23.12.12

Helfen

Wie gespannt das Verhältnis zwischen Kirche und Politik ist

Zu Weihnachten baten wir Innenminister Friedrich und Berlins Generalsuperintendentin Trautwein zum Gipfeltreffen in die Gedächtniskirche.

Von Florian Kain und Joachim Fahrun
Foto: Reto Klar

Ulrike Trautwein (l.) und Hans-Peter Friedrich beim Gipfeltreffen von Kirch und Politik in der Berliner Gedächtniskirche
Ulrike Trautwein (l.) und Hans-Peter Friedrich beim Gipfeltreffen von Kirch und Politik in der Berliner Gedächtniskirche

Welcher Steuersatz ist christlich? Sind Griechenlandhilfen eine Frage der Barmherzigkeit? Und darf man abgelehnte Asylbewerber tatsächlich abschieben? Die Berliner Morgenpost bat Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und die Generalsuperintendentin des Sprengels Berlin, Ulrike Trautwein, zum großen Doppelinterview in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am Breitscheidplatz.

Berliner Morgenpost: Herr Minister, wie oft kommt es vor, dass Sie bei schwierigen Entscheidungen ein Stoßgebet zum Himmel schicken und den lieben Gott darum bitten, dass er Sie das Richtige tun lässt?

Hans-Peter Friedrich: Ich habe ein grundsätzliches Gottvertrauen. Ich glaube, dass am Ende alles so sein wird, wie Gott es vorsieht. Das gibt mir die nötige Kraft und Gelassenheit, die man braucht, sei es im Büro, im Alltag oder im Berliner Politikbetrieb.

Ist es schon mal vorgekommen, dass Sie bewusst kirchlichen Rat oder Beistand gesucht haben?

Friedrich: Um ein drängendes politisches Problem zu lösen? Naja, ich stehe schon im Austausch mit Pfarrern der evangelischen wie auch der katholischen Kirche. Und selbstverständlich geht es dabei auch um Probleme, mit denen ich als Minister konfrontiert bin. Meine Gottesdienstbesuche sind eher unregelmäßig – und ich suche dafür gar nicht erst eine Ausrede.

Kann es so etwas wie eine "christliche Politik" überhaupt geben ?

Ulrike Trautwein: Oh, da bin ich skeptisch...

Friedrich: Für mich gibt es eine Politik, die dem christlichen Menschenbild verpflichtet ist, also von der Prämisse ausgeht, dass jeder Mensch auch ein sündiger Mensch ist. Das habe ich bei politischen Handlungen immer im Hinterkopf. Mir als bekennendem Protestanten ist außerdem das Luther-Zitat besonders wichtig, dass ein Christenmensch ein freier Herr über alle Dinge und niemandem Untertan ist. Ich lehne den bevormundenden Staat ab, also die sozialistische Idee, dass der Staat den Menschen vorschreibt, wie sie leben sollen. Ich bin davon überzeugt, dass jeder Mensch seinem Gewissen folgen und sein Handeln vor Gott rechtfertigen können muss. Der zweite Teil des Luther-Zitats heißt übrigens, dass der Christ Diener ist und als solcher jedermann Untertan. Dass wir in Deutschland einen Sozialstaat haben, zeigt auch, dass es einen guten und wichtigen Einfluss der christlichen Religion auf die Politik gibt. Der Sozialstaat ist Ausdruck des christlichen Prinzips der Nächstenliebe.

Frau Trautwein, die Partei des Ministers führt das C ja sogar im Namen. Leiten Sie als Kirchenfrau daraus den Unionsparteien gegenüber eine bestimmte Erwartungshaltung ab, und haben Sie den Eindruck, dass die CDU/CSU dieser gerecht wird?

