Antisemitismus

Berlin-Friedenau - ein Stadtteil kämpft gegen den Hass

Die Empörung über den brutalen Angriff auf einen Rabbiner und seine Tochter ist groß. Die Solidarität auch.

Foto: DAPD

Berlin-Friedenau – der Name des Stadtviertels ruft eigentlich andere Bilder auf. Die stillen Straßen mit ihren prachtvollen Jugendstilbauten sind seit dem 19. Jahrhundert das Quartier von Kaufleuten, Künstlern und Literaten. Max Frisch hat hier gewohnt, Günter Grass, Uwe Johnson. Der bekannteste Friedenauer dürfte jedoch bis heute Theodor Heuss sein, der als erster Bundespräsident nach 1949 die schwierige Aufgabe hatte, das Bild der Deutschen in der Welt zu vertreten.

Und jetzt: Ein Rabbiner wird rassistisch beschimpft und blutig geschlagen. Seine siebenjährige Tochter (zunächst hatte es geheißen, das Mädchen sei sechs Jahre alt) mit dem Tode bedroht. Am vergangenen Dienstagabend war das, jemand hat die Polizei gerufen, die Täter sollen arabischstämmige Jugendliche sein. Sie konnten fliehen. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt inzwischen wegen mehrerer Straftaten, darunter Beleidigung und Körperverletzung. Medien haben weltweit entsetzt über das Ereignis berichtet. Das israelische Außenministerium verurteilte die Tat als „brutalen Akt von Rassismus“. Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime erklärte: „Solche Taten erzeugen bei Muslimen tiefste Abscheu“.

Doch im Kiez selbst dringt die Nachricht erst langsam durch. „Ich habe es in der Zeitung gelesen, ich wäre ja nie darauf gekommen, dass es hier passiert ist – bei uns“, sagt ein Anwohner, er ist Fotograf, vor fünf Jahren aus Köln zugezogen. Dann schaut er sich um. Wind rauscht in den hohen Bäumen, vor kleinen Cafés sitzen Menschen und lesen Zeitung. Darin wird auch zu einem kleinen Kiezfest eingeladen, es soll am heutigen Freitag stattfinden, am Dürerplatz. Eingeladen haben die Jugendprojekte im Bezirk. Das Motto klingt wie eine Überschrift zu den jüngsten Ereignissen: „Fremd“.

Hannah und Daniel A. haben sich im Kiez von Anfang an überhaupt nicht fremd gefühlt. Sie zogen vor viereinhalb Jahren von Mitte nach Friedenau. „Wir wollten, dass unsere beiden Töchter in einer friedvollen Umgebung groß werden“, sagt Hannah A. Mit fester Stimme fügt sie hinzu, sie denke auch jetzt nicht daran, wieder weg zu ziehen. Ihr Mann ist Rabbiner A., das Opfer des Überfalls.

„Die Vergangenheit vergeht nicht“

Hannah A. ist eine aparte Frau. Klein und zierlich, mit klaren Gesichtszügen, 47 Jahre alt. An diesem Donnerstagmittag wirkt sie allerdings angespannt. Sie trägt trotz des schwülen Wetters dicke Strümpfe und eine weiße Wolljacke, als wolle sie sich schützen vor dem, was da gerade über sie hinweg rollt. Seit diesem Vorfall steht ihr Telefon nicht mehr still. Freunde, Nachbarn aber auch Politiker wollen wissen, wie es ihrem Mann geht, ihr Bedauern ausdrücken, sagen, wie sehr sie die Tat verurteilen. Sie ist froh über diese Anteilnahme. Ein ungutes Gefühl aber bleibt. Das sei allerdings schon vorher da gewesen, sagt sie. „Ich habe damit gerechnet, dass so etwas mal passiert.“ Wenn auch nicht unbedingt in Friedenau. Nun sei es geschehen. „Vor allem für unsere Töchter ist das ein einschneidendes Erlebnis.“ Sie sprächen natürlich zu Hause über Antisemitismus, über mögliche Gefahren. Der Holocaust sei auch ein Thema. „Die Vergangenheit vergeht nicht“, sagt Hannah A. Ihre Kinder müssten damit leben. Umso wichtiger sei die Solidarität der Menschen um sie herum. „Wir sind gerührt, wie sehr sich alle um uns kümmern.“

