Meditationsstunde auf der Berlinale. Diesen Film sieht man sich nicht einfach an, man muss sich auf ihn einlassen, in ihn eintauchen, sich fortreißen lassen. Es ist eine Frage äußerster Konzentration. Nicht unbedingt das, was man auf einem Festival bei drei, vier Filmen pro Tag mit links meistern könnte.

Ein Mann fällt aus dem Bett. Weil ein Erdbeben die Stadt erschüttert. Er rennt barfuß auf die Straße, die voller Glasscherben ist. Und es bebt noch einmal. Damit gerät auch das ganze bisherige Leben dieses Mannes ins Wanken. Aber halt, das war ja fast schon zu viel Handlung und Kausalzusammenhang. Vielleicht ist das Beben auch nur eine Sache, die so passiert im Leben. Wie die Einbrecher, die auch mal irgendwann in dieser Wohnung stehen. „Knight of Cups“ sind eigentlich nur Szenenfetzen, die aneinandergereiht werden und deren Reihenfolge sich der geneigte Zuschauer schon selbst zusammenpuzzeln muss.

Ach ja, die Schönen und Reichen

Wir hören aus dem Off eine alte Geschichte von einem König von Osten und einem Sohn, den der nach Ägypten schickte, um eine Perle zu suchen. Das macht ja nur Sinn, dass Christian Bale diesen Sohn als Erwachsenen spielt, immerhin war er ja gerade Moses. In diesem Wettbewerbsfilm aber verschlägt es ihn in die Unterhaltungsindustrie der Vereinigten Staaten. Er ist ein Comedy-Autor, das steht zumindest im Presseheft, der Film erzählt uns das nicht. Aber es garantiert ihm ein Leben unter den Schönen und Reichen.

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Und da ist er und fühlt sich fremd und findet seine Perle nicht. Immer wieder muss er an Menschen denken, die ihn begleitet haben, an seinen Vater (Brian Denehy), an einen Produzenten (Antonio Banderas), vor allem aber an Frauen: seine Exgattin (Cate Blanchett), mit der es aus ist, seine Exgeliebte (Natalie Portman), mit der es auch aus ist, und an ein paar Zufallsbekanntschaften (Freida Pinto, Imogen Poots und und und).

Sie lieben sich, immer wieder, sie laufen am Strand durch den Sand, immer wieder, aber sie können zusammen nicht kommen. Sie kommunizieren auch nicht mit-, sondern nebeneinander. Dialoge gibt es, spielen aber keine Rolle, sind nur Atmo-Ton. Über den Bildern hören wir klassisches von Edvard Grieg bis Avo Pärt. Und dauernd werden innere Monologe gesprochen, von Bale und von seinen Gefährten. Lauter Verlorene im schönen Schein schicker Appartments und steriler Glasbauten.

Unnachahmliche Filmsprache

Terrence Malick, keine Frage, ist ein Kinoguru. Mit nur zwei Filmen hat er es in den Siebzigern zum Kultregisseur gebracht, das muss man erst mal schaffen. Dann gab es 20 Jahre lang keinen einzigen Film von ihm, bis er sich 1998 auf der Belrinale mit „Der schmale Grat“ zurückmeldete. Es war der erste Film von ihm, in dem er statt auf Handlung oder Bilder auf bilderflirrenden Assoziationsfolgen voller Monologe und klassischer Musik setzte, wo er und seine Kamera sich staunend um die Welt und die dort verlorenen Menschenwesen dreht. Das hatte seinen Effekt, warf „Der schmale Grat“ doch Soldaten in einen Dschungel, eine ihnen fremde Welt, wie der Folgefilm „The New World“, auch das ein Berlinale-Film, alte Europäer in die Neue Welt.

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Seither hat er diese ganz eigene, unnachahmliche Filmsprache mit seinem Langzeitkameramann Emmanuel Lubezki perfektioniert, auch wenn die Handlungen darüber immer kleiner wurden, in „Tree of Life“ auf eine Familiengeschichte verengt wurde, in „To the Wonder“ auf eine Ehegeschichte und nun in „Knight of Cups“ auf die Krise eines Mannes.

Was für eine Star-Verschwendung

Malick ist der neue Woody Allen. Die Stars stehen bei ihm für kleinste Rollen Schlange, die Cineasten verehren ihn kultisch ob seiner Handschrift, die sich von keinem Mainstream vereinnahmen lässt. Auch ein Dieter Kosslick muss einen Malick natürlich mit Kusshand nehmen. War dessen Comeback 1998 doch irgendwie auch ein Kosslick-Verdienst, auch wenn der Meister mit seinen letzten Werken dann doch lieber nach Cannes und Venedig fremdgegangen ist, wie man hört, sehr zum Groll des Berlinale-Chefs. Nun ist Malick zurückgewonnen. Das ist ein Coup für Berlin. Da muss es wohl in Kauf nehmen, wenn die Malicksche Filmsprache sich ein wenig abgenutzt hat.

Bitte nicht falsch verstehen: Die Bilder sind ja wirklich von erlesener, betörender Schönheit, die Monologe von metaphorischer Tiefe. Allein, das Ganze gerät zunehmend zum artifiziellen Selbstzweck. Was das Ganze am Ende soll, wird nicht recht klar. Vielleicht versteht es auch nur der Maestro selbst und ist Ausdruck einer ganz eigenen Krise. Welch eine Verschwendung, Stars wie Cate Blanchett und Natalie Portman für weniger als zehn Minuten zu verschwenden. Am Ende tritt auch noch kurz Armin Mueller-Stahl auf, der doch längst mit dem Filmen Schluss gemacht haben wollte.

Gute Gelegenheit für einen Powernap

Man wird wohl nie erfahren, wie viele Stunden Material der Maestro diesmal wieder gedreht hat, um am Ende ganze Erzählstränge beherzt rauszuschneiden. „Knight of Cups“ hätte auch noch gut eine Stunde und zwei Frauenepisoden so weiter gehen können, er kommt zu keinem Ende, hört einfach auf. Eine Perle hat man am Ende nicht gefunden. Nicht im Film und nicht im Kino. Aber so mancher Kollege hat das Ganze als gute Gelegenheit für einen Powernap genutzt. Es ist ein bisschen wie bei einer wichtigen Kunstausstellung: Schon sehr imposant, aber alles verstehen kann man halt auch nicht.

Termine: Friedrichstadtpalast, 9.2., 9.30 u. 15 Uhr; 11.2., 18 Uhr; 15.2., 15.30 Uhr