29.12.12

Hauptstadtflughafen

Wie der BER im Sumpf aus Pleiten und Pannen versank

Hinter dem neuen Berliner Airport liegt ein wahres Schreckensjahr. Allein dreimal musste die Eröffnung verschoben werden. Eine Übersicht.

Von Thomas Fülling und Viktoria Solms
Foto: dpa

Sonnenuntergang: Der Flughafen BER in Schönefeld sieht startklar aus. Aber die Brandschutzanlage bereitet weiter große Probleme
Sonnenuntergang: Der Flughafen BER in Schönefeld sieht startklar aus. Aber die Brandschutzanlage bereitet weiter große Probleme

Das Jahr 2012 sollte für Berlin und Brandenburg und ihre gemeinsame Flughafengesellschaft ein ganz großes werden. Endlich kann der BER – dem die Bauherren schon mal vorab ganz unbescheiden den Titel "Europas modernster Flughafen" verliehen – in Betrieb gehen. Am 3. Juni sollte es soweit sein. Die Einladungen für die Eröffnungsparty sind schon verschickt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) steht ganz oben auf der Gästeliste. Doch nur dreieinhalb Wochen vor dem Termin müssen Berlins Regierender Bürgermeister, Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (beide SPD) die Eröffnung absagen. Eine Riesen-Blamage.

Doch es sollte noch schlimmer kommen: Im Laufe des Jahres muss der Eröffnungstermin ein weiteres Mal verschoben werden, die Bauarbeiten sind bis heute nicht wieder richtig aufgenommen worden. Auch die zuletzt für den 27. Oktober 2013 angekündigte BER-Eröffnung wird von hochrangigen Politikern wie dem Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) in Frage gestellt. Zudem drohen die Kosten immer mehr aus dem Ruder zu laufen. Die Berliner Morgenpost dokumentiert die Abfolge von Pleiten, Pech und Pannen.

Die große Zeitleiste zum Bau des Großflughafens BER

17. Januar 2012

Die Berliner Flughafengesellschaft sucht Piloten für den Probebetrieb am BER. Sie hätten die einmalige Gelegenheit, den neuen Flughafen als einen der ersten zu testen und mit dazu beizutragen, dass die Abläufe auf dem Vorfeld vor Inbetriebnahme noch optimiert werden können. Geprobt werden soll vom 14. Februar bis zum 16. Mai 2012. Tatsächlich ist der Flughafen von seiner Fertigstellung weit entfernt. Wie später bekannt wird, sind im Februar wichtige Bereiche nicht einmal zu 80 Prozent fertiggestellt.

26. Januar

Das Bundesamt für Flugsicherung (BAF) veröffentlicht die Flugrouten, über die vom neuen Airport in Schönefeld abgeflogen werden darf. Damit steht fest: Zahlreiche Menschen im Süden von Berlin und den in Flughafennähe liegenden brandenburgischen Gemeinden werden mit Fluglärm belastet. Flughafenchef Rainer Schwarz kündigt daraufhin an, das Schallschutzprogramm zu intensivieren. Insgesamt haben laut Flughafengesellschaft rund 25.500 Flughafenanwohner Anspruch auf Schallschutz. Später stellte sich heraus, dass bis zur angekündigten Flughafen-Eröffnung am 3. Juni nur sehr wenige Anwohner tatsächlich einen Schallschutz erhalten haben werden. Zudem ließ die Flughafengesellschaft die Vorkehrungen nach Werten berechnen, die vom eigentlichen im Planfeststellungsbeschluss festgelegten Schutzniveau abweichen. Gerichte stoppen diese rechtswidrige Praxis später. Die Flughafengesellschaft muss nachbessern und benötigt dafür erheblich mehr Geld als eingeplant.

7. Februar

Im neuen Flughafen-Terminal beginnt der Probebetrieb mit Hunderten Komparsen. Sie müssen Stiefel anziehen und Helme aufsetzen, weil überall im Gebäude noch die Bauarbeiten in vollem Gange sind. "Während des Testbetriebs des Flughafens Berlin Brandenburg stellen wir sämtliche Systeme und Prozesse auf die Probe", erklärt der Technik-Geschäftsführer Manfred Körtgen. Das Problem: Viele Systeme können noch gar nicht erprobt werden, weil sie nicht fertiggestellt sind. Wiederholt bricht zudem die elektronische Datenverarbeitung zusammen. Von der Flughafengesellschaft heißt es dazu: Alles im grünen Bereich, die wenigen auftretenden Probleme werden im Laufe des Probebetriebs abgestellt. Zweifel am Starttermin seien völlig grundlos.

