Interview

Visit Berlin-Chef: "Spätestens im Sommer starten wir durch"

Der Visit Berlin-Chef Burkhard Kieker spricht im Interview über die aktuelle Situation der Tourismusbranche und die Aussichten.

Seit 1. Januar 2009 ist Burkhard Kieker Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, die unter dem Markenzeichen "Visit Berlin" agiert.

Seit 1. Januar 2009 ist Burkhard Kieker Geschäftsführer der Berlin Tourismus & Kongress GmbH, die unter dem Markenzeichen "Visit Berlin" agiert.

Foto: Reto Klar / Funke Foto Services

Berlin. Das Gastgewerbe ist ein wichtiger Wirtschaftsbereich der Hauptstadt. Doch Hotellerie und Gastronomie leiden besonders unter der Corona-Krise. Über Folgen, Perspektiven und Veränderungen spricht der Geschäftsführer der Berlin-Marketinggesellschaft "Visit Berlin", Burkhard Kieker.

Berliner Morgenpost: Herr Kieker, der Jahreswechsel ist ja normalerweise immer Hochsaison des Berlin-Tourismus'. Wie geht es Ihnen, wenn Sie die aktuelle Lage betrachten?

Burkhard Kieker: Wir Berliner sind ja im Moment weitgehend unter uns. Das ist ein völlig neues Lebensgefühl. Ich denke, dass der Dezember schon der tristeste Monat sein wird, was die Tourismusbilanz angeht. Man darf schlicht nicht reisen. Viele Hotels haben zu. Sie sagen, es hat jetzt keinen Zweck bis Ende Januar.

Kann man denn den volkswirtschaftlichen Schaden für Berlin durch den Ausfall des Tourismus beziffern?

Wir rechnen für 2020 mit 30 Prozent der Übernachtungen von 2019. Das wären elf bis zwölf Millionen Übernachtungen, vorher hatten wir 34 Millionen. Die Volkswirte der Investitionsbank Berlin (IBB) haben den Umsatz der Tourismus- und Kulturbranche in Berlin in einem solchen guten Jahr mit 13 Milliarden Euro berechnet. Es sind der Stadt demnach also rund acht Milliarden Euro verloren gegangen. Das zeigt, dass wir es hier mit einem Jahrhundertereignis zu tun haben.

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Kann man sagen, wie viele Jobs schon weggefallen sind, oder sind die Beschäftigten noch in Kurzarbeit?

Für die Sicherung der Jobs hat bisher, zumindest was die festen Stellen angeht, also jenseits von Mini-Jobbern und Aushilfen, die Kurzarbeit segensreich gewirkt.

Wird es Pleiten geben von Hotels und anderen Tourismusbetrieben?

Die ganz große Pleitewelle ist noch nicht erkennbar. Es gibt die zahlreichen Hilfen, auch wenn sie manchmal etwas spät kommen. Natürlich wird immer auch gemeckert, aber insgesamt wird dabei ein guter Job gemacht. Ich rechne schon damit, dass auch Hotels aufgeben werden, einige sind ja schon bekannt. Aber noch hangeln sich alle irgendwie durch – in der Hoffnung auf bessere Zeiten. In den vielen Ketten-Hotels in Berlin zahlt auch noch das Mutterhaus in den USA oder Frankreich die Zeche. Es wird über Pachtverträge verhandelt, über Mietstundungen oder -aussetzungen. Alle sitzen ja im gleichen Boot, und es ist klar, dass man niemandem die Daumenschrauben anlegen kann, der kein Geld hat.

Was können Sie als Tourismusmarketing-Gesellschaft denn im Lockdown überhaupt machen?

Aufmerksamkeit schaffen für die Zeit danach. Wir bereiten uns vor und arbeiten daran, dass wir als Berlin in dem Moment, wo es wieder geht, auch durchstarten können. Das wird nach unserer Vorhersage spätestens zum Sommer der Fall sein. Wir gehen von der Formel „Impfung plus sechs Monate“ aus. Es gibt ein aufgestautes Reisebedürfnis. Und bei den Megatrends „sicher, nah und nachhaltig“ haben wir uns in Berlin gut aufgestellt. Das haben wir im Sommer gezeigt.

Nach dem ersten Lockdown haben wir es im August auf fast 50 Prozent des Vorjahres geschafft. Deshalb ist Berlin im Vergleich mit anderen Städten einigermaßen glimpflich durch die Krise gekommen. Das tröstet. Die Menschen wollen nach Berlin, und sie wissen, dass Berlin neben Großstadtdschungel auch viel Wald und Wasser bietet. Das sind die Dinge, die wir in Web-Seminaren, Telefonkonferenzen und Newslettern unseren Kunden in aller Welt vermitteln. Wir arbeiten daran, das Image der Stadt über Kultur, gutes Essen und Nachtleben hinaus zu erweitern. Das wird auch wesentliches Element der Kampagne sein, die wir im Frühjahr starten.

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Sie haben gerade das Nachtleben und die Gastronomie angesprochen, die auch Opfer der Pandemie sind. Wird das jemals wieder so sein, wie es mal war?

Na klar gibt es Opfer, darunter sind auch prominente Köche und Clubbetreiber, die kämpfen. Es wird Pleiten geben. Aber Berlin ist sehr resilient, die Lage wird sich erholen. Denn die Nachfrage ist da, unser Image als Sehsuchtsziel ist ungebrochen. Nur wenn das Jahre so weiterginge, dann müssten wir anders reden. Diese anderthalb Jahre Corona werden hoffentlich ein Aussetzer sein. Wir als "Visit Berlin" arbeiten ja mit daran, dass die Betriebe durchhalten. Wir haben die Hotline für die IBB gemacht, um den Menschen zu erklären, wie sie an ihre Hilfen kommen. Wenn es mit den Auszahlungen hakt, leiten wir die Betriebe an die IBB weiter, wo man sich sofort um solche Fälle kümmert.