Trautwein: Ich tue mich wirklich schwer mit dem C im Namen der Unionsparteien. Weil ich es gar nicht für möglich halte, den Anspruch, eine christliche Politik zu gestalten, einlösen zu können. Natürlich gibt es Politiker wie Herrn Friedrich, die Wert darauf legen, dass ihr Handeln mit dem christlichen Menschenbild in Einklang zu bringen ist – und denen ich das auch abnehme. Aber die findet man nicht nur in der Union, sondern auch bei SPD, Grünen und FDP. Wer meint, dass die Politik der CDU/CSU quasi automatisch christlich ist, der irrt. Allein schon, weil wir alle ja – worauf Herr Friedrich zu Recht hinweist – immer auch Sünder sind, die Fehler machen. Das müssen wir einsehen und akzeptieren, dann können wir respektvoller voreinander stehen.

Friedrich: Die Gründung von CDU und CSU nach dem Zweiten Weltkrieg war eine Antwort auf ein verbrecherisches, anti-christliches Regime, das keinen Respekt vor der Würde des Menschen hatte. Daher rührt das C in unserem Parteinamen.

Glauben Sie, dass sich aus der Bergpredigt oder dem Neuen Testament Richtlinien ableiten lassen, wie Politiker handeln sollen?

Trautwein: Das ist die berühmte Frage, ob man mit der Bergpredigt Politik machen kann (lacht). Ich freue mich natürlich über jeden Abgeordneten, der ernst nimmt, was in der Bibel steht. Im Matthäus-Evangelium im 25. Kapitel wird zum Beispiel vom Weltgericht erzählt. Jesus sagt, was ihr meinen geringsten Geschwistern getan habt, das habt ihr mir getan. Daraus entwickelten sich später dann die klassischen "Werke der Barmherzigkeit": Hungrige speisen, Durstige tränken, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten. Ich finde: Zumindest grundsätzlich sollte es möglich sein, dass Politiker daraus Maßstäbe für ihr Handeln ableiten. Andererseits bin ich nicht so naiv zu glauben, dass sich mit diesem Bibelvers in der Hand jedes politische Problem in den Griff kriegen ließe.

Machen wir es mal konkret. Ziel ist ja der Erhalt der Schöpfung. Lässt sich daraus eine Pflicht zu strengerer Klimaschutzpolitik ableiten und darf die Kirche sie einfordern?

Trautwein: Ja, das muss sie sogar. Die Kirche hat ein Wächteramt. Es ist unsere Aufgabe, auf Gefahren und Probleme hinzuweisen, auch auf ökologische. Da haben wir dann aber auch eine Vorbildfunktion und sollten darauf achten, auch selber unsere Kirchen und Gemeindehäuser klimafreundlicher zu machen. Wichtig ist immer – nicht nur in der Energiefrage –, dass wir uns nicht mit erhobenen Zeigefinger hinstellen und so tun, als wüssten wir ganz genau, was zu tun wäre.

Friedrich: Ich meine, die Hauptaufgabe der Kirche ist es, immer wieder den Menschen klarzumachen, welche grundsätzlichen Maßstäbe für ihr Handeln sich aus dem Wort Jesu Christi ergeben. Das ist von ganz zentraler Bedeutung. Die Politik hingegen hat mit einer Vielzahl von immer neuen Konflikten umzugehen, die sich aus dem täglichen Leben und Interessensverschiedenheiten ergeben. Wir müssen aus einem ganzen Bündel von Problemen Lösungen entwickeln, die am Ende mehrheitsfähig sind. Frau Trautwein, das kennen Sie doch auch aus der Kirchenpolitik...

Trautwein: Na klar...

Friedrich: … die Finanzmittel sind begrenzt und die Wünsche sind zahlreich und dann müssen sie einfach Prioritäten setzen, die manch einen enttäuschen. Es hilft, wenn die Kirche diesen politischen Abwägungsprozess begleitet und dabei Wertmaßstäbe anmahnt.

Trautwein: Die Kirche ist Teil der Gesellschaft, sie entwirft aber gleichzeitig immer den Gegenhorizont aus dem Evangelium.

Herr Friedrich, Sie meinen, dass die Kirche dabei manchmal übers Ziel hinausschießt?

