Nacht der Religionen

Nach Überfall auf Rabbiner setzen Berliner auf Toleranz

Der Angriff auf den Rabbiner Daniel A. sorgt für Empörung. Bei der Nacht der Religionen setzen die teilnehmenden Gemeinden ein Zeichen.

Gott wohnt zwischen einer Autowerkstatt und einer Filiale der Fastfoodkette Kentucky Fried Chicken. Kurz vor der Auffahrt auf die Autobahn 114, wo die Flugzeuge im Anflug auf Tegel so tief fliegen, als wollten sie die Hausdächer von Pankow kitzeln. Hier also, in der Khadija Moschee, hinter einem grünen Gartenzaun, dessen Tor weit offen steht, hier lebt Gott. Zumindest der Gott, zu dem Imam Tariq betet.

Abdul Basit Tariq ist das religiöse Oberhaupt der muslimischen Ahmadiyya Gemeinde in Berlin. Seit vier Jahren leitet er das Gotteshaus mit seinen 250 Glaubensmitgliedern. Auf dem Spielplatz der Moschee toben Kinder verschiedener Nationalitäten miteinander, mehr als 60.000 Besucher kamen seit seiner Eröffnung 2008, darunter Schulklassen aus der ganzen Stadt, die Berliner Polizei lässt sich von Imam Tariq regelmäßig den Islam erklären. Weil ihm Offenheit und Austausch am Herzen liegt, nimmt er mit seiner Gemeinde am Sonnabend an der ersten Langen Nacht der Religionen in Berlin teil.

Und nun das: Jugendliche, vermutlich arabischer Abstammung, schlagen am Mittwoch in Schöneberg einen Rabbiner vor den Augen seiner Tochter krankenhausreif und drohen der Siebenjährigen mit dem Tod.

„Ihre Seelen wurden vergiftet mit Fremdenhass“

Abdul Basit Tariq sitzt tief versunken auf seinem Sofa im Wohnhaus gleich neben der Moschee. Wenn der 65 Jahre alte Theologe aus Pakistan darüber spricht, dass der Islam für Frieden stehe und was für eine Schande der Übergriff für alle Muslime dieser Stadt sei, strahlt er eine Ruhe aus, die für einen Moment sogar den Lärm der Flugzeuge verstummen lässt. „Diese Jugendlichen haben nicht verstanden, dass sie in einem toleranten und vielfältigen Europa leben, ihre Seelen wurden vergiftet mit Fremdenhass“, sagt Tariq. Er selbst habe Hochachtung vor der jüdischen Religion und besuche befreundete Rabbiner regelmäßig in ihren Synagogen.

Der Imam weiß, was Hass bedeutet. Seine Religion genießt in Deutschland nicht den besten Ruf. Hassprediger, Heiliger Krieg, Fanantiker, Unterdrückung der Frauen, Ehrenmord, islamistische Gewalt. Beim Bau der Moschee in Heinersdorf schrien Anwohner dem Imam wütend ins Gesicht, dass für Allah und ihn hier kein Platz sei. Es bedurfte zahllose Tassen Kaffee und kiloweise pakistanisches Gebäck, bis die Nachbarn überzeugt waren, dass die Moschee ein tolerantes Haus ist, das immer für alle offen steht.

Die religiöse Vielfalt kennen lernen

Es war eine Arbeitsgruppe der Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten, die vor einem Jahr die Idee für eine gemeinsame lange Nacht des Glaubens entwarf. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat schon früh die Schirmherrschaft übernommen und nun, ein paar Tage nach dem Angriff auf den Rabbiner, seine Bürger zur Teilnahme an der Veranstaltung aufgerufen, um ein Zeichen gegen Intoleranz zu setzen.

Die Veranstaltung war lange vor der brutalen Attacke geplant worden, die Veranstalter sehen sich aber umso mehr in ihrer Idee bestätigt. Die „furchtbare Tat“ zeige, wie wichtig der Dialog sei, betont Hartmut Rhein, der Senatsbeauftragte für Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften. Damit die Berliner die religiöse Vielfalt ihrer Stadt kennen lernen, öffnen fast 70 Gemeinden wie die Unitarische Kirche in Berlin oder die Bahá'í-Gemeinde Charlottenburg-Wilmersdorf in zehn Bezirken die Türen ihrer Kirchen, Moscheen und Tempel.