Bis wann rechnen Sie denn mit einer Erholung?

Spätestens 2024 werden wir die Folgen der Krise überwunden haben. Wir sind noch nicht ganz sicher, welche Auswirkungen die Krise auf die Kaufkraft der potenziellen Gäste hat. Städtereisen sind ja Zweit- oder Drittreisen. Andererseits läuft die Wirtschaft insgesamt ja jenseits unserer Branche erstaunlich gut. Berlin wird seine Stellung als Nummer drei in Europa nach London und Paris ganz gut verteidigen. Zumal unsere Hauptzielgruppe wohl einigermaßen krisenresistent ist. Nur 15 Prozent unserer Gäste gehören zum jungen Easyjet-Set. 60 Prozent sind eher gebildete Angehörige der mittleren Generation mit höherem Einkommen. Die kommen aus Deutschland oder dem näheren Europa für die Kultur, gutes Essen und angenehme Hotels, um sich mit Eindrücken einer großen Stadt aufzuladen.

Manche Experten sagen, das Reisen werde sich verändern, Geschäftsreisen werde es wegen Videokonferenzen weniger geben. Wie ist die Prognose für das Kongressgeschäft?

Unsere Marktforschung dazu läuft auf Hochtouren. Wir sehen zwei Entwicklungen. Einfache Formate werden ins Netz wandern. Niemand muss mehr als Geschäftsreise für einen Controlling-Jour-fixe von München nach Berlin fliegen. Aber es gibt weiter ein enormes Bedürfnis, sich zu treffen und sich auszutauschen. Kongresse werden nicht mehr so laufen, dass einer vorn einen Vortrag hält und 1000 hören zu. Das kann man auch im Internet machen. Wir glauben an eine Festivalisierung, es wird also wesentlich mehr auf die persönliche Begegnung ankommen. Die Pausen werden wichtiger sein als die Vortragsreihen.

Unser Berlin Convention Office arbeitet gemeinsam mit der Branche daran, sich auf diese Entwicklungen einzustellen. Aber große Leuchtturmveranstaltungen werden weiterlaufen. Große Vereinigungen etwa in der Medizin müssen sich laut Satzung treffen, und die wollen das auch. Da sehen wir eine lebhafte Nachfrage für die Zeit nach dem Herbst 2021. Im Moment sind alle noch vorsichtig.

Was müsste die Politik im Bund und in Berlin tun, um den Tourismussektor zu unterstützen?

Unter unseren Netzwerkpartnern wie Rom, New York, Amsterdam oder Wien gibt es keine Stadt, die ihre Tourismusorganisation so unterstützt wie Berlin. Wirtschaftssenatorin Ramona Pop hat uns unkompliziert die Möglichkeit gegeben, Kampagnen für Berlin zu starten. "Visit Berlin" selber ist vom Wirtschaftssenat stabilisiert worden. Wir haben sonst viele Eigeneinnahmen, aber in der Krise eben nicht. Deswegen leben wir derzeit weitgehend von staatlicher Förderung. Woanders wurde die Hälfte der Belegschaft entlassen. Wir können mit der Branche zusammen den Plan für einen Re-Start entwickeln. Wir arbeiten auch gut mit dem Kultursenator zusammen, weil dort erkannt wurde, dass Kultur ohne die Gäste auch nicht funktioniert. Wir Berliner allein werden nicht drei Opern, 68 Theater und 300 Clubs füllen. Der Fremdenverkehr – ein schreckliches Wort – ist eben von essenzieller Bedeutung für das Funktionieren einer Weltstadt.

Die Pandemie wurde in Berlin erstmals deutlich, als im Februar 2020 die ITB abgesagt wurde. Wird denn das Messegeschäft jemals wieder so werden wie vorher?

Alle müssen sich mit den Veranstaltungen neu aufstellen. Aber auch hier gilt die Lagerfeuer-Theorie. Die Menschen sitzen seit 300.000 Jahren ums Feuer und erzählen sich, was sie so machen oder erlebt haben. Das wird bleiben. Aber dieses Jahr wird auch die ITB nur digital stattfinden, bis Mitte des Jahres haben wir keine Großveranstaltung. Ob es weiter Messen mit 100.000 Besuchern sein werden, muss sich zeigen. Ich glaube aber, dass wir in Berlin einen Effekt nicht unterschätzen dürfen. Wir haben jetzt einen international konkurrenzfähigen Flughafen. Wir werden viele Veranstaltungen, die wir lange nicht bekommen haben, in Zukunft leichter akquirieren können. Wir haben jetzt die Chance, auch Interkontinentalverbindungen seriös anzuwerben.

Es gibt ja eine Debatte um Privilegien für Geimpfte. Gastronomen und Veranstalter könnten dann nur vor Corona geschützte Menschen einlassen. Wäre das nicht hilfreich für Ihre Branche?

Ich glaube, dass das auf Langstreckenflügen der Fall sein wird, wo man sehr lange zusammen in einer Röhre sitzt. Da werden vermutlich nur Menschen mit Impfungen oder negativem Schnelltest zugelassen. Es werden wohl auch bestimmte Veranstaltungen nur mit Schnelltests durchgeführt werden. Es ließe sich logistisch hinbekommen, mit 800 bis 1000 Personen zu tagen. Auch darüber reden wir mit dem Senat. Wir werden das Mögliche möglich machen, bis vielleicht im Spätsommer die Herdenimmunität durch den Impfstoff erreicht sein wird.