Friedrich: Ich bin jedenfalls nicht immer glücklich damit, wenn Kirchenvertreter einseitige und als letztgültige Wahrheit proklamierte politische Botschaften verkünden. Da machen es sich manche zu einfach, zum Beispiel bei Fragen um Krieg und Frieden.Wenn wir beispielsweise an die Entscheidung denken, in Afghanistan militärisch einzugreifen. Auf der einen Seite gibt es die Taliban, die ein Terrorregime aufgebaut hatten und wieder errichten wollen und auf der anderen Seite unsere Soldaten, die dort dafür sorgen, dass das Morden und die Unterdrückung ein Ende haben und dabei aber eben auch kämpfen, mit Toten und Verletzten. Daher ist es nach meiner Auffassung völlig falsch, sich da herauszuhalten, wie es als Forderung aus der Kirche zu hören war.

Trautwein: Ich weiß schon, Sie spielen jetzt auf die Predigt meiner Kollegin Margot Käßmann an, in der der Satz fiel: "Nichts ist gut in Afghanistan." Dabei war und ist es doch noch immer die Wahrheit, dass dieser Einsatz auch viele Probleme mit sich bringt.

Friedrich: Mit der Formulierung "Nicht alles ist gut in Afghanistan" hätte ich leben können, Frau Trautwein. Aber zu behaupten, dass gar nichts gut ist, während gleichzeitig unsere Soldaten dort ihr Leben lassen, um anderen Menschen beizustehen, das kann ich nicht akzeptieren.

Trautwein: Das verstehe ich. Dennoch bleibt es aus meiner Sicht dabei, dass wir uns schuldig machen, wenn wir militärisch in solche Konflikte eingreifen und dabei Menschen sterben. Gleichzeitig machen wir uns aber auch schuldig, wenn wir nicht eingreifen. Und deshalb Menschen sterben. Die Aufgabe der Kirche ist es, sich um die Seelsorge der Soldaten kümmern, für sie da zu sein und ihnen immer wieder versuchen klarzumachen, dass auch der Feind ein Mensch ist. Dass sie trotz aller kriegerischen Auseinandersetzungen selber menschlich bleiben müssen. Es gilt, die Spirale aus Hass und Gewalt so früh wie möglich und immer wieder zu unterbrechen und stattdessen den zivilen Aufbau zu fördern. Gewalt führt meist zu gar nichts, das ist auch im Nahen Osten zu sehen, wo die Konflikte immer nur schwieriger werden. Ich würde niemals einen Krieg oder die Anwendung von Gewalt christlich positiv begründen können. Und andererseits erwische ich mich doch dabei, wenn ich zum Beispiel Filme über den Widerstand im Nationalsozialismus sehe und immer wieder hoffe, dass das Attentat auf Hitler doch diesmal klappen möge. Das ist ein Widerspruch, den man aber nicht auflösen muss.

In Berlin demonstrieren seit Wochen Asylbewerber am Brandenburger Tor bei frostigen Temperaturen gegen ihre Abschiebung und für eine neue Asylpolitik. Bei dem Thema kommen Sie beide wohl ebenfalls kaum auf einen Nenner.

Friedrich: Ja, da sagt die Kirche gerne, sie sollen alle kommen …

Trautwein: … Allerdings!

Friedrich: Als Innenminister muss ich Realist sein. Und da sehe ich eine begrenzte Kapazität an Aufnahmemöglichkeiten, begrenzte Finanzmittel und eine begrenzte Integrationsfähigkeit jeder Gesellschaft. Wir können nur diejenigen aufnehmen, die nach unseren Gesetzen auch Anspruch auf Asyl haben. Konkret: Wir müssen für syrische Flüchtlinge Kapazitäten bereit halten, die nicht von denen in Anspruch genommen werden dürfen, die aus sicheren Herkunftsländern wie Serbien oder Mazedonien kommen. Erst vor zwei Wochen hat uns der Hohe Flüchtlingskommissar in einem Brief an die EU-Ratspräsidentschaft ausdrücklich gelobt, weil Deutschland nämlich gemeinsam mit Schweden 60 Prozent der Syrer, die bislang nach Europa geflohen sind, aufgenommen hat. Wir tun alles, um denen, die wirklich politisch verfolgt sind, die Chance zu geben, hier ein neues Leben zu beginnen. Aber wenn wir das weiter tun wollen, dann müssen wir an anderer Stelle Grenzen setzen und Missbrauch von vornherein verhindern. Mir ist klar, dass die Kirche einen anderen Maßstab setzt und gerne jeden Menschen in Deutschland aufnehmen würde, dem es schlechter geht als uns. Das ist unmöglich. Was die Asylbewerber aus Serbien und Mazedonien angeht müssen wir von den dortigen Regierungen verlangen, dass sie die Menschen ordentlich behandeln.

