Was für Extreme. Eben noch saß man in einem chilenischen Heim für sündige Priester. Gleich danach wird man ins Nachwende-Leipzig von Techno und Neonazis katapultiert. Dazwischen aber geht es auf eine Tasse Kaffee in die Tesiro-Lounge im Hyatt Hotel. Dort soll die Leserjury der Berliner Morgenpost mal erzählen, wie sie die Berlinale erlebt.

Und das muss schnell gehen. Wie alles hier schnell gehen muss. Rennen, rennen, das ist dieser Tage neben dem Gucken die Haupttätigkeit. Zwischen den Filmen will man ja noch Tickets holen, Stars auf einer Pressekonferenz erleben, vielleicht auch mal was essen. Viel Zeit bleibt da nicht. Drei Filme am Tag sind das Pensum, die Pausen sind kurz getaktet. Und man will ja möglichst gut sitzen. Also gleich wieder anstellen. Da ist es schon mal gut, zu zwölft zu sein: Wer zuerst da ist, hält für alle besetzt. Auch wenn andere das gar nicht gern sehen.

„Ich ruf nächste Woche wieder an“

Alle zwölfe sind sich einig: Es ist eine großartige Erfahrung. So viele Filme, so viele Eindrücke. Michael Borchert schränkt allerdings ein: „Meine Frau ist not amused.“ Die täglichen Rituale entfallen, der mit 71 Jahren Stammesälteste der Jury muss morgens allein frühstücken. „Was ich hier treibe, ist schon sehr asozial. Man kann das ja mit niemandem teilen.“ Nadine Funke ist froh, dass ihr Freund in Kolumbien ist und gar nichts mitbekommt. Iven Romanow kommt spät heim und guckt noch bis in die Nacht Fernsehbeiträge über das Festival. Der Tisch ist voll mit Tickets, Programmen, kurz: mit Berlinale. „Aber meine Freundin kennt das schon.“ Was aber gar nicht geht, findet Jannek Walla, ist, wenn abends noch Freunde anrufen und was wollen. „Ich sag immer: Ich ruf nächste Woche wieder an“, rät Regine Weder-Rippert. Was nicht mit Berlinale zu tun hat, muss gefälligst warten.

Das Festival hinterlässt natürlich Spuren. Eine Freundin von Walla hat gerade Magen-Darm-Grippe, findet aber, dass der Student schlimmer aussieht. Der wenige Schlaf, das unregelmäßige Essen, der zunehmend müde Blick. Regina Weder-Rippert ernährt sich tagsüber nur von Fastfood und abends noch Mikrowelle. „Ich hab auch schon zugenommen“, klagt die 62-Jährige: „Am meisten vermisse ich den Sport.“ Wie sieht es sonst aus mit der Ernährung? Iven Romanow packt triumphierend eine Tupperbox mit Sandwiches aus. Nadine Funke kann das toppen, sie zaubert Studentenfutter, Schokolade und eine Banane hervor. In einer Bananendose, damit die nicht zerquetscht im Rucksack. Hochprofessionell.

Pränatales Mitspracherecht

Die größten Meriten verdienen sich zwei Jurorinnen. Fanni Udvarnoki schreibt in den Pausen an einer Seminararbeit und hat auch noch Nachtschicht in einem Hotel. Trotzdem guckt sie alle Filme. Und Silke Leicht-Gilles ist hochschwanger, das Baby soll in fünf Wochen kommen. Sie schaut deshalb nur das Pflichtprogramm, den Wettbewerb, und spart sich all die Sektionen, die sie sonst auch noch besuchen könnte. Das Baby scheint das aber alles gut mitzumachen. Nur bei „Viktoria“ hat es sich im Bauch umgedreht. Weil es so spannend war. Vielleicht hat es auf diese Weise ja auch so ein pränatales Mitspracherecht. „Wird sicher mal ein Filmemacher“, frotzelt Romanow. „Auf jeden Fall ein Cineast“, meint die Mutter.

Der Kaffee ist kaum ausgetrunken, da wird die Tupperbox wieder zugeklappt, das Studentenfutter weggepackt. Und rüber rennen zum Berlinale-Palast. Der Pulk bei Dresen ist sicher enorm. Und wer zuerst drin ist, hält wieder besetzt.