08.02.2013, 20:13

Kurios Der Grünkohl jagt die Politiker aus ihren Ämtern

Niedersachsen/ Gruenkohl-Pflanzen am Donnerstag (01.11.12) auf einem Feld in Langfoerden. Die Ernte weist nach Angaben der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in diesem Jahr eine sehr gute Qualitaet auf. (zu dapd-Text)
Foto: David Hecker/dapd

Foto: David Hecker / dapd

Niedersachsen/ Gruenkohl-Pflanzen am Donnerstag (01.11.12) auf einem Feld in Langfoerden. Die Ernte weist nach Angaben der Landwirtschaftskammer Niedersachsen in diesem Jahr eine sehr gute Qualitaet auf. (zu dapd-Text) Foto: David Hecker/dapd Foto: David Hecker / dapd

Von Felix Müller

Wulff, Guttenberg, Scharping: sie alle waren Oldenburger Grünkohlkönig und traten später vom Amt zurück. Annette Schavan war es auch einmal.

Jedes Schulkind kennt die Geschichte: Die Griechen (oder wie Homer sie nannte: Danaer) schenken den Trojanern ein hölzernes Pferd. Die Trojaner sind komplett von den Socken. Nachts, als alle schlafen, klettern dann griechische Soldaten aus dem Bauch der Statue, und vorbei ist es mit Trojas Herrlichkeit. "Ich fürchte die Danaer, selbst wenn sie Geschenke bringen", schrieb deshalb Homer. Heute würde er vielleicht schreiben: Ich fürchte die Oldenburger, selbst wenn sie Grünkohl bringen.

Dazu muss man etwas ausholen. Der gemeine Grünkohl (brassica oleracea oder sabellica), auch Braun-, Hoch-, Strunk-, Winterkohl oder gar Lippische Palme genannt, wird zur Winterszeit in weiten Teilen Norddeutschlands wollüstig verzehrt, meist begleitet von Salzkartoffeln, Fleisch, Würsten und alkoholischen Exzessen. In vielen Gemeinden hat man es sich zur Gewohnheit gemacht, vorher ein bisschen durch die Landschaft zu latschen, dabei einen Bollerwagen hinter sich herzuziehen und ortstypische Geländespiele wie "Bosseln" oder "Klootschießen" zu spielen.

Ein Schatten liegt auf jenem schönen Titel

Dann kehrt man, unterkühlt und ein bisschen angeheitert, in einen Gasthof ein, wo der gewaltige Appetit mit ebenso gewaltigen Portionen gebändigt wird. Am Ende kürt man nach wechselnden Kriterien einen Grünkohlkönig oder gleich ein Grünkohlkönigspaar, dann gibt's Schnaps und auf Wiedersehen. So weit, so folkloristisch schön und allseits beliebt.

Doch nun scheint sich ein Schatten auf das heitere Treiben zu legen. Ausgerechnet der Oldenburger Grünkohlkönigstitel, dem im Reich der Kohlfreunde fast der Rang der Kaiserwürde zukommt, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten häufig als Fluch für die Geehrten erwiesen. Beim "Defftig Ollnborger Gröönkohl-Äten", das Jahr für Jahr in Berlins Niedersächsischer Landesvertretung stattfindet, wurde schon 1994 dem damaligen Bundesaußenminister Klaus Kinkel die Krone verliehen – ein Jahr später war sein FDP-Vorsitz Geschichte.

Zusammenhang nicht nachgewiesen

Gleich danach erwischte es Rudolf Scharping – der SPD-Chef wurde 1995 von Oskar Lafontaine weggeputscht. Auch für den Parteigenossen Sigmar Gabriel erwies sich der Kasseler-und-Pinkel-Thron als Schleudersitz: Er hatte es sich gerade darauf bequem gemacht, als er als 2002 die Landtagswahl in Niedersachsen verlor und als Ministerpräsident abgewählt wurde. Wer noch? Ganz genau: Christian Wulff und der notorische Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Und, bitte nicht erschrecken: Annette Schavan (CDU).

Die Oldenburger Stadtväter haben jeden Zusammenhang zwischen ihrem Brauch und beruflichen Abstürzen stets bestritten. Doch vielleicht wird die angeschlagene Bundesbildungsministerin, Grünkohlregentin 2009, jetzt doch ein mulmiges Gefühl entwickeln und etwas zaghafter zur Grützwurst greifen. Vielleicht tröstet sie der Gedanke, dass es eine Königin gibt, die schon vor mehr als zehn Jahren den Titel erhielt und heute sicherer im Sattel sitzt als je zuvor: Dr. Angela Merkel.

Bleiben Sie informiert:
Die Berliner Morgenpost in sozialen Netzwerken.
Folgen Sie uns auf Twitter