Rabbiner verprügelt

Jüdische Gemeinde in Berlin empfiehlt Kippa-Verzicht

| Lesedauer: 2 Minuten
Regina Köhler und Steffen Pletl

Foto: DPA

Nach dem Überfall auf einen Rabbiner werden Warnungen vor zunehmender Gewalt gegen Juden laut. Berliner zeigen aber auch ihre Solidarität.

Die Jüdische Gemeinde zu Berlin empfiehlt Eltern, ihre Söhne nicht mit einer Kippa durch die Stadt laufen zu lassen. Der Gemeindevorsitzende Gideon Joffe sagt, man könne den Schutz der Kinder nicht garantieren. „Reinen Herzens kann ich deshalb nicht empfehlen, mit einer Kippa durch Berlin zu laufen“ sagte Joffe. Er sei froh, dass die jüdischen Einrichtungen der Hauptstadt wie Synagogen, Schulen und Kitas gut beschützt werden würden. „Dafür sind wir dem Land Berlin dankbar.“ Wäre das nicht so, würden diese Einrichtungen deutlich weniger besucht werden.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde reagierte mit seinen Aussagen auf den Überfall auf einen Rabbiner, der sich am Dienstagabend in Schöneberg ereignet hatte. Rabbiner Daniel A. war von vier Jugendlichen beleidigt und geschlagen worden. Seine siebenjährige Tochter, die mit dabei war, wurde von den Jugendlichen mit dem Tode bedroht. Auch Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs in Potsdam, rät seinen Studierenden davon ab, „auf der Straße die Kippa zu tragen. Stattdessen sollten sie eine unauffällige Kopfbedeckung wählen. Offenbar ist man nur sicher, wenn man als Jude nicht mehr sichtbar ist“, so Homolka.

Der Rabbiner Daniel A. hat bei dem Überfall einen Jochbeinbruch erlitten und musste am Donnerstag operiert werden. Morgenpost Online sagte Daniel A., dieser Vorfall werde ihn nicht daran hindern, sich weiterhin für den interreligiösen Dialog zu engagieren. „In meinen Grundfesten bin ich nicht erschüttert“, betonte der Rabbiner. Ein dumpfer Schläger werde ihn nicht von seinem Weg abbringen. Anrufe und Mails würden ihn in dieser Haltung bestätigen. „Viele Menschen äußern ihre Anteilnahme, wünschen mir gute Besserung und sagen mir, wie sehr sie diese Tat verurteilen.“

Daniel A. sagte, dass er in der Vergangenheit öfter angepöbelt worden sei. „Wie aggressiv das im Einzelfall wirklich gewesen ist, habe ich gar nicht wahrhaben wollen.“ Im Augenblick sei er nicht in der Lage, genau zu sagen, was man dagegen tun könne, sagte der Rabbiner. Er appellierte aber an die Politiker, dafür zu sorgen, dass bestimmte TV-Sender, die über Satellit nach Deutschland gelangten und antisemitische Parolen verbreiten würden, nicht mehr empfangen werden können. Die Polizei fahndet weiter nach den Tätern.

Im Schöneberger Kiez, in dem die Familie des Rabbiners zu Hause ist, hat sich nach dem Überfall spontan eine Bürgerinitiative gegründet. Zu den Initiatoren gehört die Kinderkrankenschwester Birgit Bessler. „Wir wollen unsere Solidarität und unser Mitgefühl zeigen“, sagte sie. Gegen Gewalt müsse sofort etwas unternommen werden. „Wir wollen angstfrei miteinander leben.“

Neueste Politik Videos

Neueste Politik Videos