7. März

Zur größten Internationalen Tourismusmesse, der ITB in Berlin, geben sich die BER-Verantwortlichen noch überaus selbstbewusst. "Ein neuer Player betritt den Markt", ist am 7. März eine Mitteilung überschrieben. Darin heißt es: "Es geschieht nicht alle Tage, dass in Europa ein neuer Flughafen seine Tore öffnet. In 88 Tagen ist es so weit: Der Flughafen Berlin Brandenburg nimmt seinen Betrieb auf und löst das in die Jahre gekommene Flughafensystem mit Schönefeld und Tegel, bis 2008 auch Tempelhof, ab."

30. März

Ende März startet die Flughafengesellschaft auch noch eine groß angelegte Werbekampagne für den Flughafen Berlin Brandenburg, der den Namen "Willy Brandt" tragen soll. Sie besteht aus vier Motiven zu dem Leitthema "Willy Brandt begrüßt die Welt" sowie einem Kurzfilm, der unter anderem auf 262 Kinoleinwänden in der Hauptstadtregion gezeigt werden wird. Einige Großplakate wie etwa am Flughafen Tegel stehen selbst noch, als der Eröffnungstermin längst abgesagt ist.

6. Mai

Anfang Mai gibt sich Flughafenchef Rainer Schwarz nach außen ganz gelassen. "Die bevorstehende Eröffnung stört meinen Schlaf nicht", sagt Schwarz in einem Interview mit der Berliner Morgenpost. Zwar räumt er damals ein, dass nicht alle Bauarbeiten zur geplanten Eröffnung am 3. Juni abgeschlossen sein würden. "Allerdings werden alle Arbeiten, die für die Passagiere und den Flugverkehr erforderlich sind, rechtzeitig zur Eröffnung fertig", sagt Schwarz. "Damit meine ich jeden Check-in-Schalter, jedes Gate und jeden Kiosk, an dem sich die Fluggäste einen Kaffee oder ein Brötchen holen können."

7. Mai

Schwarz eröffnet an diesem Tag feierlich den neuen Wartungshangar der Air Berlin. Stewardessen stöckeln durch die leere Halle und verteilen Currywurst. Schwarz steht neben der damaligen Berliner Wirtschaftssenatorin Sybille von Obernitz auf einem Podium und tut ganz so, als wüsste er nichts von der sich anbahnenden Katastrophe. Symbolisch wird ein riesiger Schlüssel überreicht. "In weniger als einem Monat geht Ostdeutschlands größte Arbeitsstätte an den Start", sagt der Flughafenchef. "Das wirtschaftliche Schwungrad wird nach Inbetriebnahme weiter an Fahrt gewinnen."

8. Mai

Doch es kommt alles ganz anders: Nicht einmal 24 Stunden späterwird die Eröffnung offiziell abgesagt. Schwarz sitzt neben Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) auf einem Podium im Besucherzentrum des Flughafens in Schönefeld und wirkt seltsam entrückt. Der damals noch amtierende Technikchef Manfred Körtgen versucht wortreich zu erklären, was auf der Baustelle schief gegangenen ist. Eigentlich liege das Projekt bestens im Plan, allerdings gebe es "gravierende Probleme beim Brandschutz". Doch diese könnten noch schnell behoben werden, versichern die Verantwortlichen. Der "Flughafen BER geht nach den Sommerferien an den Start", hieß es in der offiziellen Mitteilung der Flughafengesellschaft. Wowereit und Platzeck sagen, dass spätestens Ende August das erste Flugzeug doch noch vom BER abheben werde.

13. Mai

Nicht abgesagt sind die Publikumstage am 12. und 13. Mai, bei denen sich die Berliner und Brandenburger ein Bild von ihrem neuen Großflughafen machen sollte. 100.000 Besucher kommen, spazieren über das Rollfeld und rund um das Terminal. Angesichts vieler unfertiger Bauten und fehlender Bauarbeiter ist bei vielen Besuchern allerdings die Skepsis groß, ob der Flughafen in wenigen Wochen eröffnet werden kann. Auch Wowereit und Platzeck lassen sich auf dem Gelände sehen und weisen Kritik am Flughafen-Management zurück. Noch herrscht Optimismus, dass sich alles schnell einrenkt. Die Flughafengesellschaft verteilt unverdrossen Werbetüten mit der Aufschrift: "Der steckt alle in die Tasche. Der modernste Flughafen Europas."