Zu jenen, die fassungslos sind, gehört der Inhaber eines Restaurants, neben dem Haus der A.'s. „Ich hätte ihm sofort geholfen, wenn Herr A. nur laut genug um Hilfe gerufen hätte, wir mögen ihn sehr, er ist Stammkunde bei uns und ein feiner Mensch“, sagt der Wirt. So aber hätten sie erst verstanden, was passiert sei, als der Rabbi zu ihnen kam und fragte, ob sie Jugendliche hätten weglaufen sehen.

Birgit Bessler, die ebenfalls in der Nachbarschaft der Rabbiner-Familie wohnt, hat zusammen mit anderen Anwohnern spontan eine Bürgerinitiative gegründet. „Wir wollen ein deutliches Zeichen setzen gegen Gewalt und Fremdenfeindlichkeit“, sagt sie. Das Miteinander von Menschen verschiedener Herkunft und Religion sei nicht immer leicht. „Es gibt Gruppierungen Jugendlicher, die gewaltbereit sind und für Unruhe im Kiez sorgen.“ Dieses Problem müsse öffentlich gemacht werden, fordert Birgit Bessler. Gemeinsam müsse man versuchen, dagegen vorzugehen. Die Initiative werde das lange geplante Kiezfest am 8. September dazu nutzen, über das angstfreie Miteinander aller Bewohner zu diskutieren, so Bessler. Jede Idee sei willkommen.

Wie schwer ist es, in Friedenau „miteinander“ zu leben? Da ist auf der einen Seite das „gutbürgerliche“ Friedenau, es liegt westlich der Hauptstraße, das Viertel der Künstler, Literaten und Bürger in den Jugendstilhäusern. Auch Heuss hat hier gelebt. Und dann ist da der östliche Teil. Die Straßen zwischen Grazer- und Dürerplatz gelten als „nicht ganz so gut“, wiewohl die Häuser dieselben schönen Stuckfassaden und schmiedeeisernen Balkone haben. Ein Grund sind Sozialwohnungsbauten wie jener am Dürerplatz, vor dem das Jugend-Kiezfest steigen soll. „Wenn man früher vom S-Bahnhof Friedenau kam, wurde man da schon mal von Jugendlichen rüde aufgefordert, seine Zigaretten herzugeben“, sagt ein Nachbar, der seit fünf Jahren an der Cranachstraße lebt.

Der terrassenförmige Etagenbau am Dürerplatz strahlt in Himmelblau und weiß, vor einen Balkon hat jemand ein buntes Blumenmeer gepflanzt. Ein krasser Gegensatz zu der würdigen Patina der Altbauten gegenüber, wo es Eckkneipen gibt wie zur guten, alten Zeit, kleine Geschäfte, Buchläden, ein Modelleisenbahnhandel – und sogar ein kleines Theater.

„Abends ist hier auf dem Platz viel los, aber zu uns kommen diese Leute nie“, sagt eine Kneipenwirtin von gegenüber in dem offensichtlichen Bemühen, nichts politisch Unkorrektes zu sagen. Sie schließe ihre Kneipe gegen 22 Uhr. „Meine Kunden sind ältere Leute, mit den Jugendlichen habe ich nichts zu tun.“ Andere sagen es weniger diplomatisch: Den Platz teile eine unsichtbare Grenze. Gegenüber auf den Bänken am Sozialwohnungsbau versuchen ein paar Jungs mit Kapuzenshirts und finsteren Mienen, gefährlich auszusehen. Sie haben verstanden, dass es ab jetzt darum geht, ein Bild von ihrem Kiez zu vermitteln. Das Fernsehen war schon da, „sind Sie von der Presse?“, fragen sie, und sagen dann ungefragt: „Schreiben Sie, dass es ein feiger Anschlag war.“

