirkung haben. Man denke nur an den TV-Mehrteiler „Holocaust“ aus dem Jahr 1978, der in Deutschland einen großen Eindruck hinterlassen hat. Ob so ein Effekt jetzt wieder entstehen könnte, kann man heute aber noch nicht sagen. Es bleibt abzuwarten, ob das aktuelle Aufsehen um diesen Fernsehfilm mediale Inszenierung oder echte Debatte ist.

Vielleicht kommt der Film auch zu spät, denn die Generation der direkt am Krieg Beteiligten ist fast nicht mehr da. Die Distanz zum Krieg wird in den Familien immer größer, und es besteht die Gefahr, dass das Geschichtsbild zunehmend aus dem Fernsehen kommt. Ab und zu ein Geschichtsbuch in die Hand zu nehmen, schadet nicht.“

Martin Lücke: „Historisch-kritische Begleitung ist nötig“

Martin Lücke ist Historiker an der Freien Universität. Der Professor leitet den Arbeitsbereich Didaktik der Geschichte.

„Man könnte ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ als Indikator dafür sehen, wie man in Deutschland heute Vergangenheit medial aufarbeiten kann, ohne etwas zu verschweigen. Nicht nur der Holocaust, auch die Verbrechen der Wehrmacht sind kein Tabu mehr – das sind gut integrierte Themen unserer Geschichte. Der Film zeigt, wie sich Rezeption von Geschichte ändert. Diese Entwicklung ist allerdings ambivalent, sie darf nicht in ein Eigenlob für die Geschichtsaufarbeitung abgleiten. Wir müssen immer wieder kritisch prüfen, wie wir die Vergangenheit gerade verarbeiten.

Die Geschichten aus dem Film sind sehr stark und sehr emotional. Das scheint für eine populäre Aufarbeitung unumgänglich, denn durch die zeitliche Distanz sind Emotionen aus eigenen Erfahrungen oder dem Konflikt mit der Elterngeneration nicht mehr so sehr vorhanden. Das birgt aber die Gefahr, sich zu sehr mit den Figuren zu identifizieren und zu versuchen, ihre Täterschaft mit den Umständen zu entschuldigen. Der Film lädt deshalb nicht dazu ein, kontrovers über die Täter zu diskutieren, sondern will Geschichte gemeinsam erlebbar machen. Das kann zu Verharmlosung führen, aber auch zu produktiver Aufarbeitung. Historisch-kritische Begleitung ist deshalb nötig, aber das scheint das ZDF mit dem Angebot eines Begleitprogramms erkannt zu haben. “

Hajo Funke: „Es ist ein Fortschritt, über Schuld zu reden“

Hajo Funke ist Professor für Politikwissenschaft an der Freien Universität. Er erforscht vor allem Extremismus und Antisemitismus.

„Ich bin positiv überrascht. Der Film überzeugt wegen seiner Komplexität und der Vielschichtigkeit der Charaktere, anders etwa als ‚Dresden‘ oder ‚Der Untergang‘, der nachweislich zu einem milderen Hitler-Image geführt hat, also Antibildung bewirkt hat. ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ zeigt, wie junge Leute ideologisch unterschiedlich infiziert waren, vom Kriegswunsch, vom Antisemitismus.

Man darf 1933 nicht von 1943 trennen, man muss die Wirkung darstellen, die die Ideologie auf die Jugend hatte, denn sie hat diesen Krieg so anders, zu einem Vernichtungskrieg gemacht. Er war kein Naturereignis, das über die Menschen gekommen ist. Gerade in die Generation der Hitlerjugend hat sich die Zeit eingebrannt als eine Fusion aus der Identifizierung mit dem Nationalsozialismus und dem Grauen, das sie erlebt und an dem sie auch mitgewirkt haben. Mein Vater hat nie von Scham gesprochen, obwohl ich 40 Jahre lang mit ihm im Gespräch war über den Krieg. Erst als ich ihn frei von Vorwurf gefragt habe, ob Hitlers Deutschland für ihn eine Art Sonnenstaat war, hat er auch von den Verbrechen erzählt, an denen er als Soldat beteiligt war. Es ist ein Fortschritt in der Vergangenheitsbewältigung, dass wir heute offener über die Verstrickungen und die Schuld normaler Menschen in der Gewalt sprechen können.“

Thomas Krüger: „Große Chance zur Geschichtsvermittlung“

Thomas Krüger ist studierter Theologe und seit dem Jahr 2000 Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung.

