Berlinale 2016

Isabelle Huppert: Die Filmdiva mit dem Dauerticket

„Filme über intelligente Frauen sind leider nicht sehr üblich“: Isabelle Huppert bei der Berlinale-Pressekonferenz im „Hyatt“-Hotel

Foto: Getty Images / AFP/Getty Images

„Filme über intelligente Frauen sind leider nicht sehr üblich“: Isabelle Huppert bei der Berlinale-Pressekonferenz im „Hyatt“-Hotel

Sie gilt als spröde und unnahbar: Kaum ein Star lässt sich so oft auf der Berlinale blicken wie die „Eiskönigin“ Isabelle Huppert.

Sie gilt als kühl und unnahbar, Titel wie "Eiskönigin" kommen bei Isabelle Huppert nicht von ungefähr. Wenn sich die französische Schauspielerin nun wie am Freitag im streng-eleganten Nadelstreifenkostüm auf der Berlinale der internationalen Presse stellt, zieht sie bei Fragen schon mal leicht ironisch die Augenbrauen hoch oder schürzt spöttisch die Lippen. Als ein Journalist wissen will, ob sie selbst schon Schicksalsschläge meistern musste wie ihre Figur im Film, fährt sie ihm mit einem maliziösen Lächeln über den Mund. "Das geht Sie überhaupt nichts an. Aber ich muss auch nichts selbst erlebt haben, um es dann spielen zu können."

Unnachahmlich ihre Art, sich durch die roten Haare zu fahren

Kaum eine Schauspielerin hat in den letzten Jahren diese Filmfestspiele so geprägt wie sie. Kaum eine hat mehr Film präsentiert und wohl keine andere bei ihrer Rollenauswahl ein besseres Gespür dafür, in Filmen mitzuspielen, um die sich dann die großen Festivals wie Cannes, Venedig oder eben Berlin reißen. Am Wochenende ist sie nun wieder in der Stadt, als Hauptdarstellerin des französischen Wettbewerbsbeitrags "L'avenir" (Was noch kommt) von Mia Hansen-Løve. Darin spielt sie eine Philosophielehrerin, deren Leben aus der Bahn gerät, als erst ihr Ehemann sie verlässt und dann ihre Mutter stirbt. Plötzlich muss sie ihr Leben noch einmal völlig neu ordnen. Und lässt sich dabei emotional kaum in die Karten schauen.

Eine Rolle, die sich gut in Hupperts Repertoire unergründlicher, leicht neurotischer Frauenfiguren einfügt. Darauf ist sie abonniert, ob als gehässige Jungfer in François Ozons "8 Frauen" oder als exhibitionistische Masochistin in Michael Hankes preisüberhäufter "Klavierspielerin". Und immer wieder in den Filmen des Altmeisters Claude Chabrol, für dessen Drama mit dem vielsagenden Titel "Biester" wurde sie mit einem César ausgezeichnet.

Damit hat sie in Europa so ziemlich jeden Darstellerpreis gewonnen, den man kriegen kann, und ist neben Catherine Deneuve, der anderen widerspenstigen Filmdiva, zum Aushängeschild des französischen Kinos avanciert.. Längst setzen Regisseure weltweit auf ihre unnachahmliche Art. Michael Cimino gab ihr schon 1978 in "Heaven's Gate" eine Hauptrolle, Werner Schroeter verehrte sie ebenso wie Michael Haneke, jüngst drehte sie zwei Filme in Asien. Auch auf der Bühne spielt die Huppert immer wieder extreme Rollen, ob als glamourös-eiskalte Marquise Merteuil in Heiner Müllers "Quartett" unter der Regie von Robert Wilson oder in Sarah Kanes radikalem Stück "4.48 Psychose", mit dem sie auch in Berlin gastierte und für Gänsehaut sorgte.

So überzeugend verkörpert sie diesen Frauentypus, dass sie regelmäßig mit ihren Rollen verglichen wird. Sie selbst kann mit solchen Zuschreibungen jedoch wenig anfangen. "Was soll denn Eiskönigin heißen? Ich sehe mich überhaupt nicht distanziert oder unnahbar, im Gegenteil", sagt sie. "Aber ich kann mich mit Frauen wie Nathalie in ,L'avenir' identifizieren. Sie ist eine starke Frau, die mit großen Umbrüchen fertig werden muss. Ich weiß wie sie, dass die Antworten auf die Fragen des Lebens nur aus einem selbst kommen." Sie ist froh, immer wieder solche Rollen angeboten zu bekommen. "Filme über intelligente Frauen sind leider nicht sehr üblich", sagt sie. "Die meisten Regisseure haben Angst, sich daran die Finger zu verbrennen. Das ist manchmal wie ein Tabu."

Es ist am Ende wahrscheinlich wirklich nicht Kälte, was sie ausstrahlt, es ist eher ein schwer zu entschlüsselnder Blick, der das Gegenüber oft verunsichert. Was denkt sie? Was hält sie von einem? Und diese unnachahmliche Art, sich durch die rote Haarmähne zu fahren, während sie zuhört. Mit ihrer spröden Art und dem oft staubtrockenen Humor hält sie ihre Umwelt immer ein Stück auf Abstand. Das ist für viele nur schwer auszuhalten. Für alle anderen macht sie das zu einem der sehenswertesten Charakterdarstellerinnen überhaupt. Komischerweise wird sie nur selten in Komödien eingesetzt, aber vielleicht ist ihr Witz dafür auch zu sperrig.

Am Ende eine Liebeserklärung an die Stadt

Demnächst wird sie wieder für Michael Haneke vor der Kamera stehen und erneut die Tochter greiser Eltern spielen, wie schon in dessen Meisterwerk "Liebe", wie auch jetzt in "L'avenir". Mehr will sie dazu aber noch nicht verraten. Nach dem Tod Chabrols hat sie in den letzten Jahren auch vermehrt mit jungen Filmemachern gedreht, die sie für die Zukunft hält. "Es gibt eine ganze Reihe engagierter Filmemacher, die unkonventionelle und schwierige Stoffe drehen wollen, an die sich sonst niemand traut. Das macht mir Hoffnung."

Einer dieser Filme ist gerade auch in den deutschen Kinos zu sehen. In "Valley of Love" reist sie zusammen mit Gérard Depardieu durch die amerikanische Wüste, um den letzten Wunsch ihres verstorbenen Sohnes zu erfüllen. Wieder so eine faszinierend schwer einzuschätzende Frauenfigur.

Als Dauergast auf allen großen Festivals stellt sich die Frage, ob sie einen persönlichen Favoriten hat. "Ich freue mich sehr, in Berlin zu sein, ganz besonders mit diesem Film", sagt sie mit dem typischen Huppert-Lächeln. "Berlin is the place to be." Das ist mehr als die übliche Höflichkeitsfloskel.