Antisemitismus

Attacke auf Rabbiner in Berlin - "Ein bösartiger Angriff"

Juden, Christen und Muslime zeigen sich entsetzt nach dem Überfall auf einen Berliner Rabbiner. Senatorin Kolat kündigt Konsequenzen an.

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Ein Überfall auf einen Rabbiner im Berliner Stadtteil Schöneberg hat europaweit Empörung ausgelöst. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) verurteilte den Angriff "auf das Schärfste". "Es ist eine Attacke auf das friedliche Zusammenleben aller Menschen und die Religionsfreiheit in unserer Stadt", sagte Wowereit. Innensenator Frank Henkel (CDU) betonte: "Solche Taten werden von den Sicherheitsbehörden unnachgiebig verfolgt. In unserer Stadt soll niemand Angst haben, sich zu seiner Religion zu bekennen." Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sprach von einem "bösartigen Angriff auf das Judentum in Deutschland". Gegenüber der "Jüdischen Allgemeinen" betonte Graumann, er habe aber volles Vertrauen in die Behörden, dass die Täter schnell gefasst und zur Verantwortung gezogen würden.

"Jugendliche vermutlich arabischer Herkunft", so die Polizei, hatten am Dienstag in Schöneberg einen Rabbiner der Jüdischen Gemeinde vor den Augen seiner Tochter zusammengeschlagen. Der 53-Jährige war am Dienstagabend mit dem sechsjährigen Mädchen auf der Beckerstraße unterwegs, als die vier Jugendlichen den Mann nach Polizeiangaben fragten, "bist Du Jude?" und ihn danach angegriffen. "Es folgten Beleidigungen gegen den Mann, seinen Glauben und seine Mutter und eine Tötungsdrohung in Richtung seiner Tochter", so ein Polizeisprecher. Die Täter flohen nach der Attacke in Richtung Rubensstraße. Der Staatsschutz hat die Ermittlungen aufgenommen.

Muslimische Vereine und Verbände zeigten sich entsetzt über den Überfall. "Im Namen der 17 arabischen Vereine, die dem Zentrum angehören, verurteile ich den Vorfall", sagt der Chef des Deutsch-Arabischen Zentrums, Ali Maarous. "Unsere Aufgabe ist es, Muslime und Juden näher zu bringen." Auch die Türkische Gemeinde in Deutschland verurteilte die Attacke scharf. "Sie ist umso schlimmer, als dass sich das Opfer für den interreligiösen Dialog einsetzt", sagte Vorstandssprecher Serdar Yazar. Er sieht ein Manko im gesellschaftlichen Klima der Stadt. "Die Fälle häufen sich, die Hemmschwelle für Gewalt sinkt. Das ist meine Wahrnehmung, aber ich hoffe, sie stimmt nicht.". Der Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde, Kenan Kolat, habe am Mittwoch den Generalsekretär des Zentralrates der Juden, Stephan Kramer, angerufen und sein Bedauern und seine Solidarität erklärt.

Eskalation befürchtet

Für die Jüdische Gemeinde in Berlin kam der Überfall nicht überraschend. "Gemeindemitglieder spüren seit Längerem eine Zunahme des verbalen Antisemitismus", sagte der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe am Mittwoch. "Es war für uns daher nur eine Frage der Zeit, bis Worten auch konkrete Taten folgen würden. Wir hoffen, dass hier nicht eine Atmosphäre wie in Schweden, Frankreich oder Holland entsteht, wo Angriffe auf Juden quasi zur Tagesordnung gehören." Einen 53 Jahre alten Familienvater in Begleitung seiner kleinen Tochter zusammenschlagen, sei nur möglich, wenn man diesen Menschen nicht als Menschen sehe.

Berlins Integrationssenatorin, Dilek Kolat (SPD), zeigte sich am Mittwoch entsetzt über die Tat und kündigte Konsequenzen an. "Ich bin erschüttert, dass so etwas möglich ist", sagte Kolat. "Wir müssen Antisemitismus entschieden entgegen treten, egal, wo er auftaucht." Sie werde die islamischen Verbände um Mithilfe bitten, um mögliche antisemitische Strömungen in der muslimischen Gemeinde zu bekämpfen.

Erst am 7. August hatte ein Betrunkener in Friedrichshain ein Ehepaar antisemitisch beleidigt und bedroht. Vor einem Jahr wurde in Prenzlauer Berg ein 13-Jähriger geschlagen, weil er eine Kippa auf dem Kopf trug. Vor einigen Jahren schlugen arabischstämmige Jugendliche an der Fasanenstraße in Charlottenburg orthodoxe Juden zusammen.

Bereits vor zwei Jahren hatte die Jüdische Gemeinde auf einen gestiegenen Antisemitismus besonders unter jungen Türken und Arabern hingewiesen. Die Amadeu-Antonio-Stiftung bezeichnet Antisemitismus in "großen urbanen Wohnquartieren mit überwiegend muslimischer Wohnbevölkerung" schon länger als ein ernstes Problem.

Das Deutsch-Arabische Zentrum sieht den Ursprung des Antisemitismus in den arabischen Ländern, aus denen die Mitglieder der arabischen Gemeinde kommen. "Die Eltern verfolgen tagtäglich den Konflikt in ihrer Heimat, auch wenn sie hier in Deutschland leben", sagte Zentrumschef Ali Maarous. Sie seien wütend über das, was in ihrer Heimat geschehe. "Diese Wut und der Hass überträgt sich dann auf die Kinder", sagte Maarous. Das Zentrum arbeite daran, die Jugendlichen aufzuklären. In zahlreichen Seminaren erklärten sie den Jugendlichen, sich bei politischen Auseinandersetzungen zurückzuhalten und rational damit umzugehen.

Entsetzt über den Übergriff zeigte sich auch der Berliner Erzbischof, Kardinal Rainer Maria Woelki. Er sicherte dem Opfer und dessen Familie seine Anteilnahme zu. "Wer Menschen schlägt, verletzt und einschüchtert, kann sich damit nicht auf Gott berufen", sagte er der "Bild"-Zeitung. SPD-Fraktionschef Raed Saleh verurteilte den Überfall als "Angriff auf die ganze Stadt". Die Polizei müsse alles daran setzen, die Täter zu überführen.

Europäischer Jüdischer Kongress fordert klare Position der Politik

Auch der Europäische Jüdische Kongress (EJC) hat den Angriff den Rabbiner verurteilt. Europas Politiker müssten sich zu solchen Ausschreitungen klarer positionieren, forderte EJC-Präsident Mosche Kantor in Paris. Nach dem tödlichen Angriff auf drei jüdische Kinder und einen Mann im März in Toulouse sei das Leben in Europa weitergegangen, als sei nichts passiert. Das vergrößere den Schmerz der jüdischen Gemeinschaft. Kantor sagte, die religiösen Führer Europas müssten sich stärker gemeinsam gegen Gewalt einsetzen.

Von dem religiösen Gipfeltreffen in der kommenden Woche in Paris erhoffe er sich ein solches Signal, das vor allem für Jugendliche richtungweisend sein könne. Am 4. und 5. September treffen sich in Paris 80 muslimische und jüdische Religionsvertreter, darunter aus Deutschland, Italien, Großbritannien und den Niederlanden. Sie wollen über die Beziehungen zwischen der jüdischen und der muslimischen Gemeinschaft sprechen.

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