17. Mai

Nach seiner Sitzung legt der Aufsichtsrat den 17. März 2013 als neuen Starttermin fest. Die "anstehenden Arbeiten an der Brandschutzanlage und insbesondere die Inbetriebnahme von deren zentralem Teil" sollen bis zum Dezember 2012 abgeschlossen werden. "Mit der neuen Zeitplanung soll das Risiko vermieden werden, dass die veranschlagte Zeitdauer für Abnahmen und Zertifizierungen wiederum nicht ausreicht. Zudem ist ein Flughafenumzug im Winter aufgrund der Schlechtwettergefahr und damit einhergehender operationeller Einschränkungen zu risikoreich und grundsätzlich nicht empfehlenswert. Der Aufsichtsrat folgt daher der Empfehlung der Geschäftsführung, die weiteren notwendigen Schritte bis zur Inbetriebnahme des Flughafens erst nach Fertigstellung der Bauarbeiten anzugehen."

Die große Zeitleiste zum Bau des Großflughafens BER

1. Juni

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Mängel beim Brandschutz nicht der einzige Grund waren, der die Eröffnung des BER verhindert hat. Der Flughafen streitet dies entschieden ab: "Neben den Problemen mit der Brandschutzanlage zeigte der Probebetrieb, dass verschiedene technische Systeme nicht stabil genug liefen." Daher habe man beispielsweise zusätzliche Check-in-Schalter und Sicherheitskontrollen als Rückfallpositionen geschaffen. "Derartige Probleme hätten die Eröffnung jedoch nicht gefährdet", heißt es. Offiziell hält der Flughafen weiterhin an dieser Aussage fest. Doch ein Schreiben der Münchner Beratungsfirma ORAT legt etwas anderes nahe. ORAT ist die Beratungsgesellschaft des Flughafens München und hat den Probebetrieb am BER organisiert. Nach Ansicht der Münchner Berater lag der Testlauf Mitte März schon so weit im Rückstand, dass sie die Entscheidung für eine Eröffnung im Juni "aus operativer Sicht" nicht mehr mittragen konnten.

24. Juli

Der Flughafen hat die Brandschutzanlage einer Reihe von Tests unterzogen. Bei den sogenannten Heißgasrauchtests werden auf verschiedenen Terminalebenen kontrollierte Brände entzündet. "Nach erstem Augenschein verliefen die Tests erfolgreich", heißt es anschließend. "Trotz simulierter Stromausfälle gab es keinen Rauchübertritt in andere Geschosse, und der Rauch konnte sicher abgeführt werden." Die Realität ist jedoch: Von einem vollautomatischen Funktionieren, wie es die Baugenehmigung für den Flughafen fordert, ist die Brandschutzanlage noch weit entfernt.

14. August

Die Zweifel an einer Eröffnung im März 2013 mehren sich. Anfang August wird Horst Amann vom Flughafen Frankfurt als neuer Technik-Geschäftsführer nach Berlin geholt. Er folgt Manfred Körtgen, der im März als Einziger aus der Führungsetage der Flughafengesellschaft seinen Posten räumen musste. Bei seiner Bestandsaufnahme stößt Amann auf immer mehr Probleme. Doch der Flughafen wiegelt wieder einmal ab. Es gebe bezüglich des Starttermins keinen neuen Erkenntnisstand. "Geplanter Eröffnungstermin ist weiterhin der 17.03.2013", heißt es. Allerdings hält man sich hier bereits eine Hintertür offen. "Bei Neuigkeiten in dieser Frage werden wir zeitnah informieren", verkündet die Pressestelle der Flughafengesellschaft.

16. August

Amann ist erst gut zwei Wochen im Amt und steht bereits gewaltig unter Druck. Bei der August-Sitzung wollen die Aufsichtsräte von ihm wissen, ob der Starttermin März noch zu halten ist. "Wir haben erst vor kurzem mit den Arbeiten begonnen und können heute noch keine verbindliche Bewertung abgeben", sagt Amann. "Spätestens auf der nächsten Aufsichtsratssitzung Mitte September werden wir Klarheit haben und sagen können, ob der Eröffnungstermin steht oder nicht."

7. September

Nach der Aufsichtsratsitzung wird der offizielle Eröffnungstermin für den BER bereits zum dritten Mal verschoben – nunmehr auf den 27. Oktober 2013. Zudem beschließen die Gesellschafter eine Kapitalerhöhung von 1,2 Milliarden Euro. Das Geld soll nicht nur für die Fertigstellung des BER, sondern unter anderem auch für besseren Schallschutz ausreichen. Im Herbst will Amann die noch fehlenden Baupläne fertig erstellen lassen, damit der Bau spätestens im November wieder auf voller Kraft läuft. Beides ist bis heute nicht geschehen.

6. November

Als erstes von der Verschiebung der Flughafen-Eröffnung betroffenes Unternehmen klagt die Fluggesellschaft Air Berlin auf Schadenersatz. Flughafenchef Rainer Schwarz sagt dazu: "Die Klage erreicht uns nicht unerwartet. Die intensiven Gespräche der vergangenen Monate haben gezeigt, dass wir in der Schadenersatz-Frage weit auseinander liegen. Nach unserem Ermessen hat die Air Berlin dem Grunde nach keinen Anspruch auf Schadenersatz, da wir mit der Airline vertraglich keinen fixen Eröffnungstermin für den Flughafen Berlin Brandenburg vereinbart hatten." Noch bis Anfang Mai war den Fluggesellschaften immer wieder versichert worden, dass der BER wie geplant am 3. Juni eröffnen wird.

27. November

Immer wieder wird Kritik laut, dass der neue Flughafen BER mit zu geringen Abfertigungskapazitäten gebaut wird. Zuletzt in einem Papier, dass der Architekt Dieter Faulenbach da Costa im Auftrag der brandenburgischen CDU angefertigt hat. Dazu stellt die Flughafengesellschaft fest: "Die Sorge, der Flughafen könnte zu klein sein, ist unbegründet. Der Flughafen ist sowohl land-, luft als auch terminalseitig auf eine Startkapazität von 27 Millionen Passagieren ausgelegt. Sowohl der Vorwurf, es gäbe zu wenig Check-In-Schalter als auch zu wenig Gepäckausgabebänder geht ins Leere. Die Check-In-Kapazitäten am BER richten sich mit 118 Check-In-Schaltern sowie 50 Check-In-Kiosken an den mit den Airlines abgestimmten realen Erfordernissen des Flughafens aus, nicht an theoretischen Erwägungen." 2012 werden an den Flughäfen in Tegel und Schönefeld bereits 25 Millionen Fluggäste abgefertigt.

Die große Zeitleiste zum Bau des Großflughafens BER

4. Dezember

Die Flughafengesellschaft beginnt eine Testserie für die Brandschutzanlage des Flughafens Berlin Brandenburg. Die fünf Heißgasrauchtests im Terminal seien erfolgreich verlaufen, heißt es im Anschluss. Stephan Loge, Landrat von Dahme-Spreewald, dessen Baurordnungsbehörde die Funktionstüchtigkeit der Anlage bestätigten muss, sieht indes noch große Probleme, insbesondere im Zusammenspiel der Meldetechnik und der Steuerung der Feuerlöscheinrichtungen sowie der lebenswichtigen Entrauchung. "Wenn der neue Starttermin am 27. Oktober 2013 realisiert werden soll, muss in puncto Brandschutz noch viel passieren."

19. Dezember

Die EU-Kommission bestätigt die Aufstockung der BER-Finanzierung um 1,2 Milliarden Euro. Die Gesamtkosten für das Flughafenprojekt in Schönefeld steigen damit auf nunmehr 4,3 Milliarden Euro. Das zusätzliche Geld wird direkt von den Eigentümern der Flughafengesellschaften 2013 und 2014 bereitgestellt, je 444 Millionen Euro kommen aus den Landesetats von Berlin und Brandenburg, 312 Millionen Euro steuert der Bund dazu. "Die Liquidität der Flughafengesellschaft ist nun gesichert", freut sich im Anschluss Flughafenchef Rainer Schwarz. Allerdings kurz zuvor war bekannt geworden, dass nach Nachforderungen der Firmen die Baukosten nochmals um bis zu 250 Millionen Euro steigen werden. Die Summe soll zwar angeblich noch im Milliarden-Nachschlag der Flughafen-Eigner enthalten sein. Doch die Risikovorsorge ist dadurch fast aufgebraucht.

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