Am Anfang funzelt klickend ein Feuerzeug in die Dunkelheit. Es sind nur Schemen zu sehen: die Stuhlreihen eines alten, längst geschlossenen Kinos. Schutt liegt herum, irgendwo steigen flatternd Tauben auf. Dani, das ist der mit dem Feuerzeug, sucht seinen Freund Mark. Mark ist heroinabhängig und hat sich für seinen Rausch in die Einsamkeit des Kinos zurückgezogen.
Vielleicht auch für seinen Tod. Dani befürchtet das, man kann es ihm ansehen. Als Mark endlich antwortet, irgendwo hinten aus der Nacht der Stuhlreihen, geht Dani zu ihm hin. Er beginnt gleich von der Vergangenheit zu reden. Von der Zeit, „als wir hier Winnetou 3 gesehen haben und die ganzen Fickfilme“. Es ist die nostalgische Magie des „Weißt-du-noch“, die plötzlich im Raum steht. Und die auch von der Zeit etwas später kreist, als Dani, Mark, Rico, Pitbull und Paul gemeinsam in Leipzig eine Disco namens „Eastside“ betrieben. Als all die schönen Mädchen dorthin kamen und das Leben nur aus dem Moment bestand, aus Kraft und Jugend und Musik.
Aber mit solchen Erinnerungen ist es wie mit dem Feuerzeug in der Dunkelheit: Man sieht nur einen kleinen, warm beleuchteten Teil, und wenn man nun den Scheinwerfer anstellen und alles sichtbar machen würde, dann käme er zutage, der ganze Dreck aus enttäuschten Erwartungen, Schmerz und Härte, der das Leben nun einmal ausmacht, wenn die Kindheit vorbei und der Heimatstaat DDR verschwunden ist. Wenn man nicht weiß, was nun werden soll.
Eine Jugend mit Schlägereien
Clemens Meyer, 1977 in Halle an der Saale geboren, stellte vor acht Jahren in seinem über 500 Seiten starken Epos „Als wir träumten“ diesen Scheinwerfer an. Die Kritik lobte ihn für seine hartgesottene, fein melancholische Erzählung einer Jugend, die eben nicht nur aus „Weißt-du-noch“ bestand, sondern in der es Schlägereien gab, man im Gefängnis saß, Kette rauchte und dauernd besoffen war. Es war ein neuer Ton, der hier in die Gegenwartsliteratur einzog, raubeinig und sympathisch kaputt, ein gut durchgeprügelter Roman sozusagen.
Die spannende Frage war, wie Regisseur Andreas Dresen dieses Buch in die Sprache der Leinwand übersetzen würde. Und als man die Namen derjenigen las, die er mit ins Boot geholt hatte, da konnte man schon darauf wetten, dass hier ein großer Film auf uns zukommen würde: Mit Wolfgang Kohlhaase, dem Altmeister des Drehbuchs, hat Dresen schon 2005 für „Sommer vorm Balkon“ und 2009 für „Whisky mit Wodka“ zusammengearbeitet – genauso wie mit Kameramann Andreas Höfer. Ein eingespieltes Team, eine tolle Romanvorlage: Besser können die Voraussetzungen kaum sein. Es ist aber leider kein großer Film geworden.
Pioniere und Skinheads
Dresen durchbricht, ähnlich wie Meyer in seinem Roman, die Linearität des Geschehens. In Rückblenden sehen wir auch Szenen aus der Schulzeit, als die vier noch die Halstücher der jungen Pioniere trugen und sich von ihren Lehrern sozialistisch belehren ließen. „Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“: Der alte Satz von Jean Paul drängt sich irgendwann auf. Und nicht etwa, weil die stasiüberwachte, bürokratisierte und unfreie DDR paradiesisch dargestellt wäre. Sondern weil sie, kontrastiert mit der wilden Nachwendezeit, plötzlich wie das aufgeräumte Kinderzimmer wirkt, nach dem man sich sehnt, wenn man verprügelt auf der Straße liegt.
Dresen fährt alles auf, um die wilde Brutalität der frühen Neunziger wieder lebendig zu machen. Da wird unablässig geschrien und gepöbelt, es werden literweise harte Sachen gekippt und Autos demoliert. Da macht man sich bei einer alten Dame breit, lässt sich mit Grog bekochen und klaut danach zum Dank nur die Hälfte ihrer Ersparnisse. Da tauchen wild röhrende Skinheads in Camouflage-Bomberjacken auf, mit denen man sich Keilereien liefert, bis das Blut spritzt. Mal steht man nassgeschwitzt im Stroboskoplicht und zuckt zu den Beats des Techno, mal rast man im gestohlenen Peugeot durch die Stadt, schreit und flucht und schüttelt die Bierflasche. Immer wieder werden übergroß Zwischentitel wie „Konkurrenz“ oder „Mord in Deutschland“ eingeblendet, als handle es sich um einen Episodenfilm – doch statt alles dynamischer machen, verstärken sie nur die Ratlosigkeit. Das Zeitkolorit ist so dick aufgetragen, dass es die Figuren überdeckt. Man fühlt nicht mit ihnen und bleibt unberührt. Wie schade ist das denn bitte?
Termine Friedrichstadtpalast, 10.2., 12 und 21.30 Uhr; 12.2., 19 Uhr.