Eine Ecke weiter hat sich das Ereignis noch nicht herumgesprochen. An der Bushaltstelle stehen Schüler, von denen zwar einige sagen: Ja, die Lehrer hätten den Angriff auf den Rabbiner angesprochen. „Rabbiner, was soll das denn sein?“, unterbricht ein 14-Jähriger, er trägt eine Kette mit dem Schwert des Propheten um den Hals. „So was wie Imam, nur jüdisch, du Blödmann“, antwortet einer der anderen Jungs. „Na und? Ich werde doch auch rassistisch beleidigt, als Muslim“, erwidert der 14-Jährige pampig, verstummt dann aber. Die anderen machen extrem besorgte Mienen. Es ist ein schwieriges, vielleicht das schwierigste Thema überhaupt. Nicht nur für 14-jährige Jungs, sondern überhaupt für Berlin.

„Wir kennen unsere Pappenheimer“

Die Streetworker Cem Pancar (37) und Huseyin Yoldas (36) betreuen für den Verein „Gangway“ Jugendliche in Schöneberg und im Dürerkiez von Friedenau. „Als wir am Mittwoch von dem Überfall auf den Rabbiner erfahren haben, sind wir sofort zu Rundgängen hier aufgebrochen“, sagt Huseyin Yoldas, „wir haben alle Jugendlichen aufgesucht, die etwas hätten wissen oder sogar an der Tat beteiligt gewesen sein können.“ Doch diese seien alle überrascht und erschrocken gewesen, fügt Cem Pancar hinzu, „viele distanzierten sich sofort von der Tat. Nicht zuletzt, weil dabei auch ein Kind bedroht wurde. Das widerspricht ihrem Ehrgefühl“. Die Streetworker vermuten, dass die Täter nicht aus dem Kiez in Schöneberg stammen. „Wir kennen unsere Pappenheimer.“

Gleichwohl ist Antisemitismus etwas, das sie häufig erleben. „Die Jugendlichen erleben einerseits selbst rassistische Zurücksetzung oder Angriffe“, sagen die beiden, „umgekehrt beschimpfen sie sich selbst untereinander zum Beispiel wegen unterschiedlicher Glaubensrichtungen oder -Nuancen, selbst unter Muslimen. Oder es gibt Ärger wegen unterschiedlicher Einstellung zur Rolle der Frau in der Gesellschaft.“ Das Wichtigste, meinen beide, sei, solche Äußerungen nicht einfach beiseite zu wischen, wie es in den Schulen und Familien oft geschehe. „Wenn ich eine antisemitische Bemerkung höre, frage ich, wie viele Juden der Betreffende denn eigentlich kennt?“, sagt Cem Pancar. Gemeinsam mit jüdischen Gemeinden organisieren die Streetworker Besuche und Treffen mit jüdischen und muslimischen Jugendlichen. „Wenn sie erst einmal gemeinsam ein Eis gegessen oder sogar getanzt haben, wird es ihnen schwer fallen, etwa das Wort ‚Jude' als Schimpfwort zu jemandem zu sagen.“

Cem Pancar und Huseyin Yoldas werden auch am Dürerplatz sein, wenn heute ab 16 Uhr das Kiezfest der Jugendprojekte stattfindet. Es wird Musik geben, Hiphop, Techno, Street Dance, aber auch traditionelle Musik wie Halay – das alles haben sie seit Monaten geplant. Nur die Bedeutung des Mottos „Fremd“ hat inzwischen eine neue, traurige Bedeutung. „Es ging uns eigentlich ums Fremdsein an sich, in ethnischer Hinsicht, aber auch wegen des Äußeren oder einer Behinderung“, sagt Cem Pancar. Nun müsse der Überfall auf den Rabbi thematisiert werden. Ob Hannah A. auch kommen wird, weiß sie noch nicht. „Aber ich finde es gut, dass ein solches Fest stattfindet.“