„Ich finde, ,Unsere Mütter, unsere Väter‘ ist eine starke Arbeit. Ein sehr konzentrierter, sehr emotionaler Film. Er funktioniert ohne schnelle Wertungen und moralische Keulen. Die Abgründe des Kriegs blättern sich in den einzelnen Geschichten gut auf. Es wird sehr deutlich, wie junge Leute in den Nationalsozialismus involviert waren – ideologisch, als Zuschauer oder auch als Täter. Natürlich sind die Geschichten konstruiert, aber Geschichte ist immer ein Konstrukt, das sich mit den Jahren verändert. Und der Nationalsozialismus wird zunehmend historisiert, und dabei schaut man mit mehr Distanz auch den Fakten ins Gesicht. Das kann man im Film gut sehen, da wird auch nicht vor Darstellung der Kriegsverbrechen zurückgeschreckt. Diejenigen, die ein Eigeninteresse an dieser Vergangenheit haben, spielen eine immer kleinere Rolle. Geschichte ist vor allem ein Medium, um unsere Gegenwart zu reflektieren.

Die audiovisuellen Eindrücke eines Films regen zum Erzählen an – und zum Fragen. Die jüngeren Generationen sind so geprägt, man kann sie auf diesem Weg gut erreichen. Deshalb kann man solche Filme gut für die politische Bildung einsetzen. Aber bitte immer kritisch eingeordnet, reflektiert und in Bezug zu Fakten und Quellen. Dann hat so ein Film die große Chance zur Geschichtsvermittlung.“

Klaus Hesse: „Der Film gleitet ab in alte Klischees“

Klaus Hesse ist Hauptkurator der Stiftung Topographie des Terrors. Der Historiker beschäftigt sich vor allem mit NS-Fotografien.

„Bei ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ war ich von der Requisite überwiegend beeindruckt. Uniformen, militärisches Geschehen an der Front, Straßenszenen – das ist weitgehend gründlich und korrekt gemacht worden. Umso ärgerlicher, wenn es doch Ausreißer gibt: Das Büro des Gestapo-Sturmbannführers ist viel zu groß. Es gab im Reichssicherheitshauptamt und der SS-Führung in Berlin 1942 etwa 60 Sturmbannführer und 15 Obersturmbannführer, so etwas Besonderes war das nicht, keiner hat ein solches Zimmer gehabt.

Zudem gleiten die Hauptpersonen in Klischees ab, die es schon seit den 50er-Jahren im Film der Bundesrepublik gegeben hat: etwa das Bild des wohlerzogenen jungen Offiziers, der für seine Truppe da ist, sich selbst als nicht politisch sieht und von den Nazis missbraucht wird, Verbrechen zu verüben. Im Gegensatz dazu die dämonisierten Täter von Gestapo und SS, die im sadistischen Exzess kleine Mädchen erschießen. Obwohl es das natürlich häufig gegeben hat, kann es subtil dazu führen, das Verhalten der Wehrmacht erneut zu entschuldigen. Aber Wehrmacht und SS haben 1941 beim Mord an den sowjetischen Juden und Kriegsgefangenen weitgehend konfliktfrei kooperiert. Über den Nationalsozialismus lernt man durch den Film wenig, aber er hilft, den Blick auf die eigene Familiengeschichte zu lenken.“

Diskutieren Sie bei der Berliner Morgenpost mit.

Und so diskutiert das Netz: