"Wir sind da"

Wie eine Bürgerplattform Moabit und Wedding vorantreibt

Christiane Schraml organisiert die Bürgerplattform „Wir sind da“. Damit will sie lokale Gruppen in Moabit und Wedding zusammenbringen. Ein Gespräch über eine neue Form des Engagements im Stadtteil.

Foto: Sergej Glanze

Die Bürgerinitiativen haben in Berlin immer mehr Einfluss und engagieren sich auf ganz vielfältige Weisen. Die 33-jährige Christiane Schraml hat mit "Wir sind da" eine neue Form der Bürgerplattform ins Leben gerufen. Damit will sie die unterschiedlichen lokalen Gruppen in Moabit und Wedding zusammenbringen, damit sie gemeinsam anpacken können. Ein Gespräch in Wedding.

Berliner Morgenpost: Frau Schraml, Sie organisieren Gemeinschaften. Gibt es davon nicht genug?

Christiane Schraml: Oft bleibt man unter sich und weiß nicht, was im Haus nebenan passiert. Die Bürgerplattformen, die wir etwa im Wedding aufbauen, sind eine Art Gemeinschaft von Gemeinschaften. Gruppen lernen sich und ihre Interessen kennen, woraus sich oft gemeinsame Ziele ergeben. Um einen öffentlichen Platz lebenswerter zu machen, arbeiten der Vorsitzende einer Moschee, die Pastorin der Nachbargemeinde, Einzelhändler und Elternsprecher der Schulen Hand in Hand.

Wie gehen Sie vor?

Bürgerinitiativen werden von Themen zusammengebracht, Bürgerplattformen bauen zuerst Beziehungen auf. Wir suchen die lokalen Gruppen auf, lernen Schlüsselpersonen kennen, die möglichst viele Leute ihrer Gruppe kennen und vernetzen diese. Erst dann fragen wir: Was bewegt sie, was brennt unter den Nägeln, was packen wir zuerst an?

Klingt mühsam und zeitaufwendig …

Ist es auch. In Hunderten von kleinen Treffen und Gesprächen wird Vertrauen aufgebaut. In Wedding/Moabit hat dieser Prozess über zwei Jahre gedauert, bevor an konkreten Themen gearbeitet wurde. Das ist eine hohe Investition von allen Beteiligten, aber es lohnt sich.

Viele Bürger sind vernarrt in Volksentscheide. Wo sehen Sie Schwächen der direkten Demokratie?

Mitbestimmung braucht viele Formen. Volksentscheide kommen ja meist erst dann zum Einsatz, wenn andere Wege der Zusammenarbeit zwischen Politik und Bürgern gescheitert sind. Bei Volksentscheiden geht es am Ende um eine Ja/Nein-Wahl. Entsprechend hart wird die Auseinandersetzung vorher geführt. Oft bleiben Kränkungen, Vertrauen ist gestört, ein Neuanfang sehr mühsam. Wichtig ist uns, dass Platz für Verhandlungen und Kompromisse bleibt. Statt Entweder/Oder setzen wir auf ein Sowohl-als-Auch.

Bald wird ein Volksentscheid zur Mietendeckelung Gräben durch die Stadt ziehen. Wie würde Community Organizing vorgehen?

Kiez für Kiez. Wir nähern uns dem Thema Mietentwicklung mit der Frage: Wie und wo können wir neue bezahlbare Wohnungen schaffen? Welche Bündnisse braucht es? Das betrifft Wohnungsbaugesellschaften und Verwaltung, aber auch private Immobilienentwickler. In New York haben unsere Kollegen große Bündnisse für Wohnungsbau geschaffen und bereits über 10.000 Häuser für Geringverdiener gebaut.

Und wie kriegt man das in Berlin hin?

Professor Leo Penta ist der Leiter des Deutschen Institutes für Community Organizing. Als er Ende der 90er-Jahre von Brooklyn nach Schöneweide kam, wo er die erste Bürgerplattform aufgebaut hat, sagten ihm viele Berliner, dass so was hier nicht klappt. Community Organizing hat in den USA seit der Gewerkschafts- und Bürgerrechtsbewegung eine Tradition. US-Präsident Barack Obama hat seinen politischen Weg als Organizer in Chicago gestartet. Überall auf der Welt stellen sich Bürger die gleichen Fragen: Was habe ich davon? Warum soll ich Zeit investieren? Unsere Erfahrung zeigt, dass das Erlebnis von Zusammenfinden, Zusammenstehen und Zusammenhalten einen großen Wert hat. Ali Chahrour, Vorstandsmitglied der Islamischen Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands, hat für die Aktion der Berliner Bürgerplattformen mit dem Regierenden Bürgermeister das Motto "Vielfalt ist unser Erfolg für Berlin" vorgeschlagen. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass in der gemeinsamen Arbeit Hindernisse verschwanden und Vertrauen wuchs.

Können Sie anhand des Leopoldplatzes schildern, warum Community Organizing Probleme besser löst als übliche Methoden?

Der Leopoldplatz war verwahrlost, und es gab Konflikte, etwa mit Suchtkranken, die die Grünanlagen als öffentliche Toilette missbrauchten. Die Bürgerplattform hat die Interessen unter dem Motto "Ein Platz für alle" gebündelt und Gesprächsfähigkeit hergestellt. Jan Markowski von der Obdachlosenvertretung "Unter Druck e.V." hat unzählige Gespräche mit der Szene vom Platz geführt. Lee Schneider, die Pastorin der Neuen Nazarethkirche Feste Burg, hat Gemeindemitglieder mitgenommen. Der Beitrag der Bürgerplattform war, ein Gespräch ohne aggressive Wir-gegen-die-Haltung zu beginnen. So entstand eine gemeinsame Vision für den Platz, die alle Bedürfnisse berücksichtigte. Das war auch mit öffentlichem Druck gegenüber dem Bezirk verbunden. Letztlich haben sich viele Menschen und auch der Bezirk der Neugestaltung verschrieben und engagieren sich bis heute für einen attraktiven Leopoldplatz.

Wie finanzieren Sie sich?

Ausschließlich über Spenden, von Stiftungen oder lokalen Unternehmen, die eine lebendige Zivilgesellschaft fördern wollen. Wir sind unabhängig und nehmen keine öffentlichen Gelder.

Welches Problem gehen Sie als Nächstes an?

Die Bürgerbeteiligung in Berlin zu verbessern. Anfang dieser Woche haben wir Michael Müller getroffen. Vor mehr als 650 Mitgliedern haben die fast 80 Mitgliedsgruppen der Bürgerplattformen in Südost, Wedding/Moabit und Neukölln die Hand für eine Partnerschaft auf Augenhöhe ausgestreckt. Müller schlug ein.

Mit welchem Thema wollen Sie den Regierenden Bürgermeister ködern?

Themen gibt es viele. An manchen Weddinger oder Neuköllner Schulen bleiben über 40 Prozent der Jugendlichen ohne Abschluss. Es fehlt günstiger Wohnraum. Es gibt vieles, das durch die Partnerschaft zukünftig besser gestaltet werden soll. Wichtig ist, dass es mit der Zusage von Müller ein klares Ja zur Bürgerbeteiligung und zur Zusammenarbeit mit den Berliner Bürgerplattformen gibt.

Wenn Sie ihm Volksentscheide vom Hals halten, wird der Regierende Sie mit einem Aufnahmeantrag für die SPD belohnen?

Wir bleiben unabhängig.

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