Trautwein: Es stellt niemand in Frage, dass Politiker Kompromisse machen müssen. Ich sehe aber, dass ärmere Länder als Deutschland oft viel mehr Flüchtlinge aufnehmen. Mich nervt wahnsinnig diese Abschottungsmentalität, die das Klima hier prägt. Jüngere Leute sind zum Teil offener, aber insgesamt überwiegen Verdächtigungen und Misstrauen gegenüber eigentlich bemitleidenswerten Menschen. Die Zustände in der Abschiebehaft hier auf dem Flughafen sind dramatisch. Schwer traumatisierten Flüchtlingen wird noch nicht einmal die Gelegenheit gegeben, anzukommen und in Ruhe Asyl zu beantragen. Die wissen nicht Bescheid über unser Rechtssystem und werden nicht darüber informiert, dass sie beim Verwaltungsgericht Einspruch erheben könnten. Selbst mit Kindern wird so verfahren. Ich wünsche mir mehr Barmherzigkeit im Umgang mit Asylbewerbern. Dazu gehört, dass die sogenannte Residenzpflicht abgeschafft wird, den Flüchtlingen in Deutschland Bewegungsfreiheit und außerdem ein Zugang zum Arbeitsmarkt verschafft wird. Dann würden uns übrigens auch Sozialkosten erspart bleiben, wenn die Menschen selbst für ihr Einkommen sorgen dürften. Und was die Roma vom Balkan betrifft, die hier vergeblich politisches Asyl beantragen, so wünsche ich mir, dass sich die Politik mit den elenden Zuständen, diesen grauenvollen Slums beschäftigt, in denen die Menschen dort durch den Winter kommen müssen.

Muss man nicht über das Aufenthaltsrecht nachdenken? In anderen Ländern werden Zuwanderer ja schneller eingebürgert. In Berlin sitzen Hunderte Jugendliche, die nur eine Duldung haben und nicht arbeiten dürfen. Die müssen doch kriminell werden.

Friedrich: Das Aufenthaltsrecht ist sicher nicht daran schuld, dass manche kriminell werden. Ich bin nach wie vor gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Wenn jemand sagt, er will in Deutschland leben, hier sollen seine Kinder und Enkel ihre Zukunft haben, dann sage ich "Willkommen". Sie sollen dann aber auch bitte Deutsche, also Bürger dieses Landes, werden, damit es keinen Loyalitätskonflikt gibt. Für mich ist nicht akzeptabel, wenn beispielsweise die türkische Regierung die bei uns lebenden türkischen Zuwanderer als politischen Brückenkopf in Europa instrumentalisiert.

Ist es christlich, abgelehnte Asylbewerber abzuschieben?

Trautwein: Ich wünsche mir, dass wir so viele Menschen wie möglich aufnehmen können, sehe aber ein, dass ein Staat Grenzen finden muss. Schwierig finde ich nur, dass man immer wieder sagt, es sei nicht legitim, Wirtschaftsflüchtling zu sein. Wenn wir die Meere vor Afrika leer fischen und die Leute nicht mehr wissen, wovon sie leben sollen, dann habe ich Verständnis dafür, dass sie flüchten. Niemand geht doch gerne weg von zu Hause.

Friedrich: Viele Zuwanderer sind ganz selbstverständlich integriert, weil sie gezwungen waren, in deutsche Schulen und Kindergärten zu gehen. Wir haben aber natürlich ein spezielles Großstadtproblem, weil wir zugelassen haben, dass man in bestimmten Stadtteilen nicht einmal mehr deutsch sprechen muss.

Frau Trautwein, Sie hatten bereits auf die Verhältnisse in Afrika hingewiesen. Müssen wir auch ärmeren Mitbürgern in Europa helfen, etwa in Griechenland?

