Hartz-IV-Empfänger haben keinen Job, weil sie faul sind und nicht arbeiten wollen. Diesen Spruch hat die 25 Jahre alte Berlinerin, die in einem sonnendurchfluteten kleinen Büro auf einem der langen Flure im Jobcenter Friedrichshain-Kreuzberg sitzt, schon oft gehört. „Dabei ist es überhaupt nicht so“, sagt sie und rauft sich das kurze Haar.
Die junge Frau kann die Vorurteile nicht mehr hören. Sie möchte nicht mehr arbeitslos sein, sie möchte nicht mehr zu dieser Gruppe gehören, über die sich jedermann ein Urteil erlaubt. Deshalb hat sie heute einen Termin bei ihrer Arbeitsvermittlerin Anne Bormann, es geht um eine Fortbildung. Was da besprochen werde, könne gerne jeder hören. Nur ihren Namen möchte die junge Frau nicht nennen. Weil sie weiß, was die Menschen über Leute wie sie denken – ganz egal, was sie zu sagen hat.
Nach dem Realschulabschluss hat die junge Berlinerin zwei Ausbildungen abgebrochen; gesundheitliche Probleme, sagt sie, und sie könne sich allgemein schwer auf etwas konzentrieren. Seit Anfang vergangenen Jahres bezieht sie Arbeitslosengeld II, seit diesem Jahre sind das 374 Euro im Monat, ab Januar 2013 acht Euro mehr.
„Ich schäme mich dafür, aber ich möchte meinen Eltern nicht weiter auf der Tasche liegen, deshalb habe ich keine Wahl“, sagt sie. „Jedes Mal, wenn ich mich als Kellnerin irgendwo beworben habe, war es nach dem Probearbeiten vorbei. Der psychische Druck ist inzwischen so groß, dass ich vor lauter Nervosität Fehler mache. Das ist ein Teufelskreis.“ Vor vielen Freunden und Verwandten verheimliche sie ihre finanzielle Situation. „Hartz-IV-Empfänger zu sein ist nicht cool, das kommt nicht gut an.“
Weit verbreitete Vorurteile gegen Hartz-IV-Empfänger
Faul, ungebildet, arbeitsunwillig – Vorurteile gegenüber Arbeitslosen in der sogenannten Grundsicherung gibt es viele. Erstmals wurden sie nun in einer repräsentativen Studie erforscht: Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte im Auftrag der Bundesagentur für Arbeit 1558 Menschen ab 16 Jahren zu ihrer Einstellung gegenüber Langzeitarbeitslosen. Das Ergebnis: Die Vorurteile sind in großen Teilen der Bevölkerung weiter verbreitet als gedacht.
So glauben 37 Prozent der Befragten, dass Hartz-IV-Empfänger nicht arbeiten wollen. „Dabei ist für 75 Prozent der Hartz-IV-Empfänger die Arbeit das Wichtigste in ihrem Leben, diese Menschen wollen arbeiten“, sagte der Vorstand des Bereichs Grundsicherung der Bundesagentur für Arbeit (BA), Heinrich Alt, bei der Vorstellung der Studie am Dienstag in Berlin. Für zwei Drittel der Langzeitarbeitslosen soll die Arbeit das Wichtigste sein? Klingt zunächst paradox. Doch die Zahl stammt aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, die zeigt, wie Wunsch und Wirklichkeit in diesen Fällen auseinanderdriften. „Arbeit ist mehr als Geld verdienen, es steht für das Gefühl, dazuzugehören“, sagt Alt.
4,5 Millionen Deutsche erhalten ALG II
Bundesweit empfangen derzeit 4,5 Millionen Erwerbsfähige im Alter zwischen 15 und 65 Jahren Arbeitslosengeld II – 4,5 Prozent weniger als im Vorjahresmonat. 1,9 Millionen von ihnen sind arbeitslos. Knapp ein Drittel der Hartz-IV-Empfänger haben also eine Arbeit, von der sie aber nicht leben können, weil es ein Mini-Job für 400 Euro im Monat ist oder ein schlecht bezahlter Teilzeitjob. Diese Menschen müssen „aufstocken“.
Nach Erhebungen des Forschungsinstituts der Bundesagentur für Arbeit gehen 62 Prozent der Hartz-IV-Empfänger „mindestens einer gesellschaftlich relevanten Tätigkeit nach“, das heißt, sie betreuen ihre Kinder, machen gerade eine Ausbildung oder pflegen ein Familienmitglied. „Sehr viele von ihnen nehmen auch Ehrenämter wahr“, so Alt. Allerdings glauben 55 Prozent der Deutschen, dass Hartz-IV-Empfänger nichts Sinnvolles zu tun haben.