Die Teilnehmer wollen nicht zulassen, dass die Gewalttat von Schöneberg einen Schatten über das Treffen der Glaubensgemeinschaften legt. Mönch Tenzin Peljor will in seinen Vorträgen über den Buddhismus im Bodhicharya Zentrum in Friedrichshain thematisieren, wie zerstörerisch Hass und Feindlichkeit auf einen selbst und die Mitmenschen wirken. Der Mönch trägt eine rote Robe und kurz geschorenes Haar. Seine Wurzeln liegen nicht fernöstlich, sondern nur ein bisschen östlich, aus Gotha in Thüringen stammt Michael Jäckel ursprünglich, 2006 empfing er im indischen Dharamsala die Ordination vom Dalai Lama. Seitdem unterrichtet er unter anderem in Berlin Meditation und die Lehren Buddhas.

Er selbst sei auch schon öfter Opfer von Anfeindungen geworden. Einmal, als er in seiner Robe die Treppen der U-Bahn hochstieg, spukte ihm ein Jugendlicher ins Gesicht, ein anderes Mal schlugen ihm Rechtsextremisten im Vorbeigehen eine Tasche auf den Kopf. Beide Male habe der 46-Jährige sich zusammenreißen müssen, um sich nicht zu wehren, und Hass nicht mit Hass zu begegnen, so wie es der Buddhismus lehre. „Religiöse, fremde Symbole, wie meine Robe oder die Kippa des Rabbiners, können Menschen verunsichern und Feindseeligkeit auslösen“, sagt der Mönch. Das Treffen sei auch dafür da, um Missverständnisse auszuräumen.

Berlin glaubt an vieles - aber an Gott?

In Berlin sind die Nächte lang, es gibt viele Massenveranstaltungen, Events, wie die Lange Nacht der Museen, der Opern und Theater, der Familie, der Wissenschaften oder der Designstudios. Aber eine Lange Nacht der Religionen? Berlin glaubt ja an vieles, an das süße Leben mit Blumenbeet und Boot zwischen Kladow und Köpenick, an Politik, Biotomaten und Milchschaum, daran, dass Kunst die Welt verändern kann oder dass Partys niemals enden.

Aber an Gott? Vor ein paar Jahren fuhren Busse eine Werbekampagne für ein gottloses Leben spazieren: Der Spruch „Es gibt (mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit) keinen Gott“ war zwar umstritten – aus der Ruhe versetzen, konnte er die Berliner nicht. Im ehemaligen Osten hielt der Staat über 28 Jahre spirituelle Strömungen mit einer Mauer von seinen Bürgern fern, heute lebt Berlin pluralistisch, alles ist möglich, es gibt allein über 50 buddhistische Strömungen. Und es gibt den festen Glauben, dass jeder seinen Gott frei wählen kann.

Die größte Glaubensgemeinschaft in der Stadt stellt mit 19 Prozent das evangelische Christentum. Von den Gemeinden, die an der Langen Nacht der Religionen teilnehmen, ist die Mehrheit allerdings freikirchlich. „Viele kucken sich erst einmal an, was da passiert“, sagt Pfarrerin Barbara Neubert. „Wir hoffen, dass im nächsten Jahr mehr christliche Gemeinden mitmachen.“

Neuberts evangelischer Kirchenkreis Wilmersdorf macht mit, sie lädt zu Kirchführungen und Gesängen. Dem Angriff auf den Rabbiner will die Pfarrerin mit der Teilnahme an der Langen Nacht entgegensetzen, dass die Religionen in Berlin friedlich zusammenleben und sich solidarisch zeigen. „Man muss erst einmal klären, welcher Religion die jugendlichen Angreifer angehören. Man darf jetzt nicht alle Muslime unter Generalverdacht stellen“, sagt die 44-Jährige. „Außerdem müssen wir uns alle fragen, wie wir Jugendliche, die zu Antisemitismus neigen, erreichen können.“

„Tragt eure Kippas”

Die jüdischen Gemeinden werden diese Ansätze zu schätzen wissen, sie selbst können aufgrund von Zeitproblemen nicht an der langen Nacht teilnehmen. Die Planungen sind für viele größere Kirchen zu kurzfristig gewesen, bei den jüdischen Gemeinden fanden unmittelbar vor dem Termin die Lange Nacht der Synagogen und die Jüdischen Kulturtage statt.

Aus der Synagoge in der Oranienburger Straße heißt es, dass man im kommenden Jahr dabei sein wolle. Auch Yehuda Teichtal, Rabbiner und Direktor des jüdisch-orthodoxen Glaubenszentrums Chabad Lubawitsch in der Münsterschen Straße, wird dann wohl dabei sein. Er will sich nicht verstecken, den nach der Attacke verunsicherten jüdischen Familienvätern rät er, sich jetzt nicht einschüchtern zu lassen. „Tragt eure Kippas und lebt eure Religion und Tradition sichtbar nach außen“, sagt der Rabbi. Nur wenn alle frei und offen zu ihrer Religion stehen, sei auch ein tolerantes Miteinander in dieser sonst so positiven Stadt möglich. Die Sonnabendnacht kann ihren Teil dazu beitragen.