Trautwein: Ich finde es wichtig, den Europa-Gedanken hoch zu halten. Wir profitieren unendlich davon, dass wir hier schon so lange in Frieden leben. Dazu gehört auch die Solidarität mit den Ländern, in denen es gerade schwierig ist. Das enthebt die Griechen natürlich nicht von der Verpflichtung, gut zu wirtschaften und dafür zu sorgen, dass ihre eigenen reichen Leute anständig ihre Steuern bezahlen und ihr Geld nicht sonst wohin schaffen. Ich wünschte mir aber, dass es in Deutschland nicht eine hämische Mentalität gegenüber den Griechen gibt. Wir müssen zusammen stehen, denn es wäre nicht auszudenken, wenn Europa auseinander bricht.

Also Griechenland-Hilfen als Gebot der Christlichkeit?

Friedrich: Frau Trautwein hat ja völlig zutreffend die Politik der Bundesregierung gegenüber Griechenland zusammengefasst: fördern und fordern.

Was meinen Sie, gibt es einen christlichen Spitzensteuersatz?

Friedrich: Zu teilen und von dem zu geben, was ich habe, ist eine zutiefst christliche Einstellung. Aber wir sprechen über verpflichtende Leistungen an den Staat. Die müssen noch Raum lassen für die Entscheidungen eines jeden. Mehr als 50 Prozent Steuerbelastung ist nicht mehr in Ordnung. Das sieht übrigens auch das Bundesverfassungsgericht so.

Trautwein: Neulich hörte ich, wie sich jemand bei einer Rede beklagte, dass er Erbschaftssteuer zahlen musste, das seien wieder 25 Prozent "Geldvernichtung" gewesen. Wie kann man sagen, Steuern zu zahlen, sei Geldvernichtung? Mir gefällt nicht, dass jeder versucht, durch die ausgeklügelten Systeme möglichst wenig an den Staat zu geben. Ich hätte gerne bei uns allen ein stärkeres Bewusstsein dafür, dass Steuern zahlen etwas Gutes ist…

Friedrich: … Aber keiner möchte natürlich zu viel Steuern zahlen.

Trautwein: Ja, aber ich wünsche mir, dass die Bürger positiver zu ihrem Steuerzahlen stehen, weil das uns allen hilft und die Gesellschaft zusammenhält. Ich will keine Gesellschaft, in der die einen sich hinter Zäunen verbunkern müssen und andere hinter den Ecken lauern, weil sie sich ihren Teil holen wollen.

Die Kirche kritisiert sehr oft das Auseinanderdriften der Gesellschaft in Arm und Reich. Die Bundesregierung scheint eine andere Wahrnehmung zu haben. Da haben sie doch einen Konflikt oder?

Friedrich: Nein, im Gegenteil, wir sind uns einig, dass es eine harmonische Gesellschaft nur geben kann, wenn es eine Mittelschicht gibt, die leistungsbereit und leistungsfähig ist, um der eigenen Verantwortung gerecht zu werden und staatliche Leistungen mitzufinanzieren. Daher muss man dafür sorgen, dass die Mittelschicht nicht ausgedünnt wird. Die kalte Progression im Steuerrecht, die die Realeinkommen der Mittelschicht senkt, muss deshalb weg.

Manchmal scheinen Politik und Kirche gleichermaßen überfordert – wie zum Beispiel nach dem Amoklauf in Newton. Was sagen sie auf Fragen wie: "Wie kann Gott das zulassen?" oder: "Warum kann die Politik so etwas nicht verhindern"?

Trautwein: Ich erlebe mich da an der Seite der trauernden Menschen, die das Geschehene nicht verstehen können. In der Kirche kann ich Räume öffnen, in denen Trauer und Fragen zugelassen sind. Ich würde mir nie im Leben anmaßen, die Frage zu beantworten, warum so etwas geschieht. Ich glaube aber an einen Gott, der an der Seite der Menschen ist und nicht an einen, der oben Marionettenstrippen zieht und sagt: So, jetzt tust Du mal was Böses. Gott ist in Jesus auf die Welt gekommen – das feiern wir übrigens jetzt an Weihnachten – und wurde selbst umgebracht. Er steht an der Seite derer, die leiden.