In Berlin bekommen insgesamt 426.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter Arbeitslosengeld II, 166.310 von ihnen sind tatsächlich arbeitslos. Gegenüber dem Vorjahresmonat sank ihre Zahl immerhin um 2,6 Prozent.
Vielleicht auch wegen dieser positiven Entwicklung hat die Bevölkerung laut der Allensbach-Studie auch Verständnis für die schwierige Situation der Hartz-IV-Empfänger: Man weiß demnach beispielsweise, dass sie sich finanziell sehr einschränken müssen, mehr als zwei Drittel glauben auch, dass sie über ihre eigene Situation unglücklich sind und 71 Prozent, dass sich Arbeitslosengeld-II-Empfänger überflüssig und nicht anerkannt fühlen.
Zu faul, zu wählerisch, zu unqualifiziert
Die Vorurteile sind allerdings beinahe ebenso weitverbreitet: 55 Prozent glauben, dass Hartz-IV-Empfänger nicht selbst nach Arbeit suchen, 57 Prozent, dass sie bei der Arbeitssuche zu wählerisch sind und genauso viele, dass Menschen, die Arbeitslosengeld II beziehen, schlecht qualifiziert sind. Alt berichtete, dass dem nicht so ist: „Wir wissen, dass 62 Prozent der Arbeit suchenden Hartz-IV-Empfänger direkt beim Arbeitgeber anklopfen, 71 Prozent von ihnen würden sogar eine Arbeit annehmen, für die sie überqualifiziert sind.“
Dass das in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ankommt, weiß die ausgebildete Grafikdesignerin, die auch vom Jobcenter in Kreuzberg betreut wird. „Es gibt solche und solche Hartzer“, meint die 28-Jährige, die ihren Namen ebenfalls nicht nennen möchte. Mehr als 100 Bewerbungen hat die Berlinerin mit den rot gefärbten Haaren geschrieben: ohne Erfolg. Momentan überlege sie, umzuschulen. „Vielleicht im sozialen Bereich, Behinderte betreuen, könnte ich mir vorstellen. Etwas, das wirklich gesucht wird.“
Dass viele Hartz-IV-Empfänger die Vorurteile über sie nicht erfüllen, weiß auch der Geschäftsführer des Jobcenters Friedrichshain-Kreuzberg, Stephan Felisiak. „Die allermeisten unserer Kunden sind sehr motiviert, engagiert, sie suchen über Gebühr nach einer Alternative zu ihrer aktuellen Lebenssituation.“ Auch von Arbeitgeberseite erhalte das Jobcenter überwiegend positives Feedback. „Diejenigen, die Hartz-IV-Empfänger eingestellt haben, bereuen es in der Regel nicht.“
Arbeitslos und ungebildet? Auch das stimmt laut Arbeitsagentur so nicht. Von den arbeitslosen Hartz-IV-Empfängern haben 73 Prozent einen Schulabschluss – die meisten den Hauptschulabschluss (40 Prozent), ein Fünftel mittlere Reife und jeder zehnte Abitur. 44 Prozent von ihnen haben außerdem eine abgeschlossene Berufsausbildung. „Wir haben 60.000 Arbeitslose mit einem akademischen Abschluss in unserer Kartei“, so Alt.
Hartnäckige Irrtümer
Auffällig ist, dass die Vorbehalte bei denjenigen, die keinen Kontakt zu Hartz-IV-Empfängern haben, am verbreitetsten sind. Diejenigen, die Hartz-IV-Empfänger persönlich kennen, zeigten häufiger Verständnis für deren Situation.
„Die Irrtümer gegenüber Hartz-IV-Empfängern halten sich hartnäckig“, resümierte BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt. Und genau darin sieht er ein zentrales Problem: „Der vermeintliche Makel ‚Hartz IV‘ und die damit verbundenen Vorbehalte gegenüber Arbeitsuchenden erschweren die Vermittlung ins Berufsleben erheblich.“ Dabei seien viele Menschen mit Brüchen in der Biografie, mit Ecken und Kanten darunter – „genau das macht sie für viele Unternehmen gerade interessant“. Dem schlechten Image rückt die BA deshalb auch mit einer Kampagne unter dem Motto „Ich bin gut“ zu Leibe.
Berlin wird sich an dem Programm der BA beteiligen. Schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose sollen mehr Chancen auf eine Stelle in einem Unternehmen bekommen. Der Senat habe auf Vorlage von Arbeitssenatorin Dilek Kolat (SPD) einen entsprechenden Beschluss gefasst, teilte die Pressestelle am Dienstag mit. Die Idee: Wenn Unternehmer Arbeitslose einstellen, können sie bei den Jobcentern zwei Jahre lang Lohnkostenzuschüsse von bis zu 75 Prozent beantragen. Das Land will zusätzlich Coachings und Qualifizierungen unterstützen. Betroffene können auch im gemeinwohlorientierten Sektor arbeiten, zum Beispiel in Stadtteilzentren oder bei Kulturinitiativen. Dort liegen die Zuschüsse bei 25 Prozent.
