Feingefühl geht anders. Astrid und ihr Freund Markus sitzen schon im Sprechzimmer, während die Ärztin draußen noch gut hörbar über Backrezepte redet. Erst dann kommt sie, um den werdenden Eltern die schlechte Nachricht zu verkünden: Ihr Kind hat das Down-Syndrom. Das junge Paar fällt aus allen Wolken. Danach aber geben sie die Hiobsbotschaft ähnlich unsensibel weiter. Ihrer kleinen Tochter Nele erklären sie es nach einem Auffahrunfall, den Freunden auf einem Geburtstagsfest.

„24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached handelt von einem Schwangerschaftsabbruch, worüber schon im Vorfeld viel geschrieben wurde, als noch keiner den Film gesehen hat. Die Eltern (Julia Jentsch und Bjarne Mädel) freuen sich weiter auf ihr Kind und lassen sich auch nicht von Kommentaren aus engstem Umfeld beirren. Erst als auch noch ein Herzfehler bei dem werdenden Kind diagnostiziert wird, ist die Mutter zunehmend verunsichert.

Im Clinch:  Astrid (Julia Jentsch) mit ihrer  Mutter Beate (Johanna Gastdorf)
Im Clinch: Astrid (Julia Jentsch) mit ihrer Mutter Beate (Johanna Gastdorf) © Friede Clausz | Friede Clausz

Nach der 24. Schwangerschaftswoche gilt ein Ungeborenes bereits als lebensfähig, dann wird nicht nur abgetrieben, dem Fötus muss eine tödliche Spritze verabreicht werden. Neun von zehn Müttern sollen sich in einem solchen Fall für eine Spätabtreibung entscheiden. Ein Reizthema, das polarisiert. Wobei der Film diese Polarisierung klug aufnimmt: indem die Frau ihre Meinung zunehmend revidiert und daran fast die Beziehung zu ihrem Freund zerbricht.

Es ist eine weitere Stärke des Films, dass das Drama zwar ein privates ist, die Öffentlichkeit aber dennoch hineinspielt. Denn Astrid ist Comedian, die auf der Bühne kräftig berlinernd alles und jedes aufs Korn nimmt, auch ihren dicken Bauch, aber zunehmend leiser wird, als die Öffentlichkeit davon Wind bekommt. Bis schließlich auf offener Bühne ihre Berliner Schnauze versagt.

Der Film erspart einem nichts

Julia Jentsch hat erst vor kurzem in „Monsoon Baby“ eine Frau gespielt, die unbedingt Mutter werden wollte, ein Wunsch, der sich zur Manie steigerte und ebenfalls eine Beziehung gefährdete. „24 Wochen“ ist nun das Spiegelbild davon. Wobei Julia Jentsch, die ihren Durchbruch auf der Berlinale 2005 mit „Sophie Scholl“ erlebte, hier alle Höhen, Tiefen und Zerrissenheiten höchst kraftvoll und erschütternd austariert.

Die Hauptdarsteller Julia Jentsch und Bjarne Mädel mit Regisseurin Anne Zohra Berrached (M.)
Die Hauptdarsteller Julia Jentsch und Bjarne Mädel mit Regisseurin Anne Zohra Berrached (M.) © dpa | Britta Pedersen

Eine grandiose Leistung, die einen auch beim Film hält, wenn er unangenehm wird. Und er wird sehr unangenehm, er erspart uns nichts, auch nicht den letzten Gang und nicht mal besagte Spritze. Es gibt aber eine verständnisvolle Hebamme, die der Mutter zur Seite steht und einen Satz sagt, der die ganze Aufreger-Debatte im Keim ersticken sollte: „Das kann einem keiner abnehmen. Und das darf auch keiner verurteilen.“

„24 Wochen“ ist der einzige deutsche Beitrag im Wettbewerb. Das hat es noch nie gegeben bei einer Kosslick-Berlinale. Das sagt wohl auch viel über das hiesige Kino, auch wenn es sich derzeit mit Erfolgsstatistiken selbst schönfeiert.

Dieter Kosslick wagt ein Tänzchen mit Anne Zohra Berrached
Dieter Kosslick wagt ein Tänzchen mit Anne Zohra Berrached © dpa | Kay Nietfeld

Dass der einzige Beitrag auch noch ein Diplom-Film ist, hat es seit Moritz de Hadelns letzter Berlinale 2001 nicht gegeben. Auf den Schultern der 33-jährigen Anne Zohra Berrached lastet also eine Last. Auch wenn die Erfurterin das tapfer weglächelt.

In „Zwei Mütter“ erzählte sie von zwei lesbischen Frauen, die unbedingt ihren Kinderwunsch erfüllen wollen. Der Film lief ebenfalls auf der Berlinale und gewann den Preis der Perspektive Deutsches Kino. Drei Jahre später ist die Erfurterin nun im Wettbewerb angekommen, mit einem Film, bei dem Schauspieler neben echten Ärzten und Pränataldiagnostikern vor der Kamera standen, was dem Ganzen eine große Authentizität verleiht. Ein starker, mutiger, bewusst aneckender Film.