Friedrich: Die Abgründe in der menschlichen Psyche sind unendlich tief. Und natürlich gibt es die Frage, was Politik leisten kann, um so etwas zu vermeiden. Da gibt es in den USA jetzt die Diskussion um das Waffengesetz. Wir haben in Deutschland ein überaus strenges Waffenrecht. Die Waffen sind registriert. Wir machen Vorschriften, wie sie aufzubewahren sind. Wir haben also viel getan, um den Missbrauch von Waffen zu verhindern.

Dennoch gibt es auch hier gleich wieder die Forderung, das Waffenrecht müsste weiter verschärft werden.

Friedrich: Nach einer so unfassbaren Tat gibt es immer wieder diesen Reflex, handeln zu müssen. Nach dem Amoklauf in Winnenden wurde unser Waffenrecht verschärft.

Trautwein: Vielleicht liegt der Schlüssel eher in den Schulen. Ich habe mich an der Hauptschule, in der ich früher unterrichtete, dabei ertappt, dass ich dachte: Mensch, könnte dieser Schüler oder vielleicht jener auch so etwas tun? Aber wir haben kaum Schulpsychologen und viel zu wenige Möglichkeiten, um auch mal mit Kollegen darüber zu sprechen, wie sie die persönliche Lage eines Jugendlichen einschätzen. In der Schule gibt es so viel Druck und Mobbing. Jugendliche sind so verletzlich. Ich selber habe mich als Lehrerin nach einer Unterrichtstunde manchmal gefragt, warum ich Schüler so scharf angegangen bin.

In Bonn wurde in letzter Sekunde ein Bombenanschlag von Salafisten am Hauptbahnhof vereitelt. Müssen wir uns das Treiben von Salafisten gefallen lassen?

Trautwein: Der Salafismus ist sehr beunruhigend. Ich habe bei meinen Jugendlichen beobachtet, wie sie in radikale Strukturen abgedriftet sind. Die kamen oft aus kaputten Familien, hatten keine Perspektive im Leben. Da habe ich gewünscht, wir hätten die Kraft und die Möglichkeiten, ihnen etwas anderes anzubieten.

Friedrich: Es gibt viele Jugendliche, die nach Orientierung suchen. Da können strenge Regeln und islamistische Ideologien schnell Halt suggerieren. Davon lassen sich auch viele Konvertiten blenden. Insgesamt haben wir rund 3800 Salafisten in Deutschland. Nicht alle sind Terroristen, aber jeder islamistische Terrorist hatte Kontakt zum Salafismus.

Trautwein: Das können wir auch nicht mehr akzeptieren.

Friedrich: Wir haben im Sommer eine salafistische Organisation verboten, und werten die Ergebnisse der Razzien aus. Ich habe der Innenministerkonferenz vorgeschlagen, die Ausweisungsmöglichkeiten zu verschärfen. Es soll bei bestimmten Straftaten kein Ermessen der Behörden mehr geben. Das Problem ist, dass viele bereits deutsche Staatsbürger sind. Zudem stellen wir eine zunehmende Reisetätigkeit nach Ägypten fest, von da geht es dann weiter nach Somalia, in den Jemen oder andere Länder. Das muss uns Sorgen machen, weil einige dieser Salafisten sich dort noch einmal mehr radikalisieren und dann nach Deutschland zurückkehren könnten.

Unsere letzte Frage: Wenn Sie sich beide gegenseitig voneinander etwas zu Weihnachten wünschen dürften, was wäre das?

Friedrich: Ich wünsche mir, dass die Kirche die Botschaft Gottes in die Herzen der jungen Leute bringt, weil das sie davon abhält, extremistisch und fanatisch zu werden.

Trautwein: Ein starker Staat ist einer, der sich am Wohl der Schwachen orientiert. Zu Weihnachten steht ja eine Familie im Mittelpunkt, die im Stall gelandet ist, also wirklich einem elenden Ort, an dem aber gleichwohl Licht und Hoffnung ist.

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