Christine Friedrich, Geschäftsführerin der Stadtmuseum Berlin GmbH, geht bereits mit gutem Beispiel voran. Sie hat aus 60 Bewerbungen vier Hartz-IV-Bezieher für Aufsichtsdienste in den Museen ausgesucht. „Sie hatten alle Lust zu arbeiten“, sagt sie. Der Berliner Tiefbauunternehmer Dieter Mießen sucht sogar aktiv Auszubildende, die aus Familien kommen, die seit zwei oder drei Generationen Transferleistungen beziehen: „Für die ist es ein Fremdwort geworden, arbeiten zu gehen.“ Über Baustellentage werbe er Auszubildende und gewinne so motivierte Mitarbeiter. „Ich kann nur alle Unternehmen auffordern, unser Modell zu kopieren.“
Langsam findet ein Umdenken statt
Diesen Trend, nicht mehr ausschließlich den Leistungsgedanken bei der Wahl der Mitarbeiter zu verfolgen, beobachtet auch Jobcenter-Chef Stephan Felisiak. „Immer mehr Unternehmen stellen auch ältere und vermeintlich leistungsschwächere Arbeitnehmer ein. Langsam – allerdings noch zu langsam – findet ein Umdenken statt.“ Auch Alt beschwor erneut das Gemeinschaftsdenken: „Hartz-IV-Empfänger sind kein monolithischer Block – eine Million Menschen schaffen es jedes Jahr, aus der Arbeitslosigkeit heraus einen Job aufzunehmen. Die Gesellschaft ist gefragt, wir brauchen Menschen, die jemandem eine Chance geben.“
Auf eine solche Chance hofft auch die junge Berlinerin in ihrem Gespräch mit der Arbeitsvermittlerin. Die 25-Jährige möchte im November eine sechsmonatige Fortbildung im Tourismusbereich beginnen. Die Finanzierung, das ist das Fazit aus dem Gespräch gestern, wird Arbeitsvermittlerin Anne Bormann für sie regeln. Im Gegenzug verpflichtete sich die junge Arbeitslose, sich zum Ende der Qualifikation intensiv um ein Praktikum oder sogar einen festen Job zu bemühen. Sollte die junge Frau die Fortbildung aber abbrechen, muss sie ein Drittel der Kosten in Höhe von 4280 Euro selbst tragen. Aber sie ist optimistisch und glaubt, dass sie es dieses Mal schaffen wird. Egal was die anderen denken.

![Blick in den Wartebereich eines Flures im Jobcenter Berlin-Mitte, aufgenommen am 30.11.2006 in Berlin. An diesem Standort werden mehr als 40000 Bedarfsgemeinschaften der ehemaligen Berliner Stadtbezirke Wedding, Mitte und Tiergarten verwaltet. Unter dem Begriff Job-Center versteht man die organisatorische Zusammenlegung der Arbeitsagenturen und den Sozialämtern in einer gemeinsamen Einrichtung - die Zusammenlegung wurde von der Hartz-Kommission vorgeschlagen und von der deutschen Bundesregierung im "Zweiten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" umgesetzt. Das Job-Center ist zuständig für die Anwendung des Sozialgesetzbuches II und damit für die Auszahlung des Arbeitslosengeldes II und die Integration der Arbeitssuchenden in Arbeit. Foto: Peer Grimm +++(c) dpa - Report+++ [ Rechtehinweis: usage worldwide, Verwendung weltweit ] Blick in den Wartebereich eines Flures im Jobcenter Berlin-Mitte, aufgenommen am 30.11.2006 in Berlin. An diesem Standort werden mehr als 40000 Bedarfsgemeinschaften der ehemaligen Berliner Stadtbezirke Wedding, Mitte und Tiergarten verwaltet. Unter dem Begriff Job-Center versteht man die organisatorische Zusammenlegung der Arbeitsagenturen und den Sozialämtern in einer gemeinsamen Einrichtung - die Zusammenlegung wurde von der Hartz-Kommission vorgeschlagen und von der deutschen Bundesregierung im "Zweiten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" umgesetzt. Das Job-Center ist zuständig für die Anwendung des Sozialgesetzbuches II und damit für die Auszahlung des Arbeitslosengeldes II und die Integration der Arbeitssuchenden in Arbeit. Foto: Peer Grimm +++(c) dpa - Report+++ [ Rechtehinweis: usage worldwide, Verwendung weltweit ]](https://img.sparknews.funkemedien.de/109821247/109821247_1423601618_v16_9_1200.jpeg)


